8, 23[1-197] Ende 1876 - Sommer 1877

23 [1]

Die geschickten Bewegungen des Fußes beim Ausgleiten Stolpern Klettern sind nicht die Resultate eines blind wirkenden aber zweckmäßigen Intellektes, sondern einmal angelernt, wie die Bewegungen der Finger beim Klavierspiel. Jetzt wird sehr viel von dieser Fertigkeit gleich vererbt.

23 [2]

Die Menschen setzen das Ähnliche hin als das Gleiche, z. B. den Priester gelegentlich als den Gott; den Theil gleich dem Ganzen z. B. in der Magie.

23 [3]

Man kann nicht erklären, was die Empfindung ist: aber ich glaube, es ist nicht viel, wenn man es weiß, und gewiß steckt kein Welträthsel dahinter.

23 [4]

Dieselbe Manier zu denken, welche noch jetzt die große Masse bestimmt, ja auch den gebildeten Einzelnen, falls er sich nicht sehr besinnt, hat den sämmtlichen Phänomenen der Cultur zum Fundamente gedient. Diese partie honteuse hat die ungeheuersten und herrlichsten Folgen nach sich gezogen, auch die Cultur hat ein pudendum zum Geburtsschooß, wie der Mensch.

23 [5]

Aristoteles meint, der Weise sei der welcher sich nur mit dem Wichtigen Wunderbaren Göttlichen beschäftige. Da steckt der Fehler in der ganzen Richtung des Denkens. Gerade das Kleine Schwache Menschliche Unlogische Fehlerhafte wird übersehn und doch kann man nur durch sorgfältigstes Studium desselben weise werden. Der Weise hat sehr viel Stolz abzulegen, er hat nicht die Augenbrauen so hoch zu ziehn, zuletzt ist es der, welcher ein Vergnügen sich macht, das Vergnügen des Menschen zu stören.

23 [6]

Ist für etwas z. B. Eigenthum Königthum die Empfindung erst erregt, so wächst sie fort, je mehr man den Ursprung vergißt. Zuletzt redet man bei solchen Dingen von “Mysterien,” weil man sich einer überschwänglichen Stärke der Empfindung bewußt ist, aber genau genommen keinen rechten Grund dafür angeben kann. Ernüchterung ist auch hier von Nöthen, aber eine ungeheure Quelle der Macht versiegt freilich.

23 [7]

Epikurs Stellung zum Stil ist typisch für viele Verhältnisse. Er glaubte zur Natur zurückzukehren, weil er schrieb, wie es ihm einfiel. In Wahrheit war so viel Sorge um den Ausdruck in ihm vererbt und an ihm großgezogen, daß er nur sich gehen ließ und doch nicht völlig frei und ungebunden war. Die “Natur,” die er erreichte, war der durch Gewohnheit angezogene Instinkt für den Stil. Man nennt dies Naturalisiren; man spannt den Bogen etwas schlaffer z. B. Wagner im Verhalten zur Musik, zur Gesangskunst. Die Stoiker und Rousseau sind im gleichen Sinne Naturalisten: Mythologie der Natur!

23 [8]

Kunst die Wissenschaft verhindernd bei den Griechen.

23 [9]

Warum überhaupt einen Erhaltungstrieb annehmen? Unter zahllosen unzweckmäßigen Bildungen kamen lebensfähige, fortlebensfähige vor; es sind millionenjahrelange Anpassungen der einzelnen menschlichen Organe nöthig gewesen, bis endlich der jetzige Körper regelmäßig entstehen konnte und bis jene Thatsachen regelmäßig sich zeigen, welche man gewöhnlich dem Erhalttrieb zuschreibt. Im Grunde geht es dabei jetzt ebenso nothwendig, nach chemischen Gesetzen, zu, wie beim Wasserfalle mechanisch. Der Finger des Klavierspielers hat keinen “Trieb” die richtigen Tasten zu treffen, sondern nur die Gewohnheit. Überhaupt ist das Wort Trieb nur eine Bequemlichkeit und wird überall dort angewendet, wo regelmäßige Wirkungen an Organismen noch nicht auf ihre chemischen und mechanischen Gesetze zurückgeführt sind.

23 [10]

Alle Ziele und Zwecke, die der Mensch hat, waren einmal in seinen Vorfahren auch bewußt; aber sie sind vergessen worden. Der Mensch hängt in seinen Richtungen sehr von der Vergangenheit ab: Platon. Dem Wurm ist der Kopf abgeschnitten, aber er bewegt sich in gleicher Richtung.

23 [11]

Auch dunkle Krankheiten z. B. Wahnsinn Veitstanz hat man verehrt und religiös idealisirt. Dabei sind ihre Äußerungen immer schöner und großartiger geworden. Derselbe Vorgang bei dem heftigen Affekt der Liebe, den man als Gott faßte, und so nicht nur für die Vorstellung, sondern in der Wirklichkeit idealisirte.

23 [12]

Es war ein sehr glücklicher Fund Schopenhauers als er vorn “Willen zum Leben” sprach: wir wollen diesen Ausdruck uns nicht wieder nehmen lassen und seinem Urheber dafür im Namen der deutschen Sprache dankbar sein. Aber das soll uns nicht hindern einzusehen, daß der Begriff Wille zum Leben vor der Wissenschaft sich noch nicht das Bürgerrecht erobert hat, ebenso wenig als die Begriffe “Seele” “Gott” Lebenskraft usw. Auch Mainländers Reduktion dieses Begriffs auf viele individuelle “Willen zum Leben” bringt uns nicht weiter,—man erhält dadurch statt einer universalen Lebenskraft (welche zugleich als außer, über und in den Dingen gedacht werden soll!) individuale Lebenskräfte, gegen welche dasselbe einzuwenden ist wie gegen jene universale. Denn bevor der Mensch ist, ist auch sein Individualwille noch nicht: oder was sollte dieser sein? Im Leben selber aber sich äußernd—ja ist denn das Wille zum Leben? Doch mindestens Wille im Leben zu bleiben, also, um den bekannteren Ausdruck zu wählen, Erhaltungstrieb. Ist es wahr, daß, wenn der Mensch in sein Inneres blickt, er sich als Erhaltungstrieb wahrnimmt? Vielmehr nimmt er nur wahr, daß er immer fühlt, genauer daß er irgend an welchem Organe irgend welche, gewöhnlich ganz unbedeutende Lust- oder Unlustempfindungen hat: die Bewegung des Blutes des Magens der Gedärme drückt irgend wie auf die Nerven, er ist immer fühlend und immer wechselt dies Gefühl. Der Traum verräth diese innere fortwährende Wandlung des Gefühls und deutet sie phantastisch aus. Die Stellungen, die die Glieder im Schlafe einnehmen, machen eine Umstellung der Muskeln nöthig und beeinflussen die Nerven und diese wieder das Gehirn. Unser Sehnerv unser Ohr unser Getast ist immer irgend wie erregt. Aber mit dem Erhaltungstrieb hat diese Thatsache einer fortwährenden Erregtheit und Bemerkbarkeit des Gefühls nichts gemein. Der Erhaltungstrieb oder die Liebe zum Leben ist entweder etwas ganz Bewußtes oder nur ein unklares irreführendes Wort für etwas anderes: daß wir der Unlust entgehen wollen, auf alle Weise, und dagegen nach Lust streben. Diese universale Thatsache alles Beseelten ist aber jedenfalls keine erste ursprüngliche Thatsache, wie es Schopenhauer vom Willen zum Leben annimmt:—Unlust fliehen, Lust suchen setzt die Existenz der Erfahrung und diese wieder den Intellekt voraus.— Die Stärke der Wollust beweist nicht den Willen zum Leben, sondern den Willen zur Lust. Die große Angst vor dem Tode, mit der Schopenhauer ebenfalls zu Gunsten seiner Annahme vom Willen argumentirt, ist in langem Zeitraum großgezüchtet durch einzelne Religionen, welche den Tod als entscheidende Stunde ansehen; sie ist hier und da so groß geworden. Falls sie aber unabhängig davon beobachtet wird, so ist sie nicht mehr als Angst vor dem Sterben d. h. dem ungeprobten und vielleicht zu groß vorgestellten Schmerz dabei, dann vor den Verlusten, welche durch das Sterben eintreten. Es ist nicht wahr daß man das Dasein um jeden Preis will, z. B. nicht als Thiere, auf welche Schopenhauer so gern hinweist um die ungeheure Macht des allgemeinen Willens zum Leben festzustellen.

23 [13]

Gelehrte wie Paul de Lagarde meinen, die Thatsachen des religiösen Bewußtseins müsse man vermöge der Wissenschaft festhalten. Aber wohl kann man sie constatiren, beschreiben, wissenschaftlich erklären: aber für das Individuum ist es dann mit ihnen vorbei. Denn der gute Glaube an sie ist zerstört, wenn man begriffen hat, wie irrthümlich menschlich es in ihrem Wesen aussieht. Die Wissenschaft ist der Tod aller Religionen, vielleicht einmal auch der Künste.

23 [14]

Der Weise kennt keine Sittlichkeit mehr außer der, welche ihre Gesetze aus ihm selbst nimmt; ja schon das Wort “Sittlichkeit” paßt für ihn nicht. Denn er ist völlig unsittlich geworden, insofern er keine Sitte kein Herkommen, sondern lauter neue Lebensfragen und deren Antworten anerkennt. Er bewegt sich auf unbegangenen Pfaden vorwärts, seine Kraft wächst, je mehr er wandert. Er ist einer großen Feuersbrunst gleich, die ihren eigenen Wind mit sich bringt, und von ihm gesteigert und weiter getragen wird.

23 [15]

Um der Kultur seine Erkenntniß zu weihen, sind wir in dem denkbar glücklichsten Zeitpunkte: jede Freiheit der Erkenntniß ist erobert und abgerungen und doch stehen wir allen Grundempfindungen, auf denen die alte Kultur ruht, noch nahe. Es wäre möglich, daß dies letztere einige Generationen später fehlte! —

23 [16]

Der Moment, in welchem die Luftschifffahrt erfunden und eingeführt wird, ist günstig für den Socialismus, denn der verändert alle Begriffe von Boden-Eigenthum. Der Mensch ist überall und nirgends, er wird entwurzelt. Man muß durch Gesellschaften sich sicherstellen, in strenger gegenseitiger Verpflichtung und Ausschließung aller Nichtverpflichteten. Sonst geht alles in die Lüfte und läßt sich anderswo nieder, wenn er nicht zahlen kann, nicht Verpflichtung halten mag.

23 [17]

Menschen, die keine wissenschaftliche Cultur haben, schwatzen, wenn sie über ernste und schwere Gegenstände reden und thun es mit Anmaaßung. Sokrates behält recht. Das Wichtigthun der Menschen ist beinahe so schlimm als völlige Verrücktheit. Freilich, zum Handeln, zum Ausbau der Cultur ist dieser Eifer diese Art Wahnsinn für Meinungen sehr wesentlich. Ohne Wuth kommt nichts zu Stande. Trotzdem: da die Erkenntniß von Wahrheiten überhaupt da ist und Vergnügen gewährt, so wollen wir ihre Fahne hoch halten, wenn auch mit keiner Grimasse des Pathos.

23 [18]

Selbst bei den freisinnigsten Denkern schleicht sich Mythologie ein, wenn sie von der Natur reden. Da soll die Natur das und das vorgesehen, erstrebt haben, sich freuen oder: “die menschliche Natur müßte eine Stümperei sein, wenn sie—.” Wille, Natur sind Überbleibsel des alten Götterglaubens.

23 [19]

Alle die, welche Maximen machen, verfallen leicht in den Fehler, vom Menschen etwas Allgemeines auszusagen, was von Zeiten oder Classen der Gesellschaft gilt; aber dasselbe haben alle Philosophen gethan, welche über die Menschen geschrieben haben—erst die Historie in Verbindung mit der Thiergeschichte läßt erkennen, wie groß der Mangel an Besonnenheit war. So verweist Schopenhauer, um zu zeigen, daß das Leben der Menschen einen moralischen metaphysischen Zweck habe, darauf, daß am Ende des Lebens man sich um seine moralischen Qualitäten bewußt werde—als ob ein solches Gefühl, wenn es jetzt wirklich allgemein existirte, irgend etwas anderes beweisen könnte als daß durch bestimmte Meinungen und Glaubenssätze die Menschen sich gewöhnt haben, in der Nähe des Todes an ihre Sünden zu denken: das heißt: eine solche Thatsache, wie sie Schopenhauer hinstellt, beweist, daß gewisse metaphysische Vorstellungen existiren und existirt haben, nicht aber daß sie wahr sind. Nun kommt dazu, daß es eine zeitlich sehr begrenzte Thatsache ist und daß z. B. im Alterthum man sehr oft, ohne an Sünden zu denken, starb. Und wenn es eine ganz allgemein, für alle Perioden der Menschheit und für jeden Menschen geltende Beobachtung wäre, es ist kein Beweis für die Wahrheit des von Schopenhauer behaupteten Satzes damit gegeben.

23 [20]

Wenn Männer mit starken geistigen Bedürfnissen an die Verbindung mit Frauen denken, so überkommt sie das Gefühl als ob sie sich einem Netz näherten, welches sich immer mehr zusammenzieht, und sie argwöhnen einen immer währenden Zwang, ja zuletzt, wenn es sich um Erziehung der Kinder handelt, einen immer neu auflodernden Kampf.

23 [21]

Wenn man eine Natur- und Menschenerklärung Sucht, welche unsern höchsten und stärksten Stimmungen entspricht, so wird man allein auf metaphysische stoßen. Wie es ohne alle diese erhabenen Irrthümer um die Menschen aussehen würde—ich glaube thierisch. Dächte man sich ein Thier mit dem Wissen einer strengen Naturkunde begabt, es würde damit kein Mensch werden, sondern im Wesentlichen als Thier fortleben, nur daß es in seinen vielen Mußestunden z. B. als Pferd vor der Krippe, gute Bücher läse, welche ihm es völlig begreiflich machten, daß die Wahrheit und das Thier sich gut vertragen.

23 [22]

Fast bei allen Philosophen ist die Benutzung des Vorgängers und die Bekämpfung desselben nicht streng, und ungerecht. Sie haben nicht gelernt ordentlich zu lesen und zu interpretiren, die Philosophen unterschätzen die Schwierigkeit wirklich zu verstehen, was einer gesagt hat und wenden ihre Sorgfalt nicht dahin. So hat Schopenhauer ebensowohl Kant als Plato völlig mißverstanden. Auch die Künstler pflegen schlecht zu lesen, sie neigen zum allegorischen und pneumatischen Erklären.

23 [23]

Ebensowohl Gott als der Teufel kann mit Fug und Recht zu dem Menschen sprechen: “Verachte nur Vernunft und Wissenschaft,—so haben wir dich unbedingt.” In diesem Punkte sind sie Verbündete. Übrigens sieht man dabei daß es mit jenem “unbedingt” nicht viel auf sich hat.

23 [24]

Ursprünglich sieht der Mensch alle Veränderungen in der Natur nicht als gesetzmäßig, sondern als Äußerungen des freien Willens d. h. blinder Zuneigungen Abneigungen Affekte Wuth usw. an: die Natur ist Mensch, nur so viel übermächtiger und unberechenbarer, als die gewöhnlichen Menschen, ein verhüllter in seinem Zelte schlafender Tyrann; alle Dinge sind Aktion wie er, nicht nur seine Waffen Werkzeuge sind belebt gedacht. Die Sprachwissenschaft hilft beweisen, daß der Mensch die Natur vollständig verkannte und falsch benannte: wir sind aber die Erben dieser Benennungen der Dinge, der menschliche Geist ist in diesen Irrthümern aufgewachsen, durch sie genährt und mächtig geworden.

23 [25]

Man wirft dem Socialismus vor, daß er die thatsächliche Ungleichheit der Menschen übersehe; aber das ist kein Vorwurf, sondern eine Charakteristik, denn der Socialismus entschließt sich, jene Ungleichheit zu übersehen und die Menschen als gleich zu behandeln d. h. zwischen allen das Verhältniß der Gerechtigkeit eintreten zu lassen, welches auf der Annahme beruht, daß alle gleich mächtig, gleich werthvoll seien; ähnlich wie das Christenthum in Hinsicht auf sündhafte Verdorbenheit und Erlösungsbedürftigkeit die Menschen als gleich nahm. Die thatsächlichen Differenzen (zwischen gutem und schlechtem Lebenswandel) erscheinen jenem zu gering, so daß man sie bei der Gesammtrechnung nicht in Anschlag bringt; so nimmt auch der Socialismus den Menschen als vorwiegend gleich, den Unterschied von gut und böse, intelligent und dumm als geringfügig oder als wandelbar: worin er übrigens in Hinsicht auf das Bild des Menschen, welches ferne Pfahlbauten-Zeiten gewähren, jedenfalls Recht hat: wir Menschen dieser Zeit sind im W gleich. In jenen Entschluß, über die Differenzen hinweg zu sehen, liegt seine begeisternde Kraft.

23 [26]

Immer mehr, je entwickelter der Mensch ist, nimmt er die Bewegung, die Unruhe, das Geschehen wahr. Dem weniger entwickelten scheint das Meiste fest zu sein, nicht nur Meinungen, Sitten, sondern auch Grenzen, Land und Meer Gebirge usw. Das Auge entschließt sich erst allmählich für das Bewegte. Es hat ungeheure Zeiten gebraucht, um das Gleichbleibende, scheinbar Dauernde zu fassen, das war seine erste Aufgabe, schon die Pflanze lernte vielleicht an ihr. Deshalb ist der Glaube an “Dinge” dem Menschen so unerschütterlich fest geworden, ebenso wie der an die Materie. Aber es giebt keine Dinge, sondern alles fließt—so urtheilt die Einsicht, aber der Instinkt widerspricht in jedem Augenblick.

23 [27]

Schopenhauer concipirt die Welt als einen ungeheuren Menschen, dessen Handlungen wir sehen und dessen Charakter völlig unveränderlich ist: diesen können wir eben aus jenen Handlungen erschließen. Insofern ist es Pantheismus oder vielleicht Pandiabolismus, denn er hat kein Interesse, alles was er wahrnimmt in’s Gute und Vollkommene umzudeuten. Aber diese ganze Unterscheidung zwischen Handlungen als Wirkungen und einem an sich seienden Charakter als Ursache ist schon am Menschen falsch, erst recht in Hinsicht auf die Welt. So etwas wie der Charakter hat an sich keine Existenz, sondern ist eine erleichternde Abstraktion. Und dies ist der Werth solcher Metaphysiker wie Schopenhauer: sie versuchen ein Weltbild: nur ist Schade, daß es die Welt in einen Menschen verwandelt: man möchte sagen, die Welt ist Schopenhauer im Großen. Das ist eben nicht wahr.

23 [28]

Die bittersten Leiden sind die, welche keine große Erregung mit sich bringen—denn die hohe Leidenschaft, sie sei welche sie wolle, hat ihr Glück in sich—sondern jene, welche nagen, wühlen und stechen: also namentlich die, welche durch rücksichtslose Menschen, welche ihre Art von Übermacht benutzen, uns zugefügt werden: etwa mit dem erschwerenden Umstande daß sie dabei von einer intimen Vertrautheit mit uns, durch einen Verrath der Freundschaft, Gebrauch machen. Das einzige große Gefühl, mit welchem man über solche Leiden hinwegflöge, wäre Haß mit der Aussicht auf Rache, auf Vernichtung des Andern. Aber gewöhnlich sagt sich der bessere Mensch, daß der Übelthäter gar nicht so boshaft war als er uns erscheint und daß manche Verdienste für ihn sprechen: so unterdrückt er den Gedanken an Wiedervergeltung, wird aber dabei nicht froh; er ist an die Zeit gewiesen, an das Schwächerwerden aller Erinnerungen. —

23 [29]

Zwei Dinge sind schädlich: der nagende Verdruß über eine Unbilde, mit seinem hundertfachen Wiederkäuen Ausspeien des Erlebten, dann matte imaginäre Rachebefriedigungen—eine wirkliche Rache und eine schnelle, wenn ihre Folgen uns auch mit Schmerz belasten, ist viel gesünder. Sodann das Leben in erotischen Vorstellungen, welche die Phantasie beschmutzen und allmählich eine Oberherrschaft gewinnen, bei welcher die Gesundheit leidet.— Die Selbsterziehung hat hier vorzubeugen: beiden Trieben muß auf die natürliche Art entsprochen werden und die Vorstellung rein erhalten werden. Die versagte Rache und die versagte Liebe machen den Menschen krank, schwach und schlecht.

23 [30]

Vorsicht vor Ringen! (Ringe sind gewundene Schlangen, welche sich harmlos stellen.) diese golden gewundenen Schlangen stellen sich zwar harmlos —

23 [31]

In welchem Gedichte wird soviel geweint wie in der Odyssee?— Und höchst wahrscheinlich wirkte das Gedicht auch ebenso auf die zuhörenden Griechen der älteren Zeit; jeder genoss dabei unter Tränen die Erinnerung an alles Erlittene und Verlorne. Jeder ältere Mann hatte eine Anzahl Erlebnisse mit Odysseus gemein, er fühlte dem Dulder alles nach.— Mich rührt oft das gar nicht Rührende, sondern das Einfache Schlichte Tüchtige bei Homer und ebenso in Hermann und Dorothea zu Thränen, z. B. Telemachos im ersten Gesang

23 [32]

Vielleicht ist der unegoistische Trieb eine späte Entwicklung des socialen Triebes; jedenfalls nicht umgekehrt. Der sociale Trieb entsteht aus dem Zwange, welcher ausgeübt wird, sich für ein anderes Wesen zu interessiren (der Sclave für seinen Herrn, der Soldat für seinen Führer) oder aus der Furcht, mit ihrer Einsicht, dass wir zusammen wirken müssen, um nicht einzeln zu Grunde zu gehen. Diese Empfindung, vererbt, entsteht später, ohne dass das ursprüngliche Motiv mit in’s Bewusstsein trete; es ist zum Bedürfniss geworden, welches nach der Gelegenheit ausschaut sich zu bethätigen. Für andere, für eine Gemeinsamkeit, für eine Sache (wie Wissenschaft) sich interessiren erscheint dann als unegoistisch, ist es aber im Grunde nicht gewesen. —

23 [33]

Gründliche Kenner der Nordamerikaner sagen dass “die herrschende Meinung in den Vereinigten Staaten sich gegen jeden erklärt, der es unterlässt nach dem Höchsten zu streben, was für ihn erreichbar ist. Zurückbleiben aus freiem Willen gilt geradezu als Schande, als eine Art von Vergehen, gegen die Gesellschaft.”

23 [34]

Die Welt ohne Eros.— Man bedenke, dass, vermöge des Eros, zwei Menschen an einander gegenseitig Vergnügen haben: wie ganz anders würde diese Welt des Neides der Angst und der Zwietracht ohne diess aussehen!

23 [35]

Tragische Jünglinge.— In der Neigung der Jünglinge für die Tragödie, in ihrer Manier sich trübselige Geschicke zu prophezeien, von den Menschen schlecht zu denken, ist etwas von jener Lust versteckt, welche in ihnen rege wird, wenn einer ausruft: “Wie weise ist er für sein Alter: wie kennt er schon den Lauf der Welt!”

23 [36]

Es ist ein herrliches Schauspiel: aus lokalen Interessen, aus Personen, welche an die kleinsten Vaterländer geknüpft sind, aus Kunstwerken, die für einen Tag, zur Festfeier gemacht wurden, aus lauter Punkten kurzum in Raum und Zeit erwächst allmählich eine dauernde die Länder und Völker überbrückende Cultur; das Lokale bekommt universale, das Augenblickliche bekommt monumentale Bedeutung. Diesem Gange in der Geschichte muss man nachspüren; freilich stockt einem mitunter der Athem, so zersponnen ist das Garn, so dem Zerreissen nahe der Knoten, welcher das Fernste mit dem Späten verbindet!— Homer, erst für alle Hellenen, dann für die ganze hellenische Culturwelt und jetzt für jedermann—ist eine Thatsache, über die man weinen kann.

