13, 24[1-10] Oktober-November 1888
24 [1]
Ecce homo
Oder:
warum ich Einiges mehr weiss.
Von
Friedrich Nietzsche.
1.
— Ich komme zu einem Problem, das, wie mir wenigstens scheint, etwas ernsthafterer Natur ist als das Problem vom “Dasein Gottes” und andre Christlichkeiten,—zum Problem der Ernährung. Es ist, in Kürze, die Frage: wie hast du dich zu ernähren, um zu deinem maximum von Kraft, von virtù, von Tugend im Sinne der Renaissance-Vernunft zu kommen?— Meine Erfahrungen sind hier so schlimm als möglich: ich bin erstaunt, so spät, an dieser Stelle gerade “zur Vernunft” gekommen zu sein, zu spät in gewissem Verstande: und nur die vollkommene Nichtswürdigkeit unsrer deutschen Bildung erklärt mir einigermaßen, weshalb ich gerade hier rückständig bis zur “Heiligkeit” war. Diese “Bildung,” welche von Anfang an die Realitäten grundsätzlich aus den Augen verlieren lehrt, um durchaus problematischen sogenannten “idealen” Zielen, zum Beispiel einer sogenannten “klassischen Bildung” nachzujagen!—als ob es nicht von vornherein zum Todtlachen wäre “klassisch” und “deutsch” zusammen in den Mund zu nehmen. Man denke sich doch einen “klassisch gebildeten” Leipziger!— In der That, ich habe, bis zu meinen reifsten Jahren, immer nur schlecht gegessen,—moralisch ausgedrückt “unpersönlich,” “unegoistisch,” “altruistisch”: ich verneinte, durch Leipziger Küche zum Beispiel, meinen “Willen zum Leben.” Sich zum Zweck unzureichender Ernährung auch noch den Magen zu verderben—dies Problem scheint mir die genannte Küche zum Bewundern zu lösen. Aber die deutsche Küche überhaupt—was hat sie seit Alters her Alles auf dem Gewissen! Die Suppe vor der Mahlzeit (—noch in italiänischen Kochbüchern des 16ten Jahrhunderts alla tedesca genannt); die ausgekochten Fleische; die fett und schwer gemachten Gemüse; die unverdauliche Species der Mehlspeisen. Rechnet man noch die gerade viehischen Nachguß-Bedürfnisse des deutschen Biedermanns hinzu, so versteht man die Herkunft des “deutschen Geistes”—aus einem verdorbenen Magen ... Aber auch die englische Diät, die, im Vergleich zur deutschen, eine wahre Rückkehr zur “Natur,” will sagen zum Rostbeaf, auch zur Vernunft ist—geht meinem eignen Instinkt tief zuwider: es scheint mir, daß sie dem Geiste “schwere Füße” giebt,—Engländerinnen-Füße ... Daß mir Alcoholica nachtheilig sind, daß ein Glas Wein oder Bier des Tags vollkommen ausreicht, um mir aus dem Leben wie Schopenhauern ein “Jammerthal” zu machen, habe ich auch ein wenig zu spät begriffen,—erlebt hatte ich’s eigentlich von Kindesbeinen an. Als Knabe glaubte ich, Weintrinken sei wie Tabakrauchen anfangs nur eine vanitas junger Burschen, später eine schlechte Gewöhnung. Vielleicht war daran auch der Naumburger Wein schuld.— Zu glauben, daß der Wein erheitere, dazu müßte ich Christ sein, will sagen, glauben, was für mich eine Absurdität ist. Seltsam genug, bei einer extremen Verstimmbarkeit durch stark verdünnte, wenn auch noch so kleine Dosen Alkohol bin ich beinahe unempfindlich gegen starke Dosen: und mit einem Grog seemännischen Kalibers wirft man mich am wenigsten um. Eine lange lateinische Abhandlung in Einer Nachtwache niederzuschreiben, mit der heimlichen Ambition, es meinem Vorbilde Sallust in Strenge und Gedrängtheit gleichzuthun, dies stand schon als ich Schüler in der ehrwürdigen Pforta war, nicht im Widerspruch zu meiner Physiologie, auch nicht zu Sallust—wie sehr auch immer zur ehrwürdigen Pforta! ... Später, gegen die Mitte des Lebens hin, entschied ich mich freilich immer strenger gegen jedwedes “geistige” Getränk. Ich ziehe Orte vor, wo man überall Gelegenheit hat, aus fließenden Brunnen zu schöpfen (—Nizza, Turin, Sils); ich wache Nachts nicht auf, ohne Wasser zu trinken. In vino veritas: es scheint, daß ich auch hier wieder über den Begriff “Wahrheit” mit aller Welt uneins bin,—der Geist schwebt bei mir über dem Wasser ...
2.
Gegen die Krankheit, deren Wohlthaten gerade von mir am wenigsten unterschätzt werden sollen, würde ich einzuwenden haben, daß sie die Wehr- und Waffen-Instinkte des Menschen schwächt. Ich habe mich lange Jahre hindurch weder gegen eine wohlwollende zudringliche Hülfsbereitschaft, noch gegen tölpelhafte, ins Haus fallende “Verehrer” und andres Ungeziefer genügend zu vertheidigen gewußt; jene Fälle, wie billig, noch abgerechnet, denen Niemand entgeht, etwa wenn junge lüderliche Gelehrte, unter dem Vorwand der “Verehrung,” Einen anzupumpen ins Haus fallen. Ein Kranker hat Mühe damit, Dinge und Menschen loszuwerden, Erinnerungen eingerechnet: eine Art Fatalismus, der “sich in den Schnee legt,” nach Art eines russischen Soldaten, welchem der Feldzug endlich zu hart wird, ein Fatalismus ohne Revolte gehört zu seinen Selbsterhaltungs-Instinkten. Man versteht Viel vom Weibe, als einem zum Leiden verurtheilten und unfreiwillig fatalistischen Wesen, wenn man diese Art Selbst-Erhaltungs-Instinkt begreift. So wenig Kraft wie möglich ausgeben,—sich nicht mit Reaktionen verschwenden—eine gewisse Sparsamkeit mehr aus Armut an Kraft: dies ist die große Vernunft im Fatalismus. Physiologisch ausgedrückt: eine Herabsetzung des Stoffverbrauchs, dessen Verlangsamung,—mit Nichts brennt man rascher ab als mit Affekten. Das Ressentiment, der Ärger, die Lust nach Rache—das sind für Kranke die schädlichsten aller möglichen Zustände: eine Religion, wie die Buddha’s, welche wesentlich mit Geistig-Raffinirten und Physiologisch-Ermüdeten zu thun hatte, wendete sich deshalb mit dem Hauptgewicht ihrer Lehre gegen das Ressentiment. “Nicht durch Feindschaft kommt Feindschaft zu Ende: durch Freundschaft kommt Feindschaft zu Ende.” Der Buddhismus war keine Moral,—es wäre ein tiefes Mißverständniß, ihn nach solchen Vulgär-Cruditäten, wie das Christenthum ist, abzuwürdigen: er war eine Hygiene.— Ich habe beinahe unerträgliche Verhältnisse, Orte, Wohnungen, Gesellschaft, nachdem sie einmal, durch Zufall, gegeben waren, jahrelang zäh festgehalten, nicht mit Willen, sondern aus jenem Instinkt heraus,—es war jedenfalls weiser als zu ändern, als zu “experimentiren.” Das Experiment geht gegen den Instinkt des Leidenden: in einem hohen Sinn könnte man es geradezu den Beweis der Kraft nennen. Aus seinem Leben selbst ein Experiment machen—das erst ist Freiheit des Geistes, das wurde mir später zur Philosophie ...
3.
