11, 33[1-2] Winter 1884-85
33 [1]
Die gute Mahlzeit.
Es war um die Mitte dieses langen Abendmahls, welches schon des Nachmittags begonnen hatte: da sagte Jemand: “Hört, wie der Wind draußen saust und pfeift! Wer möchte jetzt gern draußen in der Welt sein! Es ist gut, daß wir in Zarathustra’s Höhle sitzen.
Denn, ob sie schon eine Höhle ist, so ist sie doch, für Schiffe, wie wir sind, ein guter sicherer Hafen. Wie gut, daß wir hier—im Hafen sind!”
Als diese Worte gesprochen waren, sagte Niemand eine Antwort, Alle aber sahen sich an. Zarathustra selber jedoch erhob sich von seinem Sitze, prüfte seine Gäste der Reihe nach mit einer leutseligen Neubegierde und sprach endlich:
“Ich wundere mich über euch, meine neuen Freunde. Ihr seht wahrlich nicht aus wie Verzweifelnde. Wer glaubte es wohl, daß ihr kürzlich hier in dieser Höhle nothschriet!
Mich dünkt, ihr taugt euch selber schlecht zur Gesellschaft, ihr macht einander das Herz unwirsch, wenn ihr bei einander sitzt? Es muß wohl Einer zu euch kommen, der euch lachen macht —
— ein guter fröhlicher Hanswurst, ein Tänzer mit Kopf und Beinen, ein Wind und Wildfang, irgend ein alter Narr und Zarathustra—was dünket euch?”
Bei diesen Worten erhob sich der König zur Rechten und sprach: “Rede nicht mit solchen kleinen Worten von deinem eigenen Namen, oh Zarathustra! du thust damit unsrer Ehrfurcht wehe.
Siehe, wir wissen wohl, wer das macht, daß wir schon nicht mehr nothschrein! und weshalb unser Auge und Herz offen und entzückt steht und unser Muth muthwillig wird.
Oh Zarathustra, nichts wächst Erfreulicheres auf Erden als ein starker hoher Wille: der ist ihr schönstes Gewächs. Eine ganze Landschaft erquickt sich an Einem solchen Baume.
Dem Pinien-Baum vergleiche ich, wer gleich dir, oh Zarathustra, aufwächst: lang, schweigend, hart, allein, besten biegsamsten Holzes, herrlich —
— zuletzt aber hinausgreifend mit starken grünen Ästen nach seiner Herrschaft, starke Fragen fragend vor Winden und Wettern und was auf Höhen heimisch ist,
— stärker antwortend, ein Befehlender, ein Siegreicher: oh wer sollte nicht, solche Gewächse zu schaun, auf hohe Berge steigen?
Deines Baumes hier, oh Zarathustra erlabt sich auch der Düstere, der Mißrathene, an deinem Anblicke wird auch der Unstäte sicher und heilt sein Herz.
Wie gut doch, daß wir erst also Noth schrien: so mußten wir hinauf zu deinem Anblicke! Wie danken wir’s nun allem Ekel, aller schweren Luft, daß sie uns fragen und suchen und steigen lehrten, —
— fragen lehrten am rechten Orte, in der rechten Höhe: “Lebt denn Zarathustra noch? Wie lebt Zarathustra noch?”
Einem guten Frager ist halb schon geantwortet. Und wahrlich, eine ganze gute Antwort ist das, was wir hier mit Augen sehn: Zarathustra lebt noch, und mehr als je, —
— Zarathustra der Tänzer, Zarathustra der Leichte, der mit den Flügeln winkt, ein Flugbereiter, allen Vögeln zuwinkend, bereit und fertig, ein göttlich Leichtfertiger,
— Zarathustra der Lachende, Zarathustra der Schweiger, kein Ungeduldiger, kein Unbedingter, einer, der Sprünge und Seitensprünge liebt,
— der die Krone des Lachens trägt, eine Rosenkranz-Krone. Du selber nämlich, oh Zarathustra, setztest dir diese Krone auf’s Haupt, kein Andrer wäre heute stark genug dazu!
Und ob du gleich Schlimmeres schautest und Schwärzeres als irgend ein Schwarz-Seher und durch deine Höllen noch kein Heiliger gegangen ist,
— ob du gleich neue Nächte um dich hülltest und gleich eisigem düsterem Nebel hinein in neue Abgründe stiegst: immer wieder spanntest du endlich dein buntes Zelt über dich,
— dein Lachen spanntest du aus über Nacht und Hölle und Nebel-Abgrund; und wo dein hoher starker Baum steht, da darf der Himmel nicht lange dunkel sein.”
Hier aber unterbrach Zarathustra die Rede des Königs, legte ihm den Finger auf den Mund und sagte: “Ja diese Könige! —
— sie verstehen sich auf’s Huldigen und die großen Worte: sie selber sind’s gewohnt! Aber was soll dabei aus meinen Ohren werden!
Meine Ohren werden dabei klein und kleiner, seht ihr nicht? sie verkriechen sich nämlich vor allen großen Prunkreden.
Und wahrlich, ihr Könige, mit solchem Lobe könntet ihr den Stärksten umwerfen, einen solchen Becher Weins soll man Niemandem zutrinken. Es sei denn mir: denn ich trotze jedem Lobe, Dank meiner ehernen Stirn —
Dank meinem ehernen Willen: der aber heischt harte hohe ferne Dinge von: den erreicht Lob und Ehre nicht.
