13, 22[1-29] September-Oktober 1888
22 [1]
Randbemerkung zu einer niaserie anglaise.— “Was du nicht willst, daß dir die Leute thun, das thue ihnen auch nicht.” Das gilt als Weisheit; das gilt als Klugheit; das gilt als Grund der Moral—als “güldener Spruch”. John Stuart Mill und wer nicht unter Engländern glaubt daran ... Aber der Spruch hält nicht den leichtesten Angriff aus. Der Calcul “thue nichts, was dir selber nicht angethan werden soll” verbietet Handlungen um ihrer schädlichen Folgen willen: der Hintergedanke ist, daß eine Handlung immer vergolten wird. Wie nun, wenn Jemand, mit dem “principe” in der Hand, sagte “gerade solche Handlungen muß man thun, damit Andere uns nicht zuvorkommen—damit wir Andere außer Stand setzen, sie uns anzuthun?”— Andrerseits: denken wir uns einen Corsen, dem seine Ehre die vendetta gebietet. Auch er wünscht keine Flintenkugel in den Leib: aber die Aussicht auf eine solche, die Wahrscheinlichkeit einer Kugel hält ihn nicht ab, seiner Ehre zu genügen ... Und sind wir nicht in allen anständigen Handlungen eben absichtlich gleichgültig gegen das, was daraus für uns kommt? Eine Handlung zu vermeiden, die schädliche Folgen für uns hätte — das wäre ein Verbot für anständige Handlungen überhaupt ...
Dagegen ist der Spruch werthvoll, weil er einen Typus Mensch verräth: es ist der Instinkt der Heerde, der sich mit ihm formulirt—man ist gleich, man nimmt sich gleich: wie ich dir, so du mir— Hier wird wirklich an eine Äquivalenz der Handlungen geglaubt, die, in allen realen Verhältnissen, einfach nicht vorkommt. Es kann nicht jede Handlung zurückgegeben werden: zwischen wirklichen “Individuen” giebt es keine gleiche Handlung, folglich auch keine “Vergeltung” ... Wenn ich etwas thue, so liegt mir der Gedanke vollkommen fern, daß überhaupt dergleichen irgend einem Menschen möglich sei: es gehört mir ... Man kann mir Nichts zurückzahlen, man würde immer eine “andere” Handlung gegen mich begehen —
22 [2]
| Capitel über | Paulus die jüdische Familie der diaspora die “Liebe” die “freie” Zurechtmachung von Jesus ganz jüdisch-priesterlich a) Tod für unsere Sünde b) der “Erlöser” ist unsterblich |
| der tiefe Haß gegen die Cultur und die Erkenntniß—bereits jüdisch (Genesis 52 |
| die “unsterbliche” Seele | Psychologie der “Sterbenden” 18 der Priester als “böser Engel” 10 |
| was Alles verdorben ist durch die Kirche |
| 1) die Askese 2) das Fasten 66 3) das “Kloster” 4) die Feste 5) die Mildherzigkeit |
Liebe Güte Heroismus 243 |
| Psychologie der ersten Christen 197 63 | “richtet nicht” 11 Protestant 184 große Lüge der Historie 17 |
22 [3]
| Buch 2 | Zu beweisen, daß die nihilistische Denkungsweise die Folge vom Glauben an die Moral und Priester-Werthe ist: wenn man den Werth falsch angesetzt hat, so erscheint, bei der Einsicht in diese Falschheit, die Welt entwerthet ... |
| Buch 3 | die Moral in Hinsicht auf Entstehung, auf Mittel, auf Absicht das unmoralischste Faktum der Geschichte ... ihre Selbst-Widerlegung, insofern sie, um ihre Werthe aufrecht zu erhalten, die Gegenwerthe praktiziren muß ... |
22 [4]
Paulus: er sucht Macht gegen das regierende Judenthum,—seine Bewegung ist zu schwach ... Umwerthung des Begriffs “Jude”: die “Rasse” wird bei Seite gethan—: aber das hieß das Fundament negiren: der “Märtyrer”, der Fanatiker, der Werth alles starken Glaubens ...
Nie zugestehen, daß die humanitären Wirkungen für das Christenthum sprechen ...
Das Christenthum ist die Verfalls-Form der alten Welt in tiefster Ohnmacht: so daß die kränksten und ungesündesten Schichten und Bedürfnisse obenauf kommen.
22 [5]
Folglich mußten andere Instinkte in den Vordergrund treten, um eine Einheit, eine sich wehrende Macht zu schaffen—, kurz eine Art Nothlage war nöthig, wie jene, aus der die Juden ihren Instinkt zur Selbsterhaltung gewonnen hatten ...