23 [37]

Schopenhauer sagt mit Recht: “Die Einsicht in die strenge Nothwendigkeit der menschlichen Handlungen ist die Gränzlinie, welche die philosophischen Köpfe von den anderen scheidet.” Falsch dagegen: “der letzte und wahre Aufschluß über das innere Wesen des Ganzen der Dinge muß nothwendig eng zusammenhängen mit dem über die ethische Bedeutsamkeit des menschlichen Handelns.” Ebenso falsch: “zu schließen sind Alle, zu urtheilen Wenige fähig.”

23 [38]

Auch wenn man Martern und den Tod für seinen Glauben erduldet, beweist man nichts für die Wahrheit, sondern nur für die Stärke des Glaubens an das, was man für Wahrheit hält. (Das Christenthum freilich geht von dem unstatthaften Einfalle aus: “was stark geglaubt wird, ist wahr.” “Was stark geglaubt wird, macht selig, muthig, usw.”) Das Pathos der “Wahrheit” ist an sich nicht förderlich für dieselbe, insofern es dem erneuten Prüfen und Forschen entgegenwirkt. Es ist eine Art Blindheit mit ihm verbunden, ja man wird, mit diesem Pathos, zum Narren: wie dies Winkler sagt. Man muß von Zeit zu Zeit skeptische Perioden durchleben, wenn anders man ein Recht haben will sich eine wissenschaftliche Persönlichkeit zu nennen. Schopenhauer hat seine Position vielfach mit Fluchen und Verwünschungen und fast überall mit Pathos verschanzt; ohne diese Mittel würde seine Philosophie vielleicht weniger bekannt geworden sein (z. B. wenn er die eigentliche Perversität der Gesinnung es nennt, “an keine Metaphysik zu glauben”).

23 [39]

Der welcher über die inneren Motive des Menschen schreibt, hat nicht nur kalt auf sie hinzudeuten; denn so kann er seine Schlüsse nicht glaubhaft machen. Er muß die Erinnerung an diese und jene Leidenschaft, Stimmung erwecken können, und muß also ein Künstler der Darstellung sein. Dazu wiederum ist nöthig, daß er alle diese Affekte aus Erfahrung kennt; denn sonst wird er indigniren durch Kälte und den Anschein von Geringschätzung dessen, was die anderen Menschen so tief bewegt und erschüttert hat. Daher muß er die wichtigsten Stufen der Menschheit durchgemacht haben und fähig sein, sich auf sie zu stellen: er muß religiös, künstlerisch, wollüstig, ehrgeizig, böse und gut, patriotisch und kosmopolitisch, aristokratisch und plebejisch gewesen sein und die Kraft der Darstellung behalten haben. Denn bei seinem Thema ist es nicht wie bei der Mathematik, wo ganz bestimmte Mittel des Ausdrucks, Zahlen Linien da sind, welche ganz unzweideutig sind. Jedes Wort über die Motive des Menschen ist unbestimmt und andeutend, man muß aber stark anzudeuten verstehen, um ein starkes Gefühl darzustellen.

23 [40]

Es giebt tröpfelnde Denker und fließende, wie sich die Quellen ebenso unterscheiden. Lichtenberg hält fleißig unter und bekommt endlich den Becher voll; aber er hat die Zeit nicht gehabt, uns den Becher voll zu reichen; seine Verwandten haben uns die Tropfen zugemessen. Da wird man leicht unbillig. An sich erweckt der fließende Denker den Anschein der vollen Kraft, aber es kann auch nur Täuschung sein.

23 [41]

Nicht nur der Glaube an Gott, auch der Glaube an tugendhafte Menschen, Handlungen, die Schätzung “unegoistischer” Triebe, also auch Irrthümer auf psychologischem Gebiet haben der Menschheit vorwärts geholfen. Es ist ein großer Unterschied, ob einer die Helden Plutarchs mit Begeisterung nachahmt oder anzweifelnd analysirt. Der Glaube an das Gute hat die Menschen besser gemacht: wie eine Überzeugung vom Gegentheil die Menschen schwächer mißtrauischer usw. macht. Dies ist die Wirkung von La Rochefoucauld und vom Verfasser der psychologischen Beobachtungen: diese scharfzielenden Schützen treffen immer ins Schwarze, aber im Interesse der menschlichen Wohlfahrt möchte man wünschen, daß sie nicht diesen Sinn der Verkleinerung und Verdächtigung hätten.

23 [42]

Der Reiz mancher Schriften z. B. des Tristram Shandy beruht unter anderem darauf, daß der angeerbten und angezogenen Scheu, manche Dinge nicht zu sehen, sich nicht einzugestehen, in ihnen widerstrebt wird, daß also mit einer gewissen “Keuschheit der Seele” ein schelmisches Spiel getrieben wird. Dächte man sich diese Scheu nicht mehr angeerbt, so würde jener Reiz verschwinden. Insofern ist der Werth der vorzüglichsten Schriften sehr abhängig von der ziemlich veränderlichen Constitution des inneren Menschen; die Stärkung des einen, die Schwächung des anderen Gefühls läßt diesen und jenen Schriftsteller ersten Ranges langweilig werden: wie uns z. B. die spanische Ehre und Devotion in den Dramatikern, das Mittelalterlich-Symbolische bei Dante mitunter unerträglich ist und ihren Vertretern in unserem Gefühle Schaden thut.

23 [43]

Die außerordentliche Unsicherheit alles Unterrichtswesens hat darin ihren Grund, daß es kein gemeinsam anerkanntes Fundament mehr giebt, und daß jetzt weder Christenthum noch Alterthum noch Naturwissenschaft noch Philosophie eine überstimmende und herrschende Macht haben. Man bewegt sich schwankend zwischen sehr verschiedenen Ansprüchen: zuletzt will gar noch der Nationalstaat eine “nationale” Kultur, um damit die Unklarheit auf den Gipfel zu bringen—denn national und Kultur sind Widersprüche. Selbst an den Universitäten, den Festungen der Wissenschaft, giebt es Leute, welche über der Wissenschaft noch als höhere Mächte Religion oder Metaphysik, mit der Heimlichkeit von Verräthern, anerkennen.

23 [44]

Die Lehrer ganzer Klassen setzen einen falschen Ehrgeiz hinein, ihre Schüler individuell verschieden zu behandeln. Nun ist aber im höchsten Maaße wahrscheinlich, daß der Lehrer, bei seiner geringen und einseitigen Beziehung zu den Schülern, sie nicht genau kennt und einige grobe Fehler in der Beurtheilung des einen oder andren Charakters macht (welche zudem bei jungen Leuten noch biegsam sind und nicht als vollendete Thatsache behandelt werden sollten). Der Nachtheil, welchen die Erkenntniß der Klasse, daß einige Schüler grundsätzlich immer irrthümlich behandelt werden, mit sich bringt, wiegt alle etwaigen Vortheile einer individualisirenden Erziehung auf, ja überwiegt bei weitem. Im Allgemeinen sind alle Lehrer-Urtheile über ein Individuum falsch und voreilig: und kein Beweis von wissenschaftlicher Sorgfalt und Behutsamkeit. Man versuche es nur immer mit einer Gleichsetzung und Gleichschätzung aller Schüler und nehme das Niveau ziemlich hoch, ja man behandle alles Censurengeben mit ersichtlicher Geringschätzung und beschränke sich darauf, den Gegenstand des Unterrichts interessant zu machen, so sehr daß der Lehrer es sich, vor der Klasse, anrechnet, wenn ein Schüler sich auffällig uninteressirt zeigt—: es ist ein bewährtes Recept, und läßt überdies das Gewissen des Lehrers ruhiger.— Es versteht sich übrigens von selbst, daß Klassenerziehung eben nur ein Nothbehelf ist, wenn der einzelne Mensch durchaus nicht von einem einzelnen Lehrer erzogen werden kann und somit der individuelle Charakter und die Begabung ihren eigenen Wegen überlassen werden müssen: was freilich gefahrvoll ist. Aber ist der einzelne Erzieher nicht ebenfalls eine Gefahr? —

23 [45]

Verwunderung der Naiven daß der Staat die Erziehung und Schule nicht ganz unparteiisch fördert: wozu hätte er sonst sie mit aller Mühe in die Hand genommen! Das Mittel, die Geister zu beherrschen. (Anwartschaft aller Lehrer auf Stellen! so hat man sie.)

23 [46]

Wir gewinnen eine neue Freude hinzu, wenn uns die metaphysischen Vorstellungen Humor machen, und die feierliche Miene, die Rührung der angeblichen Entdeckung, der geheimnißvolle Schauer wie eine alte Geistergeschichte uns anmuthet. Seien wir nicht gegen uns mißtrauisch! Wir haben doch die Resultate langer Herrschaft der Metaphysik in uns, gewisse complexe Stimmungen und Empfindungen, welche zu den höchsten Errungenschaften der menschlichen Natur gehören; diese geben wir mit jenem unschuldigen Spotte keineswegs auf.— Aber warum sollen wir nicht lachen, wenn Schopenhauer die Abneigung vor der Kröte uns metaphysisch erklären will, wenn die Eltern Gelegenheitsursachen für den Genius der Gattung werden usw.?

23 [47]

Rée als scharfzielender Schütze zu bezeichnen welcher immer ins Schwarze trifft.

23 [48]

Die moralische Selbstbeobachtung genügt jetzt keineswegs, Historie und die Kenntniß der zurückgebliebenen Völkerschaften gehört dazu, um die verwickelten Motive unseres Handelns kennen zu lernen. In ihnen spielt die ganze Geschichte der Menschheit ab, alle ihre großen Irrthümer und falschen Vorstellungen sind mit eingeflochten; weil wir diese nicht mehr theilen, suchen wir sie auch nicht mehr in den Motiven unserer Handl, aber als Stimmung Farbe Oberton erklingen sie mit darin. Man meint, wenn man die Motive des Menschen classificirt nach der nothwendigen Befriedigung seiner Ansprüche, dann habe man wirklich alle Motive aufgezählt. Aber es gab zahllose fast unglaubliche, ja verrückte Bedürfnisse, welche nicht so leicht jetzt zu errathen wären: diese alle wirken jetzt noch mit.

23 [49]

Manchmal überkommt uns, etwa bei der tiefsten Erschütterung durch einen Trauerfall Treubruch Liebeswerbung, eine Empörung wenn wir die naturalistisch historische Erklärung hören. Aber solche Empfindungen beweisen nichts, sie sind wiederum nur zu erklären. Die Empfindungen sind tief geworden, aber nicht immer gewesen; und jenen höchsten Steigerungen entspricht kein realer Grund, sie sind Imaginationen.

23 [50]

Wenn Genie’s unangenehme, ja schlechte Eigenschaften haben, so muss man ihren guten Eigenschaften um so dankbarer sein, dass sie in solchem Boden, mit dieser Nachbarschaft, bei solchem Clima, solchem Wurmfrass doch diese Früchte zeitigten.

23 [51]

Manches an dem wiederhergestellten Katholicismus wird von uns falsch beurtheilt, weil hier südländische Äusserungen der Religiosität vorliegen. Es sieht uns äusserlich, schwärmerisch unwahr-übertrieben an: aber der Protestantismus ist eben auch nur nordischen Naturen begreiflich.

23 [52]

Die Musik ist erst allmählich so symbolisch geworden, die Menschen haben immer mehr gelernt, bei gewissen Wendungen und Figuren seelische Vorgänge mitzuverstehen. Von vorn herein liegen sie nicht darin. Musik ist nicht unmittelbarer Ausdruck des Willens, sondern erst in der Fülle der Kunst kann sie so erscheinen.

23 [53]

Musik hat als gesammte Kunst gar keinen Charakter, sie kann heilig und gemein sein, und beides ist sie erst, wenn sie durch und durch symbolisch geworden ist. Jene sublimirten Verherrlichungen der Musik überhaupt, wie sie z. B. bei Bettina zu finden sind, sind Beschreibungen von Wirkungen gewisser Musik auf ganz bestimmte Individuen, welche alle jene sublimirten Zustände in sich haben und durch sie nun auch der Musik sich nähern.

23 [54]

Man lobt das Unegoistische ursprünglich, weil es nützlich, das Egoistische, weil es schädlich ist. Wie aber, wenn dies ein Irrthum wäre! Wenn das Egoistische in viel höherem Grade nützlich wäre, auch den anderen Menschen, als das Unegoistische! Wie wenn man beim Tadel des Egoistischen immer nur an den dummen Egoismus gedacht hätte! Im Grunde übte man die Klugheit?— Freilich Güte, und Dummheit gehen auch zusammen, un bon homme usw.

23 [55]

Nach der Novelle “am Malanger Fjord” zu urtheilen, ist Th. Mügge das einzige deutsche Erzählertalent im Scottischen Stile; er ist durchaus meisterhaft sicher.

23 [56]

Lob Epicurs.— Die Weisheit ist um keinen Schritt über Epikur hinausgekommen—und oftmals viele tausend Schritt hinter ihn zurück.

23 [57]

Wenn ich die Dinge nach dem Grade der Lust ordne, welche sie erregen, so steht obenan: die musikalische Improvisation in guter Stunde, dann das Anhören einzelner Sachen Wagner’s und Beethovens, dann vor Mittag gute Einfälle im Spazierengehen haben, dann die Wollust usw.

23 [58]

Der Genuss an der Kunst hängt von Kenntnissen (Übung) ab; auch bei der volksthümlichsten Kunst. Es giebt keine unmittelbare Wirkung auf den Hörer, ein Hinausgreifen über die Schranken des Intellects. Viele geniessen Wagnerische Musik nicht, weil sie nicht genussfähig durch höchste musikalische Bildung geworden sind.

23 [59]

Menschen, welche sich in hervorragender Weise vom Ererbt-Sittlichen loslösen, “gewissen”-los sind, können dies nur in der gleichen Weise werden, wie Missgeburten entstehen; das Wachsen und Sich-bilden geht ja nach der Geburt fort, in Folge der angeerbten Gewohnheiten und Kräfte. So könnte man in jenem Falle den Begriff der Missgeburt erweitern und etwa von Missgebilden reden. Gegen solche hat die übrige Menschheit dieselben Rechte wie gegen die Missgeburten und Monstra: sie darf sie vernichten, um nicht die Propagation des Zurückgebliebenen Missrathenen zu fördern. Z. B. der Mörder ist ein Missgebilde. —

23 [60]

Eine gewöhnliche Erfahrung: es ging schlecht, aber viel besser als ich glaubte.

23 [61]

Glück und Unglück.— Bei manchen Menschen zeigt sich das Glück ergreifender als ihr Unglück.— Wer kann heitere Musik aus einem Irrenhause heraus tönend ohne Thränen hören?

23 [62]

Beim Gehen an einem Waldbach scheint die Melodie, die uns im Sinne liegt, hörbar zu werden, in starken zitternden Tönen; ja sie scheint mitunter dem inneren Bild der Melodie, welche wir verfolgen, vorauszulaufen um einen Ton und erlangt eine eigne Selbstständigkeit, welche aber nur Täuschung ist.

23 [63]

Das Hauptelement des Ehrgeizes ist, zum Gefühl seiner Macht zu kommen. Die Freude an der Macht ist nicht darauf zurückzuführen, dass wir uns freuen, in der Meinung anderer bewundert dazustehen. Lob und Tadel, Liebe und Hass sind gleich für den Ehrsüchtigen, welcher Macht will.

Furcht (negativ) und Wille zur Macht (positiv) erklären unsere starke Rücksicht auf die Meinungen der Menschen.

Lust an der Macht.— Die Lust an der Macht erklärt sich aus der hundertfältig erfahrenen Unlust der Abhängigkeit, der Ohnmacht. Ist diese Erfahrung nicht da, so fehlt auch die Lust.

23 [64]

Zeichen höherer Naturen.— Die metaphysischen Vorstellungen eines Menschen sind Zeugnisse für seine höhere Natur, edlere Bedürfnisse: insofern soll man immer im würdigsten Tone von ihnen reden.

23 [65]

Nutzen und Nachtheil alles Märtyrerthums.— Die vielen Märtyrertode sind Kraftquellen für die Menschen geworden, nach der Seite der Überzeugungs-Hartnäckigkeit, nicht nach der Seite der strengen Wahrheitsprüfung. Die Grausamkeiten schaden der Wahrheit, aber nützen dem Willen (der sich im Glauben manifestirt).

23 [66]

In wiefern tröstet es einen Unglücklichen, eine Strafe nicht verdient zu haben? Er wird zum Besten der Menschheit als Mittel benutzt, um sie abzuschrecken: aber er hatte es nicht verdient, als Mittel betrachtet zu werden? Sobald man aber einsieht, dass niemand etwas verdient, tröstet jener Gesichtspunkt auch gar nicht mehr. Übrigens sollte man sich unter allen Umständen darüber freuen, als Mittel zur Verbesserung der Menschen zu dienen.

23 [67]

Übliche Form des Argwohns.— Man ist unbillig argwöhnisch gegen Bücher, deren Resultate uns missfallen—und umgekehrt. In einer Partei werden die Grundsätze des Parteikampfes niemals ernsthaft geprüft; nur die entgegenstrebenden Parteien und deren Interessen bringen eine starke Kritik hervor.

23 [68]

Mancher trifft den Nagel, aber nicht auf den Kopf, er macht das Problem heillos schief. Es wäre besser, er hätte die Sache ganz verfehlt.

23 [69]

Ablösung des Zufälligen durch das Nothwendige.— Im Stadium höherer geistiger Befreiung soll man alles Zufällig-Natürliche, mit dem man das Leben verknüpft hat, durch Gewähltes-Nöthiges ersetzen. Wer unzureichende Freunde von früher her hat, soll sich lösen; einen neuen Vater, neue Kinder soll man sich unter Umständen wählen.

23 [70]

Grosse Wirkungen falsch abgeleitet.— Grosse Wirkungen auf grosse Ursachen zurückzuführen ist ein sehr gewöhnlicher Fehlschluss. Erstens können es kleine Ursachen sein, welche aber eine lange Zeit wirken. Dann kann das Object, auf welches gewirkt wird, wie ein vergrössernder Spiegel sein: ein schlechter Dichter kann grosse Wirkung thun, weil das Publikum gerade ihm homogen ist, z. B. Uhland unter seinen schwäbischen Landsleuten.

23 [71]

Suche die Einsamkeit, um Vielen oder Allen (der Vielsamkeit) am besten nützen zu können: wenn du sie anders suchst, so wird sie dich schwach krank und zu einem absterbenden Gliede machen.

23 [72]

Nicht die Abwesenheit der Liebe, sondern die Abwesenheit der Freundschaft macht die unglücklichen Ehen.

23 [73]

Der Ausdruck “Lohn” ist aus der Zeit her in unsere verschleppt, in welcher der Niedriggeborne Unfreie wenn man ihm überhaupt etwas gab oder gönnte sich immer beglückt begnadet fühlte, wo er wie ein Thier bald durch die Peitsche bald durch Lockungen aufgemuntert wurde, aber niemals etwas “verdiente.” Wenn jener thut, was er thun muss, so ist kein Verdienst dabei: wird er trotzdem belohnt, so ist dies eine überschüssige Gnade, Güte.

23 [74]

Die jetzigen Dramatiker gehen häufig von einem falschen Begriff des Dramas aus und sind Drastiker: es muß bei ihnen um jeden Preis geschrieen gelärmt geschlagen geschossen getödtet werden. Aber “Drama” bedeutet “Ereigniß” factum, im Gegensatz zum fictum. Nicht einmal die historische Ableitung des griechischen Wort-Begriffs giebt ihnen Recht. Die Geschichte des Dramas aber erst recht nicht; denn der Darstellung des Drastischen gehen die Griechen gerade aus dem Wege.

23 [75]

Der ehemalige Wunderbeweis.— Wenn jemand seine Hand in glühend flüssiges Metall taucht und unversehrt herauszieht, so setzt es immer noch in Erstaunen aber ehemals meinte man gewiß ein Wunder zu sehen: der es that, glaubte selber an eine geheimnißvolle Kraft und übernatürlichen Beistand. Auch der, welcher die Erklärung der Thatsache jetzt nicht weiß, meint doch, es gehe natürlich zu und es werde ihm so gut glücken wie jenem. Ehemals hätte man jede Behauptung damit beweisen können und jeder hätte einem solchen Beweise geglaubt.

23 [76]

Die wissenschaftlichen Methoden entlasten die Welt von dem großen Pathos, sie zeigen, wie grundlos man sich in diese Höhe der Empfindung hineingearbeitet hat. Man lacht und wundert sich jetzt über einen Zank, der zwei Feinde und allmählich ganze Geschlechter rasend macht und zuletzt das Schicksal der Völker bestimmt, während vielleicht der Anlaß längst vergessen ist: aber ein solcher Vorgang ist das Symbol aller großen Affekte und Leidenschaften in der Welt, welche in ihrem Ursprunge immer lächerlich klein sind. Nun bleibt zunächst der Mensch verwundert vor der Höhe seines Gefühls und der Niedrigkeit des Ursprungs stehen; auf die Dauer mildert sich dieser Gegensatz, denn das beschämende Gefühl des Lächerlichen arbeitet still an dem Menschen, der hier einmal zu erkennen angefangen hat.— Es giebt anspruchsvolle Tugenden, welche ihre Höhe nur unter metaphysischen Voraussetzungen behaupten können z. B. Virginität; während sie an sich nicht viel bedeutet, als eine blasse unproduktive Halbtugend, welche überdies geneigt macht, über die Mitmenschen recht ketzerrichterisch abzuurtheilen.

23 [77]

Unterscheidet man Stufen der Moralität, so würde ich als erste nennen: Unterordnung unter das Herkommen, Ehrfurcht und Pietät gegen das Herkommen und seine Träger (die Alten) als zweite Stufe. Gebundensein des Intellekts, Beschränkung seines Herumgreifens und Versuchens, Steigerung des Gefühls innerhalb des abgegrenzten Bereichs erlaubter Vorstellungen.— Dagegen die Forderung des unegoistischen unpersönlichen Handelns, worin man gewöhnlich den Ursprung der Moralität sieht, gehört den pessimistischen Religionen an, insofern diese von der Verwerflichkeit des ego, der Person ausgehen, also die metaphysische Bedeutung des “Radikal-Bösen” vorher in den Menschen gelegt haben müssen. Von der pessimistischen Religion her hat Kant sowohl das Radikal-Böse als den Glauben daß das Unegoistische das Kennzeichen des Moralischen sei. Nun existirt dies aber nur, wie Schopenhauer richtig sah, im Nachgeben gegen bestimmte Empfindungen, z. B. des Mitleidens Wohlwollens. Empfindungen kann man aber nicht fordern, anbefehlen. Die Moral hat aber immer gefordert, sie wird somit “mitleidig und wohlwollend sein” (unegoistisch sein) nicht als entscheidende Kennzeichen des “moralischen Menschen” gelten lassen: wie man ja thatsächlich oft von “unmoralischen Menschen” spricht, welche aber sehr gutmüthig und mitleidig sind.

23 [78]

Die falsche Voraussetzung aller Moral ist der Irrthum, daß der Mensch frei handele und verantwortlich sei. Jedes Gesetz, jede Vorschrift (in Staat, Gesellschaft, Schule) setzt diesen Glauben voraus, wir sind so daran gewöhnt, daß wir loben und tadeln, auch nach der erworbenen Einsicht in die Unverantwortlichkeit: während wir doch die Natur nicht tadeln und loben. Unegoistische Handlungen fordern, wie es die pessimistischen Religionen thun, Liebe fordern: das setzt denselben Grundirrthum voraus.

