11, 37[1-18] Juni-Juli 1885

37 [1]

Gegen das, was ich in diesem Buche vorzutragen wage, läßt sich gewiß, aus der Nähe, und noch mehr von der Ferne her, mancher herzhafte Einwand machen. Einen Teil dieser Einwände habe ich selbst, Dank mannichfacher Übung im Verhören und Zwiekampf zu Einem, vorweggenommen, leider aber immer auch vorweg beantwortet: so daß bisher die ganze Last meiner “Wahrheiten” auf mir liegen geblieben ist. Man wird verstehen, daß es sich hier um lästige Wahrheiten handelt; und wenn es einen Glauben giebt, der selig macht, nun wohlan, hier ist ein Glaube, der das nicht thut! Aber weshalb sollten die Dinge darauf eingerichtet sein, u uns Vergnügen zu machen?— Obschon ich gerade dies Mal, aufrichtig gesagt, gerne das Vergnügen genösse, widerlegt zu werden.— Und wenn uns andererseits die Erkenntniß wozu dann Erkenntniß? —

Zuletzt ist auch das vielleicht nur eine Frage der Zeit: man verträgt sich am Ende selbst mit dem Teufel. Und wenn die Dinge nicht darauf eingerichtet sein sollten, uns Vergnügen zu machen, wer könnte uns hindern, sie—darauf einzurichten?

37 [2]

Es ist ein schlechter Geschmack mit Vielen übereinstimmen zu wollen. Mir genügt im Grunde schon mein Freund Satis: ihr wißt doch wer das ist? Satis sunt mihi pauci, satis est unus, satis est nullus. Und zuletzt bleibt es dabei: die großen Dinge bleiben für die Großen übrig und aufgespart, die Abgründe für die Tiefen, die Zartheiten und Schauder für die Feinen, und, im Ganzer. und Kurzen, alles Seltene für die Seltenen. Mein Urtheil ist mein Urtheil: dazu hat nicht leicht auch ein Anderer das Recht.— Und Sie, mein Herr Nachbar, der Sie mir eben über die Achsel in’s Buch gucken, Sie sogar bestehen darauf, mir hierin zuzustimmen? Sie schauen in dieß Buch und sagen Ja dazu? Fort mit Ihnen! Ich will durchaus nicht Ihrethalben gegen das, was ich eben schrieb, mißtrauisch werden. Auch ich nämlich liebe die Wahrheit, gleich allen Philosophien: alle Philosophen liebten bisher ihre Wahrheiten — —

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Ich vergaß zu sagen, daß solche Philosophen heiter sind und daß sie gerne in dem Abgrunde eines vollkommen hellen Himmels sitzen:—sie haben andere Mittel nöthig, das Leben zu ertragen als andere Menschen, denn sie leiden anders: (nämlich ebensosehr an der Tiefe ihrer Menschenverachtung, als an ihrer Liebe).— Das leidendste Thier auf Erden erfand sich—das Lachen.

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Moral und Physiologie.— Wir halten es für eine Voreiligkeit, daß gerade das menschliche Bewußtsein so lange als die höchste Stufe der organischen Entwickelung und als das Erstaunlichste aller irdischen Dinge, ja gleichsam als deren Blüthe und “Ziel” angesehen wurde. Das Erstaunlichere ist vielmehr der Leib: man kann es nicht zu Ende bewundern, wie der menschliche Leib möglich geworden ist: wie eine solche ungeheure Vereinigung von lebenden Wesen, jedes abhängig und unterthänig und doch in gewissem Sinne wiederum befehlend und aus eignem Willen handelnd, als Ganzes leben, wachsen und eine Zeit lang bestehen kann—: und dieß geschieht ersichtlich nicht durch das Bewußtsein! Zu diesem “Wunder der Wunder” ist das Bewußtsein eben nur ein “Werkzeug” und nicht mehr—im gleichen Verstande, in dem der Magen ein Werkzeug dazu ist. Die prachtvolle Zusammenbindung des vielfachsten Lebens, die Anordnung und Einordnung der höheren und niederen Thätigkeiten, der tausendfältige Gehorsam welcher kein blinder, noch weniger ein mechanischer sondern ein wählender, kluger, rücksichtsvoller, selbst widerstrebender Gehorsam ist—dieses ganze Phänomen “Leib” ist nach intellectuellem Maaße gemessen unserem Bewußtsein, unserem “Geist,” unserem bewußten Denken, Fühlen, Wollen so überlegen, wie Algebra dem Einmaleins. Der “Nerven- und Gehirnapparat” ist nicht, um überhaupt Denken, Fühlen, Wollen hervorzubringen, so fein und “göttlich” construirt: vielmehr dünkt mich daß gerade dazu, zum Denken, Fühlen, Wollen, an sich noch gar kein “Apparat” nöthig ist, sondern daß dies, eben dies—“die Sache selbst” ist. Vielmehr wird eine solche ungeheure Synthesis von lebendigen Wesen und Intellekten, welche “Mensch” heißt, erst leben können, wenn jenes feine Verbindungs- und Vermittlungs-System und dadurch eine blitzartig schnelle Verständigung aller dieser höheren und niederen Wesen geschaffen ist—und zwar durch lauter lebendige Vermittler: dies aber ist ein moralisches, und nicht ein mechanistisches Problem! Von der “Einheit,” von der “Seele,” von der “Person” zu fabeln, haben wir uns heute untersagt: mit solchen Hypothesen erschwert man sich das Problem, so viel ist klar. Und auch jene kleinsten lebendigen Wesen, welche unseren Leib constituiren (richtiger: von deren Zusammenwirken das, was wir “Leib” nennen, das beste Gleichniß ist—), gelten uns nicht als Seelen-Atome, vielmehr als etwas Wachsendes, Kämpfendes, Sich-Vermehrendes und Wieder-Absterbendes: so daß ihre Zahl unbeständig wechselt, und unser Leben wie jegliches Leben zugleich ein fortwährendes Sterben ist. Es giebt also im Menschen so viele “Bewußtseins” als es Wesen giebt, in jedem Augenblicke seines Daseins, die seinen Leib constituiren. Das Auszeichnende an dem gewöhnlich als einzig gedachten “Bewußtsein,” am Intellecte, ist gerade, daß er vor dem unzählig Vielfachen in den Erlebnissen dieser vielen Bewußtseins geschützt und abgeschlossen bleibt und, als ein Bewußtsein höheren Ranges, als eine regierende Vielheit und Aristokratie, nur eine Auswahl von Erlebnissen vorgelegt bekommt, dazu noch lauter vereinfachte, übersichtlich und faßlich gemachte, also gefälschte Erlebnisse,—damit er seinerseits in diesem Vereinfachen und Übersichtlichmachen, also Fälschen fortfahre und das vorbereite, was man gemeinhin “einen Willen” nennt,—jeder solche Willensakt setzt gleichsam die Ernennung eines Diktators voraus. Das aber, was unserem Intellecte diese Auswahl vorlegt, was schon die Erlebnisse vorher vereinfacht, angeähnlicht, ausgelegt hat, ist jedenfalls nicht eben dieser Intellect: ebensowenig, wie er das ist, was den Willen ausführt, was eine blasse, dünne und äußerst ungenaue Werth- und Kraft-Vorstellung aufnimmt und in lebendige Kraft und genaue Werthe-Maaße übersetzt. Und gerade dieselbe Art von Operation, welche hier sich abspielt, muß sich auf allen tieferen Stufen, im Verhalten aller dieser höheren und niederen Wesen zueinander, fortwährend abspielen: dieses selbe Auswählen und Vorlegen von Erlebnissen, dieses Abstrahiren und Zusammendenken, dieses Wollen, diese Zurückübersetzung des immer sehr unbestimmten Wollens in bestimmte Thätigkeit. Am Leitfaden des Leibes wie gesagt, lernen wir daß unser Leben durch ein Zusammenspiel vieler sehr ungleichwerthigen Intelligenzen und also nur durch ein beständiges tausendfältiges Gehorchen und Befehlen—moralisch geredet: durch die unausgesetzte Übung vieler Tugenden—möglich ist. Und wie dürfte man aufhören, moralisch zu reden!— — Dergestalt schwätzend gab ich mich zügellos meinem Lehrtriebe hin, denn ich war glückselig, Jemanden zu haben, der es aushielt, mir zuzuhören. Doch gerade an dieser Stelle hielt Ariadne es nicht mehr aus — die Geschichte begab sich nämlich bei meinem ersten Aufenthalte auf Naxos—: “aber mein Herr, sprach sie, Sie reden Schweinedeutsch!”— “Deutsch, antwortete ich wohlgemuth, einfach deutsch! Lassen Sie das Schwein weg, meine Göttin! Sie unterschätzen die Schwierigkeit, feine Dinge deutsch zu sagen!”— “Feine Dinge! schrie Ariadne entsetzt auf: aber das war nur Positivismus! Rüssel-Philosophie! Begriffs-Mischmasch und -Mist aus hundert Philosophien! Wo will das noch hinaus!”—und dabei spielte sie ungeduldig mit dem berühmten Faden, der einstmals ihren Theseus durch das Labyrinth leitete.— Also kam es zu Tage, daß Ariadne in ihrer philosophischen Ausbildung um zwei Jahrtausende zurück war.