Die Langeweile gehört, wie mir scheint, nicht gerade zu den Leiden der Leidenden; wenigstens fehlt mir alle Erinnerung dafür. Umgekehrt war die böse Zeit meines Lebens reich für mich durch eine gewisse neue Erfindsamkeit—die Kunst der nuances, die feine Fingerfertigkeit in der Handhabe von nuances. Ich würde das raffinement überhaupt verstehn als eine Verzärtelung des Getasts bis in’s Geistigste hinauf; auch noch jene Art liebevoller Rücksicht und Vorsicht im Verstehn, die Kranken eignet, gehört dahin,—sie scheuen die allzu nahe Berührung ... Man hört in diesen Zuständen selbst gemeine Sachen ungemein, man transponirt sie gleichsam: der Alltags-Zufall wird durch ein sublimes Sieb gesiebt und sieht sich selber nicht mehr gleich. Zuletzt war ich damals über die Maaßen dankbar, wenn irgend etwas Freies und Ausgewähltes von Intelligenz, von Charakter sich in meine Nähe verschlug, während eine gewisse Ungeduld gegen Deutsche und Deutsches immer mehr bei mir Instinkt wurde. Mit Deutschen verlor ich meine gute Laune, meinen Geist—und nicht minder meine Zeit ... Die Deutschen machen die Zeit länger ... Anders steht es, wenn der Deutsche zufällig Jude oder Jüdin ist. Es ist wunderlich, wenn ich nachrechne, daß zwischen 1876-86 ich fast alle meine angenehmen Augenblicke im Zufall des Verkehrs Juden oder Jüdinnen verdanke. Die Deutschen unterschätzen, welche Wohlthat es ist, einem Juden zu begegnen,—man hat keine Gründe mehr, sich zu schämen, man darf sogar intelligent sein ... In Frankreich sehe ich die Nothwendigkeit nicht ein, warum es Juden giebt, um so mehr in Deutschland: Meilhac und Halévy, die besten Dichter, denen mein Geschmack Unsterblichkeit verspricht, erreichen diese Höhe als Franzosen nicht als Juden.— Ich möchte dasselbe auch von Offenbach behaupten, diesem unzweideutigen Musiker, der nichts Anderes sein wollte als was er war—ein genialer Buffo, im Grunde der letzte M der noch M machte und nicht Akkorde! ...
4.
Im Grunde gehöre ich zu jenen unfreiwilligen Erziehern, welche keine Principien zur Erziehung brauchen, noch haben. Die Eine Thatsache, daß ich in 7 Jahren Unterricht an der obersten Klasse des Basler Pädagogiums keinen Anlaß hatte, eine Strafe zu verhängen, und daß, wie mir später bezeugt worden ist, die Faulsten bei mir noch fleißig waren, zeugt einigermaßen dafür. Eine kleine Klugheit aus jener Praxis ist mir im Gedächtniß geblieben: im Fall, wo ein Schüler im Wiederholen dessen, was ich die Stunde vorher auseinandergesetzt hatte, durchaus unzureichend blieb, nahm ich die Schuld davon stets auf mich,—sagte zum Beispiel, es sei Jedermann’s Recht, wenn ich mich zu kurz, zu unfaßlich ausdrücke, von mir eine Erläuterung, eine Wiederholung zu verlangen. Ein Lehrer habe die Aufgabe, sich jeder Intelligenz zugänglich zu machen ... Man hat mir gesagt, daß dieser Kunstgriff stärker wirkte, als irgend ein Tadel.— Ich habe weder im Verkehr mit Schülern, noch mit Studenten, je eine Schwierigkeit empfunden, obschon zu Anfang meine vierundzwanzig Jahre mich ihnen nicht nur näherten. Insgleichen gab mir das Prüfen bei Doktor-Promotionen keinen Anlaß, irgend welche Künste oder Methoden noch zuzulernen: was ich instinktiv handhabte, war nicht nur das Humanste in solchen Fällen,—ich befand mich dabei selber erst vollkommen wohl, sobald ich den Promovenden in gutes Fahrwasser gebracht hatte. Jedermann hat in solchen Fällen so viel Geist—oder so wenig—als der verehrliche Examinator hat ... Hörte ich zu, so schien es mir immer, daß im Grunde die Herren Examinatoren geprüft würden. —
5.
Ich habe nie die Kunst verstanden gegen mich einzunehmen, selbst wenn es mir von großem Werth schien, zu diesem Ziele zu gelangen. Man mag mein Leben hin und herwenden, man wird darin nicht die Anzeichen finden, daß je Jemand bösen Willen gegen mich gehabt habe. Meine Erfahrungen selbst mit Solchen, an denen Jedermann schlechte Erfahrungen macht, sind ohne Ausnahme zu deren Gunsten: auch war mir für den Verkehr, vorausgesetzt, daß ich nicht krank war, Jedermann noch ein Instrument, dem ich feine ungewohnteste Töne abgewann. Wie oft habe ich dies zu hören bekommen, eine Art Verwundern, über sich selber seitens meiner Unterredner: “Dergleichen ist mir nie bisher in den Sinn gekommen” ... Am schönsten vielleicht von jenem unverzeihlich jung verstorbenen Heinrich von Stein, der einmal, nach sorgsam eingeholter Erlaubniß, auf drei Tage in Sils erschien, Jedermann erklärend, daß er nicht des Engadin wegen gekommen sei. Dieser ausgezeichnete Mensch, der mit der ganzen tapferen Einfalt seiner Natur in den Wagnerischen Sumpf hineingewatet bis in die Ohren war—“ich verstehe nichts von Musik” bekannte er mir—war diese drei Tage lang wie umgewandelt durch einen Strom von Freiheit, gleich Einem, der plötzlich in sein Element geräth und Flügel bekommt. Ich sagte ihm immer, Das mache die gute Luft hier oben, so gehe es Jedem, aber er wollte mir’s nicht glauben ... Wenn trotzdem an mir mancherlei große und kleine Missethat verübt worden ist, so war nicht der “Wille,” am wenigsten der böse Wille der Grund davon: eher schon hätte ich mich über den guten Willen zu beklagen, der nur Unfug in meinem Leben angerichtet hat. Meine Erfahrung giebt mir ein Anrecht auf Mißtrauen überhaupt hinsichtlich der hülfbereiten, zu Rath, zu Thaten schreitenden “Nächstenliebe” —, ich werfe ihr vor, daß ihr die Delikatesse leicht abhanden kommt, daß sie mit ihren hülfbereiten Händen in ein erhabnes Geschick, in eine Vereinsamung unter Wunden, in ein Vorrecht auf großes Leiden unter Umständen geradezu zerstörerisch hineingreift.— Nicht ohne Grund habe ich als “Versuchung Zarathustra’s” einen Fall gedichtet, wo ein großer Nothschrei an ihn kommt, wo das Mitleiden wie eine letzte Sünde ihn überfallen will: hier Herr bleiben, hier die Höhe seiner Aufgabe rein halten von den viel niedrigeren und kurzsichtigeren Antrieben, welche in den sogenannten selbstlosen Handlungen thätig sind, dies ist eine Probe, die letzte Probe, die Zarathustra und wer Seines Gleichen ist vor sich selber abzulegen hat. —
6.
Gleich Jedem, der nie unter seines Gleichen lebt und aus diesem seinem Schicksal zuletzt seine Kunst und Menschenfreundlichkeit macht, wehre ich mich in Fällen, wo eine kleine oder sehr große Thorheit gegen mich begangen wurde, gegen irgend eine Gegenmaßregel, es sei denn die, der Dummheit so schnell wie möglich eine Klugheit nachzuschicken: so holt man sie vielleicht noch ein. Man hat nur Etwas an mir schlimm zu machen, ich vergelte es, dessen sei man sicher: ich finde in Kürze eine Gelegenheit, dem Übelthäter meinen Dank für irgend Etwas auszudrücken oder ihn um Etwas zu bitten (—was verbindlicher ist als zu geben ...) Auch scheint es mir, daß der gröbste Brief gutartiger ist als Schweigen. Solchen, die schweigen, fehlt es an Feinheit und Höflichkeit des Herzens.— Wenn man reich genug dazu ist, ist es ein Glück, Unrecht zu haben; man verträgt sich auf’s Beste mit mir, wenn man mir von Zeit zu Zeit eine Gelegenheit giebt, Unrecht zu haben. Nichts verbessert meine Freundschaft so von Grunde aus, Nichts giebt ihr immer wieder Frische ... In jenen nicht unbekannten Fällen, wo ich ein entschiedenes Nein bis zum Krieg aufs Messer bekenne, würde man einen argen Fehlschluß machen, gerade da eine im Hintergrunde verborgene Fülle schlimmer Erfahrungen vorauszusetzen. Wer einen Begriff von mir hat, darf umgekehrt schließen. Ich gestehe mir keine Sachen-Feindschaft, solange die geringste Personen-Zwiespältigkeit noch mitspielt. Wenn ich dem Christenthum den Krieg mache, so steht mir dies einzig deshalb zu, weil ich nie von dieser Seite aus Trübes oder Trauriges erlebt habe,—umgekehrt die schätzenswerthesten Menschen, die ich kenne, sind Christen ohne Falsch gewesen, ich trage es den Einzelnen am letzten nach, was das Verhängniß von Jahrtausenden ist. Meine Vorfahren selbst waren protestantische Geistliche: hätte ich nicht einen hohen und reinlichen Sinn von ihnen her mitbekommen, so wüßte ich nicht, woher mein Recht zum Kriege mit dem Christenthum stammte. Meine Formel dafür: der Antichrist ist selbst die nothwendige Logik in der Entwicklung eines echten Christen, in mir überwindet sich das Christenthum selbst. Ein anderer Fall: ich habe aus meinen Beziehungen zu Wagner und zu Frau Wagner nur die erquicklichsten und erhebendsten Erinnerungen zurückbehalten: genau dieser Umstand erlaubte mir jene Neutralität des Blicks, das Problem Wagner überhaupt als Cultur-Problem zu sehn und vielleicht zu lösen ... Selbst für Antisemiten, denen ich, wie man weiß, am wenigsten hold bin, würde ich, meinen nicht unbeträchtlichen Erfahrungen nach, manches Günstige geltend zu machen haben: dies hindert nicht, dies bedingt vielmehr, daß ich dem Antisemitismus einen schonungslosen Krieg mache,—er ist einer der krankhaftesten Auswüchse der so absurden, so unberechtigten reichsdeutschen Selbst-Anglotzung ...