23 [79]

Um die Monogamie und ihre große Wucht zu erklären, soll man sich ja vor feierlichen Hypothesen hüten, wozu die erwähnte Scham vor einem Mysterium verführt. Zunächst ist an einen moralischen Ursprung gar nicht zu denken; auch die Thiere haben sie vielfach. Überall wo das Weibchen seltener ist als das Männchen oder seine Auffindung dem Männchen Mühe gemacht hat, entsteht die Begierde, den Besitz desselben gegen neue Ansprüche anderer Männchen zu vertheidigen. Das Männchen läßt das einmal erworbene Weibchen nicht wieder los, weil es weiß, wie schwer ein neues zu finden ist, wenn es dies verloren hat. Die Monogamie ist nicht freiwillige Beschränkung auf ein Weib, während man unter vielen die Auswahl hat, sondern die Behauptung eines Besitzthums in weiberarmen Verhältnissen. Deshalb ist die Eifersucht bis zu der gegenwärtigen Stärke angeschwollen und aus dem Thierreich her in überaus langen Zeiträumen auf uns vererbt. In den Menschenstaaten ist das Herkommen der Monogamie vielfach aus verschiedenen Rücksichten der Nützlichkeit sanktionirt worden, vor allem zum Wohle der möglichst fest zu organisirenden Familie. Auch wuchs die Schätzung des Weibes in derselben, so daß es von sich aus später das Verhältniß der Monogamie allen übrigen vorzog.— Wenn thatsächlich das Weib ein Besitzstück nach Art eines Haussklaven war, so stellte sich doch bei dem Zusammenleben zweier Menschen, bei gemeinsamen Freuden und Leiden, und weil das Weib auch manches verweigern konnte, in manchem dem Mann als Stellvertreter dienen konnte, eine höhere Stellung des Eheweibes ein.— Jetzt, wo die Weiber in den civilisirten Staaten thatsächlich in der Mehrheit sind, ist die Monogamie nur noch durch die allmählich übermächtig gewordene Sanktion des Herkommens geschützt; die natürliche Basis ist gar nicht mehr vorhanden. Ebendeshalb besteht hinter dem Rücken der feierlich behandelten und geheiligten Monogamie thatsächlich eine Art Polygamie.

23 [80]

Wenn Schopenhauer dem Willen das Primat zuertheilt und den Intellekt hinzukommen läßt, so ist doch das ganze Gemüth, so wie es uns jetzt bekannt ist, nicht mehr zur Demonstration zu benutzen. Denn es ist durch und durch intellektual geworden (so wie unsere Tonempfindung in der Musik intellektual wurde). Ich meine: Lust und Schmerz und Begehren können wir gar nicht vom Intellekt mehr losgetrennt denken. Die Höhe Mannichfaltigkeit Zartheit des Gemüths ist durch zahllose Gedankenvorgänge großgezüchtet worden; wie die Poesie sich zur jetzigen Musik verhält, als die Lehrerin aller Symbolik, so der Gedanke zum jetzigen Gemüth. Diese Gedanken sind vielfache Irrthümer gewesen; z. B. die Stimmung der Frömmigkeit ruht ganz auf dem Irrthume. Lust und Schmerz ist wie eine Kunst ausgebildet worden, genau durch dieselben Mittel wie eine Kunst. Die eigentlichen Motive der Handlungen verhalten sich jetzt so wie die Melodien der jetzigen Musik; es ist gar nicht mehr zu sagen, wo Melodie, wo Begleitung Harmonie ist; so ist bei den Motiven der Handlungen alles künstlich gewebt, mehrere Motive bewegen sich neben einander und geben sich gegenseitig Harmonie Farbe Ausdruck Stimmung. Bei gewissen Stimmungen meinen wir wohl den Willen abgesondert vom Intellekt zu haben, es ist eine Täuschung; sie sind ein Resultat. Jede Regung ist intellektual geworden; was einer z. B. bei der Liebe empfindet, ist das Ergebniß alles Nachdenkens darüber, aller je damit verbundenen Metaphysik, aller verwandten miterklingenden Nachbarstimmungen.

23 [81]

Bei dem Ursprunge der Kunst hat man nicht von aesthetischen Zuständen und dergleichen auszugehen; das sind späte Resultate, ebensowie der Künstler. Sondern der Mensch wie das Thier sucht die Lust und ist darin erfindsam. Die Moralität entsteht, wenn er das Nützliche sucht d. h. das was nicht sogleich oder gar nicht Lust gewährt, aber Schmerzlosigkeit verbürgt, namentlich im Interesse Mehrerer. Das Schöne und die Kunst geht auf das direkte Erzeugen möglichst vieler und mannichfaltiger Lust zurück. Der Mensch hat die thierische Schranke einer Brunstzeit übersprungen; das zeigt ihn auf der Bahn der Lust-Erfindung. Viele Sinnenfreuden hat er von den Thieren her geerbt (der Farbenreiz bei den Pfauen, die Gesangfreude bei den Singvögeln). Der Mensch erfand die Arbeit ohne Mühe, das Spiel, die Bethätigung ohne vernünftigen Zweck. Das Schweifen der Phantasie, das Ersinnen des Unmöglichen, ja des Unsinnigen macht Freude, weil es Thätigkeit ohne Sinn und Zweck ist. Mit den Armen und Beinen sich bewegen ist ein Embryo des Kunsttriebs. Der Tanz ist Bewegung ohne Zweck; Flucht vor der Langeweile ist die Mutter der Künste. Alles Plötzliche gefällt, wenn es nicht schadet, so der Witz, das Glänzende, Starktönende (Licht Trommellärm). Denn eine Spannung löst sich, dadurch daß es aufregt und doch nicht schadet. Die Emotion an sich wird erstrebt, das Weinen, der Schrecken (in der Schauergeschichte) die Spannung. alles was aufregt, ist angenehm, also die Unlust im Gegensatz zur Langeweile als Lust empfunden.

23 [82]

Wenn jemand die Wissenschaft zum Schaden der Menschheit fördert (- nämlich es giebt keine prästabilirte Harmonie zwischen der Förderung der Wissenschaft und der Menschheit) so kann man ihm sagen: willst du zu deinem Vergnügen die Menschheit deiner Erkenntniß opfern, so wollen wir dich dem allgemeinen Wohlbefinden opfern, hier heiligt der gute Zweck das Mittel. Wer die Menschheit eines Experimentes wegen vergiften wollte, würde von uns wie ein ganz gefährliches Subjekt in Banden gelegt werden; wir fordern: das Wohl der Menschheit muß der Grenzgesichtspunkt im Bereich der Forschung nach Wahrheit sein (nicht der leitende Gedanke, aber der, welcher gewisse Grenzen zieht). Freilich ist da die Inquisition in der Nähe; denn das Wohl aller war der Gesichtspunkt, nach dem man die Ketzer verfolgte. In gewissem Sinne ist also eine Inquisitions-Censur nothwendig, die Mittel freilich werden immer humaner werden.

23 [83]

Eine alte Stadt, Mondschein auf den Gassen, eine einsame männliche Stimme—das wirkt als ob die Vergangenheit leibhaftig erschienen sei und zu uns reden wollte—das Heillose des Lebens, das Ziellose aller Bestrebungen, der Glanz von Strahlen darum, das tiefe Glück in allem Begehren und Vermissen: das ist ihr Thema.

23 [84]

Man überschätzt an Künstlern die fortlaufende Improvisation, welche gerade bei den originellsten Künstlern nicht existirt, wohl aber bei den halb reproduktiven Nachahmern. Beethoven sucht seine Melodien in vielen Stücken, mit vielem Suchen zusammen. Aber die Künstler selbst wünschen, daß das Instinktive “Göttliche” Unbewußte in ihnen am höchsten taxirt werde und stellen den Sachverhalt nicht treu dar, wenn sie darüber sprechen. Die Phantasie (wie z. B. bei dem Schauspieler) schiebt viele Formen ohne Wahl heran, die höhere Cultur des Künstler-Geschmacks trifft die Auswahl unter diesen Geburten und tödtet die anderen ab, mit der Härte einer lykurgischen Amme.

23 [85]

Der Vorzug unserer Cultur ist die Vergleichung. Wir bringen die verschiedensten Erzeugnisse älterer Culturen zusammen und schätzen ab; dies gut zu machen ist unsere Aufgabe. Unsre Kraft soll sich zeigen, wie wir wählen; wir sollen Richter sein.

23 [86]

Zum Schluß: Vernunft und Wissenschaft, “des Menschen allerhöchste Kraft!”

23 [87]

Wir nennen den moralisch, welcher in Hinsicht auf ein von ihm anerkanntes Gesetz sich unterordnet und demgemäß handelt, sei dies ein Staatsgesetz, sei es die Stimme Gottes in der Form religiöser Gebote, sei es selbst nur das Gewissen, oder die philosophische “Pflicht.” Ob jemand mit Recht oder Unrecht solche Gesetze glaubt, ist gleichgültig; für die Moral ist nur wichtig, daß er nach ihnen sich richtet.— Innerhalb der verschiedenen Sphären des Egoismus ist ein Unterschied von Höher und Nieder: hier sich auf Seiten des höheren geläuterten Egoismus stellen nennen wir ebenfalls moralisch.— Gut nennen wir jetzt eine moralische Handlungsweise ohne weiteres noch nicht. Seelengüte wird dem Menschen zugesprochen, welcher nicht in Hinsicht auf ein Gesetz, sondern nach inneren Trieben gern Mitleiden Mitfreude Aufopferung usw. zeigt. Also Moralität zum Instinkt geworden, in ihrer Ausübung mit Lust verbunden, wie dies nach langer Vererbung und Gewohnheit zu geschehen pflegt: das heißt bei uns Gutsein.

23 [88]

Man spricht von Milderungsgründen: sie sollen die Schuld mindern und darnach soll die Strafe geringer ausfallen. Aber geht man auf die Genesis der Schuld ein, so mildert man allmählich die Schuld weg, und dann dürfte es gar keine Strafe geben. Denn im Grunde giebt es eben, bei der Unfreiheit des Willens, keine Schuld. Läßt man die Strafe als Abschreckung gelten, so darf es keine Milderungsgründe geben, die sich auf die Entstehung der Schuld beziehen. Ist die That constatirt, so folgt die Strafe unerbittlich; der Mensch ist Mittel zum Wohle aller. Auch das Christenthum sagt: Richtet nicht! freilich mit der Rücksicht auf den persönlichen Nachtheil. Christus: “Gott soll richten.” Dies ist aber ein Irrthum.

23 [89]

Die Philosophen finden den Willen zum Leben namentlich dadurch bewiesen, daß sie das Schreckliche oder Nutzlose des Lebens einsehen und doch nicht zum Selbstmord greifen—aber ihre Schilderung des Lebens könnte falsch sein! —

23 [90]

Wie jetzt auch die Frage der Kritik des Erkenntnißvermögens beantwortet werde, die Untersuchung ist so schwierig, die Gedankenselbstprüfung so subtil, daß ihr Resultat mit den Resultaten der bisherigen Religion Kunst und Moral gar nichts zu thun hat. Diese verdanken sie nicht solchen wissenschaftlichen Prozeduren, sondern höchst unwissenschaftlichen. Das Bedürfniß nach ihnen ist ohne alle Consequenz für die “Wahrheit,” Realität ihrer Annahmen.

23 [91]

Das gute Kunstwerk der Erzählung wird das Hauptmotiv so entfalten wie die Pflanze wächst, immer deutlicher sich vorbildend, bis endlich als neu und doch geahnt die Blüthe sich erschließt. Die Kunst des Novellisten ist namentlich die, das Thema präludiren zu lassen, es symbolisch mehrermal vorwegzunehmen, die Stimmung vorzubereiten, in welcher man den Ausbruch des Gewitters anticipirt, benachbarte Töne der Hauptmelodie erklingen zu machen und so auf jede Weise die erfindende Fähigkeit des Lesers zu erregen, als ob er ein Räthsel rathen sollte; dieses aber dann so zu lösen, daß es den Leser doch noch überrascht.— Wie der Knabe spielt, so wird der Mann arbeiten, ein Schulereigniß kann alle handelnden Personen eines politisch großen Vorgangs schon deutlich erkennen lassen.— Vielleicht ist auch eine Philosophie so darzustellen, daß man die eigentliche Behauptung erst zuletzt stellt und zwar mit ungeheurem Nachdruck.

23 [92]

Es ist ein Zeichen von Größe, mit geringen Gaben hoch beglücken zu können.

23 [93]

Die Philosophie großer Menschen entspricht gewöhnlich dem Lebensalter, in welchem die Conception dazu gemacht wurde. So ist für den, welcher die zwanziger Jahre Schopenhauers intim kennt, die ganze Philosophie Schopenhauers förmlich auszurechnen, zu prophezeien.

23 [94]

Erzogen wird jeder Mensch, durch die Umstände, Gesellen, Eltern, Geschwister, Ereignisse der Zeit, des Ortes: aber dies ist alles Erziehung des Zufalls und vielfältig geeignet, ihn recht unglücklich zu entwickeln. Über diese Erziehung durch den Zufall ist aber die Menschheit im Ganzen noch nicht hinausgekommen: gehindert durch die metaphysische Vorstellung (an welcher selbst Lessing’s scharfer Geist stumpf wurde), daß ein Gott die Erziehung der Menschheit in die Hand genommen habe und daß wir seine Wege nicht völlig begreifen können. Von nun an hat die Erziehung sich ökumenische Ziele zu stecken und den Zufall selbst im Schicksal von Völkern auszuschließen:—die Aufgabe ist so groß, daß eine ganz neue Gattung von Erziehern, ein neues Gebilde aus Ärzten Lehrern Priestern Naturforschern Künstlern der alten Kultur

23 [95]

Die Besonnenheit der antiken Dichter zeigt sich darin, daß sie das Gefühl von einer Stufe zur andern heben und es so sehr hoch steigern. Die Neuern versuchen es gerne mit einem Überfalle; oder: sie ziehen gleich mit aller Gewalt am Glockenstrange der Leidenschaft. Mißlingt es ihnen aber am Anfang, so sind sie auch verloren. Ein gutes Buch sollte, als Ganzes, einer Leiter der Empfindung gleichen, es müßte nur von Einer Seite her einen Zugang haben, der Leser müßte sich verwirrt fühlen, wenn er es auf eigne Faust versuchte, darin sich seinen Weg zu machen. Jedes gute Buch würde sich so selber schützen; wer schleppt gerne einen Strick mit aufgereihten Worten hinter sich drein, welche er zunächst nicht versteht? Im Gleichniß gesprochen: als man mir den standhaften Prinzen Calderon’s in der Schlegelschen Übersetzung vorlas, gieng mir’s so: ich zog meinen Strick eine Zeitlang und ließ ihn endlich mißmuthig fahren, machte einen neuen Versuch und zog wieder einen Faden voller Worte hinter mir, aber selten kam das erklärende erlösende Wort: Qual Verdruß, wie bei einem Bilde, auf dem alle Zeichnung verblaßt ist und Eines Vieles bedeuten kann.

23 [96]

Der Fehler der Moralisten besteht darin, daß sie um das Moralische zu erklären egoistisch und unegoistisch wie unmoralisch und moralisch einander gegenüber stellen, d.h. daß sie das letzte Ziel der moralischen Entwicklung, unsere jetzige Empfindung als Ausgangspunkt nehmen. Aber diese letzte Phase der Entwicklung ist durch zahlreiche Stufen, durch Einflüsse von Philosophie und Metaphysik, von Christenthum bedingt und durchaus nicht zu benutzen, um den Ursprung des Moralischen zu erklären. Überdies ist möglich, daß unegoistisches Handeln zwar ein uns geläufiger Begriff, aber keine wirkliche Thatsache, sondern nur eine scheinbare ist; die Ableitung des Mitleidens z. B. führt vielleicht auf den Egoismus zurück, ebenso wie es wahrscheinlich keine Thaten der Bosheit an sich, des Schädigens ohne persönlichen Grund usw. giebt. Das Reich des Moralischen ist vor allem das Reich des Sittlichen gewesen, man nannte aber den “guten Menschen” durchaus nicht zu allen Zeiten den, welcher die Sitte unegoistischer Handlungen, das Mitleiden und dergleichen hatte, sondern vielmehr den, welcher überhaupt den Sitten folgte. Ihm stand der böse Mensch, der ohne Sitte (der unsittliche) gegenüber.

23 [97]

Das Mitgefühl mit dem Nächsten ist ein spätes Resultat der Cultur: wie weit muß die Phantasie entwickelt sein, um anderen wie uns selber nachzufühlen (erst wenn wir gelernt unsere eigenen nicht gegenwärtigen Schmerzen und Freuden durch die Erinnerung nachzufühlen und wie gegenwärtige zu empfinden). Vielen Antheil hat gewiß die Kunst, wenn sie uns lehrt, Mitleiden selbst mit vorgestellten Empfindungen unwirklicher Personen zu haben.

23 [98]

Die gute Recension eines wissenschaftlichen Buches besteht darin, daß das aufgestellte Problem desselben besser gelöst wird; dem entsprechend wäre es, wenn die Kritik eines Kunstwerks darin bestünde, daß jemand das darzustellende Motiv des Kunstwerks besser darstellte, z. B. ein Musiker durch die That zeigte, daß ein Anderer mit seinem Thema nicht genug zu machen gewußt habe; insgleichen ein Bildhauer, ein Romanschreiber. Alle gute Kritik heißt Bessermachen; deshalb ist Bessermachen-können unerläßliche Bedingung für den Kritiker.— Nun sehe man aber die gewöhnlichen Kritiker der Kunst und Philosophie an! Sie sagen: “es gefällt uns nicht”; aber wodurch wollen sie beweisen, daß ihr Geschmack entwickelter höher steht, wenn nicht durch die That?

23 [99]

Man redet von Ahnungen, als ob z. B. die Religion gewisse Erkenntnisse, wenngleich dunkel, vorausgefühlt habe. Ein solches Verhältniß zwischen Religion und Wissenschaft giebt es nicht. Das was man Ahnung nennt, ist aus ganz anderen Motiven aufgestellt als wissenschaftlichen, auf ganz anderen Methoden begründet, nicht einmal auf halbwissenschaftlicher Methode. Es ist zufällig, wenn das Eine dem Andern ähnlich sieht. Alle Religionen zusammen sollen gewisse gemeinsame “Wahrheiten” dunkel enthalten, man glaubt damit einer Philosophie etwas Günstiges zu sagen, wenn man die religiöse Phantastik auf ihre Seite bringt: aber es ist umgekehrt. Wissenschaft und Religion werden sich in ihren Resultaten gar nicht ähnlich sehen können.

23 [100]

Es leben zu gleicher Zeit Menschen der verschiedensten Culturstufen selbst in den hochentwickelten Nationen neben einander fort. In Deutschland und der Schweiz ist alles, was von der Reformation an die Seelen beherrschte, noch irgendwo zurückgeblieben, es ist möglich, durch mehrere Jahrhunderte rückwärts zu wandern und Menschen dieser Zeiten zu sprechen. Ja, der sehr reich entwickelte Mensch (wie Goethe) lebt große Zeiträume, ganze Jahrhunderte voraus in den verschiedenen Phasen seiner Natur.

23 [101]

Die Künstler sind die Advokaten der Leidenschaft, denn sie ist voller Effekt und giebt dem Künstler zehnmal mehr Gelegenheit, seine Kunst zu zeigen. So entsteht der Schein als ob die Leidenschaften etwas Herrliches, Begehrenswerthes seien, denn die Dichter nehmen die schönsten Worte in den Mund; eigentlich aber verherrlichen sie die Leidenschaft, weil sie sich am meisten verherrlichen wollen.

Theilweise sind sie auch selber von leidenschaftlichem Hange und insofern ihre eignen Advokaten. Nun stellen sie aber in der Welt das Verherrlichenswerthe überhaupt fest, sie sind die geborenen Lobredner der Dinge—sie haben die Stellung des Menschen zur Leidenschaft wirklich verändert d.h. diese selbst subtilisirt, veredelt: z.B. die Liebe. Es ist ihr Verdienst.

23 [102]

Frau von Staël: das Zeitalter der Einsicht hat seine Unschuld ebensowohl wie das goldene Zeitalter.

23 [103]

Werth der Gewissensbisse für die geistige Befreiung.— Es ist kein Zweifel, dass zur Vermehrung der geistigen Freiheit in der Welt die Gewissenbisse wesentlich beigetragen haben. Sie reizten häufig zu einer Kritik der Vorstellungen, welche, auf Grund früherer Handlungen, so schmerzhaft wirkten; und man entdeckte, dass nicht viel daran war, ausser der Gewöhnung und der allgemeinen Meinung innerhalb der Gesellschaft, in welcher man lebte. Konnte man sich von diesen beiden losmachen, so wichen auch die Gewissensbisse.

23 [104]

Künstler könnten die glücklichsten Menschen sein, denn ihnen ist es erlaubt, das Vollkommene zu erzeugen als Ganzes und sogar oft; während die Andern immer nur an kleinen Theilen eines Ganzen arbeiten. Aber die Künstler verwöhnen sich durch den Anblick des Vollkommnen Ganzen und fordern es auch sonst, sie machen höhere Ansprüche, sind neidisch, haben sich nicht gewöhnt sich zu beherrschen, sind dünkelhaft im Urtheil; und mitunter fehlen ihrem Schaffen die geniessenden und lobenden Empfänger.

23 [105]

Das Pathos gehört in die Kunst.— Wer wird nicht giftig und innerlich aufgebracht, wenn er einen hört, der sein Leben gar zu pathetisch nimmt und von “Golgatha” und “Gethsemane” redet!— Wir vertragen das Pathetische nur in der Kunst; der lebende Mensch soll schlicht und nicht zu laut sein.

23 [106]

Das wollen was der Andre will und zwar seiner selbst wegen, nicht unsertwegen, das macht den Freund, sagt Aristoteles. Hier wird die unegoistische Handlung beschrieben; befinden wir uns gegen gewisse Personen dauernd in solcher Verfassung, so ist dies Freundschaft. Nach der jetzt üblichen Auffassung der Moralität ist das Freundesverhältniss das moralischeste, welches existirt.

23 [107]

Man muss eine Zeitlang im metaphysischen Dunstkreis gelebt haben, nur um zu erfahren, wie wohl es thut in nüchterner Morgenfrische alle Dinge zu sehen und tiefen Athem in reiner Luft zu schöpfen.

23 [108]

Richtig lesen.— Die Kunst richtig zu lesen ist so selten, dass fast jedermann eine Urkunde ein Gesetz einen Vertrag sich erst interpretiren lassen muss; namentlich wird durch die christlichen Prediger viel verdorben, welche fortwährend von der Kanzel herab die Bibel mit der verzweifeltsten Erklärungskunst heimsuchen und weit und breit Respect vor einer solchen künstlich spitzfindigen Manier, ja sogar Nachahmung derselben erwecken.

23 [109]

Wenn die Moral auf den Gesichtspunkt des gemeinsamen Nutzens und Schadens zurückgeht, so ist es consequent das Moralische einer Handlung nicht nach den Absichten des Individuums, sondern nach der That und deren Erfolg zu bemessen. Das Seelenspalten und Nierenprüfen gehört einer Auffassung der Ethik an, bei der auf Nutzen und Schaden gar nichts ankommt. Man verlange die Handlung und kümmere sich nicht so ängstlich um die Motive (deren Verflechtung übrigens viel zu gross ist als dass man nicht bei jeder psychologischen Analysis einer Handlung immer etwas irrte).

23 [110]

Geistige Übergangsclimata.— Wir haben uns freigemacht von vielen Vorstellungen—Gott ewiges Leben vergeltende jenseitige und diesseitige Gerechtigkeit, Sünde Erlöser Erlösungsbedürftigkeit—; eine Art vorübergehende Krankheit verlangt einen Ersatz an die leeren Stellen hin, die Haut schaudert etwas vor Frost, weil sie früher hier bekleidet war. Da giebt es Philosophien, welche gleichsam Übergangsclimata darstellen, für die, welche die frische Höhenluft noch nicht direct vertragen.— Vergleiche, wie die griechischen Philosophensekten als Übergangsklimata dienen: die alte Polis und deren Bildung wirkt noch in ihnen nach: wozu soll aber übergegangen werden?—es ist wohl nicht gefunden. Oder war es der Sophist, der volle Freigeist?

23 [111]

Man soll gar nicht mehr hinhören, wenn Menschen über die verlorne Volksthümlichkeit klagen (in Tracht Sitten Rechtsbegriffen Dialecten Dichtungsformen usw.). Gerade um diesen Preis erhebt man sich ja zum Über-Nationalen, zu allgemeinen Zielen der Menschheit, zum gründlichen Wissen, zum Verstehen und Geniessen des Vergangnen, nicht Einheimischen.— Kurz, damit eben hört man auf, Barbar zu sein.