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In Aphorismen-Büchern gleich den meinigen stehen zwischen und hinter kurzen Aphorismen lauter verbotene lange Dinge und Gedanken-Ketten; und Manches darunter, das für Oedipus und seine Sphinx fragwürdig genug sein mag. Abhandlungen schreibe ich nicht: die sind für Esel und Zeitschriften-Leser. Ebensowenig Reden. Meine “unzeitgemäßen Betrachtungen” richtete ich als junger Mensch an junge Menschen, welchen ich von meinen Erlebnissen und Gelöbnissen sprach, um sie in meine Labyrinthe zu locken, an deutsche Jünglinge: aber man überredet mich zu glauben, daß die deutschen Jünglinge ausgestorben seien. Wohlan: so habe ich keinen Grund mehr, in jener früheren Manier “beredt” zu sein; heute—könnte ich es vielleicht nicht mehr. Wer Tags u Nachts und Jahrein Jahraus mit seiner Seele in vertraulichstem Zwiste und Zwiegespräche zusammengesessen hat, wer in seiner Höhle—es kann ein Labyrinth u auch ein Goldschacht sein—zum Höhlenbär oder Schatzgräber wurde, wer wie ich sich allerhand Gedanken, Bedenken und Bedenkliches durch den Kopf über das Herz laufen ließ und läßt, das er nicht immer mittheilen würde, selbst wenn er Geister seiner Art und ausgelassene tapfere Kameraden um sich hätte: dessen Begriffe selber erhalten zuletzt eine eigene Zwielicht-Farbe, einen Geruch ebensosehr der Tiefe als des Moders; etwas Unmittheilsames und Widerwilliges, welches jeden Neugierigen kalt anbläst:—und eine Einsiedler-Philosophie, wenn sie selbst mit einer Löwenklaue geschrieben wäre, würde doch immer wie eine Philosophie der “Gänsefüßchen” aussehen.

37 [6]

Man hört auch den Schriften eines Einsiedlers etwas von dem Wiederhall der Oede, etwas von dem Flüstertone und scheuen Umsichblicken der Einsamkeit an: seine stärksten Worte und Schreie selber klingen gleichsam noch wie eine neue und gefährlichere Art des Schweigens, Verschweigens heraus.

37 [7]

Gesetzt, man denkt sich einen Philosophen als großen Erzieher, mächtig genug, um von einsamer Höhe herab lange Ketten von Geschlechtern zu sich hinaufzuziehen: so muß man ihm auch die unheimlichen Vorrechte des großen Erziehers zugestehen. Ein Erzieher sagt nie was er selber denkt sondern immer nur, was er im Verhältniß zum Nutzen dessen, den er erzieht, über eine Sache denkt. In dieser Verstellung darf er nicht errathen werden; es gehört zu seiner Meisterschaft, daß man an seine Ehrlichkeit glaubt. Er muß aller Mittel der Zucht und Züchtigung fähig sein: manche Naturen bringt er nur durch Peitschenschläge des Hohns vorwärts, Andere, Träge, Unschlüssige, Feige, Eitle, vielleicht mit übertreibendem Lobe. Ein solcher Erzieher ist jenseits von Gut und Böse; aber Niemand darf es wissen.

37 [8]

Es naht sich, unabweislich, zögernd, furchtbar wie das Schicksal, die große Aufgabe und Frage: wie soll die Erde als Ganzes verwaltet werden? Und wozu soll “der Mensch” als Ganzes—und nicht mehr ein Volk, eine Rasse—gezogen und gezüchtet werden?

Die gesetzgeberischen Moralen sind das Hauptmittel, mit denen man aus dem Menschen gestalten kann, was einem schöpferischen und tiefen Willen beliebt: Vorausgesetzt, daß ein solcher Künstler-Wille höchsten Ranges die Gewalt in den Händen hat und seinen schaffenden Willen über lange Zeiträume durchsetzen kann, in Gestalt von Gesetzgebungen, Religionen und Sitten. Solchen Menschen des großen Schaffens, den eigentlich großen Menschen, wie ich es verstehe, wird man heute und wahrscheinlich für lange noch umsonst nachgehen: sie fehlen—: bis man endlich, nach vieler Enttäuschung, zu begreifen anfangen muß, warum sie fehlen und daß ihrer Entstehung und Entwicklung für jetzt und für lange nichts feindseliger im Wege steht, als das, was man jetzt in Europa geradewegs “die Moral” nennt: wie als ob es keine andere gäbe und geben dürfte—jene vorhin bezeichnete Heerdenthier-Moral, welche mit allen Kräften das allgemeine grüne Weide-Glück auf Erden erstrebt, nämlich Sicherheit, Ungefährlichkeit, Behagen, Leichtigkeit des Lebens und zu guterletzt, “wenn alles gut geht,” sich auch noch aller Art Hirten und Leithammel zu entschlagen hofft. Ihre beiden am reichlichsten gepredigten Lehren heißen: “Gleichheit der Rechte” und “Mitgefühl für alles Leidende”—und das Leiden selber wird von ihnen als etwas genommen, das man schlechterdings abschaffen muß. Daß solche “Ideen” immer noch modern sein können, giebt einen üblen Begriff von Wer aber gründlich darüber nachgedacht hat, wo und wie die Pflanze Mensch bisher am kräftigsten emporgewachsen ist, muß vermeinen, daß dies unter den umgekehrten Bedingungen geschehen ist: daß dazu die Gefährlichkeit seiner Lage ins Ungeheure wachsen, seine Erfindungs- und Verstellungskraft unter langem Druck und Zwang sich emporkämpfen, sein Lebens-Wille bis zu einem unbedingten Willen zur Macht und zur Obermacht gesteigert werden muß, und daß Gefahr, Härte, Gewaltsamkeit, Gefahr auf der Gasse u im Herzen, Ungleichheit der Rechte, Verborgenheit, Stoicismus, Versucher-Kunst u Teufelei jeder Art, kurz der Gegensatz aller Heerden-Wünschbarkeiten, zur Erhöhung des Typus Mensch nothwendig sind. Eine Moral mit solchen umgekehrten Absichten, welche den Menschen ins Hohe, statt ins Bequeme und Mittlere, züchten will, eine Moral mit der Absicht, eine regierende Kaste zu züchten—die zukünftigen Herren der Erde—muß, um gelehrt werden zu können, sich in Anknüpfung an das bestehende Sittengesetz und unter dessen Worten und Anscheine einführen; daß dazu aber viele Übergangs- und Täuschungsmittel zu erfinden sind, und daß, weil die Lebensdauer Eines Menschen beinahe nichts bedeutet in Hinsicht auf die Durchführung so langwieriger Aufgaben und Absichten, vor Allem erst eine neue Art angezüchtet werden muß, in der dem nämlichen Willen, dem nämlichen Instinkte Dauer durch viele Geschlechter verbürgt wird: eine neue Herren-Art und -Kaste—dieß begreift sich ebenso gut als das lange und nicht leicht aussprechbare Und-so-weiter dieses Gedankens. Eine Umkehrung der Werthe für eine bestimmte starke Art von Menschen höchster Geistigkeit und Willenskraft vorzubereiten und zu diesem Zwecke bei ihnen eine Menge im Zaum gehaltener und verläumdeter Instinkte langsam und mit Vorsicht zu entfesseln: wer darüber nachdenkt, gehört zu uns, den freien Geistern—freilich wohl zu einer neueren Art von “freien Geistern” als die bisherigen: denn diese wünschten ungefähr das Entgegengesetzte. Hierher gehören, wie mir scheint, vor Allem die Pessimisten Europas, die Dichter und Denker eines empörten Idealismus, insofern ihre Unzufriedenheit mit dem gesammten Dasein sie auch zur Unzufriedenheit mit dem gegenwärtigen Menschen mindestens logisch nöthigt; insgleichen gewisse unersättlich-ehrgeizige Künstler, welche unbedenklich und unbedingt für die Sonderrechte höherer Menschen und gegen “das Heerdenthier” kämpfen und mit den Verführungs-Mitteln der Kunst bei ausgesuchteren Geistern alle Heerden-Instinkte und Heerden-Vorsicht einschläfern; zudritt endlich alle jene Kritiker und Historiker, von denen die glücklich begonnene Entdeckung der alten Welt—es ist das Werk des neuen Columbus, des deutschen Geistes—muthig fortgesetzt wird —denn wir stehen immer noch in den Anfängen dieser Eroberung. In der alten Welt nämlich herrschte in der That eine andere, eine herrschaftlichere Moral als heute; und der antike Mensch, unter dem erziehenden Banne seiner Moral, war ein stärkerer und tieferer Mensch als der Mensch von Heute,—er war bisher allein “der wohlgerathene Mensch.” Die Verführung aber, welche vom Alterthum her auf wohlgerathene, d. h. auf starke und unternehmende Seelen ausgeübt wird, ist auch heute noch die feinste und wirksamste aller antidemokratischen und antichristlichen: wie sie es schon zur Zeit der Renaissance war.