7.
Es liegt nicht in meiner Art, Vieles und Vielerlei zu lieben: auch in meinem Verkehr mit Büchern habe ich im Ganzen mehr eine Feindseligkelt als eine Toleranz, ein “Herankommen-lassen” im Instinkte. Und das von Kindesbeinen an. Es ist im Grunde eine kleine Anzahl Bücher, die in meinem Leben mitzählen, es sind die berühmtesten nicht darunter. Mein Sinn für Stil, für das Epigramm als Stil erwachte fast mit Einem Schlage bei der ersten Berührung mit Sallust: ich vergesse das Erstaunen meines verehrten Lehrers Corssen nicht, als er seinem schlechtesten Lateiner die allererste Censur geben mußte,—er lud mich zu sich ein ... Gedrängt, streng, mit so viel Substanz auf dem Grunde als möglich,—eine kalte Bosheit gegen das “schöne Wort” und das “schöne Gefühl”: daran errieth ich mich. Man wird, bis in meinen Zarathustra hinein, eine sehr ernsthafte Ambition nach römischem Stil, nach dem “magnum in parvo,” nach dem “aere perennius” wiedererkennen. Nicht anders ergieng es mir bei der ersten Berührung mit Horaz. Bis heute habe ich an keinem anderen Dichter dasselbe artistische Entzücken wiedergefunden, das mir eine Horazische Ode macht. In gewissen Sprachen, z.B. im Deutschen, ist das, was hier erreicht ist, nicht einmal zu wollen. Dies Mosaik von Worten, wo jedes Wort, als Klang, als Ort, als Begriff, nach rechts links und über das Ganze hin seine Kraft ausströmt, dies minimum von Umfang der Zeichen, dies damit erreichte maximum von Energie des Zeichens—das Alles ist römisch und, wenn man mir glauben will, vornehm par excellence: der ganze Rest von Poesie wird dagegen eine Gefühls-Geschwätzigkeit. Ich möchte am wenigsten den Reiz vergessen, der im Contrast dieser granitnen Form und der anmuthigsten Libertinage liegt:—mein Ohr ist entzückt über diesen Widerspruch von Form und Sinn. Der dritte unvergleich Eindruck, den ich den Lateinern verdanke, ist Petronius. Dies prestissimo des Übermuths in Wort, Satz und Sprung der Gedanken, dies Raffinement in der Mischung von Vulgär- und “Bildungs”-Latein, diese unbändige gute Laune, die sich vor nichts fürchtet und über jede Art Animalität der antiken Welt mit Grazie hinwegspringt, diese souveräne Freiheit vor der “Moral,” vor den tugendhaften Armseligkeiten “schöner Seelen”—ich wüßte kein Buch zu nennen, das am Entferntesten einen ähnlichen Eindruck auf mich gemacht hätte. Daß der Dichter ein Provençale ist, sagt mir leise mein persönlichster Instinkt: man muß den Teufel im Leibe haben, um solche Sprünge zu machen. Unter Umständen, wenn ich nöthig hatte, mich von einem niedrigen Eindruck zu befreien, zum Beispiel von einer Rede des Apostel Paulus, genügten mir ein Paar Seiten Petronius, um mich vollkommen wieder gesund zu machen.
8.
Den Griechen verdanke ich durchaus keine verwandten Eindrücke; im Verhältniß nämlich zu Plato bin ich ein zu gründlicher Skeptiker, und habe nie in die Bewunderung des Artisten Plato, die unter Gelehrten üblich ist, einzustimmen vermocht. Er wirft, wie mir scheint, alle Formen des Stils durcheinander: er hat Etwas Ähnliches auf dem Gewissen, wie die Cyniker, welche die Satura Menippea erfanden. Daß der Platonische Dialog, die entsetzlich selbstgefällige und kindliche Dialektik als Reiz wirken kann, dazu müßte man niemals gute Franzosen gelesen haben. Zuletzt geht mein Mißtrauen in die Tiefe bei Plato: ich finde ihn so abgeirrt von allen Grundinstinkten des Hellenen, so verjüdelt, so präexistent-christlich in seinen letzten Absichten, daß ich von dem ganzen Phänomen Plato eher das harte Wort “höherer Schwindel” gebrauchen möchte als irgend ein andres. Man hat theuer dafür bezahlt, daß dieser Athener bei den Ägyptern in die Schule gieng (—wahrscheinlich bei den Juden in Ägypten ...) In dem großen Verhängniß des Christenthums ist Plato eine jener verhängnißvollen Zweideutigkeiten, die den edleren Naturen des Alterthums es möglich machte, die Brücke zu betreten, die zum “Kreuz” führte ... Meine Erholung, meine Vorliebe, meine Kur von allem Platonismus war jeder Zeit Thukydides. Thukydides und, vielleicht, der principe Machiavellis, sind mir selber am meisten verwandt, durch den unbedingten Willen, sich nichts vorzumachen und die Vernunft in der Realität zu sehn,—nicht in der “Vernunft,” noch weniger in der “Moral” ... Von der jämmerlichen Schönfärberei, die der klassisch gebildete Deutsche als den Lohn für seinen “Ernst” im Verkehr mit dem Alterthum einerntet, kurirt nichts so gründlich als Thukydides. Man muß ihn Zeile für Zeile umwenden und sein Nicht-Geschriebenes so deutlich ablesen wie seine Worte: es giebt wenige so substanzreiche Denker. In ihm kommt die Sophisten-Cultur, will sagen die Realisten-Cultur zu ihrem vollendeten Ausdruck: diese unschätzbare Bewegung inmitten des eben allerwärts losbrechenden Moral- und Ideal-Schwindels der sokratischen Schulen. Die griech Philosophie schon als die décadence des griech Instinkts: Thukydides als die große Summe aller starken, strengen, harten Thatsächlichkeit, die dem älteren Hellenen im Instinkt lag. Der Muth unterscheidet solche Naturen wie Plato und Thukydides: Plato ist ein Feigling—folglich flüchtet er ins Ideal—Thukydides hat sich in der Gewalt, folglich behält er auch die Dinge in der Gewalt.
9.
