10, 2[1-50] Sommer-Herbst 1882

2 [1]

Metteyya

2 [2]

Carus, vergl Psychologie

2 [3]

Vogt 19185
Lindau 18772
Wilbrandt 18761

2 [4]

Die Moral der Ausgewählten oder die freie Moral.

Wir als die Erhalter des Lebens.

Unvermeidlich entstehend die Verachtung und der Haß gegen das Leben. Buddhismus. Die europäische Thatkraft wird zum Massen-Selbstmord treiben. Dazu: meine Theorie der Wiederkunft als furchtbarste Beschwerung.

Wenn wir nicht uns selber erhalten, geht Alles zu Ende. Uns selber durch eine Organisation.

Die Freunde des Lebens.

Nihilismus als kleines Vorspiel.

Unmöglichkeit der Philosophie.

Wie der Buddhismus unproduktiv und gut macht, so wird auch Europa unter seinem Einfluß: müde!

Die Guten, das ist die Ermüdung.

Die Versöhnung, das ist die Ermüdung.

Die Moral, das ist die Ermüdung.

Die guten Sitten (z. B. Ehe) das ist die Ermüdung.

Gegen die Idealisten.

2 [5]

Das, was kommt.

Das eigentliche Streben ins Nichts.

Kriege über das Princip von Besser-Nichtsein-als-Sein.

(A)

Erste Consequenz der Moral: das Leben ist zu verneinen.

Letzte Consequenz der Moral = die Moral selber ist zu verneinen.

(B)

Also: fällt die erste Consequenz dahin

Befreiung der Selbstsucht,
Befreiung des Bösen,
Befreiung des Individuums.

Die neuen Guten (“ich will”) und die alten Guten (“ich soll”)

Befreiung der Kunst als Abweisung der unbedingten Erkenntniß. Lob der Lüge.

Rückgewinnung der Religion.

(C)

Durch alle diese Befreiung wächst der Reiz des Lebens. Seine innerste Verneinung, die moralische, ist beseitigt.— Damit Anfang vom Untergange. Die Nothwendigkeit der Barbarei, wohin z. B. auch die Religion gehört. Die Menschheit muß in Cyklen leben, einzige Dauerform. Nicht die Cultur möglichst lange, sondern möglichst kurz und hoch.— Wir im Mittage: Epoche.

(D) .

Was bestimmt die Höhe der Höhen, in der Geschichte der Cultur? Der Augenblick, wo der Reiz am größten ist. Gemessen daran, daß der mächtigste Gedanke ertragen, ja geliebt wird.

2 [6]

Das, was kommt.
Eine Prophetie.

A. Selbstbesiegung der Moral.
B. Befreiung.
C. Mitte und Anfang vom Untergange.
D. Kennzeichen des Mittags.
E. Der freiwillige Tod.

2 [7]

Schlange, sprach Zarathustra, du bist das klügste Thier unter der Sonne du wirst wissen was ein Herz stärkt—mein kluges Herz ich weiß es nicht. Und du Adler, du bist das stolzeste Thier unter der Sonne, nimm das Herz und trage es dorthin, wohin es verlangen wird—das stolze Herz—ich weiß es nicht.

2 [8]

M die nicht nöthig haben viel zu lügen, thun sich etwas darauf zu Gute, daß sie wenig lügen.

2 [9]

Und kündet mir doch ihr Thiere: Steht schon die Sonne im Mittag? Ringelt sich schon die Schlange welche Ewigkeit heißt? Blind wird Zarathustra.

Mir gereicht Jegliches immer zum Tode. Wer will mein Schicksal sein? Ich liebe jedes Schicksal. Selig wird Zarathustra!



Nichts weiß mehr Zarathustra, nichts erräth mehr Zarathustra.

2 [10]

Immer zurückgeben: nichts geschenkt annehmen, außer als Auszeichnung und Zeichen, daß wir die Liebenden anderer Personen an solchen erkennen und durch unsere Liebe ausgleichen.