37 [9]

Über alle diese nationalen Kriege, neuen “Reiche” und was sonst im Vordergrunde steht, sehe ich hinweg: was mich angeht—denn ich sehe es langsam und zögernd sich vorbereiten—das ist das Eine Europa. Bei allen umfänglicheren und tieferen Menschen dieses Jahrhunderts war es die eigentliche Gesammtarbeit ihrer Seele, jene neue Synthesis vorzubereiten und versuchsweise “den Europäer” der Zukunft vorwegzunehmen: nur in ihren schwächeren Stunden, oder wenn sie alt wurden, fielen sie in die nationale Beschränktheit der “Vaterländer” zurück—, dann waren sie “Patrioten.” Ich denke an Menschen wie Napoleon, Göthe, Beethoven, Stendhal, Heinrich Heine, Schopenhauer; vielleicht gehört auch Richard Wagner hierher, über welchen, als über einen wohlgerathenen Typus deutscher Unklarheit, sich durchaus nichts ohne ein solches “Vielleicht” aussagen läßt. Dem aber, was in solchen Geistern als Bedürfniß nach einer neuen Einheit oder bereits als eine neue Einheit mit neuen Bedürfnissen sich regt und gestaltet, steht eine große wirthschaftliche Thatsache erklärend zur Seite: die Kleinstaaten Europas, ich meine alle unsere jetzigen Staaten und “Reiche,” müssen, bei dem unbedingten Drange des großen Verkehrs und Handels nach einer letzten Gränze, nach Weltverkehr und Welthandel, in kurzer Zeit wirthschaftlich unhaltbar werden. (Das Geld allein schon zwingt Europa, irgendwann sich zu Einer Macht zusammen zu ballen.) Um aber mit guten Aussichten in den Kampf um die Regierung der Erde einzutreten—es liegt auf der Hand, gegen wen sich dieser Kampf richten wird—hat Europa wahrscheinlich nöthig, sich ernsthaft mit England zu “verständigen”: es bedarf der Kolonien Englands zu jenem Kampfe ebenso, wie das jetzige Deutschland, zur Einübung in seine neue Vermittler- und Makler-Rolle, der Kolonien Hollands bedarf. Niemand nämlich glaubt mehr daran, daß England selber stark genug sei, seine alte Rolle nur noch fünfzig Jahre fortzuspielen; es geht an der Unmöglichkeit, die homines novi von der Regierung auszuschließen, zu Grunde, und man muß keinen solchen Wechsel der Parteien haben, um solche langwierigen Dinge man muß heute vorerst Soldat sein, um als Kaufmann nicht seinen Kredit zu verlieren. Genug: hierin, wie in anderen Dingen, wird das nächste Jahrhundert in den Fußtapfen Napoleons zu finden sein, des ersten und vorwegnehmenden Menschen neuerer Zeit.

Für die Aufgaben der nächsten Jahrhunderte sind die Arten “Öffentlichkeit” und Parlamentarismus die unzweckmäßigsten Organisationen.

37 [10]

Ich unterscheide, unter den höheren Menschen sowohl wie unter Völkern, solche, welche die Welt rund, ganz und fest haben wollen,—groß vielleicht, sehr groß aber ganz und gar nicht “unendlich”—und solche, welche die Wolken lieben: weil Wolken verhüllen, weil Wolken “ahnen” lassen. Zu letzteren gehören, unter den Völkern, die Deutschen; und deshalb ist es für einen Denker entgegengesetzten Sinnes nicht rathsam, sich unter ihnen seine Hütte zu bauen. Die Luft ist ihm da zu wolkig. Die deutsche “Einfalt,” den deutschen Glauben an den “reinen Thoren”: er übersetzt sich das immer ins Französische und nennt es la niaiserie allemande. Das deutsche “Gemüth”: er versteht darunter wörtlich, was Goethe darunter verstand: “Nachsicht mit fremden und eignen Schwächen.” Der deutsche Ungeschmack: er findet ihn haarsträubend,;—ich zeigte schon einmal bei Gelegenheit eines alterschwachen Buches von Strauß mit den Fingern darauf hin. Vom Auslande aus gesehen, darf man zweifeln ob Deutschland jetzt zehn Männer aufzuweisen hat, welche in Fragen der litterarischen Form urtheilsfähig sind und Tiefe haben. Tiefe nämlich ist nöthig um die zarten Bedürfnisse nach Form überhaupt zu begreifen; erst von der Tiefe aus, vom Abgrunde aus genießt man alles Glück, das im Hellen, Sicheren, Bunten, Oberflächlichen aller Art liegt. Aber die Deutschen glauben sich tief, wenn sie sich schwer und trübsinnig fühlen:—sie schwitzen, wenn sie denken, das Schwitzen gilt ihnen als Beweis ihres “Ernstes.” Ihre Geister sind plump, der Geist des Bieres ist mächtig auch noch in ihren Gedanken—und sie heißen es gar noch ihren “Idealismus”! Freilich, die Deutschen haben, wie sie wenigstens selber vermeinen, es gerade mit diesem Idealismus weit, “bis an die Sterne weit” getrieben, und sie dürften sich, wenn es sonst die deutsche Bescheidenheit erlaubte, darauf hin ungescheut neben die Griechen niedersetzen, als das berühmte Volk der “Dichter und Denker.” Oder, um dieses Selbstvertrauen auch einmal unbescheiden reden zu lassen, und zwar mit dem Verse eines großen Idealisten:

“Was lobt man viel die Griechen!
Sie müssen sich verkriechen,
“Wenn sich die teutsche Muse regt.
“Horaz in Flemming lebet,
“In Opitz Naso schwebet,
“In Greiff Senecen's Traurigkeit.”
Leibnitz.

37 [11]