In den Griechen “schöne Seelen,” “harmonische Bildwerke” und Winkelmannsche “hohe Einfalt” wiederzuerkennen—vor solcher niaiserie Allemande war ich durch den Psychologen behütet, den ich in mir trug. Ich sah ihren stärksten Instinkt, den Willen zur Macht; ich sah sie zittern vor der unbändigen Gewalt dieses Triebs,—ich sah aber ihre Instinkte wachsen aus den Schutzmaßregeln, sich von einander gegen ihren inwendigen Explosivstoff zu schützen. Die ungeheure Spannung im Innern entlud sich dann in entsetzlicher Feindschaft gegen alles Auswärtige: die Stadtgemeinden zerfleischten sich, damit die Stadtbürger um diesen Preis sich selber nicht zerfleischten. Man hatte nöthig, stark zu sein,—die prachtvolle und geschmeidige Leiblichkeit des Griechen ist eine Noth, nicht eine “Natur” gewesen. Sie folgte:—sie war durchaus nicht von Anfang an da. Und mit Festen und Künsten wollte man auch nichts Andres als sich immer stärker, schöner, immer vollkommner fühlen—: es sind Mittel der Selbstverherrlichung, Steigerungsmittel des Willens zur Macht.— Die Griechen nach ihren Philosophen beurtheilen! die Moral-Weisheit der philosophischen Schulen zum Aufschluß benutzen, was griechisch war! Dergleichen galt mir immer nur als Beweis für die psychologische Feinheit, die die Deutschen auszeichnet ... Die Philosophen sind ja die décadents des Griechenthums, die Gegenbewegung gegen den klassischen Geschmack, gegen den vornehmen Geschmack! Die sokratischen Tugenden wurden gepredigt, weil sie den Griechen zu fehlen anfiengen ... Ich war der Erste, der zum Verständniß des älteren Hellenen jenes wundervolle Phänomen, das auf den Namen Dionysos getauft ist, wieder ernst nahm. Mein verehrungswürdiger Freund Jakob Burckhardt in Basel verstand durchaus, daß damit Etwas Wesentliches gethan sei: er fügte seiner Cultur der Griechen einen eignen Abschnitt über das Problem bei. Will man den Gegensatz, so sehe man die verächtliche Leichtfertigkeit aus der Nähe an, mit der seiner Zeit der berühmte Philolog Lobeck diese Dinge behandelt hat. Lobeck, der mit der ehrwürdigen Sicherheit eines zwischen Büchern ausgetrockneten Wurms in diese Welt geheimnißvoller Zustände hineinkriecht und sich überredet eben damit wissenschaftlich zu sein, wenn er nur bis zum Ekel hier öde und armselig ist, hat es mit allem Aufwande von Gelehrsamkeit zu verstehen gegeben, eigentlich habe es nichts auf sich mit all diesen Curiositäten. In der That möchten die Priester den Theilhabern solcher Orgien Einiges mitgetheilt haben, zum Beispiel daß der Wein zur Lust errege, daß der Mensch von Früchten lebe, daß die Pflanzen im Frühling aufblühen, im Winter welken. Was den Reichthum an Riten und Mythen orgiastischen Ursprungs betrifft, so wird er noch um einen Grad geistreicher. Die Griechen, sagt er Agloph. I, 672, hatten sie nichts Andres zu thun, so lachten, sprangen, rasten sie umher, oder, da der Mensch mitunter auch dazu Lust hat, so saßen sie nieder, weinten und jammerten. Andere kamen dann später hinzu und suchten doch irgend einen Grund für dies auffallende Wesen, und so entstanden zur Erklärung jener Gebräuche zahllose Festsagen und Mythen ... Auf der anderen Seite glaubte man, jenes possierliche Treiben, welches einmal an den Festtagen stattfand, gehöre nun auch nothwendig zur Festfeier und hielt es als einen unentbehrlichen Theil des Gottesdienstes fest.— Aber abgesehen noch von diesem verächtlichen Unsinn dürfte man geltend machen, daß mit dem ganzen Begriff “griechisch,” noch mehr dem Begriff “klassisch,” den Winckelmann und Goethe gebildet hatten, uns das dionysische Element unverträglich ist:—ich fürchte, Goethe selber schloß etwas derartig grundsätzlich von den Möglichkeiten der hellenischen Seele aus. Und doch spricht sich erst in den dionysischen Mysterien der ganze Untergrund des hellenischen Instinkts aus. Denn was verbürgte sich der Hellene mit diesen Mysterien? Das ewige Leben, die ewige Wiederkehr des Lebens, die Zukunft in der Zeugung verheißen und geweiht, das triumphirende Jasagen zum Leben über Tod und Wandel hinaus, das wahre Leben als das Gesammt-Fortleben in der Gemeinschaft, Stadt, Geschlechts-Verbindung; das geschlechtliche Symbol als das ehrwürdigste Symbol überhaupt, der eigentliche Symbol-Inbegriff der ganzen antiken Frömmigkeit; die tiefste Dankbarkeit für jedes Einzelne im Akt der Zeugung, der Schwangerschaft, der Geburt. In der Mysterienlehre ist der Schmerz heilig gesprochen: die “Wehen der Gebärerin” heiligen den Schmerz überhaupt, alles Werden, Wachsen, alles Zukunfts-Verbürgende bedingt den Schmerz; damit es die ewige Lust des Schaffens giebt, muß es ewig die Qual der Gebärerin geben ... Ich kenne keine höhere Symbolik.— Erst das Christenthum hat aus der Geschlechtlichkeit eine Schmutzerei gemacht: der Begriff von imm war die höchste seelische Niedertracht, die bisher auf Erden erreicht wurde z.B.—sie warf den Schmutz in den Ursprung des Lebens ...
Die Psychologie des Orgiasmus, als eines überströmenden Lebensgefühls, innerhalb dessen selbst der Schmerz nur als Stimulans wirkt, gab mir den Schlüssel zum tragischen Gefühl, das sowohl von Aristoteles als in Sonderheit von Seiten der Pessimisten mißverstanden worden ist. Die Tragödie ist so fern davon, etwas für den Pessimismus der Hellenen im Sinne Schopenhauers zu beweisen, daß sie umgekehrt gerade dessen äußerster Gegensatz ist. Das Jasagen zum Leben selbst noch zu den fremdesten und härtesten Problemen, der Wille zum Leben im Opfer seiner höchsten Typen seine eigne Unerschöpflichkeit genießend—das nannte ich dionysisch, das verstand ich als die eigentliche Brücke zu einer Psychologie des tragischen Dichters. Nicht um vom Schrecken und Mitleiden loszukommen, und sich von einem gefährlichen Affekt wie durch eine vehemente Entladung desselben zu reinigen—das war der Weg des Aristoteles: sondern über Schrecken und Mitleiden hinaus die ewige Lust des Schaffens und Werdens zu genießen, seinen Schrecken, sein Mitleiden unter sich zu haben ...
10.
Das Glück meines Daseins, seine Einzigkeit vielleicht liegt in seinem Verhängniß: ich bin, um es in Räthselform auszudrücken, als mein Vater bereits gestorben, als meine Mutter lebe ich noch. Diese doppelte Herkunft, gleichsam aus der obersten und der untersten Sprosse an der Leiter des Lebens—décadent zugleich und Anfang—dies, wenn irgend Etwas, erklärt jene Neutralität, jene Freiheit von Partei im Verhältniß großen Gesammt-Problem des Lebens, die mich auszeichnet. Ich kenne Beides, ich bin Beides.— Mein Vater starb mit 36 Jahren: er war zart, liebenswürdig und morbid, wie ein bloß zum Vorübergehn bestimmtes Wesen,—eher eine gütige Erinnerung ans Leben als das Leben selbst. In dem gleichen Jahr, wo sein Leben abwärts ging, ging auch das meine abwärts: im 36ten Jahr kam ich auf den niedrigsten Punkt meiner Vitalität,—ich lebte noch, doch ohne drei Schritte weit vor mich zu sehn. Im Jahr 1879 legte ich meine Basler Professur nieder, lebte den Sommer über wie ein Schatten, in St. Moritz und den nächsten Winter, den sonnenärmsten meines Lebens, in Naumburg. Das war mein minimum: der “Wanderer und sein Schatten” entstand währenddem. Unzweifelhaft, ich kannte mich damals als Schatten ... Im Winter darauf, meinem ersten Genueser Winter, brachte jene wunderliche Vergeistigung, die mit einer extremen Verarmung an Muskel und Blut beinahe bedingt ist, die “Morgenröthe” hervor. Die vollkommene Helle und Heiterkeit des Geistes verträgt sich bei mir nicht nur mit der tiefsten physiologischen Schwäche, sondern sogar mit einem extremen Schmerzgefühl. In jenen Höllenqualen, die ein ununterbrochener Schmerz unter mühseligen Schleim-Erbrechen mit sich bringt, besaß ich die dialektische Klarheit par excellence und dachte Dinge durch, zu denen ich in gesünderen Verhältnissen nicht Kletterer, nicht raffinirt genug bin. (Meine Leser wissen, in wiefern ich Dialektik als décadence-Symptom betrachte, zum Beispiel im allerberühmtesten Fall, dem des Sokrates) Alle krankhaften Störungen des Intellekts, selbst die Halbbetäubung, die das Fieber im Gefolge hat, sind mir bis heute vollkommen fremde Dinge, über deren Häufigkeit ich mich erst auf belesen-gelehrtem Wege zu unterrichten hatte. Mein Blut läuft langsam,—ich hatte in den Krankheits-Jahren den Puls Napoleon’s—Niemand hat je Fieber bei mir constatiren können. Ein mich länger als Nervenleidenden behandelte, sagte selbst “nein! an Ihren Nerven liegt’s nicht, ich selber bin nur nervös.” Vollkommen unnachweisbar irgend eine lokale Entartung; keine organisch bedingten Magenleiden, wie sehr auch immer, als Folge der Gehirn-Erschöpfung, die tiefste Schwäche des gastrischen Systems herantrat. Auch das Augenleiden, dem Blindwerden sich gefährlich annähernd, Folge, nicht ursächlich: so daß mit jeder Zunahme an Lebenskraft auch die Sehkraft, als, zugenommen hat. Eine lange, allzulange Reihe von Jahren bedeutet bei mir Genesung,—sie bedeutet leider auch Rückfall, Verfall und Periodik einer Art décadence. Brauche ich zu sagen, daß ich in Fragen der décadence erfahren bin? ich habe sie vorwärts und rückwärts buchstabirt. Selbst jene Kunst des Greifens und Begreifens, jene Finger für nuances, jene ganze Psychologie des “Um die Ecke Sehens,” die mich vielleicht auszeichnet, ist damals erlernt, ist das eigentliche Geschenk jener Zeit, in der Alles sich verfeinerte, die Beobachtung sowohl als die Organe der Beobachtung. Von der Kranken-Optik aus nach gesünderen Begriffen und Werthen und wiederum umgekehrt aus der Fülle und Selbstgewißheit des vollen Lebens hinunter sehen in die Filigran-Arbeit des décadent-Instinkts—das ist meine größte Übung, meine längste Erfahrung gewesen: wenn irgendworin, so bin ich hier Meister. Ich habe es in der Hand, ich habe die Hand dafür, Perspektiven umzustellen: weshalb für mich allein eine Umwerthung der Werthe überhaupt möglich war.