23 [112]

Das Erhabne wirkt als Reizmittel und Pfeffer auf Ermüdete, das Schöne bringt Beruhigung für die Erregten—das ist ein Hauptunterschied. Der Erregte scheut sich vor dem Erhabnen, der Ermüdete langweilt sich bei dem Schönen. Übrigens ist das Erhabne, wenn es vom Schönen disjungirt wird, identisch mit dem Hässlichen (d. h. allem Nicht-Schönen); und wie es eine Kunst der schönen Seele giebt, so auch eine Kunst der hässlichen Seele.

23 [113]

Selbstverachtung.— Jene heftige Neigung zur Selbstprüfung und -Verachtung, die man bei Sündern Büssern und Heiligen wahrnimmt, ist häufig auf eine allgemeine Ermüdung ihres Lebenswillens (oder der Nerven) zurückzuführen, Regen welche sie auch die schmerzhaftesten Reizmittel anwenden.

23 [114]

Erwägt man, wie die Irrthümer großer Philosophien gewöhnlich ihren Ausgangspunkt in einer falschen Erklärung bestimmter menschlicher Handlungen und Empfindungen haben, wie auf Grund einer irrthümlichen Analysis z. B. der sogenannten unegoistischen Handlungen eine falsche Ethik erbaut wird, dieser zu Gefallen dann wiederum Religion und mythologisches Unwesen zu Hülfe genommen werden und endlich die Schatten dieser trüben Geister auch in die Physik und gesamte Weltbetrachtung hineinfallen: erwägt man dies Alles, so sieht man ein, wie unbillig die gewöhnliche Unterschätzung der psychologischen Beobachtung ist: während eben die Oberflächlichkeit der psychologischen Beobachtung, also das Resultat jener Unterschätzung, dem menschlichen Denker und Urtheilen die gefährlichsten Fallstricke gelegt hat und fortwährend von Neuem legt. Woher nun diese Nichtachtung? Etwa weil auch dem leeren und eiteln Gesindel der Gesellschaft, männlichen oder weiblichen Geschlechts, gelegentlich solche Bemerkungen gelingen, weil man da in bestimmten Zeiten sich moralische Sentenzen im Carneval der geistreichen Gefallsucht als eine Art Confetti zuzuwerfen pflegte?— Aber der Unterschied ist eben außerordentlich, wenn ein streng wägender Denker den gleichen psychologischen Satz, der einmal auch in jenen Kreisen entdeckt worden ist, ausspricht und ihn mit dem Gepräge und Kopfbilde seiner Autorität versieht. Vielleicht thut jetzt, als Vorarbeit für alles zukünftige Philosophiren, nichts so noth, als Stein auf Stein, Steinchen auf Steinchen psychologische Arbeit zu häufen und tapfer jeder Mißachtung dieser Art Arbeit zu widerstreben. Zu welchen Entdeckungen wird eine spätere Generation, vermöge eines solchen Materials, kommen!— Freilich muß jener unehrliche Geist von diesem Gebiete fern gehalten werden, in dem z. B. Schleiermacher seine Schüler aufforderte, die psychologischen Thatsachen des religiösen Bewußtseins zu untersuchen: denn hier war es von vornherein auf die Erhaltung der Religion und auf das Fortbestehen der Theologie (welcher er eine neue Arbeit zuweisen wollte) abgesehen.— Wie es in der Natur keine Zwecke giebt und sie trotzdem Dinge von der höchsten Zweckmäßigkeit schafft, so wird auch die ächte Wissenschaft ohne Zwecke (Nutzen Wohlfahrt der Menschen) arbeiten, sondern ein Stück Natur werden, d. h. das Zweckmäßige (Nützliche) hier und da erreichen, ohne es gewollt zu haben.

23 [115]

In den Eigenthümlichkeiten der indogermanischen Sprachen, welche sie gegen die Urmuttersprache abheben, hat man die zurückgelassenen Spuren der verlorenen Sprachen zu erkennen, welche ursprünglich die Völker hatten, die durch indogermanische Wanderstämme überfallen und besiegt wurden: und so daß die Sprache der Eroberer ebenfalls siegreich wurde und auf die Unterworfenen übergieng. Vielleicht im Accent und dergleichen blieb die alte Gewöhnung noch hängen und gieng auf die neu erlernte Sprache über.

23 [116]

Dankbar gegen die Folgen.— Manche metaphysische und historische Hypothesen werden nur deshalb so stark vertheidigt, weil man so dankbar gegen ihre Folgen ist.

23 [117]

Naturgenuss.— Bei einer Critik des Naturgenusses wird viel abzuziehn sein, was gar nicht auf aesthetische Erregung zurückgeht, z. B. bei Besteigung eines hohen Berges die Wirkung der dünnen leichten Luft, das Bewusstsein der besiegten Schwierigkeit, das Ausruhen, das geographische Interesse, die Absicht dasselbe schön zu finden was andere Leute schön fanden, der vorweggenommene Genuss, davon einmal zu erzählen.

23 [118]

Es giebt Stellen im Nebensatz des Allegretto der Adur Symphonie, bei denen das Leben so angenehm hinschleicht wie die Minuten an einer Rosenhecke an Sommerabenden.

23 [119]

Die Hoffnung ist der Regenbogen über den herabstürzenden jähen Bach des Lebens, hundertmal vom Gischt verschlungen und sich immer von neuem zusammensetzend, und mit zarter schöner Kühnheit ihn überspringend, dort wo er am wildesten und gefährlichsten braust.

23 [120]

Unterschätzen wir auch die flacheren lustigen lachsüchtigen Weiber nicht, sie sind da zu erheitern, es ist viel zu viel Ernst in der Welt. Auch die Täuschungen auf diesem Gebiete haben ihren Honigseim.— Wenn die Frauen tüchtiger inhaltsreicher werden, so giebt es gar keine sichere Stätte für harmlose Thorheit auf der Welt mehr. Liebeshändel gehören unter die Harmlosigkeiten des Daseins.

23 [121]

Ein socratisches Mittel.— Socrates hat Recht: man soll, um vom Eros nicht ganz unterjocht zu werden, sich mit den weniger schönen Weibern einlassen.

23 [122]

Wenn sich einer an das Buchmachen gewöhnt hat, so zieht er seine vielleicht ganz hellen Gedanken so auseinander, daß sie schwerfällig und dunkel werden. So hat sich selbst Kant durch die Gelehrten-Manier des Büchermachens (welches ja sogar im herkömmlichen Urtheil als akademische Verpflichtung gilt) zu jener weitschweifigen Art der Mittheilung bestimmen lassen, welche bei ihm doppelt bedauerlich ist, weil es ihm (seiner akademischen Pflichten wegen) immer an Zeit gefehlt hat: er mußte während des Schreibens sich häufig erst wieder in seine Gedankenkreise eindenken. Hätte er sich begnügt, das in kürzester Form, in der Weise Hume’s, mitzutheilen, was er vor dem Schreiben (vielleicht auf einem Spaziergange) in sich festgestellt hatte, so wäre der ganze Streit über das richtige Verständniß Kant’s, der jetzt noch fortlebt, überflüssig gewesen.

23 [123]

Frühzeitige Redefertigkeit schleift sich alle Gedanken zum sofortigen wirkungsvollen Gebrauche zurecht und ist deshalb leicht ein Hinderniß tiefen Erfassens und überhaupt einer gründlichen Einkehr in sich selbst.— Deshalb pflegen demokratische Staaten die Redefertigkeit auf den Schulen. —

23 [124]

Erfahrene Menschen kehren ungern zu Gegenden, zu Personen zurück, die sie einst sehr geliebt haben. Glück und Trennung sollen an ihren Enden zusammengeknüpft werden: da trägt man den Schatz mit fort.

23 [125]

Während Schopenhauer von der Welt der Erscheinung aussagt, dass sie in ihren Schriftzügen das Wesen des Dinges an sich zu erkennen gebe, haben strengere Logiker jeden Zusammenhang zwischen dem Unbedingten, der metaphysischen Welt und der uns bekannten Welt geleugnet: so dass in der Erscheinung eben durchaus nicht das Ding an sich erschiene. Von beiden Seiten scheint mir übersehen, dass es verschiedne irrthümliche Grundauffassungen des Intellectes sind, welche den Grund abgeben, weshalb Ding an sich und Erscheinung in einem unausfüllbaren Gegensatz zu stehen scheinen: wir haben die Erscheinung eben mit Irrthümern so umsponnen, ja sie so mit ihnen durchwebt, dass niemand mehr die Erscheinungswelt von ihnen getrennt denken kann. Also: die üblen, von Anfang an vererbten unlogischen Gewohnheiten des Intellectes haben erst die ganze Kluft zwischen Ding an sich und Erscheinung aufgerissen; diese Kluft besteht nur insofern unser Intellect und seine Irrthümer bestehen. Schopenhauer hinwiederum hat alle characteristischen Züge unserer Welt der Erscheinung—d. h. der aus intellectuellen Irrthümern herausgesponnenen und uns angeerbten Vorstellung von der Welt—zusammengelesen und statt den Intellect als Schuldigen anzuklagen, das Wesen der Dinge als Ursache dieses thatsächlichen Weltcharacters angeschuldigt.— Mit beiden Auffassungen wird eine Entstehungsgeschichte des Denkens in entscheidender Weise fertig werden: deren Resultat vielleicht auf diesen Satz hinauslaufen dürfte: das was wir jetzt die Welt nennen, ist das Resultat einer Menge von Irrthümern welche in der gesammten Entwicklung der organischen Wesen allmählich entstanden, in einander verwachsen und uns jetzt als aufgesammelter Schatz der ganzen Vergangenheit vererbt werden. Von dieser Welt als Vorstellung vermag uns die strenge Wissenschaft thatsächlich nur in geringem Maasse zu lösen, insofern sie die Gewalt uralter Gewohnheiten nicht zu brechen vermag: aber sie kann die Geschichte der Entstehung dieser Welt als Vorstellung aufhellen.

23 [126]

Es ist wahr, niemals ist in Deutschland so viel philosophirt worden wie jetzt: selbst zur Zeit der höchsten Gewalt Hegel’s über die deutschen Köpfe erschienen nicht annähernd so viele philosophische Schriften wie in den letzten 15 Jahren. Aber irre ich mich? Oder habe ich Recht zu vermuthen, daß eine große Gefahr in diesem Anzeichen liegt? Die Gattung des jetzt beliebten Philosophirens ist derart, daß sie als Symptom einer über Hand nehmenden Abneigung gegen exakte strenge methodische Studien erscheint. Es ist ein vergnügliches, unter Umständen geistreiches Herumwerfen der philosophischen Ideen-Fangbälle, welche jetzt fast für jedes Verständniß faßlich geworden sind; ein solches Spiel nimmt sich besser aus als das ermüdende Wälzen schwerer einzelner Probleme der Wissenschaft und giebt in der That eine gewisse Ausbildung zum geselligen und öffentlichen Effektmachen.— Ich wünschte mich zu irren.

23 [127]

Wer vom Reiz der Gefahr spricht, kennt die Lust an der Emotion der Furcht an sich.

23 [128]

Frauen in Colonien.— Die Achtung und Artigkeit, welche die Amerikaner den Frauen erweisen, ist vererbt aus jener Zeit, in der diese bedeutend in der Minderheit waren: sie ist eine Eigenthümlichkeit colonialer Staaten. Manches bei den Griechen erklärt sich hieraus. Ein Ausnahmefall: wo die Colonisten viele Weiber antreffen, entsteht gewöhnlich ein Sinken der Schätzung der Weiber.

23 [129]

Der hochentwickelte Mensch thut die Natürlichkeiten des Daseins wie Essen Trinken usw. einfach ab, ohne viel Reden und falsche Verschönerung, welche frühere Culturstufen lieben. Ebendahin gehört auch die Geselligkeit, die Ehe; auf alle solche Dinge fällt nicht mehr jener starke Accent, welchen andere Zeiten dafür haben. Gut, es mag “formloser” sein, unschöner zum Ansehen, der religiöse Anschein ist von diesen Dingen gewichen und damit viel “Poesie.” Indessen diese Einbussen werden reichlich compensirt, vor allem viel Energie gespart, Zeit gespart (wie bei unserer Kleidung) und der ganze Sinn nicht auf diese Äusserlichkeiten gerichtet. Jemand der es in etwas zur Meisterschaft bringen will, erhebt sich zu einer vornehmen Art zu sein durch sein Ziel.— Wie wir in den Künsten durch Vergeistigung eine Menge des Hässlichen mit in’s Reich der Kunst hinübergetragen haben, so auch im Leben; man muss fühlen, was in diesen auf den ersten Blick unschönen Lebensformen pulsirt, welche neuen und höheren Gewalten, da erschliesst sich dem Blick eine höhere Schönheit.

23 [130]

Es gehört zu den Eigenheiten des metaphysischen Philosophirens, ein Problem zu verschärfen und als unlösbar hinzustellen, es sei denn dass man ein Wunder als eine Lösung ansieht, z. B. das Wesen des Schauspielers in der Selbstentäusserung und förmlichen Verwandlung zu sehen: während das eigentliche Problem doch ist, durch welche Mittel der Täuschung es der Schauspieler dahin bringt, dass es so scheint als wäre er verwandelt.

23 [131]

Der denkende Geist bei Musikern ist gewöhnlich frisch, sie sind öfter geistreich als die Gelehrten; denn sie haben in der Ausübung ihrer Kunst das Mittel, dem reflektirenden Denken beinahe völlige Ruhe, eine Art Schlafleben zu verschaffen; deshalb erhebt sich dies so lustig und morgenfrisch, wenn der Musiker aufhört Musik zu machen.— Man täuscht sich mitunter darüber, weil vielfach die Bildung des Musikers zu gering ist und er nicht genug Stoff hat, an dem er Geist zeigen könnte. Eben so steht es mit denkenden Geist der Frauen.

23 [132]

Wer in der deutschen Sprache Sentenzen bildet, hat die Schwierigkeit, daß sie gerade am Ende nicht scharf und streng abgeschliffen werden können, sondern daß Hülfszeitwörter hinterdrein stürzen wie Schutt und Gerümpel einem rollenden Steine.— Selbst der feinste Kopf ist nicht vermögend die Kunst der Sentenzen-Schleiferei gebührend zu würdigen, wenn er nicht auf diesem Gebiete selber gewetteifert hat. Man nimmt es ohne diese praktische Belehrung für leichter als es ist, man fühlt das Gelungene nicht scharf genug heraus; deshalb haben die Leser von Sentenzen ein verhältnißmäßig geringes Vergnügen an ihnen, ebenso wie die gewöhnlichen Betrachter von Kameen. Nur im Wetteifer lernt man das Gute kennen: so sollte man, um der Lust der Erkenntniß willen, wenigstens eine Wissenschaft eine Kunst wirklich ausüben, und vielleicht einen Roman, eine philosophische Betrachtung, eine Rede von Zeit zu Zeit ausarbeiten;—durch Nachdenken über seine eignen Erfahrungen begreift man dann auch die verwandten diesen Erfahrungen angrenzenden Gebiete—und erwirkt sich den Zugang zu vielen der besten Lustempfindungen.

23 [133]

Man ist auch ungerecht, wenn man die großen Männer zu groß findet und die Dinge in der Welt zu tief. Wer dem Leben die tiefste Bedeutung geben will, umspinnt die Welt mit Fabeln; wir sind alle noch tief hinein verstrickt, so freisinnig wir uns auch vorkommen mögen. Es giebt eine starke Neigung, uralt angeboren, die Abstände zu übertreiben, die Farben zu stark aufzutragen, das Glänzende als das Wahrscheinlichere zu nehmen. Die Kraft zeigt sich vornehmlich in diesem allzuscharfen Accentuiren; aber die Kraft in der Mäßigung ist die höhere, Gerechtigkeit ist schwerer als Hingebung und Liebe.— Wenn ein Mörder nicht das Böse seiner Handlung anerkennen will und sich das Recht nimmt, etwas gut zu nennen, was alle Welt böse nennt, so löst er sich aus der Entwicklung der Menschen: müssen wir ihm dies Recht zugestehn? Wenn einer sogenannte schlechte Handlungen durch Loslösung von den hergebrachten Urtheilen und Aufstellung der Unverantwortlichkeit rechtfertigte, dürfen wir sagen: “nur rein theoretisch darf er so etwas aufstellen, nicht aber praktisch darnach handeln”? Oder: “als Denker hat er Recht, aber er darf nicht Böses thun.” In wie weit darf sich das Individuum lösen von seiner Vergangenheit? So weit es kann? Und wenn es einsieht, daß in dieser Vergangenheit falsche Urtheile, Rücksichten auf grobe Nützlichkeit wirkten? Daß der Heiligenschein um das Gute, der Schwefelglanz um das Böse dabei verschwindet? Wenn die stärksten Motive, aus der Ehre und Schande des Mitmenschen entnommen, nicht mehr wirken, weil er die Wahrheit diesem Urtheile entgegenstellen kann?

23 [134]

Warum erdichtet man nicht ganze Geschichten von Völkern, von Revolutionen, von politischen Parteien? Weshalb rivalisirt der Dichter des Roman’s nicht mit dem Historiker? Hier sehe ich eine Zukunft der Dichtkunst.

23 [135]

Ehemals definirte man, weil man glaubte, daß jedem Worte Begriffe eine Summe von Prädikaten innewohne, welche man nur herauszuziehn brauche. Aber im Worte steckt nur eine sehr unsichere Andeutung von Dingen: man definirt vernünftiger Weise nur, um zu sagen, was man unter einem Worte verstanden wissen will und überläßt es jedem, sich den Sinn eines Wortes neu abzugränzen: es ist unverbindlich.

23 [136]

Die Schule der Erzieher entsteht auf Grund der Einsicht: daß unsere Erzieher selber nicht erzogen sind, daß das Bedürfniß nach ihnen immer größer, die Qualität immer geringer wird, daß die Wissenschaften durch die natürliche Zertheilung der Arbeitsgebiete bei dem Einzelnen die Barbarei kaum verhindern können, daß es kein Tribunal der Cultur giebt, welches von nationalen Interessen abgesehn die geistige Wohlfahrt des ganzen Menschengeschlechts erwägt: ein internationales Ministerium der Erziehung.

23 [137]

Eine Sentenz ist im Nachtheil, wenn sie für sich steht; im Buche dagegen hat sie in der Umgebung ein Sprungbrett, von welchem man sich zu ihr erhebt. Man muß verstehen, unbedeutendere Gedanken um bedeutende herumzustellen, sie damit einzufassen, also den Edelstein mit einem Stoff von geringerem Werthe. Folgen Sentenzen hinter einander, so nimmt man unwillkürlich die eine als Folie der andern, schiebt diese zurück, um eine andere hervorzuheben, d. h. man macht sich ein Surrogat eines Buches.

23 [138]

Da die Kunst immer seelenvoller wird, so bemerken die späteren Meister, daß die Kunstwerke der früheren Zeit ihnen nicht entsprechen und dies veranlaßt sie, da etwas nachzuhelfen und zu glauben daß es nur die technischen Bedingungen sind, welche damals den alten Meistern fehlten. So denkt Wagner, daß Beethoven besser d. h. seelenvoller instrumentirt haben würde, wenn die Instrumente besser gewesen wären; namentlich aber in der Modifikation des Tempo’s, denkt er, daß jener, wie alle früheren, nur ungenügend in der Bezeichnung gewesen wäre. In Wahrheit ist die Seele aber noch nicht so zart bewegt, so lebendig in jedem Augenblick gewesen. Alle ältere Kunst war starr, steif; in Griechenland wie bei uns. Die Mathematik, die Symmetrie, der strenge Takt herrschten.— Soll man den modernen Musikern das Recht geben, ältere Werke mehr zu beseelen?— Ja; denn nur dadurch daß wir ihnen unsere Seele geben, leben sie noch fort. Wer die dramatische seelenvolle Musik kennt, wird Bach ganz anders vortragen, unwillkürlich. Hört er ihn anders vortragen, so versteht er ihn nicht mehr. Ist ein historischer Vortrag überhaupt möglich?

23 [139]

Die Erfinder der indogermanischen Sprache waren wahrscheinlich der obersten Kaste zugehörig und benutzten die vorhandenen geringeren Sprachen. Eine hohe philosophische und dichterische Bildung sprach aus ihnen und bildete eine entsprechende Sprache; diese ist ein bewußtes Kunstprodukt; musikalisches dichterisches Genie gehörte dazu. Dann wurde es eine Dichter- und Weisensprache, verbreitete sich später über die nächsten Kasten und wanderte mit den Kriegerstämmen aus. Es war das kostbarste Vermächtniß der Heimat, das man zäh festhielt.

23 [140]

Die Dichter, gemäß ihrer Natur, welche eben die von Künstlern d. h. seltsamen Ausnahmemenschen ist, verherrlichen nicht immer das, was von allen Menschen verherrlicht zu werden verdient, sondern ziehen das vor, was gerade ihnen als Künstlern gut erscheint. Ebenso greifen sie selten mit Glück an, wenn sie Satiriker sind. Cervantes hätte die Inquisition bekämpfen können, aber er zog es vor, ihre Opfer d. h. die Ketzer und Idealisten aller Art auch noch lächerlich zu machen. Nach einem Leben voller Unfälle und Mißwenden hatte er doch noch Lust zu einem litterarischen Hauptangriff auf eine falsche Geschmacksrichtung der spanischen Leser; er kämpfte gegen die Ritterromane. Unvermerkt wurde dieser Angriff unter seinen Händen zur allgemeinsten Ironisirung aller höheren Bestrebungen: er machte ganz Spanien, alle Tröpfe eingeschossen, lachen und sich selber weise dünken: es ist eine Thatsache daß über kein Buch so gelacht wurde wie über den Don Quixote. Mit einem solchen Erfolge gehört er in die Decadence der spanischen Cultur, er ist ein nationales Unglück. Ich meine daß er die Menschen verachtete und sich nicht ausnahm; oder macht er sich nicht nur lustig wenn er erzählt wie man am Hofe des Herzogs mit dem Kranken Possen trieb? Sollte er wirklich nicht über den Ketzer auf dem Scheiterhaufen noch gelacht haben? Ja, er erspart seinem Helden nicht einmal jenes fürchterliche Hellwerden über seinen Zustand, am Schlusse des Lebens: wenn es nicht Grausamkeit ist, so ist es Kälte, Hartherzigkeit, welche ihn eine solche letzte Scene schaffen hieß, Verachtung gegen die Leser, welche wie er wußte auch durch diesen Schluß nicht in ihrem Gelächter gestört wurden.

23 [141]

Alle urspr starre, peinliche Empfindung wird allmählich angenehm. Aus Zwang wird Gewohnheit, daraus Sitte, endlich Tugend mit Lust verbunden. Aber die Menschen, welche diese letzte Stufe erreicht haben, wollen nichts davon wissen, daß ihre fernen Vorfahren den Weg begonnen haben.

23 [142]

Der Mensch erstrebt mitunter eine Emotion an sich, und benutzt Menschen nur als Mittel. Am stärksten in der Grausamkeit. Aber auch in der Lust am Tragischen ist etwas davon (Goethe fand diesen Sinn für das Grausame bei Schiller). In der dramatischen Kunst überhaupt will der Mensch Emotionen, z. B. des Mitleides, ohne helfen zu müssen. Man denke an Seiltänzer, Gaukler.— Die Leidenschaften gewöhnen den Menschen an sich: deshalb haben sehr leidenschaftliche Völker z. B. Griechen und Italiäner solches Vergnügen an der Kunst der Leidenschaft, der Emotion an sich; ohne diese haben sie Langeweile.

23 [143]

Die Empfindung kann nicht gleich und auf einer Höhe bleiben, sie muß wachsen oder abnehmen. Die Verehrung der griechischen Polis summirte sich zu einer unendlichen Summe auf, endlich vermochte das Individuum diese Last nicht mehr zu tragen.