Unschätzbar sind hierfür die Christen-Verfolgungen:—die Gemeinsamkeit in der Gefahr, die Massen-Bekehrungen als einziges Mittel den Privat-Verfolgungen ein Ende zu machen (—man nimmt es folglich so leicht als möglich mit dem Begriff “Bekehrung”)
22 [6]
Götzen-Hammer.
oder
Heiterkeiten
eines Psychologen.
Götzen-Hammer.
Oder:
wie ein Psycholog Fragen stellt.
Von
Friedrich Nietzsche.
Götzen-Hammer.
Müssiggang
eines Psychologen.
Von
Friedrich Nietzsche.
Götzen-Hammer.
Oder:
wie ein Psycholog Fragen stellt.
Von
Friedrich Nietzsche
Leipzig,
Verlag von C. G. Naumann
1889.
Götzen-Dämmerung.
Oder:
wie man mit dem Hammer
philosophirt.
Von
Friedrich Nietzsche.
22 [7]
Ich efinde das Interpretiren nach christ Manier als tiefe Leichtfertigkeit. Sein Leben sich so auslegen, wie es schwäbische Christen thun, scheint mir durchaus unanständig,—es gehört Mangel an der großen Rechtschaffenheit dazu, um nicht zu entdecken, Etwas zu interpretiren—und daß es ein armseliges Kunststück ist—wenn die Wissenschaftlichkeit nicht das Gewissen führt, so ist immer ein Rückstand da von Tüchtigkeit,—um nicht schwach feige, geistlos, in einer christ Weise sich sein Leben zurechtzulegen, wie es in zurückbleibenden Gegenden z.B. in Schwaben möglich ist, was da zurückgeblieben ist war die Rechtschaffenheit ... Nicht der “Geist”: denn es gehört kein Scharfsinn dazu, um den “Schwindel” zu durchschauen, den man dabei treibt
22 [8]
Ein Glaube, der sich auf heilige Bücher stützt, die Niemand als Bücher gelten läßt, die Bücher durch Offenbarung mitgetheilt denen, die die Wahrheit erk als etwas, das gegeben ist, das feststeht, nicht als etwas, wofür und mit unsäglicher Selbstbezwingung und -zucht, ein Glaube der nie den Willen hat, seine heiligen Bücher zu verstehen, der durch “Offenbarung” sicher gestellt ist sein typischer Zustand
22 [9]
Man soll es den Deutschen nie vergeben, die R um ihr Ziel, um ihren Sieg gebracht,—den Sieg über das Christenthum. Die deutsche Reformation ist ihr dunkler Fluch ... Und noch drei Mal hat diese Unglücks-Rasse sich dazwischen gemacht, um den Gang der Cultur zu hemmen—die deutsche Philosophie, die Freiheitskriege, die Gründung des Reichs am Ende des neunzehnten Jahrhunderts—lauter große Verhängnisse der Cultur!
22 [10]
| 57. Cap.) | der heilige Zweck: Manus Gedanken bei seiner Lüge. |
| 58. Cap.) | nie soll man humanitäre Wirkungen des Christenthums zugeben, es hat Alles verdorben— Die furchtbare Einbuße, die alle werthvollen Dinge erlebt haben, daß der Ernst an imaginäre, an schädliche verschwendet wurde; daß erst Mitte dieses Jahrhunderts die Fragen Nahrung, Wohnung, Gesundheit ernst genommen wurden |
| 59. Cap.) | der große Versuch der Gegenwerthe—die Mission der Deutschen |
| 60. Cap. meine Forderungen. |
| 1. | Man vermeide den Umgang mit Solchen, die nach wie vor Christen bleiben,—das aus Gründen der Reinlichkeit. |
| 2. | Die Fälle in Betracht gezogen, wo Christenthum ersichtlich bloß Folge und Syptom von Nervenschwäche, verhindere man mit allen Mitteln, daß von solchen Herden aus die Ansteckung um sich greift. |
| 3. | Daß die Bibel ein gefährliches Buch ist, daß man Vorsicht gegen dasselbe zu lernen hat,—daß es unreifen Altersklassen nicht einfach in die Hand gegeben werden darf |
| 4. | daß man die Priester wie eine Art Tschandala betrachte und behandle |
| 5. | Alle Stätten, Einrichtungen, Erziehung reinigen von der Befleckung des Priesters |
| 6. | Feste und Heilige “Erlöser” |
| 7. | Zeit-Datirung |
22 [11]
Ich habe Fälle erlebt, wo junge Männer achtbarer Herkunft, die lange ihrem Leben kein Ziel zu geben verstehn, zuletzt in geradezu schmutzigen Bewegungen verschwinden,—nur weil diese ihnen ein Ziel geben ... Einige z.B. werden sogar Antisemiten ...