11.
Abgerechnet nämlich davon, daß ich ein décadent bin, bin ich dessen Gegentheil im vollsten Sinne. Mein Beweis dafür ist, daß ich instinktiv auch gegen jene schlimmen Zustände die rechten Mittel wählte: während der décadent an sich erkennbar die schädlichen Mittel wählt. Als summa summarum war ich gesund: als Winkel, als Specialität war ich décadent. Jene Energie der absoluten Vereinsamung und Herauslösung aus gewohnten Verhältnissen und Aufgaben, der Zwang gegen mich selbst, mich nicht besorgen, bedienen, beärzteln zu lassen—das verräth die unbedingte Instinkt-Gewißheit darüber, was noth thut. Ich nahm mich selbst in die Hand, ich machte mich gesund: die Voraussetzung dafür ist—jeder Physiologe wird mir das zugestehen—daß man im Grund gesund ist. Ein typisch morbider Mensch wird nicht gesund: für einen typisch Gesunden kann Kranksein ein energisches Stimulans sein. So in der That erscheint mir zuletzt jene lange Krankheits-Periode: ich entdeckte das Leben gleichsam neu, ich schmeckte alle guten und selbst kleinen Dinge, wie sie ein Anderer nicht leicht geschmeckt haben wird,—ich machte aus meinem Willen zur Gesundheit, zum Leben meine Philosophie ... Denn man gebe Acht darauf: die Jahre meiner niedrigsten Vitalität waren es, wo ich aufhörte, Pessimist zu sein,—mein Instinkt der Selbst-Wiederherstellung verbot mir eine Philosophie der Armut und Entmuthigung ... Woran erkennt man im Grunde die Wohlgerathenheit? Ein wohlgerathener Mensch ist aus einem Holze geschnitzt, welches hart zart und wohlriechend ist, er thut selbst noch unserem Geruche wohl. Ihm schmeckt, was ihm zuträglich ist; sein Gefallen, seine Lust hört auf, wo das Maß des Zuträglichen überschritten ist. Er erräth Heilmittel gegen Schädigungen, er nützt schlimme Zufälle zu seiner Verstärkung aus. Er sammelt instinktiv aus Allem, was er sieht, hört, erlebt, seine Summe: er ist ein auswählendes Princip, er läßt viel durchfallen. Er ist immer in seiner Gesellschaft, ob er mit Büchern, Menschen oder Landschaften verkehrt: er ehrt, indem er wählt, indem er zuläßt, indem er vertraut. Er reagirt auf alle Art Reize langsam, mit jener Langsamkeit, die eine lange Vorsicht und ein gewollter Stolz ihm eingezüchtet haben,—er prüft den Reiz, der herankommt, er ist fern davon, ihm entgegenzukommen. Er glaubt weder an “Unglück,” noch an “Schuld”: er ist stark genug, daß ihm Alles zum Besten gereichen muß.— Wohlan, ich bin das Gegenstück eines décadent: denn ich beschrieb eben mich. —
24 [2]
Der physiologische Widerspruch.
Vom Verbrecher.
Was ich den Alten verdanke.
Philosophie.
Musik
die Bücher charakterisirt.
In media vita.
Aufzeichnungen eines
Dankbaren.
Von
F. N.
24 [3]
Ecce homo
Aufzeichnungen
eines Vielfachen.
1. Der Psycholog redet
2. Der Philosoph redet
3. Der Dichter redet
4. Der Musikant redet
5. Der Schriftsteller redet
6. Der Erzieher redet
24 [4]
Fridericus Nietzsche
de vita sua.
Ins Deutsche übersetzt.
24 [5]
Der Spiegel
Versuch
einer Selbstabschätzung.
Von
Friedrich Nietzsche
24 [6]
Die Klugheit meines Instinkts besteht darin, die eigentlichen Nothstände und Gefahren für mich als solche zu fühlen.
insgleichen die Mittel zu errathen, mit denen man ihnen aus dem Wege geht oder sie zu seinem Vortheil einordnet und gleichsam um eine höhere Absicht herum organisirt.
| Der Kampf | mit der Vereinsamung mit der Krankheit mit dem Zufall von Herkunft, Bildung, Gesellschaft ... mit der großen erdrückenden Verantwortlichkeit mit der Vielheit der Bedingungen seiner Aufgabe (—welche Isolation brauchen |
24 [7]
Größte Klugheit: eine große Bestimmung so wenig wie möglich in das Bewußtsein dringen lassen,—gegen sie die Scham bewahren
sich gegen sie durch Bescheidenheit, Muthwillen, Raffinement des Geschmacks, selbst durch Krankheits- und Schwäche-Zeiten gleichsam verstecken ...
man muß nur ihre Gebote thun, nicht wissen wollen, was sie ist, wann sie befiehlt ...
man muß keine Reden, keine Formeln, keine Attitüden für sie haben,—man muß leiden, ohne zu wissen, man muß das Beste thun, ohne sich darin zu verstehn ...
24 [8]
Vademecum.
Von der Vernunft meines Lebens.
24 [9]
Im Verkehr mit den Alten.
Anhang
Ecce homo.
24 [10]
Was Goethe angeht: so war der erste Eindruck, ein sehr früher Eindruck, vollkommen entscheidend: die Löwen-Novelle, seltsamer Weise das Erste, was ich von ihm kennen lernte, gab mir ein für alle Mal meinen Begriff, meinen Geschmack “Goethe.” Eine verklärt-reine Herbstlichkeit im Genießen und im Reifwerdenlassen,—im Warten, eineis ins Geistigste hinauf; etwas Goldenes und Versüßendes, etwas Mildes, nicht Marmor—das nenne ich Goethisch. Ich habe später, um dieses Begriffs “Goethe” halber, den “Nachsommer” Adalbert Stifters mit tiefer Gewogenheit in mich aufgenommen: im Grunde das einzige deutsche Buch nach Goethe, das für mich Zauber hat.— Faust—das ist für den, der den Erdgeruch der deutschen Sprache aus Instinkt kennt, für den Dichter des Zarathustra, ein Genuß ohne Gleichen: er ist es nicht für den Artisten, der ich bin, dem mit dem Faust Stückwerk über Stückwerk in die Hand gegeben wurde,—er ist es noch weniger für den Philosophen, dem das vollkommen Arbiträre und Zufällige—nämlich durch Cultur-Zufälle Bedingte in allen Typen und Problemen des Goetheschen Werks widerstrebt. Man studirt achtzehntes Jahrhundert, wenn man den “Faust” liest, man studirt Goethe: man ist tausend Meilen weit vom Nothwendigen in Typus und Problem. —
13, 24[1-10] Oktober-November 1888
24 [1]
Ecce homo
Or:
why I know a few things more.
By
Friedrich Nietzsche.
1.