23 [144]

Es ist nach Art der unwissenschaftlichen Menschen, irgend eine Erklärung einer Sache keiner vorzuziehn, sie wollen von der Enthaltung nichts wissen.

23 [145]

Der gut befähigte Mensch erlebt mehrenmal den Zustand der Reife, insofern er verschiedene Culturen durchlebt und im Verstehen und Erfassen jeder einzelnen einmal einen Höhepunkt erreicht. und so kann ein Mensch in sich den Inhalt von ganzen Jahrhunderten vorausfühlen: weil der Gang, den er durch die verschiedenen Culturen macht, derselbe ist, welchen mehrere Generationen hinter einander machen.— So hat er auch mehrenmal den Zustand der Unreife, der perfecten Blüthe, der Überreife: diese ganze Stufenleiter macht er vielleicht erst einmal als religiöser, dann wieder als künstlerischer und endlich wissenschaftlicher Mensch durch.

23 [146]

Man verwundert sich immer von Neuem, wie Shakespeare im Stande gewesen sei, seine Helden jedesmal so passend, so gedankenreich reden zu lassen, so daß sie Sentenzen äußern, welche an sich bedeutend aber doch auch wiederum ihrem Charakter entsprechend lauten? Da vermuthet man wohl, um es zu erklären, daß solche Gespräche ein Mosaik von gelegentlich gefundenen Einzelsätzen seien. Dieser Vermuthung möchte ich entgegnen, daß es bei dem Dramatiker eine fortwährende Gewöhnung giebt, jede Bemerkung nur dem Charakter einer bestimmten Person gemäß, im Verhältniß zu einer Situation zu erfinden: eine Gewohnheit welche eben eine ganz andere als die unsere ist: die Bemerkung ihrer Wahrheit halber zu machen, ganz abgesehn von Person und Situation. Aber auch wir fragen uns mitunter: “was würdest du sagen, wenn du dies erlebtest?” An dieses hypothetische Reden ist der Dramatiker gewöhnt, es ist seine Natur geworden, immer unter solchen Voraussetzungen seine Gedanken zu erfinden.

23 [147]

Wie alte sinnreiche religiöse Zeremonien zuletzt als abergläubische unverstandene Prozeduren übrigbleiben, so wird die Geschichte überhaupt, wenn sie nur noch gewohnheitsmäßig fortlebt, dem magischen Unsinn oder carnevalistischen Verkleidung ähnlich. Die Sonne, welche bei der Verkündigung der Infallibilität auf den Papst leuchten sollte, die Taube, welche dabei fliegen sollte, erscheinen jetzt als bedenkliche Kunststückchen, welche nur auf Täuschung absehen; aber die alte Cultur ist voll davon, und die ganze Unterscheidung, wo die Täuschung beginnt, gar nicht gemacht. Jetzt bewegte sich in Neapel ein katholischer prunkhafter Leichenwagen mit Gefolge in einer der Nebengassen, während in unmittelbarer Entfernung der Carneval tobte: alle die bunten Wagen, welche die Kostüme und den Prunk früheren Culturen nachmachten. Aber auch jener Leichenzug wird irgendwann einmal ein solcher historischer Carnevalszug sein; die bunte Schale bleibt zurück und ergötzt, der Kern ist entflohn oder es hat sich wie in den Kunstgriffen der Priester zur Erweckung des Glaubens die betrügerische Absicht hinein versteckt.

23 [148]

Das Alterthum ist im Ganzen das Zeitalter des Talents zur Festfreude. Die tausend Anlässe sich zu freuen waren nicht ohne Scharfsinn und großes Nachdenken ausfindig gemacht; ein guter Theil der Gehirnthätigkeit, welche jetzt auf Erfindung von Maschinen, auf Lösung der wissenschaftlichen Probleme gerichtet ist, war damals auf die Vermehrung der Freudenquellen gerichtet: die Empfindung, die Wirkung sollte in’s Angenehme umgebogen werden, wir verändern die Ursachen des Leidens, wir sind prophylaktisch, jene palliativisch.— Unsere Feste werden billigerweise Cultur-Feste und im Ganzen selten.

23 [149]

Wir haben ein Vergnügen an der kleinen Bosheit, weil sie uns so wenig schadet z. B. am Sarkasmus; ja wenn wir uns völlig geschützt fühlen, so dient uns selbst die große Bosheit (etwa in dem giftigen Geifer eines Pamphletes) zum Behagen; denn sie schadet uns nicht und nähert sich dadurch der Wirkung des Komischen,—das überrascht, ein wenig erschreckt und doch nicht Schaden anstiftet.

23 [150]

Die Kunst gehört nicht zur Natur, sondern allein zum Menschen.— In der Natur giebt es keinen Ton, diese ist stumm; keine Farbe. Auch keine Gestalt, denn diese ist das Resultat einer Spiegelung der Oberfläche im Auge, aber an sich giebt es kein Oben und Unten, Innen und Außen. Könnte man anders sehen, als vermöge der Spiegelung, so würde man nicht von Gestalten reden, sondern vielleicht in’s Innre sehen, so daß der Blick ein Ding allmählich durchschnitte. Die Natur, von welcher man unser Subjekt abzieht, ist etwas sehr Gleichgültiges, Uninteressantes, kein geheimnißvoller Urgrund, kein enthülltes Welträthsel; wir vermögen ja durch die Wissenschaft vielfach über die Sinnesauffassung hinaus zu kommen, z. B. den Ton als eine zitternde Bewegung zu begreifen; je mehr wir die Natur entmenschlichen, um so leerer bedeutungsloser wird sie für uns.— Die Kunst beruht ganz und gar auf der vermenschlichten Natur, auf der mit Irrthümern und Täuschungen umsponnenen und durchwebten Natur, von der keine Kunst absehen kann; erfaßt nicht das Wesen der Dinge, weil sie ganz an das Auge und das Ohr angeknüpft ist. Zum Wesen führt nur der schließende Verstand. Er belehrt uns z. B. die Materie selbst ein uraltes eingefleischtes Vorurtheil ist, daher stammend daß das Auge Spiegelflächen sieht und das menschliche Tastorgan sehr stumpf ist: wo man nämlich widerstrebende Punkte fühlt, so construirt man sich unwillkürlich widerstrebende continuirliche Ebenen (welche aber nur in unserer Vorstellung existiren), unter der angewöhnten Illusion des spiegelnden Auges, welches im Grunde eben auch nur ein grobes Tastorgan ist. Ein Ball von elektrischen Strömungen, welche an bestimmten Punkten umkehren, würde sich als etwas Materielles, als ein festes Ding anfühlen: und das chemische Atom ist ja eine solche Figur, welche von den Endpunkten verschiedener Bewegungen umschrieben wird. Wir sind jetzt gewöhnt, Bewegtes und Bewegung zu scheiden; aber wir stehen damit unter dem Eindrucke uralter Fehlschlüsse: das bewegte Ding ist erdichtet, hineinphantasirt, da unsere Organe nicht fein genug sind, überall die Bewegung wahrzunehmen und uns etwas Beharrendes vorspiegeln: während es im Grunde kein “Ding,” kein Verharrendes giebt.

23 [151]

Da die neue Erziehung den Menschen eine viel größere Gehirnthätigkeit zumuthet, so muß die Menschheit viel energischer nach Gesundheit ringen, um nicht eine nervös überreizte, ja verrückte Nachkommenschaft zu haben (denn sonst wäre eine Nachwelt von Verrückten und Überspannten sehr wohl möglich—wie die überreifen Individuen des späteren Athen’s mitunter in das Irrsinnige hineinspielen): also durch Paarung gesunder Eltern, richtige Kräftigung der Weiber, gymnastische Übungen, die so sehr gewöhnlich und begehrt sein müssen wie das tägliche Brod, Prophylaxis der Krankheiten, rationelle Ernährung, Wohnung, überhaupt durch Kenntnisse der Anatomie usw.

23 [152]

Das Christenthum sagt “es giebt keine Tugenden, sondern Sünden.” Damit wird alles menschliche Handeln verleumdet und vergiftet, auch das Zutrauen auf Menschen erschüttert. Nun sekundirt ihm noch die Philosophie in der Weise La Rochefoucauld’s, sie führt die gerühmten menschlichen Tugenden auf geringe und unedle Beweggründe zurück. Da ist es eine wahre Erlösung zu lernen, daß es an sich weder gute noch böse Handlungen giebt, daß in gleichem Sinne wie der Satz des Christenthums auch der entgegengesetzte des Alterthums aufgestellt werden kann “es giebt keine Sünden, sondern nur Tugenden” d. h. Handlungen nach dem Gesichtspunkte des Guten (nur daß das Urtheil über gut verschieden ist). Jeder handelt nach dem ihm Vortheilhaften, keiner ist freiwillig böse d. h. sich schädigend. Es ist ein großer Fortschritt zu lernen, daß alles Moralische nichts mit dem Ding an sich zu thun hat, sondern “Meinung” ist, in das Bereich des sehr veränderlichen Intellekts gehört. Freilich: wie sich unser Ohr den Sinn für Musik geschaffen hat (der ja auch nicht an sich existirt), so haben wir als hohes Resultat der bisherigen Menschheit den moralischen Sinn. Er ist aber nicht auf logische Denkgesetze und auf strenge Naturbeobachtung gegründet, sondern wie der Sinn für die Künste auf mancherlei falsche Urtheile und Fehlschlüsse. Die Wissenschaft kann nicht umhin, dies unlogische Fundament der Moral aufzudecken, wie sie dies bei der Kunst thut. Vielleicht schwächt sie auf die Dauer diesen Sinn damit etwas ab: aber der Sinn für Wahrheit ist selber eine der höchsten und mächtigsten Effloreszenzen dieses moralischen Sinnes. Hier liegt die Compensation.

23 [153]

Barbarisirende Wirkung der Abstraktion und Sublimation bei Gelegenheit des Aristotelis in der Wissenschaft.

23 [154]

Wenn man an die höhere Nützlichkeit, an ökumenische Zwecke bei dem Wort Moral denkt, so ist im Handel mehr Moralität enthalten, als im Leben nach jener Kantischen Aufforderung “thue das was du willst daß dir gethan werde” oder im christlichen Wandel nach der Richtschnur des Wortes: “liebe den Nächsten um Gottes willen.” Der Satz Kant’s ergiebt eine kleinbürgerliche Privat-Achtbarkeit der Sitte und steht im Gegensatz zu ökumenischen Zwecken: von deren Existenz er nicht einmal einen Begriff hat. Wie wenig geforderte Liebe überhaupt zu bedeuten hat, namentlich aber eine Liebe dieser indirekten Art, wie die christliche Nächstenliebe, das hat die Geschichte des Christenthums bewiesen: welche im Gegensatz zu den Folgen der buddhaistischen, reisessenden Moral durchweg gewaltsam und blutig ist. Und was heißt es überhaupt: “ich liebe den Mitmenschen um Gottes Willen!” Ist es mehr als wenn jemand sagt “ich liebe alle Polizeidiener, um der Gerechtigkeit willen” oder was ein kleines Mädchen sagte: “ich liebe Schopenhauer, weil Großvater ihn gern hat: der hat ihn gekannt”?

23 [155]

Durch gewisse Ansichten über die Dinge ist das Pathos der Empfindung in die Welt gekommen, nicht durch die Dinge selbst: z. B. alles, was Faust in der ersten Scene als Ursache seiner Leiden angiebt, ist irrthümlich, nämlich auf Grund metaphysischer Erdichtungen erst so bedeutungsschwer geworden: könnte er dies einsehen, so würde das Pathos seiner Stimmung fehlen.

23 [156]

(Aus der Vorrede)

Nachdem ich von Jahr zu Jahr mehr gelernt habe, wie schwierig das Finden der Wahrheit ist, bin ich gegen den Glauben, die Wahrheit gefunden zu haben mißtrauisch geworden: er ist ein Haupthinderniß der Wahrheit. Wenn doch alle die, welche so groß von ihrer Überzeugung dachten, Opfer aller Art ihr brachten, ja Ehre Leib und Leben in ihrem Dienste nicht schonten, nur die Hälfte ihrer Kraft der Untersuchung gewidmet hätten, mit welchem Rechte sie an der oder jener Überzeugung hiengen, auf welchem Wege sie zu ihr gekommen seien: wie friedfertig sähe die Geschichte der Menschheit aus! Wie viel mehr des Erkannten würde es geben! Alle die grausamen Scenen, die Verfolgung der Ketzer wären uns aus zwei Gründen erspart geblieben: einmal weil die Inquisitoren vor allem in sich selbst inquirirt hätten und über die Anmaaßung, die absolute Wahrheit zu vertheidigen, hinausgekommen wären; sodann weil die Ketzer selber so schlecht begründeten Sätzen, wie die Sätze aller religiösen Rechtgläubigen und Ketzer sind, keine weitere Theilnahme geschenkt hätten, nachdem sie gründlich dieselben untersucht hätten.

Nun habe ich diesmal ein Thema vor mir, welches vielleicht das Wichtigste der Menschheit ist—denn was ist nicht durch Erziehung entstanden, stark geworden, gut und schlecht?—zudem läßt es sich in großem Maaßstabe erst behandeln, nachdem die Ungläubigkeit zur herrschenden Gesinnung geworden ist. Da möchte ich nun namentlich die feurigen überzeugungsdürstigen Jünglinge warnen, nicht sofort meine Lehren wie eine Richtschnur für das Leben zu betrachten, sondern als wohl zu erwägende Thesen, mit deren praktischer Einführung die Menschheit so lange warten mag, als sie sich gegen Zweifel und Gründe nicht hinreichend geschützt haben. Überdies ist mir die Weisheit nicht vom Himmel gefallen, denn ich bin kein “Genie,” habe keine intuitiven Einblicke durch ein Loch im Mantel der Erscheinung. Schopenhauer mag das warnende Beispiel sein: er hat in allen Punkten, derentwegen er sich für ein “Genie” hielt, Unrecht.

23 [157]

Das Leben wird leicht und angenehm durch eine rücksichtslose Befreiung des Geistes, welche versuchsweise einmal an allen den Vorstellungen rüttelt, welche das Leben so belastet, so unerträglich machen: so daß man, um die Freude dieser Entlastung zu haben, das einfachste Leben vorzieht, welches uns diese Freude ermöglicht.

23 [158]

Paul Winkler 1685 “der Mensch ist so lange weise als er die Wahrheit sucht; wenn er sie aber gefunden haben will, wird er ein Narr.”

23 [159]

Lesern meiner früheren Schriften will ich ausdrücklich erklären, daß ich die metaphysisch-künstlerischen Ansichten, welche jene im Wesentlichen beherrschen, aufgegeben habe: sie sind angenehm, aber unhaltbar. Wer sich frühzeitig erlaubt öffentlich zu sprechen, ist gewöhnlich gezwungen, sich bald darauf öffentlich zu widersprechen.

23 [160]

Zum Schluß.

Ich will weise werden bis zum 60. Jahre und erkenne dies als ein Ziel für Viele. Eine Menge von Wissenschaft ist der Reihe nach anzueignen und in sich zu verschmelzen. Es ist das Glück unseres Zeitalters, daß man noch eine Zeitlang in einer Religion aufwachsen kann und, in der Musik, einen ganz echten Zugang zur Kunst hat; das wird späteren Zeiten nicht mehr so gut zu Theil werden. Mit Hülfe dieser persönlichen Erfahrungen kann man ungeheure Strecken der Menschheit erst verstehen: was wichtig ist, weil alle unsere Cultur auf diesen Strecken ruht. Man muß Religion und Kunst verstehen—sonst kann man nicht weise werden. Aber man muß über sie hinaus sehen können; bleibt man darin, so versteht man sie nicht. Ebenso ist die Metaphysik eine Stufe, auf der man gestanden haben muß. Ebenso die Historie und das Relativische. Man muß in großen Schritten dem Gang der Menschheit als Individuum nachgehen und über das bisherige Ziel hinauskommen.

Wer weise werden will, hat ein individuelles Ziel, in welchem alles Erlebte, Glück Unglück Unrecht usw., als Mittel und Hülfe aufgeht. Überdies kommt das menschliche Leben da in die richtige Gestalt, denn der alte Mensch erreicht das Ziel seiner ganzen Natur nach am leichtesten. Das Leben verläuft auch interessant, das Thema ist sehr groß und nicht zu zeitig zu erschöpfen.— Die Erkenntniß selbst hat kein Ziel weiter.

23 [161]

Die sittliche Reinheit der Menschen ist durch einige falsche Vorstellungen mehr gefördert worden als es die Wahrheit zu thun vermöchte. Daß ein Gott das Gute wolle, daß der Leib zu besiegen sei, um die Seele frei zu machen, daß Verantwortlichkeit für alle Handlungen und Gedanken existire, das hat die Menschheit hochgehoben und verfeinert. Allein schon die Aufstellung des “Guten”!

23 [162]

In dem vorlitterarischen Zeitalter muß die höhere Intelligenz sich ganz anders dargestellt haben als im litterarischen: der Einzelne, durch keine schriftliche Tradition mit den früheren Weisen verbunden und an die Bedingtheit des Erkennens gemahnt, durfte sich fast für übermenschlich nehmen. Der Weise verliert immer mehr an Würde.

23 [163]

Wenn Worte einmal da sind, so glauben die Menschen, es müsse ihnen etwas entsprechen z.B. Seele Gott Wille Schicksal usw.

23 [164]

Das sogenannte metaphysische Bedürfniß ist eine Gegeninstanz gegen die Wahrheit irgend einer Metaphysik. Der Wille commandirt.

23 [165]

Der Vortheil, den der reine Mensch seinen Mitmenschen bringt, liegt in dem Vorbild, das er giebt: dadurch entreißt er sie ihrem wilden Dämon, wenn auch nur auf Augenblicke.— Es kommt sehr viel auf die Augenblicke an.

23 [166]

Die edleren Motive sind die complicirten; alle einfachen Motive stehen ziemlich niedrig. Es ist wie bei den einfachen und complicirten Organismen. Die Länge und Schwierigkeit des ganzen Wegs wirft den Schein des Großen und Hohen auf den, welcher ihn geht.

23 [167]

Wenn die Menschen nicht für Götter Häuser gebaut hätten, so läge die Architektur noch in der Wiege. Die Aufgaben, welche der Mensch sich auf Grund falscher Annahmen stellte (z. B. Seele loslösbar vom Leibe), haben zu den höchsten Culturformen Anlaß gegeben. Die “Wahrheiten” vermögen solche Motive nicht zu geben.

23 [168]

Will man über Kunst Erfahrungen machen, so mache man einige Kunstwerke, es giebt keinen anderen Weg zum aesthetischen Urtheil. Die meisten Künstler selbst sind dadurch allein nützlich, daß sie das Bewußtsein der großen Meister gewinnen, festhalten und übertreiben: also gleichsam als wärmeleitende Medien. Einige Novellen, einen Roman, eine Tragödie—das kann man machen, ohne mit seinen Hauptbeschäftigungen Schiffbruch zu leiden; auch soll man solcherlei keineswegs drucken. Überhaupt soll man lernen, mannichfach productiv zu sein: es ist das Hauptkunststück, um in vielen Dingen weise zu werden.

23 [169]

Es ist eine Stufe der Cultur, das Große und Extreme zu schätzen, den großen Menschen, die stärkste Produktivität, das wärmste Herz. Aber um die Welt zu begreifen, muß man zur höheren Stufe kommen, daß das Kleine und Unscheinbare wichtiger in seinen Wirkungen ist z. B. die gebundenen Geister usw.

23 [170]

Der günstigste Zeitpunkt dafür, daß ein Volk die Führerschaft in wissenschaftlichen Dingen übernimmt, ist der, in welchem genug Kraft Zähigkeit Starrheit dem Individuum vererbt werden, um ihm eine siegreiche frohe Isolation von den öffentlichen Meinungen zu ermöglichen: dieser Zeitpunkt ist jetzt wieder in England eingetreten, welches unverkennbar in Philosophie Naturwissenschaft Geschichte, auf dem Gebiete der Entdeckungen und der Culturverbreitung gegenwärtig allen Völkern vorangeht. Die wissenschaftlichen Größen verhandeln da mit einander wie Könige, welche sich zwar alle als Verwandte betrachten, aber Anerkennung ihrer Unabhängigkeit voraussetzen. In Deutschland glaubt man dagegen alles durch Erziehung Methoden Schulen zu erreichen: zum Zeichen dafür, daß es an Charakteren und bahnbrechenden Naturen mangelt, welche zu allen Zeiten für sich ihre Straße gezogen sind. Man züchtet jene nützlichen Arbeiter, welche mit einander, wie im Takte, arbeiten und denen das Pensum in jenen Zeiten schon vorgeschrieben worden ist, als Deutschland, vermöge seiner originalen Geister, die geistige Führerschaft Europa’s innehatte: also um die Wende des vorigen Jahrhunderts.

23 [171]

Die Mängel des Stils geben ihm bisweilen seinen Reiz.— Alexander von Humboldt’s Stil. Die Gedanken haben etwas Unsicheres, soweit es sich nicht um Mittheilung von Facta handelt. Dazu ist alles in die Höhe gehoben und durch ausgewählte schöne Worte mit Glanz überzogen: die langen Perioden spannen es aus. So erzeugt dieser Stil als Ganzes eine Stimmung, einen Durst, man macht die Augen klein, weil man gar zu gern etwas Deutliches sehen möchte, alles schwimmt in anreizender Verklärung in der Ferne: wie eine jener welligen Luftspiegelungen, welche dem Müden Durstenden ein Meer eine Oase ein Wald zu sein scheinen (vor die Sinne führen).

23 [172]

Eine neue Darstellung der Kunstlehre hat davon auszugehen, dass der Mensch sich an allen Gemüthserregungen an sich, eben als Emotionen, erfreut, auch den schmerzlichsten: er will den Rausch. Die Kunst erregt ihn spielend zu Schmerz Thränen Zorn Begierde, aber ohne die praktischen schlimmen Folgen: doch giebt es auch Menschen, welche selbst jene Folgen mit hinnehmen, nur um die Emotion zu haben (der Grausame).

23 [173]

Schopenhauer hat leider in dem Begriff “intuitive Erkenntniss” die schlimmste Mystik eingeschmuggelt, als ob man vermöge derselben einen unmittelbaren Blick auf das Wesen der Welt, gleichsam durch ein Loch im Mantel der Erscheinung hätte und als ob es bevorzugte Menschen gäbe, Welche, ohne die Mühsal und Strenge der Wissenschaft, vermöge eines wunderbaren Seherauges etwas Endgültiges und Entscheidendes über die Welt mitzutheilen vermöchten. Solche Menschen giebt es nicht: und das Wunder wird auch für den Bereich der Erkenntniss fürderhin keinen Gläubigen mehr finden.

23 [174]

Die ausgeschlüpfte Seidenraupe schleppt eine Zeitlang die leere Puppe noch nach sich; Gleichniss.

23 [175]

Neigung und Abneigung unvernünftig.— Wenn Neigung oder Abneigung die Zähne erst eingebissen haben, so ist es schwer loszukommen, wie wenn eine Schildkröte sich in einen Stock verbissen hat. Die Liebe, der Hass und die Schildkröte sind dumm.

23 [176]

Beim unegoistischen Triebe ist die Neigung zu einer Person das Entscheidende (wenn es die Lust am Mitleid nicht ist und ebensowenig die Abwehr der Unlust, welche wir beim Anblick des Leidens fühlen). Aber die Neigung macht einen solchen Vorgang doch nicht moralisch? Ist denn alles Interessirtsein für etwas ausser uns Gelegenes moralisch?— Auch alles sachliche Interesse (bei Kunst und Wissenschaft) gehört in’s Bereich des Unegoistischen—aber auch des Moralischen?

23 [177]

Philosophie nicht religiös aufzufassen.— Eine Philosophie mit religiösen Bedürfnissen erfassen heisst sie völlig missverstehen. Man sucht einen neuen Glauben, eine neue Autorität—wer aber Glaube und Autorität will, der hat es an den hergebrachten Religionen bequemer und sicherer.