22 [12]
| 58. Was man dem Christenthum verdankt |
| die furchtbare Einbuße, weil Alles, was Werth hat, was wichtig ersten Ranges ist, nicht ernst genommen worden ist ... — jetzt fangen wir an, Gesundheit, Kleidung, Nahrung Wohnung, ernst zu nehmen ... die Vergeudung aller großen Leidenschaft, aller Begeisterung, aller Tiefe und Feinheit des Geistes |
22 [13]
Vom höheren Menschen.
Oder:
die Versuchung Zarathustra’s.
Zarathustra’s Versuchung.
Oder:
wem Mitleiden eine Sünde wäre.
Zarathustra’s Versuchung.
Oder:
wie Mitleiden eine Sünde wird.
wem Mitleiden zur Sünde würde.
22 [14]
Umwerthung aller Werthe.
Der Antichrist. Versuch einer Kritik des Christenthums.
Der Immoralist. Kritik der verhängnissvollsten Art von Unwissenheit, der Moral.
Wir Jasagenden. Kritik der Philosophie als einer nihilistischen Bewegung.
Dionysos. Philosophie der ewigen Wiederkunft.
Zarathustras Lieder
Aus
sieben Einsamkeiten.
22 [15]
Zarathustras Versuchung.
Oder:
an wem Mitleiden zur Sünde
würde.
Von
Friedrich Nietzsche.
22 [16]
Der Fall Wagner. Ein Musikanten-Problem.
Götzen-Dämmerung. Oder: wie man mit dem Hammer philosophirt.
Zarathustra’s Versuchung. Oder: an wem Mitleiden zur Sünde würde.
22 [17]
die Ursächlichkeit des Handelns
die Zwecke falsch angesetzt:
Glück a) eignes b) fremdes
“egoistisch” “unegoistisch”
(—Tiefster Mangel an Selbstbesinnung bei Schopenhauer, der auch noch
c) fremdes Leid d) eignes Leid
hinzufügt: was natürlich nur Spezifikationen des Begriffs
“eignes Glück” sind (a)
wenn Glück Zweck der Handlung ist, so muß Unbefriedigung dem Handeln vorausgehn: pessimistische Fälschung des Thatbestandes. Die Unlust als Motiv zum Handeln.
Meine Theorie: Lust, Unlust, “Wille”, “Zweck” vollkommen bloß Begleit-Erscheinungen,—niemals ursächlich. Alle sogenannte “geistige” Ursächlichkeit ist eine Fiktion
Ursächlichkeit des Handelns
Unlust und Lust Motive
der Wille als ursächlich im Handeln
Vorausgesetzt: daß die ganze Vorgeschichte in der Sphäre des Bewußtseins liegt
daß die eigentliche Ursächlichkeit eine geistige ist ...
daß die “Seele” weiß, was sie will und daß der Werth des Willensaktes bedingt ist durch ihr Wissen ...
daß die Seele frei ist vom Willen und folglich
22 [18]
Die schlechten Handlungen, die der décadents sind gerade durch ihren Mangel an “Egoismus” gekennzeichnet,—sie sind nicht auf den letzten Nutzen gerichtet
Psychologie der sogenannten unegoistischen Handlungen—in Wahrheit sind sie strengstens auf den Selbst-Erhaltungs-Instinkt hin regulirt
das Umgekehrte ist bei den sogenannten egoistischen Handlungen der Fall:
hier fehlt gerade der dirigirende Instinkt,—das tiefe Bewußtsein des Nützlichen und Schädlichen
Alle Stärke, Gesundheit, Vitalität zeigt von der vermehrten Spannung hin zum commandirenden Instinkt des Selbst
alles Locker-werden ist décadence
22 [19]
| Thesen: | es giebt gar keine unegoistische Handlung |
| : | es giebt auch kein egoistisches Handeln |
| : | Glück ist niemals Zweck des Handelns, Unlust niemals Ursache |
| (—die Unlust könnte noch so groß sein: wäre der Mechanismus nicht frei, so gäbe es dennoch keine Handlung. | |
| Lust und Unlust sind keine Ursachen, sie setzen nur Etwas in Bewegung,—sie begleiten es ... |
In wiefern alle Niedrigen, Lasterhaften, Brutalen, Listig-Raffinirten bloß symptomatisch sind für Degenerescenz
der Heerden-Instinkt
Kritik der Mitgefühle
Kritik der Selbstgefühle
Warum Wahrheit?