— I come to a problem that, at least to me, seems to be of a somewhat more serious nature than the problem of the “existence of God” and other Christian matters,—the problem of nutrition. It is, in short, the question: how must you nourish yourself to reach your maximum of strength, of virtù, of virtue in the sense of Renaissance reason?— My experiences here are as bad as possible: I am astonished to have come “to reason” so late, at this very point, too late in a certain sense: and only the complete worthlessness of our German education explains to me somewhat why I was so backward here, to the point of “holiness.”This “education,” which from the beginning teaches one to fundamentally lose sight of the realities in order to pursue thoroughly problematic so-called “ideal” goals, for example, a so-called “classical education”—as if it were not laughable from the outset to utter “classical” and “German” in the same breath. Just imagine a “classically educated” Leipziger!— In truth, I have, until my mature years, always eaten only poorly—morally expressed, “impersonally,” “unselfishly,” “altruistically”: I denied, through Leipziger cuisine, for example, my “will to live.” To ruin one’s stomach on top of inadequate nutrition—this problem seems to me to be solved admirably by the aforementioned cuisine. But German cuisine in general—what has it not had on its conscience since time immemorial!The soup before the meal (—still called alla tedesca in Italian cookbooks of the 16th century); the boiled-out meats; the vegetables made fat and heavy; the indigestible species of flour dishes. If one adds the outright bestial after-dinner needs of the German Biedermann, one understands the origin of the “German spirit”—from a spoiled stomach ... But also the English diet, which, compared to the German, is a true return to “nature,” meaning to roast beef, also to reason—goes deeply against my own instinct: it seems to me that it gives the spirit “heavy feet,”—Englishwomen’s feet ...That alcohol is harmful to me, that a glass of wine or beer during the day is enough to turn life into a "vale of tears" like Schopenhauer's, I also understood a little too late—though I had *experienced* it since childhood. As a boy, I believed that drinking wine was like smoking tobacco, at first just a vanity of young men, later a bad habit. Perhaps the Naumburg wine was to blame.—To believe that wine *cheers*, I would have to be a Christian, meaning to believe what is, for *me*, an absurdity. Strange enough, with extreme mood swings from even the smallest, highly diluted doses of alcohol, I am almost insensitive to strong doses: and a grog of nautical caliber is the least likely to knock me over.To write a long Latin treatise in a single night watch, with the secret ambition of equaling my model Sallust in rigor and conciseness—this was already, when I was a student at the venerable Pforta, not in contradiction to my physiology, nor to Sallust—however much it may have been to the venerable Pforta! ... Later, toward the middle of life, I decided ever more strictly against any "spiritual" drink. I prefer places where one has everywhere the opportunity to draw from flowing fountains (—Nice, Turin, Sils); I do not wake at night without drinking water. *In vino veritas*: it seems that here, too, I am at odds with the whole world over the concept of "truth"—the spirit hovers for me over the water ...
2.
Against the illness, whose benefits I should least of all underestimate, I would have to object that it weakens the defensive and aggressive instincts of man. For many years, I have not known how to sufficiently defend myself against well-meaning, intrusive helpfulness, nor against clumsy, uninvited "admirers" and other vermin; not to mention those cases, which no one escapes, such as when young dissolute scholars, under the pretext of "admiration," come to pump one for money. A sick person has trouble getting rid of things and people, memories included: a kind of fatalism, which "lies down in the snow," like a Russian soldier for whom the campaign has finally become too harsh, a fatalism without revolt belongs to his self-preservation instincts.
One understands much about woman as a being condemned to suffering and an involuntary fatalistic creature when one comprehends this kind of self-preservation instinct. To expend as little strength as possible,—not to squander oneself with reactions—a certain thrift more out of poverty of strength: this is the great reason in fatalism. Physiologically expressed: a reduction of metabolic consumption, its slowing down,—nothing burns one out faster than affects. Resentment, anger, the lust for revenge—these are the most harmful of all possible states for the sick: a religion like Buddha’s, which essentially dealt with the spiritually refined and physiologically exhausted, therefore directed the main weight of its teaching against resentment.“Not through enmity does enmity come to an end: through friendship does enmity come to an end.” Buddhism was not a morality,—it would be a profound misunderstanding to degrade it according to such vulgar crudities as Christianity is: it was a hygiene.— I have held on to almost unbearable circumstances, places, dwellings, company, once they were given by chance, for years tenaciously, not by will, but out of that instinct,—it was in any case wiser than to change, than to “experiment.” The experiment goes against the instinct of the sufferer: in a high sense one could call it precisely the proof of strength. To make an experiment out of one’s own life—that is the first freedom of the spirit, that later became philosophy to me ...3.
The boredom belongs, as it seems to me, not exactly to the sufferings of the suffering; at least I lack all memory of it. Conversely, the bad time of my life was rich for me through a certain new inventiveness—the art of nuances, the fine dexterity in the handling of nuances. I would understand refinement altogether as a tenderizing of the sense of touch up to the most spiritual; even that kind of loving consideration and caution in understanding, which belongs to the sick, belongs here—they shy away from too close contact... In these states, one hears even common things extraordinarily, one transposes them, as it were: the everyday accident is sifted through a sublime sieve and no longer sees itself the same.Last time I was then excessively grateful if something free and chosen of intelligence, of character found its way into my vicinity, while a certain impatience against Germans and German things became more and more instinct in me. With Germans I lost my good mood, my spirit—and no less my time ... Germans make time longer ... It is different when the German happens to be a Jew or Jewess. It is strange when I calculate that between 1876-86 I owe almost all my pleasant moments in the chance of intercourse to Jews or Jewesses. The Germans underestimate what a blessing it is to meet a Jew,—one has no more reasons to be ashamed, one may even be intelligent ...In France, I do not see the necessity of why there are Jews, all the more so in Germany: Meilhac and Halévy, the best poets to whom my taste promises immortality, attain this height as Frenchmen not as Jews.— I would like to claim the same for Offenbach, this unambiguous musician, who wanted to be nothing other than what he was—a brilliant buffo, fundamentally the last M who still made M and not chords! ...
4.
Fundamentally, I belong to those involuntary educators who need no principles for education, nor have any. The single fact that in 7 years of teaching at the highest class of the Basel Pädagogium I had no occasion to impose a punishment, and that, as was later attested to me, even the laziest were industrious with me, testifies somewhat to this.A small piece of wisdom from that practice has remained in my memory: in cases where a student was utterly inadequate in repeating what I had explained the hour before, I always took the blame for it—saying, for example, that it was everyone’s right, if I expressed myself too briefly or too incomprehensibly, to demand an explanation or a repetition from me. A teacher has the task of making himself accessible to *every* intelligence... I have been told that this trick had a stronger effect than any reprimand.— I never felt any difficulty in dealing with pupils or students, even though at first my twenty-four years did not only *bring me closer* to them.In the same way, examining doctoral candidates gave me no reason to learn any additional skills or methods: what I handled instinctively was not only the most humane approach in such cases—I only felt completely at ease when I had guided the candidate into safe waters. Everyone in such situations has as much wit—or as little—as the venerable examiner does... When I listened, it always seemed to me that, fundamentally, the examiners themselves were being tested. —
5.
I have never understood the art of winning people over, even when it seemed of great value to me to achieve this goal. One may turn my life this way and that, but one will not find any signs that anyone ever bore ill will toward me.My own experiences, even with those from whom everyone has bad experiences, are without exception in their favor: also, for me, everyone was still an instrument from which I could elicit the finest, most unusual tones, provided I was not ill. How often have I heard this, a kind of astonishment on the part of my interlocutors about themselves: “Such a thing has never occurred to me before” ... Perhaps most beautifully from that unforgivably young deceased Heinrich von Stein, who once, after carefully obtaining permission, appeared in Sils for three days, explaining to everyone that he had not come because of the Engadin.This excellent man, who had waded into the Wagnerian swamp with the whole brave simplicity of his nature, up to his ears—“I understand nothing of music,” he confessed to me—was transformed for these three days by a stream of freedom, like one who suddenly finds himself in his element and grows wings. I always told him that it was the good air up here that did it, that it happened to everyone, but he wouldn’t believe me... If, nevertheless, many great and small misdeeds have been committed against me, it was not the “will,” least of all the evil will, that was the reason for it: rather, I would have had to complain about the good will, which has only caused mischief in my life.My experience gives me a right to mistrust in general regarding the helpful, shouting for advice, for deeds "love of neighbor" — I reproach it for easily losing its delicacy, that with its helpful hands it sometimes reaches destructively into a sublime destiny, into a solitude under wounds, into a privilege of great suffering. — Not without reason have I poetically depicted a case as "Zarathustra's Temptation," where a great cry of distress comes to him, where compassion wants to overwhelm him like a last sin: here to remain master, here to keep the height of his task pure from the much lower and more short-sighted drives that are active in the so-called selfless actions, this is a test, the final test, which Zarathustra and whoever is his equal must pass before himself. —
6.