Der Socialismus—als die zu Ende gedachte Tyrannei der Geringsten und Dümmsten, der Oberflächlichen, der Neidischen und der Dreiviertels-Schauspieler—ist in der That die Schlußfolgerung der modernen Ideen und ihres latenten Anarchismus: aber in der lauen Luft eines demokratischen Wohlbefindens erschlafft das Vermögen, zu Schlüssen oder gar zum Schluß zu kommen. Man folgt,—aber man folgert nicht mehr. Deßhalb ist der Socialismus im Ganzen eine hoffnungslose, säuerliche Sache; und Nichts ist lustiger anzusehen als der Widerspruch zwischen den giftigen und verzweifelten Gesichtern welche heute die Socialisten machen,—und von was für erbärmlichen gequetschten Gefühlen legt gar ihr Stil Zeugniß ab!—und dem harmlosen Lämmer-Glück ihrer Hoffnungen und Wünschbarkeiten. Dabei kann es doch an vielen Orten Europas ihrerseits zu gelegentlichen Handstreichen und Überfällen kommen: dem nächsten Jahrhundert wird es hie und da gründlich im Leibe “rumoren,” und die Pariser Commune, welche auch in Deutschland ihre Schutzredner und Fürsprecher hat (z. B. an dem philosophischen Grimassen-Schneider und Sumpfmolch E D in Berlin), war vielleicht nur eine leichtere Unverdaulichkeitm, gemessen an dem, was kommt. Trotzdem wird es immer zuviel Besitzende geben, als daß der Socialismus mehr bedeuten könnte als einen Krankheits-Anfall: und diese Besitzenden sind wie Ein Mann Eines Glaubens “man muß etwas besitzen, um etwas zu sein.” Dieß aber ist der älteste und gesündeste aller Instinkte: ich würde hinzufügen “man muß mehr haben wollen als man hat, um mehr zu werden.” So nämlich klingt die Lehre, welche allem, was lebt, durch das Leben selber gepredigt wird: die Moral der Entwicklung. Haben und mehr haben wollen, Wachsthum mit einem Wort—das ist das Leben selber. In der Lehre des Socialismus versteckt sich schlecht ein “Wille zur Verneinung des Lebens”; es müssen mißrathene Menschen oder Raçen sein welche eine solche Lehre ausdenken. In der That, ich wünschte, es würde durch einige große Versuche bewiesen daß in einer socialistischen Gesellschaft das Leben sich selber verneint, sich selber die Wurzeln abschneidet. Die Erde ist groß genug, und der Mensch immer noch unausgeschöpft genug, als daß mir eine derartige praktische Belehrung und demonstratio ad absurdum, selbst wenn sie mit einem ungeheuren Aufwande von Menschenleben gewonnen und bezahlt würde, nicht wünschenswerth erscheinen müßte. Immerhin, schon als unruhiger Maulwurf unter dem Boden einer in die Dummheit rollenden Gesellschaft wird der Socialismus etwas Nützliches und Heilsames sein können: er verzögert den “Frieden auf Erden” und die gänzliche Vergutmüthigung des demokratischen Heerdenthieres, er zwingt die Europäer, Geist, nämlich List und Vorsicht übrig zu behalten, den männlichen und kriegerischen Tugenden nicht gänzlich abzuschwören und einen Rest von Geist, von Klarheit, Trockenheit und Kälte des Geistes übrig zu behalten,—er schützt Europa einstweilen vor dem ihm drohenden marasmus femininus.

37 [12]

In der Hauptsache gebe ich den Künstlern mehr Recht als allen Philosophen bisher: sie verloren die große Spur nicht, auf der das Leben geht, sie liebten die Dinge “dieser Welt,”—sie liebten ihre Sinne. Entsinnlichung zu erstreben: das scheint mir ein Mißverständniß oder eine Krankheit oder eine Kur, wo sie nicht eine bloße Heuchelei oder Selbstbetrügerei ist. Ich wünsche mir selber und allen denen, welche ohne die Ängste eines Puritaner-Gewissens leben—leben dürfen—, eine immer größere Vergeistigung und Vervielfältigung der Sinne; ja wir wollen den Sinnen dankbar sein für ihre Feinheit, Fülle und Kraft und ihnen das Beste von Geist, was wir haben, dagegen bieten. Was gehen uns die priesterlichen und metaphysischen Verketzerungen der Sinne an! Wir haben diese Verketzerung nicht mehr nöthig: es ist ein Merkmal der Wohlgerathenheit, wenn Einer gleich Goethen mit immer größerer Lust und Herzlichkeit an “den Dingen der Welt” hängt:—dergestalt nämlich hält er die große Auffassung des Menschen fest, daß der Mensch der Verklärer des Daseins wird, wenn er sich selbst verklären lernt.— Aber was redest du? wirft man mir ein. Giebt es nicht unter Künstlern gerade heute die ärgsten Pessimisten? Was denkst du zum Beispiel von Richard Wagner? Ist das kein Pessimist?— Ich kraue mir die Ohren:

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Die Historiker wollen heute zu viel und sündigen allesammt wider den guten Geschmack, sie drängen sich ein in die Seelen von Menschen, zu deren Rang und in deren Gesellschaft sie nicht gehören. Was hat z. B. so ein aufgeregter schwitzender Plebejer wie Michelet mit Napoleon zu schaffen! Es ist gleichgültig, ob er ihn haßt oder liebt, aber weil er schwitzt, gehört er nicht in seine Nähe. Was jener mittelmäßige, im schlechten Sinne elegante Thiers mit demselben Napoleon! er macht lachen, der kleine Mann, wenn er den großen Mann gegen Cäsar, Hannibal und Friedrich mit der Miene eines weisen Richters abschätzt. Ich schätze es höher, wenn einer auch als Historiker zu erkennen giebt, wo für seinen Fuß der Boden zu heiß oder zu heilig ist; ein Historiker aber, der zur rechten Zeit “die Schuhe auszieht” oder die Schuhe anzieht und davongeht, ist heutzutage, im Zeitalter der unschuldigen Unverschämtheit, ein seltener Vogel. Die deutschen Gelehrten, bei denen der “historische Sinn” erfunden worden ist,—jetzt üben sich die Franzosen auf ihn ein—verrathen sammt und sonders, daß sie aus keiner herrschenden Kaste stammen: sie sind, als Erkennende, zudringlich und ermangeln der feineren Scham.

37 [14]

Ich nannte meine unbewußten Arbeiter und Vorbereiter. Wo aber dürfte ich mit einiger Hoffnung nach meiner Art von Philosophen selber, zum Mindesten nach meinem Bedürfniß neuer Philosophen suchen? Dort allein, wo eine vornehme Denkweise herrscht, eine solche, welche an Sklaverei und an viele Grade der Hörigkeit als an die Voraussetzung jeder höheren Kultur glaubt; wo eine schöpferische Denkweise herrscht, welche nicht der Welt das Glück der Ruhe, den “Sabbat aller Sabbate” als Ziel setzt und selber im Frieden das Mittel zu neuen Kriegen ehrt; eine der Zukunft Gesetze vorschreibende Denkweise, welche um der Zukunft willen sich selber und alles Gegenwärtige hart und tyrannisch behandelt; eine unbedenkliche, “unmoralische” Denkweise, welche die guten und die schlimmen Eigenschaften des Menschen gleichermaaßen ins Große züchten will, weil sie sich die Kraft zutraut, beide an die rechte Stelle zu setzen,—an die Stelle, wo sie beide einander noth thun. Aber wer also heute nach Philosophen sucht, welche Aussicht hat er, zu finden, was er sucht? Ist es nicht wahrscheinlich, daß er, mit der besten Diogenes-Laterne suchend, umsonst Tags und Nachts über herumläuft? Das Zeitalter hat die umgekehrten Instinkte: es will vor Allem und zuerst Bequemlichkeit; es will zuzweit Öffentlichkeit und jenen großen Schauspieler-Lärm, jenes große Bumbum, welches seinem Jahrmarkts-Geschmacke entspricht; es will zudritt, daß Jeder mit tiefster Unterthänigkeit vor der größten aller Lügen—diese Lüge heißt “Gleichheit der Menschen”—auf dem Bauche liegt, und ehrt ausschließlich die gleichmachenden, gleichstellenden Tugenden. Damit aber ist es der Entstehung des Philosophen, wie ich ihn verstehe, von Grund aus entgegengerichtet, ob es schon in aller Unschuld sich ihm förderlich glaubt. In der That, alle Welt Jammert heute darüber, wie schlimm es früher die Philosophen gehabt hätten, eingeklemmt zwischen Scheiterhaufen, schlechtes Gewissen und anmaßliche Kirchenväter-Weisheit: die Wahrheit ist aber, daß eben darin immer noch günstigere Bedingungen zur Erziehung einer mächtigen, umfänglichen, verschlagenen und verwegen-wagenden Geistigkeit gegeben waren als in den Bedingungen des heutigen Lebens. Heute hat eine andere Art von Geist, nämlich der Demagogen-Geist, der Schauspieler-Geist, vielleicht auch der Biber- und Ameisen-Geist des Gelehrten für seine Entstehung günstige Bedingungen. Aber um so schlimmer steht es schon mit den höheren Künstlern: gehen sie denn nicht fast alle an innerer Zuchtlosigkeit zu Grunde? Sie werden nicht mehr von außen her, durch die absoluten Werthtafeln einer Kirche oder eines Hofes, tyrannisirt: so lernen sie auch nicht mehr, ihren “inneren Tyrannen” großziehen, ihren Willen. Und was von den Künstlern gilt, gilt in einem höheren und verhängnißvolleren Sinne von den Philosophen. Wo sind denn heute freie Geister? Man zeige mir doch heute einen freien Geist!— Nun! Reden wir nicht zu laut! Die Einsamkeit ist heute voller Geheimnisse und mehr Einsamkeit als je.— — In der That, ich lernte inzwischen, daß der freie Geist Einsiedler sein muß.