22 [20]
Falsche Consequenzen des Glaubens ans “ego”
der Mensch strebt nach Glück: aber in diesem Sinne giebt es keine Einheit “welche strebt” ...
und wonach alle Einheiten streben, das ist durchaus nicht Glück—Glück ist eine Begleiterscheinung—beim Auslösen ihrer Kraft: was Handeln macht, ist nicht das Bedürfniß, sondern die Fülle, welche auf einen Reiz hin sich entladet
nicht die “Unlust” Voraussetzung der Thätigkeit, jene Spannung ist ein großer Reiz ...
gegen die pessimistische Theorie, als ob alles Handeln auf Los-werden-wollen einer Unbefriedigung hinausgienge, als ob Lust an sich Ziel irgend welchen Handelns wäre ...
22 [21]
“selbstlose” Handlungen giebt es gar nicht.
Handlungen, in denen das Individuum seinen eignen Instinkten untreu wird und nachtheilig wählt, sind Zeichen der décadence
(—eine Menge der berühmtesten sogenannten “Heiligen” sind einfach durch ihren Mangel an “Egoismus” überführt, décadents zu sein
die Handlungen der Liebe, des “Heroismus” sind so wenig “unselbstisch”, daß sie gerade der Beweis eines sehr starken und reichen Selbst sind
— das Abgeben-können steht den “Armen” nicht frei ... ebensowenig die große Verwegenheit und Lust am Abenteuer, die zum “Heroismus” gehört
nicht “sich opfern” als Ziel, sondern Ziele durchsetzen, über deren Folgen man aus Übermuth und Zutrauen zu sich nicht besorgt ist, gleichgültig ist ...
22 [22]
| a) | die falsche Ursächlichkeit Lust Unlust Wille Zweck “Geist” |
| b) | die falsche Einheit “Seele”, “ich”, “Person” womöglich “unsterbliche Person” — damit ein falscher Altruismus gegeben “ich” und “Andere” (Egoism—Altruism) “Subjekt” “Objekt” |
| c) | die vollkommene Verachtung des Leibes ließ die Einzelperson nicht sehen, die vollkommene minutieuseste Art ihres Organisations-Spiels zur Selbst-Erhaltung und Reinigung der Art der Gattung:—mit anderen Worten den unendl Werth der Einzel-Person als Träger des Lebens-prozesses und, folglich, ihr allerhöchstes Recht auf Egoismus,—wie alle ihre Unmöglichkeit es nicht zu sein ... Thatsächlich ist alles “Unegoistische” décadence-Phänomen. |
22 [23]
Das Bibel-Verbot “du sollst nicht tödten” ist eine Naivetät im Vergleich zu meinem Verbote an die décadents “ihr sollt nicht zeugen!”—es ist Schlimmeres noch, es ist der Widerspruch dazu ... Das höchste Gesetz des Lebens, von Zarathustra formulirt, verlangt, daß man ohne Mitleid sei mit allem Ausschuß und Abfall des Lebens,—daß man vernichte, was für das aufsteigende Leben bloß Hemmung, Gift, Verschwörung, unterirdische Gegnerschaft sein würde,—Christenthum mit einem Wort ... es ist unmoralisch im tiefsten Verstand zu sagen: du sollst nicht tödten ...
22 [24]
| I. | Die Erlösung | vom | Christenthum: der Antichrist |
| II. | von | der Moral: der Immoralist | |
| III. | von | der “Wahrheit”: der freie Geist. | |
| IV. | vom | Nihilismus: |
der Nihilismus als die nothwendige Folge von Christenthum, Moral und Wahrheitsbegriff der Philosophie.
Die Zeichen des Nihilismus ...
ich verstehe unter “Freiheit des Geistes” etwas sehr Bestimmtes: hundert Mal den Philosophen und anderen Jüngern der “Wahrheit” durch Strenge gegen sich überlegen sein, durch Lauterkeit und Muth, durch den unbedingten Willen, Nein zu sagen, wo das Nein gefährlich ist—ich behandle die bisherigen Philosophen als verächtliche libertins unter der Kapuze des Weibes “Wahrheit”.
22 [25]
Der Immoralist.
der Herkunft nach ist Moral: Summe der Erhaltungs-Bedingungen einer armen, halb oder ganz mißrathnen Art Mensch: diese kann die “große Zahl” sein:—daher ihre Gefahr.
Kritik der “Verbesserer”
ihrer Benutzung nach ist sie das Hauptmittel des Priester-Parasitismus im Kampf mit den Starken, den Lebensbejahenden—sie gewinnen “die große Zahl” (die Niedrigen, die Leidenden, in allen Ständen—die Verunglückten aller Art—eine Art Gesammt-Aufstand gegen die kleine Zahl der Gutgearteten ...