Like anyone who never lives among their equals and ultimately makes their art and humanity from this fate, I resist taking any countermeasures in cases where a small or very great folly has been committed against me, unless it is to follow up the stupidity with wisdom as quickly as possible: perhaps one can still catch up with it. One only needs to do something bad to me, I will repay it, be certain of that: I will soon find an opportunity to express my gratitude to the wrongdoer for something or to ask them for something (—which is more binding than giving...). It also seems to me that the coarsest letter is more benevolent than silence.Such people, who remain silent, lack the refinement and courtesy of the heart.— When one is rich enough for it, it is a happiness to be in the wrong; one gets along best with me when one gives me from time to time an opportunity to be in the wrong. Nothing improves my friendship so fundamentally, nothing gives it freshness again and again... In those not unfamiliar cases where I confess a decided No to the point of war on the knife, one would make a grave fallacy to assume a hidden abundance of bad experiences in the background. Whoever has a concept of me may conclude the opposite. I admit no enmity towards things as long as the slightest personal discord still plays a part.If I wage war on Christianity, I am entitled to do so solely because I have never experienced anything gloomy or sorrowful from this side—on the contrary, the most estimable people I know have been Christians without falsehood, and I hold it against individuals least of all what is the fate of millennia. My ancestors themselves were Protestant clergymen: had I not inherited a lofty and pure sense from them, I would not know whence my right to wage war on Christianity derived. My formula for it: the Antichrist is himself the necessary logic in the development of a true Christian; in me, Christianity overcomes itself.Another case: I have retained only the most refreshing and uplifting memories from my relationships with Wagner and Frau Wagner: precisely this circumstance allowed me that neutrality of perspective to see the problem of Wagner as a cultural problem and perhaps to solve it ... Even for antisemites, whom I, as is known, hold in the least esteem, I would, based on my not inconsiderable experiences, have much favorable to assert: this does not prevent, this conditions rather, that I wage a ruthless war against antisemitism,—it is one of the most pathological outgrowths of the so absurd, so unjustified Reich-German self-anglicization ...
7.
It is not in my nature to love many and various things: even in my dealings with books, I have generally shown more hostility than tolerance, an “allowing to approach” in my instinct. And this from childhood. Essentially, it is a small number of books that count in my life, the most famous are not among them. My sense of style, of the epigram as style, awoke almost at once upon my first encounter with Sallust: I do not forget the astonishment of my revered teacher Corssen when he had to give his worst Latin student the highest mark,—he invited me to his home... Compressed, strict, with as much substance at the core as possible,—a cold malice toward the “beautiful word” and the “beautiful feeling”: by this I recognized myself.
One will, even in my Zarathustra, recognize a very serious ambition for a Roman style, for the “magnum in parvo,” for the “aere perennius.” It was no different for me upon first encountering Horace. To this day, I have not found the same artistic delight in any other poet that a Horatian ode gives me. In certain languages, e.g., in German, what is achieved here is not even to be desired. This mosaic of words, where each word, as sound, as position, as concept, radiates its power to the right, left, and across the whole, this minimum in the extent of signs, this maximum of energy in the sign thus achieved—all of this is Roman and, if you will believe me, noble par excellence: all the rest of poetry becomes sentimental chatter in comparison.I would least like to forget the charm that lies in the contrast between this granite form and the most graceful libertinage:—my ear is delighted by this contradiction of form and meaning. The third incomparable impression I owe to the Latins is Petronius. This prestissimo of arrogance in word, sentence, and leap of thought, this refinement in the mixture of vulgar and “educated” Latin, this unbounded good humor that fears nothing and gracefully skips over every kind of animalism in the ancient world, this sovereign freedom from “morality,” from the virtuous wretchedness of “beautiful souls”—I know of no book to name that has made a remotely similar impression on me. That the poet is a Provençal tells me softly my most personal instinct: one must have the devil in one’s body to make such leaps.Under certain circumstances, when I needed to free myself from a low impression, for example from a speech by the Apostle Paul, a couple of pages of Petronius were enough to completely restore me to health.8.
I owe the Greeks no related impressions whatsoever; in relation to Plato, I am far too thorough a skeptic, and have never been able to join in the admiration of the artist Plato, which is customary among scholars. He mixes, as it seems to me, all forms of style together: he has something similar on his conscience, like the Cynics, who invented the Satura Menippea. That the Platonic dialogue, the dreadfully self-satisfied and childish dialectic, can have a charm—one would have to have never read good French writers for that.Finally, my mistrust goes deep with Plato: I find him so strayed from all the basic instincts of the Hellenes, so Jewified, so pre-existent-Christian in his ultimate intentions, that I would rather use the harsh word "higher fraud" for the whole phenomenon of Plato than any other. One has paid dearly for the fact that this Athenian went to school with the Egyptians (—probably with the Jews in Egypt...) In the great fate of Christianity, Plato is one of those fateful ambiguities that made it possible for the nobler natures of antiquity to step onto the bridge that led to the "cross"... My recovery, my preference, my cure from all Platonism has always been Thucydides.Thucydides and, perhaps, Machiavelli's *principe*, are the ones most closely related to me, through the unconditional will to deceive oneself about nothing and to see reason in reality—not in "reason," still less in "morality" ... Nothing cures one so thoroughly of the wretched whitewashing that the classically educated German reaps as the reward for his "seriousness" in dealing with antiquity as Thucydides does. One must turn him over line by line and read his unspoken thoughts as clearly as his words: there are few thinkers so substantial. In him, the culture of the Sophists, that is to say, the realist culture, finds its perfect expression: this invaluable movement amid the moral and idealistic fraud of the Socratic schools, which was just then breaking out everywhere.The Greek philosophy already as the décadence of the Greek instinct: Thucydides as the great sum of all strong, strict, hard actuality that lay in the instinct of the older Hellene. The courage distinguishes such natures as Plato and Thucydides: Plato is a coward—hence he flees into the ideal—Thucydides has himself under control, hence he also keeps things under control.
9.
To recognize in the Greeks “beautiful souls,” “harmonious works of art,” and Winckelmann’s “noble simplicity”—I was protected from such German foolishness by the psychologist I carried within me. I saw their strongest instinct, the will to power; I saw them tremble before the unbridled force of this drive,—but I also saw their instincts grow from the protective measures to shield themselves from one another against their internal explosive material.The tremendous tension within then discharged itself in terrible hostility toward everything external: the city communes tore each other apart so that the citizens would not tear themselves apart at that price. One had to be strong— the magnificent and supple corporeality of the Greek was a necessity, not a "nature." It followed:—it was by no means there from the beginning. And with festivals and arts, one wanted nothing other than to feel ever stronger, more beautiful, ever more perfect oneself—: they are means of self-glorification, enhancements of the will to power.— To judge the Greeks by their philosophers! To use the moral wisdom of the philosophical schools to explain what was Greek! Such things have always seemed to me only proof of the psychological subtlety that distinguishes the Germans...The philosophers are indeed the décadents of Hellenism, the counter-movement against the classical taste, against the noble taste! The Socratic virtues were preached because they began to be lacking among the Greeks... I was the first to take seriously, for the understanding of the older Hellenes, that wonderful phenomenon which was baptized with the name Dionysus. My venerable friend Jakob Burckhardt in Basel understood perfectly well that something essential had been done with this: he added a special section on the problem to his Culture of the Greeks. If one wants to see the contrast, one should look closely at the contemptuous frivolity with which, in his time, the famous philologist Lobeck treated these matters.Lobeck, who creeps into this world of mysterious states with the venerable certainty of a worm dried out between books and convinces himself that he is being scientific simply by being barren and wretched here to the point of disgust, has made it understood with all the expenditure of scholarship that there is actually nothing to all these curiosities. Indeed, the priests may have imparted some things to the participants of such orgies, for example, that wine arouses lust, that man lives on fruits, that plants bloom in spring and wither in winter. As for the wealth of rites and myths of orgiastic origin, he becomes even more ingenious by a degree. The Greeks, he says, Agloph.I, 672, had nothing else to do, so they laughed, jumped, raced around, or, since humans sometimes also feel like it, they sat down, wept, and lamented. Others came later and still sought some reason for this striking behavior, and thus countless festival legends and myths arose to explain those customs...On the other hand, it was believed that this quaint activity, which once took place on the feast days, now also necessarily belonged to the festival celebration and was held as an indispensable part of the worship service.— But apart from this contemptible nonsense, one might argue that the entire concept of "Greek," and even more so the concept of "classical," as formed by Winckelmann and Goethe, is incompatible with the Dionysian element for us:—I fear that Goethe himself fundamentally excluded something of this nature from the possibilities of the Hellenic soul. And yet, it is only in the Dionysian mysteries that the entire substratum of the Hellenic instinct expresses itself. For what did the Hellene guarantee with these mysteries?The eternal life, the eternal recurrence of life, the future promised and consecrated in procreation, the triumphant affirmation of life beyond death and change, the true life as the collective continuation in community, city, and kinship; the sexual symbol as the most venerable symbol of all, the true essence of all ancient piety; the deepest gratitude for every individual act of procreation, pregnancy, and birth. In the mystery teachings, pain is declared sacred: the "pangs of the mother giving birth" sanctify pain itself, all becoming, all growth, everything that guarantees the future is conditioned by pain; so that there may be the eternal joy of creation, there must eternally be the torment of the mother giving birth...I know no higher symbolism.— Only Christianity has made sexuality into a filthiness: the concept of imm was the highest spiritual baseness that has ever been achieved on earth, e.g.—it threw filth into the origin of life ...