37 [15]

Ein anderes demagogisches Talent unserer Zeit ist Richard Wagner: aber der gehört nach Deutschland.— Wirklich? Lasse man einmal eine umgekehrte Schätzung zu Worte kommen. Die Pariser mögen sich gegen Richard Wagner noch so sehr sperren und sträuben: zuletzt gehört er eher noch Paris als noch D, und jedenfalls mehr dorthin als in irgendeine andere Hauptstadt Europas. Zugegeben, daß die ihm verwandteste Art von Franzosen jetzt erst dort selber spärlich geworden sein mag:—ich meine jenen Nachwuchs des romantisme der dreißiger Jahre, unter dem er, in der entscheidendsten Zeit seines Lebens, hat leben wollen. Dort fühlte er sich selber verwandt und heimischer als in Deutschland, mit seiner ungeheuren Begierde nach exotischen Gerüchen und Farben und unerprobten neuen Ausschweifungen des Erhabenen, mit seinem sonnenarmen, gequälten Glück an der Entdeckung des Häßlichen und Gräßlichen. Was suchten diese Romantiker Anderes, was fanden und erfanden sie Anderes als Richard Wagner? Waren sie nicht allesammt gleich ihm geistreich-krank, gewaltsam und ihrer selber unsicher, von der Litteratur beherrscht bis in ihre Augen und Ohren, meistens sogar selber Schreibende, Dichtende, Künstler des Ausdrucks um jeden Preis—ich liebe Delacroix hinaus—, Vermittler und Vermenger der Künste und der Sinne selber, heraufgekommene Plebejer, welche gleich Balzac, im Verlangen nach Glanz und Ruhm unersättlich und eines vornehmen tempo im Leben und Schaffen—eines lento—unfähig zeigten? Man gestehe es sich doch ein: wie viel Wagnerisches ist doch an dieser französischen Romantik! Auch jener hysterisch-erotische Zug, den Wagner am Weibe besonders geliebt und in Musik gesetzt hat, ist am besten gerade in Paris zu Hause: man frage nur die Irrenärzte—; und nirgendswo werden einmal die hypnotisirenden Griffe und Hand-Auflegungen, mit denen unser musikalischer Magus und Cagliostro seine Weiblein zur wollüstigen Nachtwandelei mit offnen Augen und geschlossenem Verstande zwingt und überredet, so gut “verstanden” werden als unter Pariserinnen. Die Nähe von krankhaften Begierden, die Brunst rasend gewordener Sinne, über welche der Blick durch Dünste und Schleier des Übersinnlichen auf gefährliche Weise getäuscht wird: wohin gehört das mehr als in die Romantik der französischen Seele! Hier wirkt ein Zauber, der unvermeidlich einmal noch die Pariser zu Wagner belehren wird.— Wagner aber soll durchaus der eigentlich deutsche Künstler sein: so dekretirt man heute in Deutschland, so verehrt man ihn, in einer Zeit, welche wieder einmal die prahlerische Deutschthümelei auf die Höhe bringt. Diesen “eigentlich deutschen” Wagner giebt es gar nicht: ich vermuthe, der ist die Ausgeburt sehr dunkler deutscher Jünglinge und Jungfrauen, welche sich mit diesem Dekrete selbst verherrlichen wollen. Daß irgend Etwas an Wagner deutsch sein mag, ist wahrscheinlich: aber was? Vielleicht nur der Grad, nicht die Qualität seines Wollens und Könnens? Vielleicht nur, daß er alles stärker, reicher, verwegener, härter gemacht hat als es irgend ein Franzose des neunzehnten Jahrhunderts machen könnte? Daß er gegen sich selber strenger und den längsten Theil seines Lebens in deutscher Weise, auf eigne Faust, als unerbittlicher Atheist, Antinomist und Immoralist gelebt hat? Daß er die Figur eines sehr freien Menschen, des Siegfried, erdichtete, welche in der That zu frei, zu hart, zu wohlgemuth, zu unchristlich für den lateinischen Geschmack sein mag?— Freilich hat er auch diese Sünde wider die französische Romantik am Ende wieder quitt zu machen gewußt: der letzte W, in seinen alten Tagen ist mit seiner Siegfried-Caricatur, ich meine mit seinem Parsifal, nicht nur dem romanischen, sondern geradezu dem römisch-katholischen Geschmacke entgegen gekommen: bis er zuletzt gar noch mit einer Kniebeugung vor dem Kreuze und mit einem nicht unberedten Durste nach “dem Blute des Erlösers” Abschied genommen hat. Auch von sich selber! Denn es gehört bei altgewordnen Romantikern zur leidigen Regel, daß sie am Schlusse ihres Lebens sich selber “verleugnen” und verkennen,—und ihr Leben—durchstreichen!— Zuletzt sei noch gefragt: wenn jenes Geschlecht der dreißiger Jahre in Blut und Nerven die Erben und noch mehr die Opfer jener tragischen Erschütterungen der Napoleonischen Zeit sind,—Beethoven hat diesem Geschlechte in Tönen und Byron in Worten präludirt—wird es nicht erlaubt sein, an eine ähnliche Abkunft der Seele Richard Wagners zu denken? Er ist 1813 geboren.

37 [16]

Ich beobachte, daß unter denen, welche jetzt in der Welt herumreisen, Niemand gern sich als Franzose angesehen sieht, wenn er es nicht ist. Als Engländer geschätzt zu werden, scheint einigen Nordländern, z. B. den Schweden, Vergnügen zu machen: der Engländer ist stolz. Der Deutsche genießt jetzt im Auslande einen Zuschuß von Erstaunen und Achtung, gegen frühere Zeiten gerechnet, aber er macht keine Freude; der Preuße insonderheit ist den Südländern Europas immer noch peinlich, nicht wegen seines Stolzes—denn er ist nicht stolz—sondern wegen seiner Unbescheidenheit und schlechten, harten, oft zudringlichen Manieren. Der Süddeutsche ist plump, bäurisch, gutmüthig und doch nicht vertraueneinflößend: man wittert bei ihm die berühmten “zwei Seelen in einer Brust.”

37 [17]

Man kann nicht hoch genug von den Frauen denken: aber deshalb braucht man noch nicht falsch von ihnen zu denken. Man soll darin gründlich auf der Hut sein. Daß sie selber im Stande wären, die Männer über “das ewig-Weibliche” aufzuklären, ist unwahrscheinlich; sie stehn sich vielleicht zu nahe dazu,—und überdies ist alles Aufklären selber—bisher wenigstens—Männer-Sache und Männer-Gabe gewesen. Endlich darf man bei alledem, was Weiber über das Weib schreiben, ein gutes Mißtrauen sich vorbehalten: nämlich ob nicht, ganz unwillkürlich, ein Weib, auch wenn es schreibt, zuletzt thun muß, was—bisher wenigstens—ewig-weiblich war: nämlich “sich putzen”! Hat man jemals einem Weibskopfe schon Tiefe zugestanden? Und einem Weibs-Herzen—Gerechtigkeit? Ohne Tiefe aber und Gerechtigkeit—was nützt es, wenn Weiber “über das Weib” urtheilen! Mit der Liebe und dem Lobe selbst wenn man sich selber liebt und lobt, ist sicherlich die Gefahr nicht vermindert, ungerecht und flach zu sein. Mögen manche Frauen einen guten Grund haben, zu denken, daß ihnen die Männer nicht mit Lob und Liebe entgegenkommen: ganz im Großen gerechnet, dünkt mich, daß bisherdas Weibam meisten von den Weibern gering geachtet worden ist—und durchaus nicht vom Manne!

37 [18]

Ein Mensch, der nach Großem strebt, betrachtet Jedermann , dem er auf seiner Bahn begegnet, entweder als Mittel oder als Verzögerung oder als zeitweiliges Ruhebett. Seine ihm eigenthümliche hochgeartete Güte gegen Mitmenschen ist erst möglich, wenn er auf seiner Höhe ist und herrscht. Die Ungeduld und das Gefühl, bis dahin immer zur Komödie verurtheilt zu sein, verdirbt ihm jeden Umgang: diese Art Mensch kennt die Einsamkeit und was sie vom Giftigsten an sich hat.

11, 37[1-18] Juni-Juli 1885

37 [1]

Against what I dare to present in this book, many a hearty objection can certainly be made, from close up, and even more from afar. I have anticipated a part of these objections myself, thanks to much practice in hearing and dueling to one, but unfortunately also answered them in advance: so that so far the entire burden of my “truths” has remained on me. It will be understood that these are unpleasant truths; and if there is a faith that makes one blessed, well then, here is a faith that does not!