2 [11]

Den Menschen die Moral nehmen weil sie davon so schlechten Gebrauch machen: und ihnen harte Gefühle auflegen—“du sollst”—soldatisch

2 [12]

Bekenne dich zu etwas z. B. “ich will gerecht sein.” Nur eine Sünde: Feigheit.

2 [13]

Armut an Liebe verkleidet sich gern als Entbehrung des Liebens-Würdigen.

2 [14]

Vermöge der Liebe sucht der Mann die unbedingte Sklavin, das Weib die unbedingte Sklaverei—Liebe ist das Verlangen nach einer vergangenen Cultur und Gesellschaft.

2 [15]

Gegen einen unabhängigen Menschen, welcher es verschmäht, Leithammel zu sein, nährt der moralische Mensch einen Verdacht, als ob er ein schweif Raubthier sei.

2 [16]

Das Eisen haßt den Magneten, wenn der M das Eisen nicht ganz an sich ziehen kann.

2 [17]

Nicht was uns hindert, geliebt zu werden, sondern was uns hindert ganz zu lieben, hassen wir am meisten.

2 [18]

Wer aus sich kein Hehl macht, empört.

2 [19]

“Unglückseliger, dein Gott ist zerborsten und zerbrochen, und Schlangen hausen in ihm. Und nun liebst du selbst diese Schlangen noch um seinetwillen.”

2 [20]

Von unseren Feinden wollen wir nicht geschont werden—und ebensowenig von denen, die wir von Grund aus lieben.

2 [21]

Nimm dich vor dem in Acht: er redet nur, um nachher hören zu dürfen:—und du hörst eigentlich nur, weil es nicht angeht, immerfort zu sprechen—d. h. du hörst schlecht und jener hört gut.

2 [22]

Die Hündin Sinnlichkeit, die einen Bissen Fleisch abhaben will, weiß gar artig um einen Bissen Geist zu betteln.

2 [23]

Sie giebt nie, sie vergilt nicht einmal—sie entgegnet nur.

2 [24]

Es giebt gebende Naturen, es giebt zurückgebende.

2 [25]

Die eigentlich gerechten Menschen sind unbeschenkbar—sie geben alles zurück.

2 [26]

Es ist in der Mittheilung einer Erkenntniß immer etwas Verrath.

2 [27]

In allem Schreiben ist Schamlosigkeit.

2 [28]

Wer Gott liebt, der züchtigt ihn.

2 [29]

Die Oberflächlichen müssen immer lügen, weil sie keinen Inhalt haben.

2 [30]

Erziehen: d. h. unter allen Umständen zum Lügen erziehen.

2 [31]

Der Wahrhaftige endet damit zu begreifen, daß er immer lügt.

2 [32]

Lüge ist nicht nur wider sein Wissen reden, sondern auch wider sein Nichtwissen reden.

2 [33]

Es ist vornehmer, sich Unrecht zu geben als Recht zu behalten.

2 [34]

Die Lüge ist die Menschenfreundlichkeit des Erkennenden.

2 [35]

Selbstmord

2 [36]

Gerechtigkeit nur gegen Dinge möglich.

2 [37]

Unsere Wirkungen als nothwendige Täuschungen.

2 [38]

Getheiltes Unrecht ist halbes Recht.

2 [39]

p. 200 Mensch, Allz
p 77 Morgenröthe
167,8 Fr Wissenschaft

2 [40]

Furchtbare Consequenz, wenn man die Menschen nur um Gottes Willen liebt.

2 [41]

“Aber wie konntest du so handeln! sagte ein Freund zu einem sehr klugen M—es war eine Dummheit.” Es ist mir auch schwer genug geworden, entgegnete dieser.

2 [42]

Wer hinauf zur letzten Erkenntniß will, muß auch die Wahrhaftigkeit hinter sich lassen. Der Zaun der Erkenntniß ist durchaus nicht von der Moralität aus zu ersteigen.