Kritik der “Guten”
ihren Folgen nach die radikale Falschheit und Verderbniß selbst jener Ausnahme-Schichten: welche schließlich, um sich nur auszuhalten, in keinem Punkte mehr wahr gegen sich sein dürfen: die vollkommene psychologische Corruption mit dem, was daraus folgt:
22 [26]
Das Kunststück meines Lebens liegt in der Bescheidenheit,—in dem Willen, in der Kraft dazu, sich klein zu machen .. Nicht sich klein zu stellen: sondern gleichsam Etwas zu vergessen, von sich ablösen, eine Distanz schaffen in sich—anders ausgedrückt: im Bewußtsein vollkommener Freiheit die Aufgabe, der Wille, der unbarmherzige Instinkt, den sie bedingt ...
Das Kunststück war, das viele Arme, Schwache, Leidende meines Lebens mir zu Hülfe zu nehmen, um an einer großen Aufgabe nicht zu Grunde zu gehn:—mich gleichsam zu zertheilen—und die andere Hälfte übrigbehalten zur Freundlichkeit, Menschenfreundlichkeit, Geduld, Zugänglichkeit für alles Kleine und Kleinste. Es ist auch die Seite, wo ich raffinirt und klug bin in Dingen des Genießens,—ein guter Leser, ein guter Hörer ... Hier gefallen mir auch Dinge, die vielleicht eine große Liberalität in der Güte noch mehr verlangen als eine feinere Intelligenz; z.B. Petronius, auch Heinrich Heine, Offenbach mit seinen unsterblichen Tricks ...
Gegen die Thatsache, daß fast jede Berührung mit Menschen mir den Begriff vom Thier mit unfreiwilligem Humor gab, erwuchs bei mir nicht gerade eine Geringschätzung: ich habe mich in allen Fällen, wo eine Art Rancune oder Ferocität gegen mich zu Tage, bemüht, irgend etwas zu thun, um eine Erinnerung damit auszuwischen.
22 [27]
Ich habe nie daran gelitten, nicht geehrt zu sein,—ich finde einen Vortheil darin. Andrerseits habe ich so viel Auszeichnung und Ehre in meinem Leben, von früher Jugend an erlebt, daß ich mich
22 [28]
Die Kunst, mich zu trennen,—auseinander zu halten, Eine Hälfte Jahre lang zu vergessen ...
Vortheile aus meiner Krankheit ziehen: die Entlastung von der großen Spannung
das liebevolle Rachenehmen-Lernen für das Kleine.
Es würde mir unmöglich sein, zu erklären, was ich als den schlimmsten Zufall meines Lebens betrachte,—es klänge nicht nur paradox, es klänge undankbar, niedrig.
Die Art Wohlwollen, die ich erfahren habe, hat in vielen Fällen auf mich einen schlimmeren Eindruck gemacht als irgend eine Art Bosheit und Feindseligkeit. Es ist so viel Zudringlichkeit, so viel Mangel an Distanz-Gefühl im Glauben, wohlthun zu können: ich habe öfter das Wohlthun-wollen unter den allgemeinen Begriff der Brutalität gefaßt
Warum ich nie gelitten habe: “unerkannt” zu sein, nicht gelesen zu werden
Noch in meinem 45ten Jahre geben mir Gelehrte der Basler Universität in aller Gutmüthigkeit zu verstehen, die litterarische Form meiner Schriften sei der Grund, weshalb man mich nicht lese, ich sollte das anders machen.
22 [29]
Ein Distanz-Gefühl das zuletzt physiologisch sein möchte bin ich aus der allernächsten Nähe nie los geworden: ich empfinde die Distanz, verschieden zu sein in jedem Verstande, gleichsam unvermischbar und obenauf im Vergleich zu jedem trüben Elemente
Mein Vorrecht, mein Voraus vor den Menschen überhaupt ist, eine Fülle höchster und neuester Zustände erlebt zu haben, in Bezug auf welche zwischen Geist und Seele zu trennen ein Cynismus wäre. Unzweifelhaft muß man Philosoph sein, tief sein bis zum, um von dieser Lichtfülle herauszutreten: aber die Richtigkeit des Gefühls, die lange Tyrannei einer großen Aufgabe sind die noch unentbehrlicheren Vorbedingungen dazu.
13, 22[1-29] September-Oktober 1888
22 [1]
Marginal note on an English niaserie.— “What you do not want people to do to you, do not do to them either.” This is considered wisdom; this is considered prudence; this is considered the foundation of morality—as the “golden rule.” John Stuart Mill and whoever else among the English believes in it... But the saying does not withstand the slightest attack. The calculation “do nothing that you would not want done to yourself” prohibits actions because of their harmful consequences: the underlying thought is that an action will always be repaid. What if someone, armed with the “principle,” said, “precisely such actions must be done so that others do not preempt us—so that we disable others from doing them to us?”— On the other hand: imagine a Corsican whose honor demands vendetta.He too does not wish for a bullet in his body: but the prospect of one, the probability of a bullet does not deter him from satisfying his honor... And are we not deliberately indifferent in all *decent* actions to what comes of them for us? To avoid an action that would have harmful consequences for us—that would be a *prohibition* on decent actions altogether...