23 [178]

Es war Abend, Tannengeruch strömte heraus, man sah hindurch auf graues Gebirge, oben schimmerte der Schnee. Blauer beruhigter Himmel darüber aufgezogen.— So etwas sehen wir nie, wie es an sich ist, sondern legen immer eine zarte Seelenmembrane darüber—diese sehen wir dann. Vererbte Empfindungen, eigne Stimmungen werden bei diesen Naturdingen wach. Wir sehen etwas von uns selber—insofern ist auch diese Welt unsere Vorstellung. Wald Gebirge, ja das ist nicht nur Begriff, es ist unsere Erfahrung und Geschichte, ein Stück von uns.

23 [179]

Aberglaube.— Menschen in grosser Erregung sind am abergläubischsten. Die Wiederherstellung der Religionen liegt in Perioden grosser Erschütterung und Unsicherheit. Wo alles weicht, greift man nach dem Strickwerk der Illusionen des jenseits.

23 [180]

Das sterbende Kind.— Man giebt einem Kinde, das sterben muss, alles, was es will, Zuckerbrod—was thut es wenn es sich den Magen verdirbt?— Und sind wir nicht alle in der Lage eines solchen Kindes? —

23 [181]

Eine Prozession am Frohnleichnamsfest, Kinder und alte Männer brachten mich zum Weinen. Warum?— Abends Klavierspiel heraus aus dem Irrenhause.

23 [182]

Sollten nicht Viele welche ehrgeizig sind, im Grunde nur die Emotion suchen, die mit ehrgeizigen Bestrebungen verbunden ist? Man kann solche Empfindung hemmen ersticken oder gross wachsen machen; letzteres thun die Emotionsbedürftigen. Viele suchen ja sich zu ärgern—so weit geht jenes Bedürfniss der Emotion.

23 [183]

Aus der Furcht erklärt sich zumeist die Rücksicht auf fremde Meinungen; ein guter Theil der Liebenswürdigkeit (des Wunsches nicht zu missfallen) gehört hierher. So wird die Güte der Menschen, mit Hülfe der Vererbung, durch die Furcht grossgezogen.

23 [184]

Nutzen der z St.— Die zurückgebliebenen Standpuncte (politische sociale, oder ganze Typen bei Künstlern, Metaphysikern) sind ebenso nöthig als die fortschreitenden Bewegungen: sie erzeugen die nöthige Reibung und sind für die neuen Bestrebungen Kraftquellen.

23 [185]

Glaube versetzt Berge.— Ein interessanter Aberglaube ist es, dass der Glaube Berge versetzen könne, dass ein gewisser hoher Grad von Fürwahrhalten die Dinge gemäss diesem Glauben umgestaltet, dass der Irrthum zur Wahrheit wird, wenn nur kein Gran Zweifel dabei ist: d. h. die Stärke des Glaubens ergänzt die Mängel des Erkennens; die Welt wird so, wie wir sie uns vorstellen.

23 [186]

Liebe und Hass nicht ursprüngliche Kräfte.— Hinter dem Hassen liegt das Fürchten, hinter dem Lieben das Bedürfen. Hinter Fürchten und Bedürfniss liegt Erfahrung (Urtheilen und Gedächtniss). Der Intellekt scheint älter zu sein als die Empfindung.

23 [187]

Erweiterung der Erfahrung.— Es giebt Fälle, wo Träume den Kreis unserer Erfahrung wirklich bereichern: wer wüsste, ohne Träume, wie es einem Schwebenden zu Muthe ist?

23 [188]

Sehnsucht nach dem Tode.— Wie der Seekranke vom Schiff in erstem Morgengrauen nach der Küste zu späht, so sehnt man sich oft nach dem Tode—man weiss, dass man den Gang und die Richtung seines Schiffes nicht verändern kann.

23 [189]

Traurigkeit und Sinnenlust.— Warum ist der Mensch im Zustand der Trauer geneigter sich sinnlichen Vergnügungen blindlings zu überlassen? Ist es das Betäubende in ihnen, was er begehrt? Oder Bedürfniss von Emotion um jeden Preis?— Sancho Pansa sagt “wenn der Mensch sich zu sehr der Traurigkeit überlässt, wird er zum Thier.”

23 [190]

Wenn Richard Wagner Beethoven zum Vortrag bringt, so versteht es sich von selber, daß Wagner’s Seele durch Beethoven hindurch klingen wird und daß Tempo Dynamik Ausdeutung einzelner Phrasen Dramatisirung des Ganzen Wagnerisch und nicht Beethovenisch ist. Wer daran Ärgerniß nehmen will, dem ist es zu gönnen; Beethoven selbst aber würde gesagt haben “es ist ich und du, aber es klingt gut zusammen; so sollte es immer sein.” Dagegen wenn die Kleinmeister Beethoven vortragen, so wird Beethoven etwas von der Seele der Kleinmeister annehmen—denn der Duft der Seele hängt sich sofort an die Musik und läßt sich nicht von ihr fortblasen.— Ich fürchte, Beethoven hätte keine Freude daran und sagte “das ist ich und nicht-ich, hol’s der Teufel!”

23 [191]

Der Philolog ist der, welcher lesen und schreiben kann, der Dichter der, welcher nach der deutlichen Wortableitung und gemäß der Historie “diktiren” mußte, da er nicht lesen und schreiben kann. Man kann aus diesem Gegensatz des Lese-Schriftgelehrten und des Dichters viel wichtige Dinge ableiten.

23 [192]

Nicht nur in dem Verhalten des Staates, welcher straft um abzuschrecken, sondern im Verhalten jedes Einzelnen, der lobt oder tadelt, wird der Grundsatz “der Zweck heiligt das Mittel” befolgt: denn tadeln hat ebenfalls nur Sinn, als Mittel abzuschrecken und fürderhin als Motiv zu wirken; loben will antreiben, zum Nachmachen auffordern: insofern aber beides gethan wird als ob es einer geschehenen Handlung gelte, so ist die Lüge, der Schein bei allem Loben und Tadeln nicht zu vermeiden; sie sind eben das Mittel, welches vom höheren Zwecke geheiligt wird. Vorausgesetzt freilich, daß alle, sowohl die Tadelnden als die Getadelten, von der Lehre der völligen Unverantwortlichkeit und Schuldlosigkeit überzeugt sind, so wirkt der Tadel nicht mehr, es sei denn daß die Gewohnheit, namentlich die der Eitelkeit und Ehrsucht stärker bliebe als alle durch Lehren beigebrachte Überzeugungen.

23 [193]

Ach, wenn die Mittelmäßigen eine Ahnung hätten, wie sicher ihre Leistungen von den Oligarchen des Geistes—welche zu jeder Zeit leben—als mittelmäßig empfunden werden! Nicht der größte Erfolg bei der Masse würde sie trösten.

23 [194]

Motto:

Tanz der Gedanken, es führt
eine der Grazien dich:
o wie weidest den Sinn du mir! —
Weh! Was seh’ ich! Es fällt
Larve und Schleier der Führerin
und voran dem Reigen
schreitet die grause Nothwendigkeit.

Rosenlauibad
Juni 1877
August 1877 

23 [195]

Und wenn der Urheber dieses Buches sich fragt, zu wessen Vortheil er seine Aufzeichnungen gemacht zu haben wünscht, so ist er unbescheiden genug, geradezu denjenigen Denker zu nennen, welcher als Verfasser jener Schrift über den Ursprung der moralischen Empfindungen ein Besitzrecht auf die angrenzenden Gebiete seines wissenschaftlichen Bezirks sich erworben hat und der seinen Untersuchungen jenen entscheidenden auch dieses Buch beherrschen Gedanken vorangestellt hat. Dieser Satz, hart und schneidig gemacht unter dem Hammerschlag der historischen Erkenntniß, kann vielleicht einmal als die Axt dienen, welche dem “metaphysischen Bedürfnisse der Menschen” an die Wurzel gelegt werden soll: und in sofern würde er zu den folgenreichsten Sätzen der menschlichen Erkenntniß gehören.

23 [196]

Reisebuch
unterwegs zu lesen
.

Vorrede,

Menschen, welche sehr viel innerhalb eines bestimmten Berufes arbeiten, behalten ihre allgemeinen Ansichten über die Dinge der Welt fast unverändert bei: diese werden in ihren Köpfen immer härter, immer tyrannischer. Deshalb sind jene Zeiten, in welchen der Mensch genöthigt ist seine Arbeit zu verlassen, so wichtig, weil da erst neue Begriffe und Empfindungen sich wieder einmal herandrängen dürfen, und seine Kraft nicht schon durch die täglichen Ansprüche von Pflicht und Gewohnheit verbraucht ist. Wir modernen Menschen müssen alle viel unserer geistigen Gesundheit wegen reisen: und man wird immer mehr reisen, je mehr gearbeitet wird. An den Reisenden haben sich also die zu wenden, welche an der Veränderung der allgemeinen Ansichten arbeiten.

Aus dieser bestimmten Rücksicht ergiebt sich aber eine bestimmte Form der Mittheilung: denn dem beflügelten und unruhigen Wesen der Reise widerstreben jene lang gesponnenen Gedankensysteme, welche nur der geduldigsten Aufmerksamkeit sich zugänglich zeigen und wochenlange Stille, abgezogenste Einsamkeit fordern. Es müssen Bücher sein, welche man nicht durchliest, aber häufig aufschlägt: an irgend einem Satze bleibt man heute, an einem anderen morgen hängen und denkt einmal wieder aus Herzensgrunde nach: für und wider, hinein und drüber hinaus, wie einen der Geist treibt, so dass es einem dabei jedesmal heiter und wohl im Kopfe wird. Allmählich entsteht aus dem solchermaassen angeregten—ächten, weil nicht erzwungenen—Nachdenken eine gewisse allgemeine Umstimmung der Ansichten: und mit ihr jenes allgemeine Gefühl der geistigen Erholung, als ob der Bogen wieder mit neuer Sehne bespannt und stärker als je angezogen sei. Man hat mit Nutzen gereist.

Wenn nun, nach solchen Vorbemerkungen und Angesichts dieses Buches, noch eine wesentliche Frage übrig bleibt, so bin ich es nicht, der sie beantworten kann. Die Vorrede ist des Autors Recht; des Lesers aber—die Nachrede.

Friedrich Nietzsche

Rosenlaui-Bad, am 26. Juli
Sommersonnenwende 1877
(Mittsommerwende?)

23 [197]

Sylvesternachtdas Klanggespenst meines Ohrs
selbst entweicht
Kalt—die Sterne funkeln
O du
Hohnvolle Larve des Weltalls
— alte und neue Zeit—vor Neujahr.
2der Springbrunnen im Mondschein
schön gelangweilt boshaft
will kalt übergießen
3Morgens auf dem Schiff. Wohin? wir wagen nicht den Tod
4Der Blinde am Wege. Die Seele giebt keinen Schein
5Ecce homunculus—Glockenspiel
6Alpa Alpa
7Campo Santo
8Bergkrystall
 

8, 23[1-197] Ende 1876 - Sommer 1877

23 [1]

The skillful movements of the foot when slipping, stumbling, or climbing are not the results of a blindly acting but purposeful intellect, but rather, once learned, like the movements of the fingers when playing the piano. Now, much of this skill is inherited directly.

23 [2]

People equate the similar with the same, e.g., the priest occasionally with the god; the part with the whole, e.g., in magic.

23 [3]

One cannot explain what the sensation is: but I believe it is not much when one knows it, and certainly no world riddle lies behind it.

23 [4]

The same manner of thinking, which still determines the great mass, yes, even the educated individual, if he does not reflect very carefully, has served as the foundation for all the phenomena of culture. This partie honteuse has given rise to the most enormous and magnificent consequences, and culture, like man, has a pudendum as its birthplace.

23 [5]

Aristotle believes that the wise man is the one who only deals with the important, the wonderful, the divine. That is where the error lies in the entire direction of thought. It is precisely the small, the weak, the human, the illogical, the flawed that is overlooked, and yet one can only become wise through the most careful study of it. The wise man has a great deal of pride to shed; he must not raise his eyebrows so high. In the end, he is the one who takes pleasure in disturbing the pleasure of others.

23 [6]

Once the feeling for something, e.g., property, kingship, is first aroused, it continues to grow the more one forgets its origin. In the end, one speaks of "mysteries" in such matters because one is conscious of an overwhelming strength of feeling but, strictly speaking, cannot give a proper reason for it. Sobriety is also necessary here, but a tremendous source of power certainly dries up.

23 [7]

Epikurs stance on style is typical of many relationships. He believed he was returning to nature because he wrote as it occurred to him. In truth, so much care for expression was inherited and nurtured in him that he only let himself go and yet was not entirely free and unconstrained. The “nature” he achieved was the instinct for style shaped by habit. This is called naturalizing; one loosens the bow somewhat, e.g., Wagner in his approach to music, to the art of singing. The Stoics and Rousseau are naturalists in the same sense: mythology of nature!

23 [8]

Art preventing science among the Greeks.

23 [9]

Why assume a preservation instinct at all? Among countless impractical formations, viable, continuously viable ones emerged; millions of years of adaptations of individual human organs were necessary before the current body could regularly develop and before those facts could regularly manifest, which are commonly attributed to the preservation instinct. Essentially, the process now occurs just as necessarily, according to chemical laws, as a waterfall does mechanically. The finger of the pianist has no “instinct” to hit the right keys, but only habit. In general, the word instinct is merely a convenience and is applied wherever regular effects in organisms have not yet been traced back to their chemical and mechanical laws.

23 [10]

All goals and purposes that humans have were once also conscious in their ancestors; but they have been forgotten. Humans depend greatly on the past in their directions: Plato. The worm's head has been cut off, but it moves in the same direction.

23 [11]

Even dark diseases such as madness and St. Vitus' dance have been revered and religiously idealized. In doing so, their expressions have always become more beautiful and grander. The same process occurred with the intense affect of love, which was conceived as a god and thus idealized not only in imagination but in reality.

23 [12]

It was a very fortunate discovery of Schopenhauer's when he spoke of the "will to live": we do not want to let this expression be taken away from us again and should be grateful to its originator in the name of the German language. But this should not prevent us from recognizing that the concept of the will to live has not yet acquired citizenship in science, just as little as the concepts of "soul," "God," life force, etc. Mainländer's reduction of this concept to many individual "wills to live" does not take us any further—one thereby obtains individual life forces instead of a universal life force (which is also supposed to be thought of as outside, above, and within things!), against which the same objections can be raised as against that universal one. For before man exists, his individual will does not yet exist either: or what should this be?

In life itself, however, expressing itself—yes, is that the will to live? At least the will to remain in life, so, to choose the more familiar expression, the drive for self-preservation. Is it true that when a person looks within themselves, they perceive themselves as a drive for self-preservation? Rather, they only perceive that they always feel, more precisely that they have some, usually quite insignificant, sensations of pleasure or displeasure at some organ: the movement of the blood, the stomach, the intestines presses in some way on the nerves, they are always feeling and this feeling is always changing. The dream reveals this inner, continuous transformation of feeling and interprets it fantastically. The positions that the limbs assume in sleep necessitate a readjustment of the muscles and influence the nerves, which in turn affect the brain. Our optic nerve, our ear, our sense of touch is always somehow stimulated.But this fact of a constant excitability and perceptibility of feeling has nothing in common with the instinct of self-preservation. The instinct of self-preservation or the love of life is either something entirely conscious or merely an unclear, misleading word for something else: that we want to avoid displeasure at all costs and instead strive for pleasure. This universal fact of all animate beings is, however, certainly not a primary, original fact, as Schopenhauer assumes of the will to live:—avoiding displeasure, seeking pleasure presupposes the existence of experience and this in turn presupposes the intellect.— The intensity of lust does not prove the will to live, but the will to pleasure.The great fear of death, with which Schopenhauer also argues in favor of his assumption of the will, has been greatly cultivated over a long period by individual religions, which regard death as the decisive hour; here and there it has become so great. If, however, it is observed independently of this, it is nothing more than fear of dying, i.e., the untested and perhaps overly imagined pain involved, then of the losses that occur through dying. It is not true that one wants existence at any price, e.g., not as animals, to which Schopenhauer so readily points in order to establish the enormous power of the general will to live.

23 [13]

Scholars like Paul de Lagarde believe that the facts of religious consciousness must be grasped through science. But while one can observe, describe, and scientifically explain them, for the individual, they are then lost. For the good faith in them is destroyed once one has understood how erroneously human their nature appears. Science is the death of all religions, perhaps one day also of the arts.

23 [14]

The wise man no longer knows any morality except that which takes its laws from himself; indeed, the word “morality” no longer fits him. For he has become completely immoral, insofar as he recognizes no custom, no tradition, but only new questions of life and their answers. He moves forward on untrodden paths, his strength grows the more he wanders. He is like a great conflagration that carries its own wind with it, and is intensified and carried further by it.

23 [15]

To dedicate our knowledge to culture, we are at the most fortunate moment imaginable: every freedom of knowledge has been conquered and won, and yet we still stand close to all the fundamental feelings on which the old culture rests. It would be possible that this latter aspect might be missing a few generations later! —

23 [16]

The moment in which airship travel is invented and introduced is favorable for socialism, for it changes all concepts of land ownership. Man is everywhere and nowhere, he becomes uprooted. One must secure oneself through societies, in strict mutual obligation and exclusion of all non-obligated. Otherwise, everything takes to the air and settles elsewhere if he cannot pay, does not wish to uphold obligations.

23 [17]

People who have no scientific culture chatter when they speak about serious and weighty matters, and they do so with presumption. Socrates is right. The self-importance of people is almost as bad as complete insanity. Admittedly, for action, for the development of culture, this zeal, this kind of madness for opinions, is very essential. Nothing is accomplished without fury. Nevertheless: since the recognition of truths exists at all and provides pleasure, we want to hold their banner high, even if without any grimace of pathos.

23 [18]

Even among the most free-thinking thinkers, mythology creeps in when they speak of nature. There, nature is supposed to have foreseen this and that, strived for it, rejoiced, or: “human nature would have to be a botch if it—.” Will, nature are remnants of the old belief in gods.

23 [19]

All those who make maxims easily fall into the error of saying something general about man that applies to times or classes of society; but all philosophers who have written about man have done the same—only history in connection with animal history reveals how great the lack of reflection was.

Thus, Schopenhauer refers, to show that human life has a moral metaphysical purpose, to the fact that at the end of life one becomes conscious of one's moral qualities—as if such a feeling, if it now actually existed universally, could prove anything other than that through certain opinions and beliefs people have become accustomed to thinking of their sins in the proximity of death: that is, such a fact, as Schopenhauer presents it, proves that certain metaphysical ideas exist and have existed, but not that they are true.Now, it must be added that this is a fact that is very limited in time and that, for example, in antiquity, people very often died without thinking of sins. And even if it were a completely general observation, valid for all periods of humanity and for every person, no proof of the truth of the proposition asserted by Schopenhauer is thereby given.

23 [20]

When men with strong intellectual needs think about connecting with women, they are overcome by the feeling as if they were approaching a net that keeps tightening, and they suspect a perpetual constraint, and ultimately, when it comes to raising children, a constantly reigniting struggle.

23 [21]

If one seeks an explanation of nature and humanity that corresponds to our highest and strongest emotions, one will only encounter metaphysical ones. How it would look for humans without all these sublime errors—I believe beastly. If one imagined an animal endowed with the knowledge of strict natural science, it would not become human, but would essentially continue to live as an animal, only that in its many idle hours, for example, as a horse at the manger, it would read good books that made it perfectly clear that truth and the animal get along well.

23 [22]

Almost all philosophers use their predecessors and combat them in a way that is not strict and unjust. They have not learned to read properly and interpret; philosophers underestimate the difficulty of truly understanding what someone has said and do not direct their care toward it. Thus, Schopenhauer completely misunderstood both Kant and Plato. Artists, too, tend to read poorly; they lean toward allegorical and pneumatical explanations.

23 [23]

Just as well God as the devil can with good reason say to man: “Despise only reason and science,—then we have you unconditionally.” On this point they are allies. Besides, one sees that there is not much to that “unconditionally.”

23 [24]

Originally, man does not see all changes in nature as lawful, but as expressions of free will, i.e., blind inclinations, aversions, affects, rage, etc.: nature is human, only so much more overpowering and unpredictable than ordinary people, a veiled tyrant sleeping in his tent; all things are action like him, not only his weapons and tools are thought to be animate. Linguistics helps prove that man completely misunderstood and misnamed nature: but we are the heirs of these names of things, the human spirit has grown up in these errors, nourished by them and become powerful.

23 [25]

Socialism is accused of overlooking the actual inequality of people; but this is not a reproach, but a characteristic, for socialism decides to overlook that inequality and to treat people as equal, i.e., to establish among all the relation of justice, which is based on the assumption that all are equally powerful, equally valuable; just as Christianity regarded people as equal in terms of sinful corruption and need for redemption.

The actual differences (between good and bad conduct) seem to him too small to be taken into account in the overall calculation; thus socialism also takes man as predominantly equal, the difference between good and evil, intelligent and stupid as insignificant or changeable: in which, by the way, it is certainly right with regard to the image of man that distant pile-dwelling times provide: we men of this time are equal in W. In that decision to overlook the differences lies its inspiring power.

23 [26]

More and more, the more developed a person is, they perceive movement, restlessness, and events. To the less developed, most things seem fixed, not only opinions and customs, but also boundaries, land and sea, mountains, etc. The eye only gradually decides in favor of the moving. It took immense periods of time to grasp the constant, the seemingly enduring—that was its first task, perhaps even the plant learned from it. That is why the belief in “things” has become so unshakably firm in humans, just as the belief in matter has. But there are no things, everything flows—so insight judges, but instinct contradicts at every moment.

23 [27]

Schopenhauer conceives the world as a colossal human being whose actions we observe and whose character is entirely unchangeable: we can infer this character precisely from those actions. In this sense, it is pantheism or perhaps pandiabolism, for he has no interest in reinterpretating everything he perceives as good and perfect. But this entire distinction between actions as effects and an inherently existing character as cause is already false in humans, all the more so with regard to the world. Something like character has no existence in itself but is a simplifying abstraction. And this is the value of such metaphysicians as Schopenhauer: they attempt a worldview—only it is a pity that it transforms the world into a human being: one might say, the world is Schopenhauer writ large. That is simply not true.

23 [28]

The bitterest sufferings are those which do not bring with them any great excitement—for high passion, whatever it may be, has its happiness within itself—but those which gnaw, burrow, and sting: namely those inflicted upon us by ruthless people who exploit their kind of superiority, perhaps with the aggravating circumstance that they make use of an intimate familiarity with us, through a betrayal of friendship.

The only great feeling with which one could soar above such sufferings would be hatred with the prospect of revenge, of annihilating the other. But usually, the better person tells themselves that the wrongdoer was not as malicious as they appear to us and that many merits speak for them: thus, they suppress the thought of retribution, but in doing so, they do not become happy; they are left to time, to the weakening of all memories. —

23 [29]

Two things are harmful: the gnawing displeasure over an illusion, with its hundredfold regurgitation of the experienced, then feeble imaginary revenge satisfactions—a real revenge and a swift one, even if its consequences burden us with pain, is much healthier. Then life in erotic fantasies, which pollute the imagination and gradually gain dominance, at which health suffers.— Self-education must prevent this: both drives must be satisfied in the natural way, and the imagination must be kept pure. Denied revenge and denied love make a person sick, weak, and bad.

23 [30]

Beware of rings! (Rings are coiled snakes that pretend to be harmless.) these golden coiled snakes may seem harmless —

23 [31]

In which poem is there as much weeping as in the Odyssey?— And most probably the poem also had the same effect on the listening Greeks of earlier times; each one enjoyed, with tears, the memory of all that had been suffered and lost. Every older man had a number of experiences in common with Odysseus, he felt everything the sufferer went through.— Often, what moves me is not the moving, but the simple, modest, capable in Homer and likewise in Hermann and Dorothea to tears, e.g., Telemachus in the first song

23 [32]

Perhaps the unselfish drive is a late development of the social drive; in any case, not the other way around. The social drive arises from the compulsion exerted to take an interest in another being (the slave for his master, the soldier for his leader) or from the fear, with their insight, that we must act together to avoid perishing individually. This feeling, inherited, later arises without the original motive entering consciousness; it has become a need that seeks opportunity to manifest itself. Taking an interest in others, in a community, in a cause (such as science) appears unselfish, but in essence, it was not. —

23 [33]

Thorough connoisseurs of North Americans say that “the prevailing opinion in the United States declares itself against anyone who fails to strive for the highest that is attainable for them. Falling behind of one's own free will is considered almost a disgrace, a kind of offense against society.”