2 [43]

“Das Leben um der Erkenntniß willen,” das auf dem Kopfe stehen-wollen ist vielleicht etwas Tolles—aber wenn es ein Zeichen der Freude ist, so mag es hingehen, es sieht da nicht übel aus ein Ele

2 [44]

Für einen guten Ruf zahlt man gewöhnlich zu viel: nämlich sich selber.

2 [45]

Die Gefahr des Weisen liegt darin, daß er sich in die Unvernunft verliebt.

2 [46]

Liebe zum Weibe! Wenn sie nicht das Mitleiden mit einem leidenden Gotte ist, so ist sie der Instinkt für das verborgene Thier im Weibe.

2 [47]

Der Prüfstein für eine Natur ist nicht die Art, wie sie liebt, sondern wenn sie sich geliebt weiß, tritt alle ihre Gemeinheit oder Höhe ans Licht.

2 [48]

Ich verwundere mich mehr über einen Tadel als über ein Lob; ich verachte das Lob mehr als den Tadel.

2 [49]

Die moral Entrüstung ist die perfideste Art der Rache.

2 [50]

Ich mag das Mitleid nur im Gesichte eines Siegreichen. Wenn diese Erbärmlichen, deren Anblick wehthut, gar noch mitleidige Gesichter machen,

Mitleid mag etwas für Götter sein, aber einem Helden geziemt es fröhlich zu sein über der Trübsal um ihn herum.

10, 2[1-50] Sommer-Herbst 1882

2 [1]

Metteyya

2 [2]

Carus, cf. Psychology

2 [3]

Vogt 19185
Lindau 18772
Wilbrandt 18761

2 [4]

The Morality of the Chosen or Free Morality.

We as the Preservers of Life.

Inevitably arising contempt and hatred towards life. Buddhism. European vitality will drive towards mass suicide. In addition: my theory of recurrence as the most terrible accusation.

If we do not preserve ourselves, everything will come to an end. Ourselves through an organization.

The Friends of Life.

Nihilism as a small prelude.

Impossibility of philosophy.

Just as Buddhism makes one unproductive and good, so too will Europe under its influence: tired!

The Good, that is fatigue.

Reconciliation, that is fatigue.

Morality, that is fatigue.

Good manners (e.g., marriage) that is fatigue.

Against the idealists.

2 [5]

The, what comes.

The actual striving into Nothingness.

Wars over the principle of Better-Not-Being-than-Being.

(A)

First consequence of morality: life is to be denied.

Final consequence of morality = morality itself is to be denied.

(B)

Thus: the first consequence falls away

Liberation of selfishness,
Liberation of evil,
Liberation of the individual.

The new Good ("I want") and the old Good ("I should")

Liberation of art as rejection of unconditional knowledge. Praise of the lie.

Recovery of religion.

(C)

Through all this liberation, the charm of life grows. Its innermost negation, the moral one, is eliminated.— Thus the beginning of decline. The necessity of barbarism, to which, for example, religion also belongs. Humanity must live in cycles, the only enduring form. Not culture as long as possible, but as short and high as possible.— We in the noon: epoch.

(D) .

What determines the height of the heights in the history of culture? The moment when the charm is greatest. Measured by the fact that the most powerful thought is endured, indeed loved.

2 [6]

That, which is to come.
A prophecy.

A. Self-overcoming of morality.
B. Liberation.
C. Midpoint and beginning of the decline.
D. Sign of noon.
E. The voluntary death.

2 [7]

Snake, spoke Zarathustra, you are the wisest animal under the sun you will know what strengthens a heart—my wise heart I do not know. And you eagle, you are the proudest animal under the sun, take the heart and carry it where it will long to go—the proud heart—I do not know.

2 [8]

Those who do not need to lie much take pride in the fact that they lie little.

2 [9]

And tell me, you animals: Is the sun already at its zenith? Does the serpent that is called eternity already coil itself? Zarathustra becomes blind.