On the other hand, the saying is valuable because it reveals a type of human: it is the instinct of the herd that expresses itself through it—one is equal, one treats oneself equally: as I do to you, so you to me— Here, there is actually a belief in an equivalence of actions that simply does not occur in all real circumstances. It cannot be that every action is reciprocated: among real "individuals," there is no equal action, and thus no "retribution" ... When I do something, the thought that anything of the kind could be possible for any other person is completely foreign to me: it belongs to me ... Nothing can be repaid to me; one would always commit a "different" action against me—
22 [2]
| Chapter on | Paul the Jewish family of the diaspora "love" the "free" justification of Jesus entirely Jewish-priestly a) Death for our sin b) the "Redeemer" is immortal |
| the deep hatred against culture and knowledge—already Jewish (Genesis 52 |
| the "immortal" soul | Psychology of the "Dying" 18 |
| what everything is corrupted by the church |
| 1) asceticism 2) fasting 66 3) the “monastery” 4) the festivals 5) mild-heartedness |
Goodness Heroism 243 |
| Psychology of the first Christians 197 63 | “judge not” 11 Protestant 184 great lie of history 17 |
22 [3]
| Book 2 | To prove that the nihilistic way of thinking is the consequence of belief in morality and priestly values: if one has set the value incorrectly, then, upon insight into this falsity, the world appears devalued ... |
| Book 3 | morality, in terms of origin, means, and purpose, the most immoral fact of history ... its self-refutation, insofar as it must practice the counter-values in order to uphold its values ... |
22 [4]
Paulus: he seeks power against the ruling Judaism,—his movement is too weak ... Revaluation of the concept “Jew”: the “race” is set aside—: but that meant negating the foundation: the “martyr”, the fanatic, the value of all strong faith ...
Never admit that the humanitarian effects speak for Christianity ...
Christianity is the decadent form of the ancient world in deepest impotence: so that the sickest and unhealthiest layers and needs come to the top.
22 [5]
Consequently, other instincts had to come to the fore to create a unity, a defensive power— in short, a kind of emergency was necessary, such as the one from which the Jews had derived their instinct for self-preservation ...
The Christian persecutions are invaluable for this:— the solidarity in danger, the mass conversions as the only means to put an end to private persecutions (—one therefore takes the concept of “conversion” as lightly as possible)
22 [6]
Twilight of the Idols.
or
Cheerfulnesses
of a Psychologist.
Twilight of the Idols.
Or:
how a Psychologist asks Questions.
By
Friedrich Nietzsche.
Twilight of the Idols.
Idleness
of a Psychologist.
By
Friedrich Nietzsche.
Twilight of the Idols.
Or:
how a Psychologist asks Questions.
By
Friedrich Nietzsche
Leipzig,
Verlag von C. G. Naumann
1889.
Twilight of the Idols.
Or:
how one philosophizes
with the Hammer.
By
Friedrich Nietzsche.
22 [7]
I find interpreting in the Christian manner to be profound frivolity. To interpret one's life as Swabian Christians do seems to me utterly indecent—it requires a lack of great integrity not to realize that interpreting something—and that it is a wretched trick—when science does not guide the conscience, there is always a residue of competence—so as not to weakly, cowardly, and spiritlessly arrange one's life in a Christian way, as is possible in backward regions, e.g., in Swabia, where what has remained behind is integrity... Not the "spirit": for it takes no keen insight to see through the "fraud" one perpetrates in the process
22 [8]
A faith that relies on sacred books that no one considers books, books revealed to those who recognize truth as something given, something fixed, not as something for which and with unspeakable self-conquest and discipline, a faith that never has the will to understand its holy books, which is secured by "revelation" is its typical state
22 [9]
One should never forgive the Germans for robbing them of their goal, of their victory—the victory over Christianity. The German Reformation is their dark curse... And three more times this unlucky race has interfered to hinder the progress of culture—the German philosophy, the Wars of Liberation, the founding of the Empire at the end of the nineteenth century—all great misfortunes for culture!