Und dies ist wahr: zum Wüsten-Heiligen ward ich nicht, ob ich schon in vieler Wüste lebte und Wüsten-Wildniß, noch stehe ich nicht da, starr, stumpf, steinern, eine Säule.
Dem Baume gleiche ich den du meintest, einem hohen starken Baume, dies ist wahr: knorrig und gekrümmt und mit biegsamer Härte stehe ich über dem Meere, ein lebendiger Leuchtthurm.
Und gerne will ich, meine neuen Freunde, euch als ein solcher Baum zuwinken, breitästig, starkwillig: kommt herauf zu mir, will ich sprechen, und schaut mit mir in diese weiten Fernen!
33 [2]
Zum “Noch Ein Mal!”
Da geschahen der Reihe nach Dinge, von denen Eins seltsamer als das Andre war.
— und ob er schon mit den Zähnen knirschte und die Lippen zusammenschloß, überkam ihn doch das Mitleiden wie eine schwere Wolke und Betäubung.
Da—der Adler! — Wo bin ich!
Er entflieht.
11, 33[1-2] Winter 1884-85
33 [1]
The good meal.
It was around the middle of this long supper, which had already begun in the afternoon: then someone said: “Listen, how the wind howls and whistles outside! Who would want to be out in the world now! It is good that we are sitting in Zarathustra’s cave.
For, even though it is a cave, it is still, for ships like us, a good, safe harbor. How good that we are here—in the harbor!”
When these words were spoken, no one gave an answer, but all looked at each other. Zarathustra himself, however, rose from his seat, examined his guests one by one with a gracious new curiosity, and finally spoke:
“I am amazed at you, my new friends. You truly do not look like desperate people. Who would believe that you recently cried out in distress here in this cave!
Methinks, you are ill-suited to your own company, you make each other's hearts sour when you sit together? There must come one to you who makes you laugh—
—a good, cheerful buffoon, a dancer with head and legs, a wind and wildling, some old fool and Zarathustra—what think you?”
At these words, the king on the right rose and spoke: “Speak not with such small words of your own name, oh Zarathustra! You hurt our reverence thereby.
Behold, we know well who it is that makes us no longer cry out in distress! And why our eyes and hearts stand open and enraptured, and our courage grows bold.
Oh Zarathustra, nothing grows more joyful on earth than a strong, lofty will: it is her fairest growth. An entire landscape refreshes itself at such a tree.
To the pine tree I compare whoever grows like you, oh Zarathustra: tall, silent, hard, alone, of the best and most flexible wood, magnificent—
—yet ultimately reaching out with strong green branches toward his dominion, asking strong questions of winds and storms and whatever dwells on heights,
—answering more strongly, a commander, a victor: oh, who would not, upon seeing such growth, climb high mountains?
Even the gloomy, the misbegotten, find refreshment in your tree here, oh Zarathustra; at your sight, even the restless become secure and heal their hearts.
How good it is that we first cried out in distress: thus we had to ascend to your sight! How we now thank all disgust, all heavy air, for teaching us to question and seek and climb—
— questions taught at the right place, at the right height: “Does Zarathustra still live? How does Zarathustra still live?”
To a good questioner, half the answer is already given. And truly, a whole good answer is what we see here with our eyes: Zarathustra still lives, and more than ever, —
— Zarathustra the dancer, Zarathustra the light one, who waves with wings, ready to fly, beckoning to all birds, ready and prepared, a divinely carefree one,
— Zarathustra the laughing one, Zarathustra the silent one, not impatient, not unconditional, one who loves leaps and side-leaps,
— who wears the crown of laughter, a rosary crown. You yourself, oh Zarathustra, placed this crown upon your head, no other would be strong enough for it today!
And even if you saw worse things and darker things than any doomsayer, and no saint has passed through your hells,
— even if you wrapped new nights around yourself and, like icy, gloomy mist, descended into new abysses: time and again you finally stretched your colorful tent over yourself,
— your laughter you stretched over night and hell and misty abyss; and where your tall, strong tree stands, the sky may not remain dark for long.”
Here, however, Zarathustra interrupted the king’s speech, placed his finger on his mouth, and said: “Yes, these kings! —
— they understand homage and grand words: they themselves are accustomed to them! But what is to become of my ears!
My ears grow smaller and smaller, do you not see? They are, in fact, shrinking away from all grand pompous speeches.
And truly, you kings, with such praise you could overthrow the strongest, such a cup of wine should not be toasted to anyone. Unless to me: for I defy all praise, thanks to my brazen brow —
Thanks to my brazen will: which, however, demands hard, high, distant things: praise and honor do not reach it.
And this is true: I did not become a desert saint, though I lived in many deserts and desert wildernesses, nor do I stand there, stiff, dull, stony, a pillar.
I resemble the tree you meant, a tall, strong tree, this is true: gnarled and bent and with flexible hardness I stand over the sea, a living lighthouse.
And gladly, my new friends, I would wave to you as such a tree, broad-branched, strong-willed: come up to me, I would say, and look with me into these wide distances!
33 [2]
To the “One More Time!”
Then things happened one after another, each one stranger than the last.
— and even though he gnashed his teeth and pressed his lips together, compassion overcame him like a heavy cloud and stupor.
There—the eagle! — Where am I!
He flees.