23 [34]

The World without Eros.— Consider that, by virtue of Eros, two people take mutual pleasure in each other: how utterly different this world of envy, fear, and discord would look without it!

23 [35]

Tragic Youths.— In the inclination of youths toward tragedy, in their manner of prophesying gloomy fates and thinking ill of people, there is something of that pleasure hidden which stirs within them when someone exclaims: “How wise he is for his age: how well he already knows the ways of the world!”

23 [36]

It is a magnificent spectacle: from local interests, from people who are tied to the smallest fatherlands, from works of art made for a day, for a festival celebration, in short, from countless points in space and time, a lasting culture gradually emerges, bridging countries and peoples; the local acquires universal, the momentary acquires monumental significance. One must trace this course in history; indeed, one's breath sometimes falters, so tangled is the thread, so close to tearing the knot that connects the farthest with the latest!—Homer, first for all Hellenes, then for the entire Hellenic cultural world, and now for everyone—is a fact over which one can weep.

23 [37]

Schopenhauer rightly says: “The insight into the strict necessity of human actions is the boundary line that separates philosophical minds from the others.” Incorrect, however: “the final and true explanation of the inner essence of the whole of things must necessarily be closely connected with that of the ethical significance of human action.” Equally incorrect: “all are capable of concluding, few of judging.”

23 [38]

Even if one endures torment and death for one's faith, one proves nothing about the truth, but only about the strength of belief in what one holds to be true. (Christianity, of course, proceeds from the inadmissible assumption: “what is strongly believed is true.” “What is strongly believed makes one blessed, courageous, etc.”) The pathos of “truth” is not in itself conducive to it, insofar as it counteracts renewed examination and research.It is a kind of blindness associated with him, yes, one becomes, with this pathos, a fool: as Winkler says. One must go through skeptical periods from time to time, if one is to have the right to call oneself a scientific personality. Schopenhauer has fortified his position in many places with curses and imprecations and almost everywhere with pathos; without these means, his philosophy might have become less well-known (e.g., when he calls the actual perversity of the mindset "not believing in any metaphysics").

23 [39]

The one who writes about the inner motives of man must not merely point to them coldly; for in this way he cannot make his conclusions credible. He must be able to awaken the memory of this or that passion, mood, and must therefore be an artist of representation. For this, in turn, it is necessary that he knows all these affects from experience; otherwise, he will offend through coldness and the appearance of contempt for what has so deeply moved and shaken other people.

Therefore, he must have gone through the most important stages of humanity and be capable of relating to them: he must have been religious, artistic, lustful, ambitious, evil and good, patriotic and cosmopolitan, aristocratic and plebeian, and retained the power of expression. For with his subject, it is not as in mathematics, where quite specific means of expression—numbers, lines—are available, which are entirely unambiguous. Every word about human motives is indefinite and suggestive; one must, however, know how to suggest strongly in order to represent a strong feeling.

23 [40]

There are dripping thinkers and flowing ones, just as springs differ. Lichtenberg diligently holds his cup beneath and eventually gets it full; but he did not have the time to hand us the full cup; his relatives have measured out the drops for us. One easily becomes unfair. The flowing thinker may give the impression of full strength, but it could also be mere deception.

23 [41]

Not only faith in God, but also faith in virtuous people, actions, the appreciation of "unselfish" drives, and thus also errors in the psychological field have helped humanity move forward. There is a great difference between someone who enthusiastically imitates the heroes of Plutarch or analyzes them with doubt. Faith in the good has made people better: just as a conviction of the opposite makes people weaker, more distrustful, etc. This is the effect of La Rochefoucauld and the author of the psychological observations: these sharp-shooting marksmen always hit the mark, but in the interest of human welfare, one would wish that they did not have this sense of belittlement and suspicion.

23 [42]

The charm of some works, e.g., Tristram Shandy, is partly due to the fact that they resist the inherited and acquired reluctance to see certain things, to admit them to oneself, thus playing a roguish game with a certain “purity of the soul.” If one were to imagine this reluctance no longer inherited, that charm would disappear. In this sense, the value of the most excellent writings is very dependent on the rather changeable constitution of the inner human being; the strengthening of one feeling, the weakening of another, makes this or that first-rate writer become boring: as, for example, Spanish honor and devotion in the dramatists, the medieval-symbolic in Dante, are sometimes unbearable to us and harm their representatives in our feeling.

23 [43]

The extraordinary uncertainty of all education has its root in the fact that there is no longer a commonly recognized foundation, and that now neither Christianity nor antiquity nor natural science nor philosophy has an overwhelming and dominant power. One moves hesitantly between very different claims: finally, even the nation-state wants a “national” culture, thereby bringing confusion to its peak—for national and culture are contradictions. Even at the universities, the strongholds of science, there are people who, above science, still recognize religion or metaphysics as higher powers, with the secrecy of traitors.

23 [44]

The teachers of entire classes put a false ambition into treating their students individually differently. Now, however, it is highly probable that the teacher, given his limited and one-sided relationship with the students, does not know them precisely and makes some gross errors in judging one or another character (which, moreover, are still malleable in young people and should not be treated as an accomplished fact). The disadvantage that the class's realization that some students are fundamentally always treated erroneously brings with it outweighs all possible advantages of an individualizing education, indeed far surpasses them. In general, all teacher judgments about an individual are false and premature: and no proof of scientific care and caution.One should only ever attempt to treat all students equally and value them equally, setting the level quite high, yes, treating all censorship with evident disdain and limiting oneself to making the subject matter interesting, so much so that the teacher considers it a personal achievement in front of the class if a student shows conspicuous disinterest—: it is a proven recipe, and it also leaves the teacher's conscience more at ease.— It goes without saying, of course, that class education is merely a makeshift solution when the individual cannot be educated by a single teacher and thus the individual character and talent must be left to their own paths: which is certainly dangerous. But is the individual educator not also a danger? —

23 [45]

Surprise of the naive that the state does not promote education and schools in a completely impartial manner: why else would it have taken them into its hands with all its effort! The means to control minds. (All teachers' entitlement to positions! thus one has them.)

23 [46]

We gain a new joy when the metaphysical ideas amuse us, and the solemn expression, the emotion of the supposed discovery, the mysterious shudder like an old ghost story strikes us as amusing. Let us not be suspicious of ourselves! We still have the results of the long reign of metaphysics within us, certain complex moods and feelings that belong to the highest achievements of human nature; we do not give these up with that innocent mockery.— But why should we not laugh when Schopenhauer wants to explain to us metaphysically the aversion to the toad, when parents become occasional causes for the genius of the species, etc.?

23 [47]

To describe Rée as a sharpshooter who always hits the bullseye.

23 [48]

Moral self-observation is by no means sufficient now; history and knowledge of backward peoples are also required to understand the complicated motives of our actions. In them, the entire history of mankind unfolds; all its great errors and false notions are interwoven; because we no longer share these, we no longer seek them in the motives of our actions, but as mood, color, overtone, they still resonate within. One thinks that by classifying the motives of man according to the necessary satisfaction of his demands, one has truly enumerated all motives. But there were countless almost incredible, even insane needs that would not be so easy to guess now: all of these still have an effect today.

23 [49]

Sometimes we are overcome, for example, by the deepest shock from a bereavement, betrayal, or courtship, with indignation when we hear the naturalistic-historical explanation. But such feelings prove nothing; they are, in turn, only to be explained. The feelings have become deep over time, but they have not always been so; and those highest intensifications correspond to no real reason—they are imaginings.

23 [50]

If geniuses have unpleasant, even bad qualities, one must be all the more grateful for their good qualities, that they bore such fruits in such soil, with such neighbors, in such a climate, with such worm-eaten conditions.

23 [51]

Some aspects of the restored Catholicism are misjudged by us because here we have southern expressions of religiosity. It appears to us externally, enthusiastically untrue-exaggerated: but Protestantism is also only comprehensible to northern natures.

23 [52]

Music only gradually became so symbolic; people have increasingly learned to understand psychological processes in certain phrases and figures. They are not inherently present. Music is not a direct expression of the will but can only appear as such in the fullness of art.

23 [53]

Music as a whole art has no character at all; it can be sacred and profane, and it is only either when it has become thoroughly symbolic. Those sublimated glorifications of music in general, such as those found in Bettina, for example, are descriptions of the effects of certain music on very specific individuals who possess all those sublimated states within themselves and through them now also approach music.

23 [54]

One originally praises the unselfish because it is useful, the selfish because it is harmful. But what if this were a mistake! If the selfish were far more useful, even to other people, than the unselfish! What if, in condemning the selfish, one had always only thought of the stupid selfishness! In essence, one practiced prudence?— Of course, kindness and stupidity also go together, un bon homme etc.

23 [55]

Judging by the novella “am Malanger Fjord”, Th. Mügge is the only German narrative talent in the Scottish style; he is thoroughly masterfully confident.

23 [56]

Praise Epicuruss.— Wisdom has not advanced a single step beyond Epicurus—and often many thousands of steps behind him.

23 [57]

If I arrange things according to the degree of pleasure they arouse, then at the top is: musical improvisation in a good hour, then listening to individual pieces by Wagner and Beethoven, then having good ideas before noon while walking, then voluptuousness, etc.

23 [58]

The enjoyment of art depends on knowledge (practice); even with the most popular art. There is no immediate effect on the listener, a reaching beyond the boundaries of the intellect. Many do not enjoy Wagnerian music because they have not become capable of enjoyment through the highest musical education.

23 [59]

People who detach themselves in an outstanding manner from the inherited-moral, who are "conscience"-less, can only become so in the same way as deformities arise; for growth and formation continue after birth, as a result of inherited habits and forces. Thus, in such cases, one could expand the concept of deformity and speak of malformations. Against such individuals, the rest of humanity has the same rights as against deformities and monsters: it may destroy them to avoid promoting the propagation of the backward and failed. For example, the murderer is a malformation. —

23 [60]

A common experience: it went badly, but much better than I thought.

23 [61]

Happiness and Misfortune.— In some people, happiness appears more moving than their misfortune.— Who can hear cheerful music resounding from a madhouse without tears?

23 [62]

When walking by a forest stream, the melody that is on our mind seems to become audible in strong, trembling tones; indeed, it sometimes seems to run ahead of the inner image of the melody we are pursuing by one note and gains a kind of independence, which, however, is only an illusion.

23 [63]

The main element of ambition is to come to the feeling of one's power. The joy of power is not due to the fact that we rejoice in being admired in the opinion of others. Praise and blame, love and hate are the same for the ambitious person who wants power.

Fear (negative) and the will to power (positive) explain our strong regard for the opinions of people.

Pleasure in power.— The pleasure in power is explained by the hundredfold experienced displeasure of dependence, of powerlessness. If this experience is not present, the pleasure is also lacking.

23 [64]

Signs of Higher Natures.— A person's metaphysical conceptions are evidence of their higher nature, nobler needs: in this respect, one should always speak of them in the most dignified tone.

23 [65]

Use and Disadvantage of All Martyrdom.— The many martyrs' deaths have become sources of strength for humanity, in terms of stubbornness of conviction, not in terms of strict examination of truth. Cruelties harm the truth, but benefit the will (which manifests itself in faith).

23 [66]

How does it console an unfortunate person not to have deserved a punishment? He is used as a means for the benefit of humanity to deter them: but did he deserve to be considered a means? However, once one realizes that no one deserves anything, that perspective no longer consoles at all. Besides, one should always be happy to serve as a means for the improvement of humanity.

23 [67]

Usual form of suspicion.— One is unreasonably suspicious of books whose results displease us—and vice versa. In a party, the principles of party struggle are never seriously examined; only opposing parties and their interests bring forth strong criticism.

23 [68]

Some hit the nail, but not on the head, they make the problem hopelessly crooked. It would be better if they had missed the matter entirely.

23 [69]

Replacement of the accidental by the necessary.— In the stage of higher spiritual liberation, one should replace all accidental-natural things with which one has linked one's life with chosen-necessary ones. Whoever has insufficient friends from earlier times should detach themselves; under certain circumstances, one should choose a new father, new children.

23 [70]

Great effects incorrectly derived.— To attribute great effects to great causes is a very common fallacy. First, they may be small causes that act over a long period of time. Then the object upon which they act may be like a magnifying mirror: a bad poet can have a great effect because the public is precisely homogeneous with him, e.g., Uhland among his Swabian countrymen.

23 [71]

Seek solitude to best serve many or all (the multitude): if you seek it otherwise, it will make you weak, sick, and a dying limb.

23 [72]

It is not the absence of love, but the absence of friendship that makes unhappy marriages.

23 [73]

The expression “wage” has been dragged into our time from the era when the lowborn unfree person, if given or granted anything at all, always felt blessed and graced, where they were alternately spurred on like an animal by the whip or by enticements, but never “earned” anything. If one does what one must do, there is no merit in it; if one is rewarded nonetheless, this is an excess of grace, kindness.

23 [74]

Current dramatists often start from a false concept of drama and are drastists: with them, at any cost, there must be screaming, noise, beating, shooting, killing. But “drama” means “event,” factum, in contrast to fictum. Not even the historical derivation of the Greek word-concept gives them justification. The history of drama even less so; for the Greeks precisely avoid the depiction of the drastic.

23 [75]

The former miracle proof.— If someone dips their hand into glowing molten metal and withdraws it unharmed, it still amazes people today, but in the past, one would certainly have believed it to be a miracle: the person who did it believed in a mysterious power and supernatural assistance. Even those who do not know the explanation of the fact today still assume it happens naturally and that they would succeed just as well. In the past, one could have proven any claim with this, and everyone would have believed such proof.

23 [76]

The scientific methods relieve the world of its great pathos; they show how groundlessly one has worked oneself up to such heights of emotion. One now laughs and marvels at a quarrel that drives two enemies—and gradually entire generations—into a frenzy, ultimately determining the fate of nations, even though the original cause may long have been forgotten: but such a process is the symbol of all great affects and passions in the world, which in their origin are always laughably small.

Now man first stands amazed before the height of his feeling and the lowness of its origin; in the long run this contrast softens, for the humiliating feeling of the ridiculous works silently on the man who has once begun to recognize it here.— There are pretentious virtues which can assert their height only under metaphysical presuppositions, e.g., virginity; while in itself it means little, as a pale, unproductive half-virtue which moreover inclines one to judge one's fellow men quite heretically.

23 [77]

If one distinguishes stages of morality, I would name as the first: subordination to tradition, reverence and piety towards tradition and its bearers (the elders) as the second stage. Binding of the intellect, restriction of its grasping and attempting, heightening of feeling within the delimited realm of permitted ideas.— In contrast, the demand for unegoistic, impersonal action, which is usually seen as the origin of morality, belongs to the pessimistic religions, insofar as these proceed from the reprehensibility of the ego, the person, and thus must have previously placed the metaphysical significance of the "radical evil" within humans.

From the pessimistic religion, Kant derived both the radical evil and the belief that the unegoistic is the hallmark of the moral. Now, however, this exists only, as Schopenhauer correctly saw, in yielding to certain feelings, e.g., of compassion and benevolence. Feelings, however, cannot be demanded, commanded. Morality has always demanded, thus it will not consider "being compassionate and benevolent" (being unegoistic) as the decisive hallmark of the "moral person": as one indeed often speaks of "immoral people" who are nevertheless very kind-hearted and compassionate.

23 [78]

The false premise of all morality is the error that man acts freely and is responsible. Every law, every regulation (in state, society, school) presupposes this belief, we are so accustomed to it that we praise and blame, even after the acquired insight into irresponsibility: while we do not blame and praise nature. To demand unselfish actions, as the pessimistic religions do, to demand love: this presupposes the same fundamental error.

23 [79]

To explain monogamy and its great force, one should indeed beware of solemn hypotheses, to which the mentioned shame before a mystery leads. First of all, a moral origin is not to be considered; animals also have it in many cases. Wherever the female is rarer than the male or finding her has caused the male trouble, the desire arises to defend the possession of her against new claims from other males. The male does not let go of the once-acquired female because it knows how difficult it is to find a new one if it loses her. Monogamy is not a voluntary restriction to one female while having a choice among many, but rather the assertion of a possession in female-scarce circumstances.

Therefore, jealousy has swollen to its present strength and has been inherited from the animal kingdom over extremely long periods of time. In human societies, the custom of monogamy has often been sanctioned for various reasons of utility, primarily for the benefit of the family to be organized as firmly as possible.The estimation of woman also grew in the same way, so that she later of her own accord preferred the relationship of monogamy above all others.— Even if woman was actually a possession like a house slave, a higher position for the wife nevertheless emerged in the cohabitation of two people, in shared joys and sorrows, and because woman could also refuse many things and could serve the man as a representative in many ways.— Now, where women in the civilized states are actually in the majority, monogamy is protected only by the sanction of tradition, which has gradually become overwhelming; the natural basis no longer exists at all. Precisely for this reason, behind the back of the solemnly treated and sanctified monogamy, a kind of polygamy actually exists.

23 [80]

If Schopenhauer attributes primacy to the will and allows the intellect to come into play, the entire mind, as we now know it, can no longer be used for demonstration. For it has become thoroughly intellectualized (just as our sense of tone in music has become intellectualized). I mean: pleasure and pain and desire can no longer be thought of as separate from the intellect. The height, diversity, and delicacy of the mind have been greatly cultivated through countless thought processes; just as poetry relates to current music as the teacher of all symbolism, so thought relates to the current mind. These thoughts have often been errors; for example, the mood of piety rests entirely on error.

Pleasure and pain have been cultivated like an art, precisely through the same means as an art. The actual motives of actions now behave like the melodies of today's music; it is no longer possible to say where melody, where accompaniment, harmony is; thus, in the motives of actions, everything is artificially woven, several motives move alongside one another and give each other harmony, color, expression, mood. In certain moods, we may well believe we have the will separated from the intellect, it is an illusion; they are a result. Every impulse has become intellectual; what one feels, for example, in love, is the result of all reflection on it, all the metaphysics ever associated with it, all the related resonating neighboring tones.

23 [81]

In the origin of art, one must not start from aesthetic states and the like; these are late results, just like the artist. Rather, man, like the animal, seeks pleasure and is inventive in doing so. Morality arises when he seeks the useful, i.e., that which does not immediately or at all provide pleasure, but guarantees painlessness, especially in the interest of many. The beautiful and art go back to the direct production of as much and as varied pleasure as possible. Man has overcome the animal limitation of a mating season; this shows him on the path of pleasure invention. Many sensory pleasures he has inherited from animals (the color stimulus in peacocks, the joy of singing in songbirds).

Humans invented work without effort, play, activity without a rational purpose. The wandering of the imagination, the invention of the impossible, even the nonsensical, brings joy because it is activity without meaning or purpose. Moving with arms and legs is an embryo of the artistic drive. Dance is movement without purpose; escape from boredom is the mother of the arts. Everything sudden pleases, if it does not harm, such as wit, the dazzling, the loudly resonant (light, drum noise). For a tension is resolved by being exciting yet not harmful. The emotion itself is sought, the crying, the terror (in the horror story), the tension. Everything that excites is pleasant, thus discomfort is perceived as pleasure in contrast to boredom.

23 [82]

If someone promotes science to the detriment of humanity (for there is no pre-established harmony between the promotion of science and humanity), one can say to them: if you wish to sacrifice humanity to your knowledge for your pleasure, then we will sacrifice you to the general well-being—here the good end justifies the means.Anyone who wanted to poison humanity for the sake of an experiment would be bound by us like a very dangerous subject; we demand: the well-being of humanity must be the limiting perspective in the realm of the search for truth (not the guiding idea, but the one that draws certain boundaries). Of course, the Inquisition is nearby; for the well-being of all was the perspective by which heretics were persecuted. In a certain sense, therefore, an Inquisitional Censorship is necessary, though the means will always become more humane.

23 [83]

An old city, moonlight on the streets, a lonely male voice—it feels as if the past had come to life and wanted to speak to us—the hopelessness of life, the aimlessness of all endeavors, the radiance of rays around it, the deep happiness in all longing and missing: that is her theme.

23 [84]

One overestimates in artists the continuous improvisation, which does not exist even in the most original artists, but rather in the semi-reproductive imitators. Beethoven seeks his melodies in many pieces, with much searching together. But the artists themselves wish that the instinctive “divine” unconscious in them be valued highest and do not represent the facts truthfully when they speak about it. The imagination (as e.g. in the actor) pushes many forms without choice forward, the higher culture of the artist’s taste makes the selection among these creations and kills off the others, with the harshness of a Lycurgian nurse.

23 [85]

The advantage of our culture is comparison. We bring together the most diverse products of older cultures and evaluate them; this is our task to do well. Our strength should be shown in how we choose; we should be judges.

23 [86]

In conclusion: Reason and Science, “humanity’s highest power!”

23 [87]

We call someone moral who submits to a law they recognize and acts accordingly, whether it be a state law, the voice of God in the form of religious commandments, or even just conscience, or philosophical “duty.” Whether someone believes in such laws rightly or wrongly is irrelevant; for morality, only that they abide by them matters.— Within the various spheres of egoism, there is a distinction between higher and lower: aligning oneself with the higher, purified egoism we also call moral.— We do not yet call a moral course of action good without further ado.Seelengüte is attributed to the person who, not with regard to a law, but according to inner drives, willingly shows compassion, sympathetic joy, self-sacrifice, etc. Thus, morality has become instinct, associated with pleasure in its practice, as tends to happen after long inheritance and habit: this is what we call goodness.

23 [88]

One speaks of mitigating circumstances: they are supposed to reduce the guilt and accordingly the punishment should be less severe. But if one examines the genesis of guilt, one gradually mitigates the guilt away, and then there should be no punishment at all. For fundamentally, given the unfreedom of the will, there is no guilt. If one accepts punishment as a deterrent, then there must be no mitigating circumstances that relate to the origin of guilt. Once the deed is established, punishment follows inexorably; the human being is a means to the good of all. Even Christianity says: Judge not! though with regard to personal disadvantage. Christ: “God shall judge.” But this is an error.

23 [89]

The philosophers find the will to live proven particularly by the fact that they recognize the terrible or uselessness of life and yet do not resort to suicide—but their description of life could be wrong! —

23 [90]

How the question of the critique of the faculty of cognition is now answered, the investigation is so difficult, the self-examination of thought so subtle, that its result has nothing to do with the results of previous religion, art, and morality. These owe nothing to such scientific procedures, but rather to highly unscientific ones. The need for them has no consequence for the "truth," reality of their assumptions.

23 [91]

The good work of art of the narration will unfold the main motif like the plant grows, always forming itself more clearly, until finally, as new and yet anticipated, the blossom reveals itself. The art of the novellist is especially to let the theme prelude, to symbolically anticipate it several times, to prepare the mood in which one anticipates the outbreak of the storm, to make neighboring tones of the main melody resound, and thus in every way to arouse the inventive ability of the reader, as if he should guess a riddle; but then to solve it in such a way that it still surprises the reader.— As the boy plays, so the man will work, a school event can already clearly reveal all the acting persons of a politically great event.— Perhaps a philosophy is also to be presented in such a way that one recognizes the actualclaims only at the very end and indeed with enormous emphasis.

23 [92]

It is a sign of greatness to be able to highly delight with small gifts.

23 [93]

The philosophy of great people usually corresponds to the age at which the conception of it was made. Thus, for someone who knows Schopenhauer's twenties intimately, Schopenhauer's entire philosophy can be formally calculated, even prophecied.