22 [10]
| 57. Cap.) | the holy purpose: Manus' thoughts during his lie. |
| 58. Cap.) | one should never admit humanitarian effects of Christianity, it has corrupted everything—the terrible loss that all valuable things have suffered, that seriousness was wasted on imaginary, on harmful things; that only in the middle of this century the questions of nourishment, housing, health were taken seriously |
| 59. Cap.) | the great experiment of counter-values—the mission of the Germans |
| 60. Cap. my Demands. |
| 1. | One should avoid association with those who remain Christians,—for reasons of cleanliness. |
| 2. | Considering the cases where Christianity is evidently merely a consequence and symptom of nervous weakness, one should prevent by all means that the infection spreads from such foci. |
| 3. | That the Bible is a dangerous book, that one must learn to be cautious of it—that it should not simply be handed to immature age groups |
| 4. | that one should regard priests as a kind of Chandala and treat them as such |
| 5. | Cleanse all places, institutions, and education of the contamination of the priest |
| 6. | Festivals and Holy “Redeemers” |
| 7. | Time-Dating |
22 [11]
I have experienced cases where young men of respectable origin, who for a long time fail to give their lives a purpose, ultimately disappear into outright filthy movements—simply because these give them a purpose... Some, for example, even become anti-Semites...
22 [12]
| 58. What One Owes to Christianity |
| the terrible loss, because everything that has value, that is important of the first rank, has not been taken seriously... — now we are beginning to take health, clothing, food, housing seriously... the squandering of all great passion, all enthusiasm, all depth and subtlety of the spirit |
22 [13]
Of the Higher Man.
Or:
Zarathustra’s Temptation.
Zarathustra’s Temptation.
Or:
for whom compassion would be a sin.
Zarathustra’s Temptation.
Or:
how compassion becomes a sin.
for whom compassion would become a sin.
22 [14]
Revaluation of All Values.
The Antichrist. Attempt at a Critique of Christianity.
The Immoralist. Critique of the Most Fateful Kind of Ignorance, Morality.
We Affirming Ones. Critique of Philosophy as a Nihilistic Movement.
Dionysus. Philosophy of Eternal Recurrence.
Zarathustra's Songs
From
Seven Solitudes.
22 [15]
Zarathustra's Temptation.
Or:
for whom compassion would become sin.
By
Friedrich Nietzsche.
22 [16]
The Case of Wagner. A Musician's Problem.
Twilight of the Idols. Or: How to Philosophize with a Hammer.
Zarathustra’s Temptation. Or: for Whom Compassion Would Become a Sin.
22 [17]
the causality of action
the purposes incorrectly assumed:
happiness a) one's own b) others'
“egoistic” “unegoistic”
(—Deepest lack of self-reflection in Schopenhauer, who also adds
c) others' suffering d) one's own suffering
which are naturally only specifications of the concept
“one's own happiness” (a)
if happiness is the purpose of action, then dissatisfaction must precede action: pessimistic falsification of the facts. The displeasure as a motive for action.
My theory: pleasure, displeasure, “will,” “purpose” are merely accompanying phenomena—never causal. All so-called “mental” causality is a fiction
Causality of action
Displeasure and pleasure as motives
the will as causal in action
Presupposed: that the entire prehistory lies within the sphere of consciousness
that the actual causality is a mental one ...
that the “soul” knows what it wants and that the value of the act of will is conditioned by its knowledge ...
that the soul is free from the will and consequently
22 [18]
The bad actions that the décadents are characterized precisely by their lack of “egoism”—they are not directed toward the ultimate utility
Psychology of the so-called unselfish actions—in truth, they are strictly regulated by the self-preservation instinct
the opposite is the case with the so-called egoistic actions:
here, the directing instinct is precisely lacking,—the deep consciousness of the useful and harmful
All strength, health, vitality shows an increased tension toward the commanding instinct of the self
all loosening is décadence
22 [19]
| Theses: | there is no such thing as an unselfish action |
| : | there is also no selfish action |
| : | happiness is never the purpose of action, displeasure never the cause |
| (—no matter how great the displeasure might be: if the mechanism were not free, there would still be no action. | |
| Pleasure and displeasure are not causes, they merely set something in motion—they accompany it... |
To what extent all lowly, vicious, brutal, cunningly sophisticated are merely symptomatic of degeneration
of the herd instinct
Critique of the compassionate feelings
Critique of the self-feelings
Why truth?
22 [20]
False consequences of belief in the “ego”
man strives for happiness: but in this sense there is no unity “which strives” ...
and what all units strive for is by no means happiness—happiness is a byproduct—when releasing their power: what causes action is not need, but the fullness that discharges in response to a stimulus
not “displeasure” as a prerequisite for activity, that tension is a great stimulus ...
against the pessimistic theory, as if all action were aimed at wanting to get rid of an unsatisfaction, as if pleasure in itself were the goal of any action ...
22 [21]
“selfless” actions do not exist at all.
Actions in which the individual is unfaithful to their own instincts and chooses disadvantageously are signs of decadence
(—many of the most famous so-called “saints” are simply convicted of being decadents by their lack of “egoism”
the actions of love, of “heroism” are so little “selfless” that they are precisely the proof of a very strong and rich self
— the ability to give is not free to the “poor” ... nor is the great daring and joy in adventure that belongs to “heroism”
not “sacrificing oneself” as a goal, but pursuing goals whose consequences one is not concerned about out of arrogance and self-confidence, is indifferent ...