But why should things be arranged to give us pleasure?—Though this time, to be honest, I would gladly enjoy the pleasure of being *refuted*.—And if, on the other hand, knowledge serves no purpose, then why knowledge?—

In the end, it may just be a matter of time: one eventually comes to terms even with the devil. And if things are not arranged to give us pleasure, who could prevent us from arranging them—*to do so*?

37 [2]

It is in bad taste to want to agree with many. Basically, my friend Satis is enough for me: you know who that is, don't you? Satis sunt mihi pauci, satis est unus, satis est nullus. And in the end, it remains the case: the great things are left and reserved for the great, the abysses for the deep, the delicacies and shudders for the fine, and, in the whole and in short, everything rare for the rare.

My judgment is my judgment: another person does not easily have the right to it as well.— And you, my dear neighbor, who just now are peering over my shoulder into the book, you even insist on agreeing with me in this? You look into this book and say Yes to it? Away with you! I absolutely do not want to become distrustful of what I have just written on your account. For I, too, love the truth, like all philosophies: all philosophers have loved their truths hitherto — —

37 [3]

I forgot to say that such philosophers are cheerful and that they like to sit in the abyss of a completely bright sky:—they need other means to endure life than other people, for they suffer differently: (namely as much from the depth of their contempt for humanity as from their love).— The most suffering animal on earth invented—laughter.

37 [4]

Morality and Physiology.— We consider it a hastiness that human consciousness has been regarded for so long as the highest stage of organic development and as the most astonishing of all earthly things, indeed almost as their blossom and “goal.” What is more astonishing, however, is the body: one cannot admire enough how the human body has become possible: how such an immense union of living beings, each dependent and subservient and yet in a certain sense again commanding and acting from its own will, can live, grow, and endure for a time as a whole—: and this evidently happens not through consciousness! To this “miracle of miracles,” consciousness is merely a “tool” and nothing more—in the same sense in which the stomach is a tool for it.The magnificent interconnection of the most manifold life, the arrangement and integration of higher and lower activities, the thousandfold obedience which is neither blind nor mechanical, but rather a choosing, clever, considerate, even resistant obedience—this entire phenomenon of the "body" is, measured by intellectual standards, so superior to our consciousness, our "spirit," our conscious thinking, feeling, and willing, as algebra is to the multiplication table. The "nervous and brain apparatus" is not constructed so finely and "divinely" in order to produce thinking, feeling, and willing at all; rather, it seems to me that precisely for thinking, feeling, and willing, no "apparatus" is necessary in itself, but that this, precisely this—is "the thing itself."Rather, such an enormous synthesis of living beings and intellects, which is called "human," will only be able to live when that fine connecting and mediating system—and thereby a lightning-fast understanding among all these higher and lower beings—is created, and indeed through living mediators alone: but this is a moral, not a mechanistic problem! To fabricate tales of "unity," of "soul," of "person," we have forbidden ourselves today: with such hypotheses, one complicates the problem, that much is clear.And even those smallest living beings that constitute our body (more accurately: of whose interaction that which we call "body" is the best analogy—), we do not regard as soul-atoms, but rather as something growing, struggling, multiplying, and dying again: so that their number fluctuates constantly, and our life, like all life, is at the same time a continual dying. There are therefore as many "consciousnesses" in man as there are beings that constitute his body at every moment of his existence.The distinctive feature of what is usually thought of as the only "consciousness," the intellect, is precisely that it remains protected and closed off from the innumerable multiplicity in the experiences of these many consciousnesses and, as a consciousness of a higher rank, as a ruling plurality and aristocracy, is presented with only a selection of experiences, moreover, all simplified, made clear and comprehensible, thus falsified experiences—so that it, in turn, may continue in this simplifying and making clear, thus falsifying, and prepare what is commonly called "a will"—every such act of will presupposes, as it were, the appointment of a dictator.What, however, presents our intellect with this selection, what has already simplified, approximated, and interpreted the experiences, is certainly not this intellect itself: no more than it is what executes the will, what takes up a pale, thin, and extremely imprecise idea of value and power and translates it into living force and precise measures of value. And the very same kind of operation that takes place here must continually occur at all deeper levels, in the interaction of all these higher and lower beings with one another: this same selecting and presenting of experiences, this abstracting and combining of thoughts, this willing, this retranslation of the always very indeterminate will into definite activity.At the guide of the body, as said, we learn that our life is possible only through an interplay of many very unequal intelligences and thus only through a constant thousandfold obeying and commanding—morally speaking: through the unceasing practice of many virtues—is possible. And how could one stop speaking morally!— — In this way, chattering, I gave myself unrestrainedly to my teaching drive, for I was blissful to have someone who could endure listening to me. But precisely at this point, Ariadne could no longer endure it—the story took place, namely, during my first stay on Naxos—: “But my dear sir,” she said, “you are speaking pig-German!”— “German,” I replied cheerfully, “simply German!”Leave the pig out, my goddess! You underestimate the difficulty of saying fine things in German!”— “Fine things! Ariadne cried in horror: but that was only positivism! Snout-philosophy! Conceptual hodgepodge and nonsense from a hundred philosophies! Where will this lead!”—and as she spoke, she played impatiently with the famous thread that once guided her Theseus through the labyrinth.— Thus it came to light that Ariadne was two millennia behind in her philosophical education.

37 [5]

In books of aphorisms like mine, between and behind short aphorisms, there are nothing but forbidden long things and chains of thoughts; and some of it may well be questionable enough for Oedipus and his Sphinx. I do not write treatises: those are for donkeys and journal readers. Nor do I write speeches. My “untimely meditations” I addressed as a young man to young people, to whom I spoke of my experiences and vows, to lure them into my labyrinths, to German youths: but I am persuaded to believe that German youths have become extinct. Very well: so I have no reason anymore to be “eloquent” in that earlier manner; today—I might perhaps no longer be able to.

Who has sat day and night, year in and year out, with his soul in the most intimate dispute and dialogue, who in his cave—it can be a labyrinth or a gold mine—became a cave bear or treasure hunter, who like me let all sorts of thoughts, concerns, and questionable things run through his head over his heart, which he would not always share, even if he had spirits of his kind and bold, carefree comrades around him: his very concepts eventually take on a twilight hue of their own, a scent as much of depth as of decay; something uncommunicative and reluctant, which blows cold on every curious person:—and a hermit’s philosophy, even if written with a lion’s claw, would still always look like a philosophy of “scare quotes.”

37 [6]

One also hears in the writings of a hermit something of the echo of desolation, something of the whispering tone and timid glances of solitude: even his strongest words and cries sound almost like a new and more dangerous kind of silence, of keeping silent.

37 [7]

Suppose one imagines a philosopher as a great educator, powerful enough to draw long chains of generations up to himself from a lonely height: then one must also grant him the uncanny privileges of the great educator. An educator never says what he himself thinks, but always only what he thinks about a matter in relation to the benefit of the one he educates. In this disguise, he must not be guessed; it belongs to his mastery that one believes in his honesty. He must be capable of all means of discipline and punishment: some natures he advances only through lashes of scorn, others—sluggish, indecisive, cowardly, vain—perhaps with exaggerated praise. Such an educator is beyond good and evil; but no one must know it.

37 [8]

It approaches, inexorably, hesitantly, terribly like fate, the great task and question: how should the Earth as a whole be administered? And to what end should “mankind” as a whole—and no longer a people, a race—be drawn and bred?

The legislative moralities are the main means by which one can shape from man what pleases a creative and profound will: provided that such an artist-will of the highest rank has power in its hands and can enforce its creative will over long periods of time, in the form of legislations, religions, and customs.