The psychology of orgiasm, as an overflowing feeling of life, within which even pain acts only as a stimulant, gave me the key to the tragic feeling, which has been misunderstood both by Aristotle and especially by the pessimists. The tragedy is so far from proving something for the pessimism of the Hellenes in the sense of Schopenhauer that it is, on the contrary, precisely its utmost opposite.The saying yes to life even in its strangest and hardest problems, the will to life rejoicing in its own inexhaustibility through the sacrifice of its highest types—that was what I called Dionysian, that was what I understood as the bridge to the psychology of the tragic poet. Not to be rid of terror and pity, not to purge oneself of a dangerous affect by a vehement discharge—that was Aristotle’s way: but to enjoy the eternal delight of becoming, beyond terror and pity, to have one’s terror and pity beneath oneself ...
10.
The happiness of my existence, its uniqueness perhaps, lies in its fate: I am, to express it in riddle form, already dead as my father, as my mother I still live.This dual origin, as it were, from the highest and lowest rung on the ladder of life—both decadent and beginning—this, if anything, explains that neutrality, that freedom from party in relation to the great overall problem of life, which distinguishes me. I know both, I am both.— My father died at 36 years of age: he was delicate, amiable, and morbid, like a being destined merely to pass by,—more a kind remembrance of life than life itself. In the same year that his life declined, mine also declined: at 36, I reached the lowest point of my vitality,—I still lived, but could not see three steps ahead of me. In 1879, I resigned my Basel professorship, lived through the summer like a shadow in St. Moritz, and the following winter, the least sunny of my life, in Naumburg.This was my minimum: the “Wanderer and his Shadow” came into being during that time. Undoubtedly, I knew myself then as a shadow... In the winter that followed, my first winter in Genoa, that strange spiritualization, which is almost conditioned by an extreme impoverishment of muscle and blood, brought forth the “Dawn.” The perfect brightness and cheerfulness of the spirit is compatible in me not only with the deepest physiological weakness but even with an extreme feeling of pain. In those hellish torments that an unbroken pain brings with laborious mucus-vomiting, I possessed dialectical clarity par excellence and thought through things to which I am not climber enough, not refined enough in healthier conditions.(My readers know to what extent I regard dialectics as a symptom of decadence, for example in the most famous case of all, that of Socrates) All pathological disturbances of the intellect, even the semi-stupor that accompanies fever, have remained completely foreign to me up to now; I had to inform myself about their frequency only through scholarly reading. My blood flows slowly—I had Napoleon’s pulse in my years of illness—no one has ever been able to detect a fever in me. A doctor who treated me for a long time as a nervous patient himself said, “No! It’s not your nerves, I myself am just nervous.” Completely undetectable is any local degeneration; no organically conditioned stomach ailments, no matter how much, as a consequence of brain exhaustion, the deepest weakness of the gastric system set in.Even the eye affliction, dangerously approaching blindness, was a consequence, not a cause: so that with every increase in vitality, eyesight also increased. A long, all-too-long series of years means recovery for me—unfortunately, it also means relapse, decline, and the periodicity of a kind of *décadence*. Do I need to say that I am experienced in matters of *décadence*? I have spelled it out forwards and backwards. Even that art of grasping and comprehending, that sensitivity to nuances, that entire psychology of “seeing around corners,” which perhaps distinguishes me, was learned then, is the true gift of that time when everything refined itself, both observation and the organs of observation.From the perspective of the sickly optic towards healthier concepts and values and again conversely from the fullness and self-assurance of full life down into the filigree work of the décadent instinct—that has been my greatest exercise, my longest experience: if in anything, I am a master here. I have it in my hand, I have the hand for it, to shift perspectives: which is why for me alone an revaluation of values was possible at all.11.
Apart from the fact that I am a décadent, I am its opposite in the fullest sense. My proof for this is that I instinctively also chose the right means against those bad conditions: while the décadent as such recognizably chooses the harmful means. As a summa summarum I was healthy: as an angle, as a specialty I was décadent.That energy of absolute solitude and detachment from familiar circumstances and tasks, the compulsion against myself not to let myself be cared for, served, doctored—this reveals the unconditional instinctive certainty about what is necessary. I took myself in hand, I made myself healthy: the prerequisite for this is—every physiologist will grant me this—that one is fundamentally healthy is. A typically morbid person does not become healthy: for a typically healthy person, illness can be an energetic stimulus. Thus, in fact, that long period of sickness finally appears to me: I discovered life anew, as it were, I savored all good and even small things in a way that another would hardly have savored,—I made my will to health, to life, my philosophy...For one should take note: the years of my lowest vitality were those in which I stopped being a pessimist—my instinct for self-restoration forbade me a philosophy of poverty and discouragement... How does one recognize fundamental well-being? A well-constituted person is carved from wood that is hard, tender, and fragrant; he is even pleasing to our sense of smell. He enjoys what is beneficial to him; his pleasure, his delight ceases where the measure of what is beneficial is exceeded. He divines remedies for harm; he uses adverse circumstances to strengthen himself.He instinctively gathers from everything he sees, hears, experiences, his sum: he is a selecting principle, he lets much fall through. He is always in his company, whether he deals with books, people, or landscapes: he honors by choosing, by admitting, by trusting. He reacts to all kinds of stimuli slowly, with that slowness which long caution and a deliberate pride have bred in him,—he tests the stimulus that approaches, he is far from meeting it halfway. He believes neither in “misfortune” nor in “guilt”: he is strong enough that everything must turn out for the best for him.— Very well, I am the opposite of a décadent: for I have just described myself. —
24 [2]
The physiological contradiction.
By the criminal.
What I owe to the old ones.
Philosophy.
Music
the books characterised.
In media vita.
Notes of a
Grateful one.
By
F. N.
24 [3]
Ecce homo
Notes
of a Multiple.
1. The Psychologist Speaks
2. The Philosopher Speaks
3. The Poet Speaks
4. The Musician Speaks
5. The Writer Speaks
6. The Educator Speaks
24 [4]
Friedrich Nietzsche
on his life.
Translated into German.
24 [5]
The Mirror
Attempt
at a Self-Assessment.
By
Friedrich Nietzsche
24 [6]
The wisdom of my instinct lies in feeling the actual hardships and dangers for me as such.
likewise in guessing the means by which one avoids them or arranges them to one's advantage and, as it were, organizes them around a higher purpose.
| The struggle | with loneliness with illness with the accident of origin, education, society... with the great overwhelming responsibility with the multiplicity of conditions of his task (—what isolation is needed |
24 [7]
Greatest wisdom: to let a great destiny penetrate one's consciousness as little as possible,—to preserve shame against it
to hide oneself from it, as it were, through modesty, caprice, refinement of taste, even through periods of illness and weakness ...
one must only do its commands, not want to know what it is, when it commands ...
one must have no speeches, no formulas, no attitudes for it,—one must suffer without knowing, one must do the best without understanding oneself in it ...
24 [8]
Vademecum.
Of the Reason of My Life.
24 [9]
In Traffic with the Ancients.
Appendix
Ecce homo.
24 [10]
As for Goethe: the first impression, a very early impression, was completely decisive: the Lion Novella, strangely enough the first thing I came to know of him, gave me once and for all my concept, my taste “Goethe.” A transfigured-pure autumnality in enjoying and in ripening,—in waiting, a oneness ascending into the most spiritual; something golden and sweetening, something mild, not marble—that is what I call Goethian.I later, for the sake of this term “Goethe,” absorbed Adalbert Stifter’s “Nachsommer” with deep fondness: fundamentally the only German book after Goethe that holds magic for me.—Faust—this is, for one who knows the earthy scent of the German language by instinct, for the poet of Zarathustra, an unparalleled delight: it is not for the artist that I am, to whom Faust is patchwork upon patchwork in handgiven was,—he is even less so for the philosopher, to whom the perfectly arbitrary and accidental—namely that conditioned by cultural accidents—in all types and problems of Goethe's work is repugnant. One studies the eighteenth century when one reads "Faust," one studies Goethe: one is a thousand miles away from the Necessary in type and problem. —