22 [22]
| a) | the false causality pleasure displeasure will purpose “spirit” |
| b) | the false unity “soul”, “I”, “person” possibly “immortal person” — thus a false altruism given “I” and “others” (Egoism—Altruism) “subject” “object” |
| c) | the complete contempt for the body did not allow the individual to see the perfectly meticulous nature of its organizational game for self-preservation and purification of the species:—in other words, the infinite value of the individual as the bearer of the life process and, consequently, their highest right to egoism,—as well as all their impossibility of not being ... In fact, everything “unegoistic” is a décadence phenomenon. |
22 [23]
The Bible's prohibition "thou shalt not kill" is a naivety compared to my commandment to the décadents "you shall not procreate!"—it is worse still, it is the contradiction to it ... The highest law of life, formulated by Zarathustra, demands that one be without pity toward all the refuse and waste of life,—that one destroy what would be merely an obstacle, poison, conspiracy, subterranean opposition to ascending life,—Christianity in a word ... it is immoral in the deepest sense to say: thou shalt not kill ...
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| I. | The Redemption | from | Christianity: the Antichrist |
| II. | from | the Morality: the Immoralist | |
| III. | from | the “Truth”: the free Spirit. | |
| IV. | from | Nihilism: |
nihilism as the necessary consequence of Christianity, morality, and the concept of truth in philosophy.
The signs of nihilism ...
I understand by “freedom of the spirit” something very specific: being a hundred times superior to the philosopher and other disciples of “truth” through rigor toward oneself, through integrity and courage, through the unconditional will to say No where the No is dangerous—I treat the previous philosophers as contemptible libertines under the hood of the woman “Truth”.
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The Immoralist.
by origin, morality is: the sum of the conditions of preservation of a poor, half or wholly botched species of man: this can be the “great number”—hence its danger.
Critique of the “improvers”
by its use, it is the principal means of priestly parasitism in the struggle against the strong, the life-affirming—they win over “the great number” (the lowly, the suffering, in all classes—the unfortunate of every kind—a kind of general uprising against the small number of the well-constituted ...
Critique of the “Good”
their consequences after the radical falsity and corruption even of those exceptional layers: which finally, in order to merely endure, may no longer be true to themselves in any point: the complete psychological corruption with what follows from it:
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The art of my life lies in modesty,—in the will, in the strength to make oneself small .. Not to make oneself small: but rather to forget something, to detach oneself, to create a distance within oneself—and in other words: in the consciousness of perfect freedom, the task, the will, the merciless instinct that it entails ...
The art was to have the many poor, weak, suffering people of my life come to my aid, so as not to perish at a great task:—to divide myself, as it were—and to keep the other half for kindness, humanity, patience, accessibility to everything small and smallest.It is also the page where I am raffinirt and clever in matters of enjoyment—a good reader, a good listener... Here I also like things that perhaps demand a great liberality in goodness even more than a finer intelligence; e.g., Petronius, also Heinrich Heine, Offenbach with his immortal tricks...
Against the fact that almost every contact with people gave me the concept of the animal with involuntary humor, I did not exactly develop a contempt: in all cases where a kind of rancune or ferocity against me came to light, I endeavored to do something to erase a memory with it.
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I have never suffered from not being honored—I find an advantage in it. On the other hand, I have experienced so much distinction and honor in my life, from early youth onward, that I
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The art of separating myself,—keeping apart, forgetting one half for years...
Drawing advantages from my illness: the relief from great tension
learning to take loving revenge for the small things.
It would be impossible for me to explain what I consider the worst accident of my life,—it would sound not only paradoxical, it would sound ungrateful, base.
The kind of goodwill I have experienced has in many cases made a worse impression on me than any kind of malice and hostility.There is so much intrusiveness, so much lack of a sense of distance in the belief that one can do good: I have often classified the desire to do good under the general concept of brutality
Why I have never suffered from being “unrecognized,” not being read
Even in my 45th year, scholars from the University of Basel, in all their good-naturedness, let me know that the literary form of my writings is the reason why I am not read, and that I should do it differently.
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A feeling of distance that ultimately wants to be physiological, I have never been rid of it from the very closest proximity: I feel the distance, being different in every sense, as it were unmixed and on top compared to every turbid element
My privilege, my advantage over people in general is to have experienced an abundance of the highest and newest states, with regard to which separating spirit and soul would be a cynicism. Undoubtedly, one must be a philosopher, deep down to the core, to emerge from this abundance of light: but the correctness of feeling, the long tyranny of a great task are the still indispensable prerequisites for it.