Such people of great achievement, the truly great people as I understand them, will be sought in vain today and probably for a long time to come: they are missing—until, after much disappointment, one must finally begin to grasp why they are missing and that nothing is more hostile to their emergence and development now and for a long time than what is currently called in Europe, straightforwardly, “the morality”: as if there were no other and could be none—that herd-animal morality mentioned earlier, which strives with all its might for the general green pasture happiness on earth, namely security, harmlessness, comfort, ease of life, and ultimately, “if all goes well,” also hopes to do away with all kinds of shepherds and lead rams.Their two most abundantly preached doctrines are called: “Equality of Rights” and “Compassion for all Suffering”—and suffering itself is taken by them as something that must absolutely be abolished. That such “ideas” can still be modern gives a poor notion of But whoever has thoroughly considered where and how the plant man has hitherto grown most vigorously must assume that this has happened under the opposite conditions: that for this, the danger of his situation must grow to an enormous degree, his inventive and dissembling power must struggle upward under long pressure and compulsion, his will to live must be heightened to an unconditional will to power and to supremacy, and that danger, hardness, violence, danger in the street and in the heart, inequality of rights, concealment, stoicism, tempter-art and devilryof every kind, in short the opposite of all herd desirabilities, are necessary for the elevation of the type Man. A morality with such reversed intentions, which aims to breed man for the heights rather than for comfort and mediocrity, a morality with the intention of breeding a ruling caste—the future Masters of the Earth—must, in order to be taught, introduce itself in connection with the existing moral law and under its words and appearances; but that many transitional and deceptive means must be invented for this purpose, and that, since the lifespan of a single human being is almost nothing in relation to the execution of such protracted tasks and intentions, above all a new species must first be bred in which the same will, the same instinct, is guaranteed duration through many generations: a new master species and caste—this is understoodas well as the long and not easily pronounceable Et-cetera of this thought. A reversal of values to prepare and, for this purpose, to gradually and cautiously unleash a multitude of restrained and slandered instincts in them for a certain strong type of people of the highest spirituality and willpower: whoever reflects on this belongs to us, the free spirits—admittedly, perhaps to a newer kind of “free spirits” than the previous ones: for they desired roughly the opposite.Here belong, as it seems to me, above all the pessimists of Europe, the poets and thinkers of an indignant idealism, insofar as their dissatisfaction with the entire existence also compels them to dissatisfaction with the present human being at least logically; likewise certain insatiably ambitious artists, who unhesitatingly and unconditionally fight for the special rights of higher human beings and against “the herd animal” and, with the seductive means of art, lull all herd instincts and herd caution to sleep in more select spirits; thirdly, finally, all those critics and historians by whom the happily begun discovery of the ancient world—it is the work of the new Columbus, the German spirit—is boldly continued—for we still stand only at the beginning of this conquest.In the old world, indeed, a different, a more lordly morality prevailed than today; and the ancient man, under the educating spell of his morality, was a stronger and deeper man than the man of today—he was hitherto alone “the well-turned-out man.” The temptation, however, which emanates from antiquity upon well-turned-out, i.e., upon strong and enterprising souls, is even today the finest and most effective of all antidemocratic and antichristian temptations: as it already was in the time of the Renaissance.

37 [9]

Above all these national wars, new “empires,” and whatever else stands in the foreground, I look beyond: what concerns me—for I see it slowly and hesitantly preparing—is the One Europe. In all the more comprehensive and profound people of this century, it was the true collective work of their souls to prepare this new synthesis and tentatively anticipate “the European” of the future: only in their weaker moments, or when they grew old, did they fall back into the national narrowness of the “fatherlands”—then they were “patriots.” I think of people like Napoleon, Goethe, Beethoven, Stendhal, Heinrich Heine, Schopenhauer; perhaps Richard Wagner also belongs here, about whom, as a well-turned type of German ambiguity, nothing can be said without such a “perhaps.”

But to what stirs and takes shape in such minds as a need for a new unity or already as a new unity with new needs, a great economic fact stands by in explanation: the small states of Europe, I mean all our present states and “empires,” must, given the unconditional pressure of great commerce and trade toward a final boundary, toward world commerce and world trade, soon become economically untenable.(Money alone already forces Europe to eventually coalesce into a single power.) However, to enter the struggle for world governance with good prospects—it is obvious against whom this struggle will be directed—Europe will probably need to seriously "come to an understanding" with England: it requires England's colonies for that struggle just as present-day Germany, in practicing its new role as mediator and broker, requires the colonies of Holland.Nobody believes anymore that England itself is strong enough to continue playing its old role for even fifty more years; it is perishing from the impossibility of excluding the *homines novi* from government, and one need not have such a change of parties to manage such protracted affairs—today, one must first be a soldier to avoid losing one's credit as a merchant. Enough: in this, as in other matters, the next century will follow in Napoleon’s footsteps, the first and anticipatory man of modern times.

For the tasks of the coming centuries, the types “public opinion” and parliamentarism are the most unsuitable organizations.

37 [10]

I distinguish, among the higher men as well as among peoples, those who want the world round, whole, and firm—perhaps large, very large but by no means “infinite”—and those who love the clouds: because clouds conceal, because clouds let one “sense.” Among the latter belong, among the peoples, the Germans; and for this reason it is not advisable for a thinker of the opposite disposition to build his hut among them. The air is too cloudy for him there. The German “simplicity,” the German belief in the “pure fool”: he always translates this into French and calls it la niaiserie allemande.The German “Gemüth”: he understands by it literally what Goethe understood by it: “Indulgence towards the weaknesses of others and one’s own.” The German lack of taste: he finds it hair-raising,;—I have already pointed it out with my fingers on the occasion of a feeble book by Strauss. Seen from abroad, one may doubt whether Germany can now boast ten men who are capable of judgment in questions of literary form and have depth. Depth, namely, is necessary to comprehend the delicate needs for form at all; only from depth, from the abyss, does one enjoy all the happiness that lies in the bright, secure, colorful, superficial of every kind.But the Germans believe themselves to be profound when they feel heavy and melancholic—they sweat when they think, and sweating serves them as proof of their "seriousness." Their spirits are clumsy, the spirit of beer is powerful even in their thoughts—and they even call it their "idealism"! Indeed, the Germans have, as they at least believe themselves, taken this idealism far, "as far as the stars," and they might, if German modesty otherwise allowed, boldly sit beside the Greeks as the famous people of "poets and thinkers." Or, to let this self-confidence speak immodestly for once, and with the verse of a great idealist:

“How much the Greeks are praised!
They must hide away,
“When the German Muse stirs.
“Horace lives in Flemming,
“Naso hovers in Opitz,
“In Greiff, Seneca’s sorrow.”
Leibniz.

37 [11]

The socialism—as the thought-through tyranny of the least and dumbest, the superficial, the envious, and the three-quarters actors—is in fact the conclusion of modern ideas and their latent anarchism: but in the tepid air of democratic well-being, the capacity to draw conclusions or even to conclude slackens. One follows,—but one no longer infers. That is why socialism as a whole is a hopeless, sour affair; and nothing is funnier to behold than the contradiction between the poisonous and desperate faces which socialists make today,—and what wretched, crushed feelings their style even bears witness to!—and the harmless lamb-like happiness of their hopes and desirabilities.

At many places in Europe, there may well be occasional skirmishes and raids on their part: the next century will have its insides thoroughly "rumbling" here and there, and the Paris Commune, which also has its defenders and advocates in Germany (e.g., the philosophical grimace-maker and swamp newt E D in Berlin), was perhaps only a milder indigestion compared to what is coming.Nevertheless, there will always be too many possessors for socialism to mean more than a sickness-attack: and these possessors are like one man of one faith “one must possess something to be something.” This, however, is the oldest and healthiest of all instincts: I would add “one must want to have more than one has, to become more.” Thus sounds the doctrine which is preached to all that lives by life itself: the morality of development. To have and to want to have more, growth in a word—that is life itself. In the doctrine of socialism there lurks badly a “will to the negation of life”; it must be ill-constituted men or races who invent such a doctrine.In fact, I wish it would be proven through some great experiments that in a socialist society, life negates itself, cuts off its own roots. The earth is large enough, and mankind still unexhausted enough, that such a practical lesson and *demonstratio ad absurdum*, even if it were gained and paid for with an enormous expenditure of human lives, would not seem desirable to me.At least, even as a restless mole beneath the soil of a society rolling into stupidity, socialism may still be something useful and salutary: it delays the “peace on earth” and the complete emasculation of the democratic herd animal, it forces Europeans to retain some spirit, namely cunning and caution, not to entirely renounce the masculine and warlike virtues, and to preserve a remnant of spirit, of clarity, dryness, and coldness of the mind—it protects Europe for the time being from the marasmus femininus that threatens it.

37 [12]

In the main, I give the artists more right than all philosophers hitherto: they did not lose the great track on which life goes, they loved the things of “this world,”—they loved their senses. To strive for desensualization: that seems to me a misunderstanding or an illness or a cure, where it is not mere hypocrisy or self-deception. I wish for myself and all those who live—are allowed to live—without the anxieties of a Puritan conscience, an ever greater spiritualization and multiplication of the senses; yes, we want to be grateful to the senses for their fineness, fullness, and strength and offer them the best of spirit that we have in return.