Everything always turns into death for me. Who wants to be my fate? I love every fate. Blessed becomes Zarathustra!



Zarathustra knows nothing more, Zarathustra guesses nothing more.

2 [10]

Always give back: accept no gifts, except as an award and sign that we recognize the lovers of other people in such ways and compensate through our love.

2 [11]

Taking away people's morality because they make such bad use of it: and imposing harsh feelings on them—“you shall”—soldierly

2 [12]

Commit to something, e.g., "I want to be just." Only one sin: cowardice.

2 [13]

Poverty disguised as love often presents itself as the deprivation of the worthy of love.

2 [14]

By virtue of love, man seeks the unconditional slave, woman the unconditional slavery—love is the longing for a past culture and society.

2 [15]

Against an independent person who scorns to be a bellwether, the moral person harbors a suspicion as if he were a roaming predator.

2 [16]

The iron hates the magnet when the M cannot pull the iron completely to itself.

2 [17]

Not what prevents us from being loved, but what prevents us from loving fully, is what we hate the most.

2 [18]

Those who make no secret of themselves outrage.

2 [19]

“Wretched one, your God is shattered and broken, and serpents dwell within him. And now you love these serpents still for his sake.”

2 [20]

We do not wish to be spared by our enemies—and just as little by those whom we love from the ground up.

2 [21]

Beware of him: he speaks only to be allowed to listen afterward:—and you listen essentially only because it is not possible to speak continuously—i.e., you listen poorly and he listens well.

2 [22]

The bitch Sensuality, who wants a bite of meat, knows how to beg quite prettily for a bite of spirit.

2 [23]

She never gives, she does not even repay—she only responds.

2 [24]

There are giving natures, there are returning ones.

2 [25]

The truly just people are incorruptible—they give everything back.

2 [26]

There is always something of betrayal in the communication of a cognition.

2 [27]

In all writing there is shamelessness.

2 [28]

He who loves God disciplines him.

2 [29]

The superficial always have to lie because they have no substance.

2 [30]

To educate: i.e., to educate to lie under all circumstances.

2 [31]

The truthful one ends up realizing that he always lies.

2 [32]

A lie is not only speaking against one's knowledge, but also speaking against one's ignorance.

2 [33]

It is nobler to admit wrong than to insist on being right.

2 [34]

The lie is the philanthropy of the knowing.

2 [35]

Suicide

2 [36]

Justice only possible against things.

2 [37]

Our effects as necessary deceptions.

2 [38]

Shared injustice is half justice.

2 [39]

p. 200 Man, Allz
p 77 Dawn
167,8 Fr Science

2 [40]

Terrible consequence when one loves people only for God's sake.

2 [41]

“But how could you act like that!” said a friend to a very wise M—“it was a foolish thing.” It was hard enough for me too, replied the latter.

2 [42]

Whoever wants to climb to the ultimate knowledge must also leave truthfulness behind. The fence of knowledge is by no means to be scaled from morality.

2 [43]

“Life for the sake of knowledge,” wanting to stand on one’s head is perhaps something mad—but if it is a sign of joy, then let it pass, it does not look bad there an Ele

2 [44]

For a good reputation, one usually pays too much: namely oneself.

2 [45]

The danger of the wise lies in the fact that he falls in love with unreason.

2 [46]

Love for woman! If it is not compassion for a suffering god, then it is the instinct for the hidden animal in woman.

2 [47]

The touchstone for a nature is not the way it loves, but when it knows itself to be loved, all its baseness or nobility comes to light.

2 [48]

I am more surprised by criticism than by praise; I despise praise more than criticism.

2 [49]

Moral outrage is the most insidious form of revenge.

2 [50]

I only like pity in the face of a victorious one. When these wretched ones, whose sight hurts, even make pitiful faces,

Pity may be something for gods, but it befits a hero to be cheerful about the sorrow around him.

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