What do we care about the priestly and metaphysical defamations of the senses! We no longer need this defamation: it is a sign of well-being when someone, like Goethe, clings with ever greater pleasure and warmth to "the things of the world"—for in this way, he upholds the great conception of man, that man becomes the transfigurer of existence when he learns to transfigure himself.— But what are you saying? someone objects. Are there not among artists today the worst pessimists? What do you think, for example, of Richard Wagner? Is he not a pessimist?— I scratch my ears:

37 [13]

Historians today want too much and all sin against good taste; they force their way into the souls of people to whose rank and company they do not belong. What, for example, does an excited, sweating plebeian like Michelet have to do with Napoleon? It is irrelevant whether he hates or loves him, but because he sweats, he does not belong near him. What does that mediocre, in the bad sense elegant Thiers have to do with the same Napoleon? He makes one laugh, the little man, when he assesses the great man against Caesar, Hannibal, and Frederick with the air of a wise judge.

I value it more highly when a historian also shows where the ground is too hot or too sacred for his feet; but a historian who, at the right time, "takes off his shoes" or puts on his shoes and walks away is, in this age of innocent impudence, a rare bird. The German scholars, among whom the "historical sense" was invented—now the French are practicing it—all reveal that they do not come from any ruling caste: as knowers, they are intrusive and lack the finer shame.

37 [14]

I called my unconscious workers and preparers. But where might I search with some hope for my kind of philosophers themselves, at least for my need for new philosophers? Only there where a noble way of thinking prevails, one that believes in slavery and many degrees of servitude as the prerequisite of every higher culture; where a creative way of thinking prevails, which does not set the happiness of rest, the “Sabbath of all Sabbaths,” as its goal and itself honors peace as the means to new wars; a way of thinking that prescribes laws for the future, which for the sake of the future treats itself and all that is present harshly and tyrannically; an unhesitating, “immoral” way of thinking, which seeks to cultivate the good and the bad qualities of man equally in the grand manner, because it trusts in its own strength,both to put in the right place—at the place where they both need each other. But who today seeks philosophers, what prospect does he have of finding what he seeks? Is it not likely that he, searching with the best Diogenes lantern, runs around in vain day and night? The age has the reversed instincts: it wants above all and first comfort; it wants secondly publicity and that great actor's noise, that great hubbub which corresponds to its fairground taste; it wants thirdly that everyone lies on their belly with the deepest subservience before the greatest of all lies—this lie is called "equality of men"—and honors exclusively the equalizing, leveling virtues.But this is fundamentally opposed to the emergence of the philosopher as I understand him, even if it innocently believes itself to be beneficial to him. Indeed, the whole world laments today how badly philosophers had it earlier, squeezed between stakes, bad conscience, and presumptuous church father wisdom: but the truth is that even in this there were still more favorable conditions for cultivating a powerful, comprehensive, cunning, and daringly adventurous spirit than in the conditions of today's life. Today, a different kind of spirit, namely the demagogue's spirit, the actor's spirit, perhaps also the beaver and ant spirit of the scholar, has favorable conditions for its emergence.But the higher artists fare even worse: do they not almost all perish from inner licentiousness? They are no longer tyrannized from without by the absolute value tables of a church or a court: thus they no longer learn to cultivate their “inner tyrant,” their will. And what holds true for artists holds true in a higher and more fateful sense for philosophers. Where are the free spirits today? Show me a free spirit today!— Well! Let us not speak too loudly! Solitude today is full of secrets and more solitude than ever.— — Indeed, I have since learned that the free spirit must be a hermit.

37 [15]

Another demagogic talent of our time is Richard Wagner: but he belongs to Germany.— Really? Let us allow an opposite estimation to have its say. The Parisians may resist and rebel against Richard Wagner as much as they like: in the end, he belongs more to Paris than to D, and in any case more there than to any other capital in Europe. Granted, the kind of Frenchmen most akin to him may have become scarce there now:—I mean that offspring of the romantisme of the 1830s, among whom he, in the most decisive time of his life, wanted to live. There he felt more kindred and at home than in Germany, with his immense craving for exotic scents and colors and untried new excesses of the sublime, with his sun-poor, tormented happiness in the discovery of the ugly and the horrible.

What did these Romantics seek differently, what did they find and invent differently than Richard Wagner? Were they not all, like him, cleverly ill, violent, and uncertain of themselves, dominated by literature down to their eyes and ears, mostly even writers, poets, artists of expression at any cost—I love Delacroix out of it—, mediators and mixers of the arts and the senses themselves, risen plebeians who, like Balzac, showed themselves insatiable in their desire for splendor and fame and incapable of a noble tempo in life and creation—a lento? Let us admit it: how much Wagnerian is there in this French Romanticism!That hysterical-erotic trait which Wagner particularly loved and set to music in women is best at home precisely in Paris: just ask the psychiatrists—; and nowhere else will the hypnotic grips and hand-layings, with which our musical magus and Cagliostro compels and persuades his little women into lustful sleepwalking with open eyes and closed minds, be so well “understood” as among Parisian women. The proximity of pathological desires, the frenzy of senses gone mad, over which the gaze is dangerously deceived through mists and veils of the supernatural: where does this belong more than in the romance of the French soul!Here a magic is at work that will inevitably one day teach the Parisians about Wagner.— Yet Wagner is supposed to be the quintessentially German artist: that is how it is decreed in Germany today, that is how he is revered, in a time that once again brings German braggadocio to its peak. This “quintessentially German” Wagner does not exist at all: I suspect he is the brainchild of some very obscure German youths and maidens who wish to glorify themselves with this decree. That something about Wagner might be German is probable: but what? Perhaps only the degree, not the quality, of his will and ability? Perhaps only that he made everything stronger, richer, bolder, harder than any Frenchman of the nineteenth century could have done?That he was stricter with himself and lived the longest part of his life in the German manner, on his own, as an unrelenting atheist, antinomian, and immoralist? That he invented the figure of a very free man, Siegfried, who may indeed be too free, too harsh, too cheerful, too un-Christian for the Latin taste?— Certainly, he also knew how to make amends for this sin against French Romanticism in the end: in his old age, the last W., with his Siegfried caricature—I mean with his Parsifal—came to meet not only the Romanic but even the Roman Catholic taste, until he finally even took his leave with a bow before the cross and with a not uncalculated thirst for “the blood of the Redeemer.”Also of themselves! For it is the tiresome rule among aged romantics that at the end of their lives they "deny" and misjudge themselves—and cross out their lives!— Finally, let us ask: if that generation of the thirties, in blood and nerves, are the heirs and even more the victims of those tragic upheavals of the Napoleonic era—Beethoven has preluded to this generation in tones and Byron in words—will it not be permitted to think of a similar descent of Richard Wagner's soul? He was born in 1813.

37 [16]

I observe that among those who now travel around the world, no one likes to be seen as French if they are not. Being esteemed as English seems to give some Northerners, e.g., the Swedes, pleasure: the Englishman is proud. The German now enjoys abroad an increase of astonishment and respect, compared to earlier times, but he does not bring joy; the Prussian in particular is still unpleasant to the Southern Europeans, not because of his pride—for he is not proud—but because of his immodesty and bad, harsh, often intrusive manners. The South German is clumsy, rustic, good-natured, and yet not inspiring of trust: one senses in him the famous “two souls in one breast.”

37 [17]

One cannot think too highly of women: but that does not mean one must think falsely of them. One should be thoroughly on guard in this matter. That they themselves would be capable of enlightening men about “the eternal-feminine” is unlikely; they may stand too close to it for that,—and besides, all enlightening itself—at least so far—has been a man’s affair and a man’s gift. Finally, one may reserve a healthy skepticism about everything women write about women: namely, whether a woman, even when she writes, does not ultimately—quite unconsciously—have to do what has—at least so far—been eternally feminine: namely, “to adorn herself”!

Has one ever granted a woman's head depth? And a woman's heart—justice? Without depth and justice—what use is it if women "judge the woman"? Even with love and praise, if one loves and praises oneself, the danger of being unjust and shallow is certainly not diminished. Some women may have good reason to think that men do not meet them with praise and love: but on the whole, it seems to me that so far "the woman" has been most despised by women themselves—and not at all by men!

37 [18]

A person who strives for greatness regards everyone they encounter on their path as either a means, a delay, or a temporary resting place. Their unique, highly refined kindness toward others is only possible once they have reached their height and reign. Impatience and the feeling of being condemned to play a role until then spoil every interaction for them: this kind of person knows solitude and the most poisonous aspects it holds.

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