23 [94]

Educated is every person, by circumstances, companions, parents, siblings, events of the time, of the place: but all this is education by chance and often suited to developing them quite unhappily. Beyond this education by chance, however, humanity as a whole has not yet advanced: hindered by the metaphysical notion (at which even Lessing’s sharp mind grew dull), that a God has taken the education of humanity into His hands and that we cannot fully comprehend His ways. From now on, education must set itself ecumenical goals and exclude chance itself from the fate of nations:—the task is so great that an entirely new kind of educator is needed, a new formation of doctors, teachers, priests, natural scientists, artists of the old culture

23 [95]

The composure of the ancient poets is evident in the way they elevate the feeling from one level to the next and thus raise it very high. The moderns prefer to attempt it with an assault; or: they immediately pull with all their might on the bell-rope of passion. But if they fail at the beginning, they are also lost. A good book should, as a whole, resemble a ladder of emotion; it should have access from only one side, and the reader should feel confused if they tried to make their own way through it on their own.

Every good book would protect itself in this way; who likes to drag a rope with strung-together words behind them that they don’t understand at first? To speak in a parable: when the steadfast Prince of Calderón’s was read to me in Schlegel’s translation, this is how it went for me: I pulled my rope for a while and finally let it go in annoyance, made a new attempt and again dragged a thread full of words behind me, but rarely did the explanatory, redeeming word come: torment, vexation, like with a picture on which all the drawing has faded and one thing can mean many.

23 [96]

The mistake of the moralists is that they oppose egoistic and unegoistic as immoral and moral to each other in order to explain the moral, i.e., that they take our current feeling, the final goal of moral development, as the starting point. But this last phase of development is conditioned by numerous stages, by influences of philosophy and metaphysics, of Christianity, and is by no means to be used to explain the origin of the moral. Moreover, it is possible that unegoistic action, although a familiar concept to us, is not a real fact but only an apparent one; the derivation of pity, for example,

B. perhaps leads back to egoism, just as there are probably no acts of malice in themselves, of harming without personal reason, etc. The realm of the moral has above all been the realm of the ethical, but the "good person" was by no means called at all times the one who had the custom of unselfish actions, compassion, and the like, but rather the one who generally followed customs. Opposite him stood the evil person, the one without custom (the unethical).

23 [97]

Compassion for one's neighbor is a late result of culture: how far must the imagination be developed to empathize with others as with ourselves (only when we have learned to relive our own non-present pains and joys through memory and feel them as if they were present). Art certainly plays a significant role when it teaches us to sympathize even with the imagined feelings of unreal persons.

23 [98]

The good review of a scholarly book consists in the fact that the problem posed by it is better solved; accordingly, it would be the case if the criticism of a work of art consisted in someone better representing the motif to be depicted in the work of art, e.g., a musician demonstrating through action that another had not known how to do enough with his theme; likewise a sculptor, a novelist. All good criticism means improving; therefore, the ability to improve is an indispensable condition for the critic.— Now, however, look at the ordinary critics of art and philosophy! They say: “we do not like it”; but how do they intend to prove that their taste is more developed and higher, if not through action?

23 [99]

People talk about presentiments, as if, for example, religion had certain insights, albeit dimly, pre-sensed. There is no such relationship between religion and science. What is called presentiment is established from entirely different motives than scientific ones, based on entirely different methods, not even on semi-scientific methods. It is coincidental if one resembles the other. All religions together are supposed to contain certain common "truths" dimly, one believes to be saying something favorable about a philosophy by bringing religious fantasy to its side: but it is the opposite. Science and religion will not at all be able to resemble each other in their results.

23 [100]

People of the most diverse cultural levels live side by side at the same time, even in highly developed nations. In Germany and Switzerland, everything that has dominated souls since the Reformation has somehow remained, making it possible to travel back several centuries and speak to people of those times. Indeed, the highly developed individual (such as Goethe) lives far ahead, spanning entire centuries in the various phases of his nature.

23 [101]

The artists are the advocates of passion, for it is full of effect and gives the artist ten times more opportunity to display his art. Thus arises the illusion that the passions are something glorious, desirable, for the poets take the most beautiful words into their mouths; but in truth, they glorify passion because they themselves wish to be glorified most of all.

Partly, they are also themselves of passionate disposition and in that respect their own advocates. Now, however, they establish in the world what is worthy of glorification in general; they are the born panegyrists of things—they have actually changed man’s relation to passion, i.e., refined and ennobled it: for example, love. It is their merit.

23 [102]

Madame de Staël: the age of insight has lost its innocence just as the golden age has.

23 [103]

Value of Remorse for Intellectual Liberation.— There is no doubt that remorse has significantly contributed to the increase of intellectual freedom in the world. It often provoked a critique of the ideas that, based on past actions, caused such painful effects; and one discovered that there was little to them beyond habit and the general opinion within the society in which one lived. If one could free oneself from these two, remorse also subsided.

23 [104]

Artists might be the happiest people, for they are allowed to create the perfect as a whole and even often; while others always work only on small parts of a whole. But artists spoil themselves by the sight of the perfect whole and demand it elsewhere too, they make higher claims, are envious, have not accustomed themselves to self-control, are arrogant in judgment; and sometimes their creations lack appreciative and praising recipients.

23 [105]

Pathos belongs in art.— Who does not become venomous and inwardly enraged when they hear someone taking their life far too pathetically and speaking of “Golgotha” and “Gethsemane”!— We tolerate the pathetic only in art; the living person should be simple and not too loud.

23 [106]

That is what the other wants and indeed for his own sake, not for ours, that makes the friend, says Aristotle. Here the unselfish action is described; if we find ourselves in such a state towards certain persons permanently, this is friendship. According to the now common conception of morality, the friendship relation is the most moral that exists.

23 [107]

One must have lived for a time in the metaphysical sphere, just to experience how good it feels to see all things in sober morning freshness and to draw deep breath in pure air.

23 [108]

Reading correctly.— The art of reading correctly is so rare that almost everyone must first have an official document, a law, or a contract interpreted for them; in particular, much is corrupted by Christian preachers, who continually assail the Bible from the pulpit with the most desperate art of interpretation and, far and wide, arouse respect for such an artificially hair-splitting manner, even imitation of it.

23 [109]

If morality is based on the perspective of common benefit and harm, it is consistent to measure the morality of an action not by the intentions of the individual, but by the deed and its outcome. The soul-splitting and kidney-testing belongs to a view of ethics in which benefit and harm do not matter at all. Demand the action and do not worry so anxiously about the motives (whose entanglement, by the way, is far too great for one not to err in every psychological analysis of an action).

23 [110]

Intellectual transitional climates.— We have freed ourselves from many ideas—God, eternal life, retributive justice in the hereafter and in this world, sin, redeemer, need for redemption—; a kind of temporary illness demands a substitute for the empty spaces, the skin shudders somewhat from the cold because it was once clothed here. There are philosophies that represent, as it were, transitional climates, for those who cannot yet directly tolerate the fresh mountain air.— Compare how the Greek philosophical sects serve as transitional climates: the old polis and its education still linger in them: to what should one transition?—it has probably not been found. Or was it the Sophist, the full freethinker?

23 [111]

One should no longer listen when people lament the lost folk character (in costume, customs, legal concepts, dialects, poetic forms, etc.). It is precisely at this price that one rises to the supra-national, to universal goals of humanity, to thorough knowledge, to understanding and enjoying the past, the non-native.— In short, this is how one ceases to be a barbarian.

23 [112]

The sublime acts as a stimulant and pepper for the weary, the beautiful brings calm for the excited—this is a main difference. The excited shy away from the sublime, the weary are bored by the beautiful. Incidentally, the sublime, when disjoined from the beautiful, is identical with the ugly (i.e., all that is not-beautiful); and just as there is an art of the beautiful soul, there is also an art of the ugly soul.

23 [113]

Self-contempt.— That violent inclination toward self-examination and self-contempt, which one observes in sinners, penitents, and saints, is often due to a general fatigue of their will to live (or of their nerves), a fatigue which causes them to apply even the most painful stimuli.

23 [114]

If one considers how the errors of great philosophies usually have their origin in a false explanation of certain human actions and feelings, how, on the basis of an erroneous analysis, for example, of the so-called unselfish actions, a false ethics is constructed, to which religion and mythological nonsense are then called upon for support, and finally the shadows of these clouded spirits also fall into physics and the entire worldview: if one considers all this, one sees how unjust the usual underestimation of psychological observation is: while it is precisely the superficiality of psychological observation, i.e., the result of that underestimation, that has laid and continues to lay the most dangerous traps for human thought and judgment. Whence, then, this disregard?

Perhaps because even the empty and vain rabble of society, male or female, occasionally succeed with such remarks, because in certain times people were accustomed to tossing moral maxims as a kind of confetti in the carnival of witty vanity?—But the difference is extraordinary when a strictly weighing thinker expresses the same psychological proposition, which may once have been discovered in those circles, and stamps it with the imprint and likeness of *his* authority. Perhaps now, as preliminary work for all future philosophizing, nothing is so necessary as to pile stone upon stone, pebble upon pebble of psychological work and to bravely resist every contempt for this kind of labor.What discoveries will a later generation make with such material!— Of course, that dishonest spirit must be kept far from this field, as when, for example, Schleiermacher urged his students to investigate the psychological facts of religious consciousness: for here the aim was from the outset to preserve religion and ensure the continued existence of theology (to which he wanted to assign a new task).— Just as there are no purposes in nature and yet it creates things of the highest purposefulness, so too will genuine science work without purposes (benefit, welfare of humanity), but rather become a piece of nature, i.e., achieve what is purposeful (useful) here and there without having intended it.

23 [115]

In the peculiarities of the Indo-Germanic languages, which distinguish them from the original mother tongue, one has recognized the remaining traces of the lost languages that the peoples originally had, who were attacked and conquered by Indo-Germanic migratory tribes: and so that the language of the conquerors also became victorious and passed over to the subjugated. Perhaps in the accent and the like, the old habit still lingered and passed over to the newly learned language.

23 [116]

Grateful for the consequences.— Some metaphysical and historical hypotheses are defended so strongly only because one is so grateful for their consequences.

23 [117]

Enjoyment of nature.— In a critique of the enjoyment of nature, much will have to be deducted that does not stem from aesthetic stimulation, e.g., when climbing a high mountain, the effect of the thin, light air, the awareness of the overcome difficulty, the resting, the geographical interest, the intention to find beautiful what other people found beautiful, the anticipated enjoyment of telling about it later.

23 [118]

There are passages in the subordinate clause of the Allegretto of the Adur Symphony where life glides by as pleasantly as the minutes at a rose hedge on summer evenings.

23 [119]

Hope is the rainbow over the precipitously plunging torrent of life, a hundred times swallowed by the spray and yet always reassembling anew, and with tender, beautiful audacity leaping across it where it rages most wildly and dangerously.

23 [120]

Let us not underestimate the shallower, amusing, laughter-loving women either; they are there to cheer us up, for there is far too much seriousness in the world. Even the deceptions in this realm have their honeyed essence.— If women become more capable and substantial, then there will no longer be any safe place for harmless folly in the world. Love affairs belong among the harmless trivialities of existence.

23 [121]

A Socratic means.— Socrates is right: one should, in order not to be completely subjugated by Eros, engage with the less beautiful women.

23 [122]

When one has become accustomed to book-making, he stretches out his perhaps quite bright thoughts in such a way that they become cumbersome and obscure. Even Kant allowed himself to be determined by the scholarly manner of book-making (which is even considered an academic obligation in conventional judgment) to adopt that verbose style of communication, which is doubly regrettable in his case because he (due to his academic duties) always lacked time: he often had to reimmerse himself in his trains of thought while writing. Had he been content to communicate in the shortest form, in the manner of Hume, what he had before writing (perhaps on a walk) established within himself, the entire dispute over the correct understanding of Kant, which still persists today, would have been unnecessary.

23 [123]

Early eloquence grinds down all thoughts for immediate effective use and is therefore easily an obstacle to deep comprehension and, in general, to thorough introspection. — That is why democratic states cultivate eloquence in schools. —

23 [124]

Experienced people are reluctant to return to places, to people they once loved very much. Happiness and separation should be tied together at their ends: for then one carries the treasure away.

23 [125]

While Schopenhauer states that the world of appearance reveals the essence of the thing-in-itself in its features, stricter logicians have denied any connection between the Unconditioned, the metaphysical world, and the world known to us: so that in appearance, the thing-in-itself does not appear at all. From both sides, it seems to me that it is overlooked that there are different erroneous basic conceptions of the intellect which provide the reason why the thing-in-itself and appearance seem to stand in an irreconcilable opposition: we have so enmeshed appearance with errors, indeed so interwoven it with them, that no one can any longer think of the world of appearance separate from them.

Also: the evil, from the beginning inherited illogical habits of the intellect have first torn open the entire chasm between thing-in-itself and appearance; this chasm exists only insofar as our intellect and its errors exist. Schopenhauer, on the other hand, has all the characteristic features of our world of appearance—i.e.the notion of the world spun from intellectual errors and inherited by us—pieced together and, instead of blaming the intellect as the culprit, accused the essence of things as the cause of this factual world character.— Both views will decisively resolve a developmental history of thought: whose result might perhaps culminate in this statement: what we now call the world is the result of aAccumulation of errors which gradually arose in the entire development of organic beings, grew together, and are now inherited by us as a collected treasure of the entire past. Of this world as representation, strict science can actually free us only to a small extent, insofar as it is unable to break the power of ancient habits: but it can illuminate the history of the origin of this world as representation.

23 [126]

It is true, never has so much philosophizing taken place in Germany as now: even at the time of Hegel’s greatest power over German minds, not nearly as many philosophical writings appeared as in the last 15 years. But am I mistaken? Or do I have reason to suspect that a great danger lies in this sign? The species of the now popular philosophizing is such that it appears as a symptom of a growing aversion to exact, strict, methodical studies.

It is an amusing, at times witty tossing about of philosophical idea-catchballs, which have now become almost comprehensible to every understanding; such a game looks better than the tedious rolling of heavy individual problems of science and indeed gives a certain training for social and public effect-making.— I wish I were wrong.

23 [127]

Those who speak of the allure of danger know the pleasure of the emotion of fear itself.

23 [128]

Women in Colonies.— The respect and courtesy that Americans show to women is inherited from the time when they were significantly in the minority: it is a peculiarity of colonial states. Much among the Greeks can be explained by this. An exceptional case: where colonists encounter many women, there usually arises a decline in the esteem of women.

23 [129]

The highly developed human being simply dispenses with the natural aspects of existence such as eating, drinking, etc., without much talk and false embellishment, which earlier cultural stages love. Socializing and marriage also belong here; such things no longer carry that strong accent which other times had for them. Fine, it may be more "formless," less beautiful to behold, the religious appearance has vanished from these things, and with it much "poetry." However, these losses are amply compensated for, above all much energy is saved, time is saved (as with our clothing), and the entire sense is not directed toward these externalities.

Someone who wants to achieve mastery in something elevates themselves to a noble way of being through their goal.— Just as we have, in the arts, carried over a great deal of the ugly into the realm of art through spiritualization, so too in life; one must feel what pulses in these, at first glance, unattractive forms of life, what new and higher powers are at work there, and then a higher beauty reveals itself to the eye.

23 [130]

It is one of the peculiarities of metaphysical philosophizing to sharpen a problem and present it as unsolvable, unless one regards a miracle as a solution, e.g., to see the essence of the actor in self-alienation and formal transformation: whereas the actual problem is, by what means of deception the actor manages to make it seem as if he were transformed.

23 [131]

The thinking mind in musicians is usually fresh; they are more often witty than scholars; for in the practice of their art they have the means to grant reflective thinking almost complete rest, a kind of sleep-life; that is why it rises so cheerfully and fresh as morning when the musician stops making music.— One is sometimes deceived about this because the musician's education is often too limited and he lacks sufficient material on which to display his wit. The same applies to the thinking mind of women.

23 [132]

Whoever forms maxims in the German language has the difficulty that they cannot be sharply and strictly polished at the end, but that auxiliary verbs tumble after like rubble and debris behind a rolling stone.— Even the finest mind is not capable of properly appreciating the art of maxim-polishing if he has not competed in this field himself. Without this practical instruction, one takes it to be easier than it is, one does not feel the successful result sharply enough; therefore, readers of maxims have a comparatively small pleasure in them, just as ordinary viewers of cameos do.

Only in competition does one come to know the good: thus, for the sake of the joy of knowledge, one should at least practice one science or art in earnest, and perhaps elaborate a novel, a philosophical reflection, or a speech from time to time;—through reflection on one's own experiences, one then also understands the related fields adjacent to these experiences—and gains access to many of the finest pleasures.

23 [133]

One is also unjust when one finds the great men too great and the things in the world too deep. Whoever wants to give life the deepest meaning, envelops the world with fables; we are all still deeply entangled in them, no matter how free-thinking we may consider ourselves. There is a strong inclination, ancient and innate, to exaggerate distances, to apply colors too strongly, to take the glittering as the more probable. Strength shows itself primarily in this all-too-sharp accentuating; but the strength in moderation is the higher, justice is harder than devotion and love.— If a murderer does not want to acknowledge the evil of his deed and takes the right to call something good which all the world calls evil, then he detaches himself from the development of mankind: must we grant him this right?If someone justifies so-called bad actions by detaching from traditional judgments and asserting irresponsibility, may we say: “he may only theoretically assert such a thing, but not act practically accordingly”? Or: “as a thinker he is right, but he must not do evil.” To what extent may the individual detach from his past? As far as he can? And if he realizes that false judgments, considerations of coarse utility, were at work in this past? That the halo around the good, the sulfur glow around the evil, thereby disappears? If the strongest motives, drawn from the honor and shame of fellow humans, no longer work because he can oppose the truth to this judgment?

23 [134]

Why not invent entire stories of peoples, of revolutions, of political parties? Why does the poet of the novel not rival the historian? Here I see a future for poetry.

23 [135]

Formerly, one defined because one believed that every word contained a sum of predicates that one only needed to extract. But in the word lies only a very uncertain hint of things: one defines reasonably only to say what one wants to be understood by a word and leaves it to each person to newly delineate the meaning of a word: it is non-binding.

23 [136]

The school of educators arises from the insight: that our educators themselves are not educated, that the need for them is always growing, the quality always declining, that the sciences, through the natural fragmentation of fields of work in the individual, can barely prevent barbarism, that there is no tribunal of culture which, disregarding national interests, considers the spiritual welfare of the entire human race: an international ministry of education.

23 [137]

A maxim is at a disadvantage when it stands alone; in a book, however, it has in its surroundings a springboard from which one can rise to it. One must know how to place less significant thoughts around more significant ones, to frame them, thus setting the gemstone in a material of lesser value. If maxims follow one after another, one involuntarily takes one as the foil for the other, pushes this one back to highlight another, i.e., one makes a surrogate of a book.

23 [138]

Since art is becoming ever more soulful, later masters observe that the artworks of earlier times do not satisfy them, and this prompts them to lend a hand and believe that it is only the technical conditions that were lacking for the old masters back then. Thus, Wagner thinks that Beethoven would have orchestrated better, i.e., more soulfully, if the instruments had been better; above all, in the modification of tempo, he thinks that the latter, like all earlier composers, would have been inadequate in notation.

In truth, however, the soul has never been so delicately moved, so alive in every moment. All older art was rigid, stiff; in Greece as well as here. Mathematics, symmetry, strict rhythm ruled.— Should we give modern musicians the right to ensoul older works more?— Yes; for only by giving them our soul do they continue to live. Whoever knows dramatic, soulful music will perform Bach quite differently, unconsciously. If they hear him performed differently, they no longer understand him. Is a historical performance even possible?

23 [139]

The inventors of the Indo-Germanic language were probably members of the highest caste and used the existing lesser languages. A high philosophical and poetic education spoke from them and formed a corresponding language; this is a conscious art product; musical poetic genius belonged to it. Then it became a language of poets and sages, later spread to the next castes, and migrated with the warrior tribes. It was the most precious legacy of the homeland, which was tenaciously held onto.

23 [140]

The poets, according to their nature, which is precisely that of artists, i.e., strange exceptional individuals, do not always glorify what deserves to be glorified by all people, but prefer what seems good to them as artists. Likewise, they rarely attack successfully when they are satirists. Cervantes could have fought the Inquisition, but he preferred to also ridicule its victims, i.e., the heretics and idealists of all kinds. After a life full of accidents and misfortunes, he still had the desire for a major literary attack on a false taste of Spanish readers; he fought against the chivalric romances.

Unnoticed, this attack became the most general irony of all higher aspirations under his hands: he made all of Spain, all the blockheads included, laugh and consider themselves wise: it is a fact that no book has been laughed at as much as Don Quixote. With such success, he belongs to the decadence of Spanish culture, he is a national misfortune. I believe that he despised people and did not exclude himself; or does he not only make fun when he tells how they played pranks on the sick man at the duke's court?Should he really not have laughed even over the heretic at the stake? Yes, he does not spare his hero even that terrible realization of his condition at the end of life: if it is not cruelty, then it is coldness, hardness of heart, which made him create such a final scene, contempt for the readers, who, as he knew, were not disturbed in their laughter even by this ending.

23 [141]

All originally rigid, awkward sensation gradually becomes pleasant. From compulsion comes habit, from that custom, finally virtue combined with pleasure. But the people who have reached this last stage want to know nothing of the fact that their distant ancestors began the journey.

23 [142]

Man sometimes strives for an emotion in itself and uses people only as a means. Most strongly in cruelty. But also in the pleasure of the tragic, there is something of this (Goethe found this sense of the cruel in Schiller). In dramatic art in general, man wants emotions, e.g., of pity, without having to help. Think of tightrope walkers, jugglers.— The passions accustom man to themselves: that is why very passionate peoples, e.g., Greeks and Italians, take such pleasure in the art of passion, in emotion itself; without it, they are bored.

23 [143]

The sensation cannot remain equal and at the same height; it must grow or diminish. The veneration of the Greek polis accumulated into an infinite sum, until finally the individual could no longer bear this burden.

23 [144]

It is characteristic of unscientific people to prefer any explanation of a matter over none at all; they want nothing to do with abstention.

23 [145]

The well-endowed person experiences the state of maturity several times, insofar as they live through various cultures and in understanding and grasping each one once reach a peak. And thus a person can pre-feel within themselves the content of entire centuries: because the course they take through the various cultures is the same as that which several generations take one after another.— Thus they also have the state of immaturity, of perfect bloom, of overripeness several times: they may go through this entire ladder of stages first as a religious, then again as an artistic, and finally as a scientific person.

23 [146]

One is always amazed anew at how Shakespeare was able to make his heroes speak so appropriately, so thoughtfully, that they utter maxims which are significant in themselves but also sound in keeping with their character? One might then assume, to explain it, that such conversations are a mosaic of occasionally found individual sentences.

I would like to counter this assumption by pointing out that for the dramatist, there is a continual habit of inventing every remark only in accordance with the character of a specific person, in relation to a situation: a habit that is quite different from ours, which is to make the remark for the sake of its truth, entirely apart from person and situation. But we too sometimes ask ourselves: “what would you say, if you experienced this?” The dramatist is accustomed to this hypothetical speech; it has become his nature to always invent his thoughts under such assumptions.

23 [147]

How old meaningful religious ceremonies ultimately remain as superstitious, misunderstood procedures, so history in general, when it continues to exist only out of habit, becomes similar to magical nonsense or carnival disguise. The sun, which was supposed to shine on the pope during the proclamation of infallibility, the dove, which was supposed to fly at that time, now appear as questionable tricks that aim only at deception; but the old culture is full of them, and the entire distinction of where the deception begins has not been made at all.

Now a Catholic, ornate hearse with its retinue moved through one of the side streets of Naples, while the Carnival raged in the immediate vicinity: all the colorful floats that imitated the costumes and splendor of earlier cultures. But even that funeral procession will one day become such a historical Carnival parade; the colorful shell remains behind and delights, the core has fled, or the deceptive intent has hidden itself within, as in the priestly artifice to awaken faith.

23 [148]

The ancient world is, on the whole, the age of talent for festive joy. The thousand occasions for rejoicing were not discovered without ingenuity and deep reflection; a good part of the brain activity that is now directed toward the invention of machines and the solution of scientific problems was then directed toward the increase of sources of joy: the sensation, the effect, was to be turned into the pleasant, we change the causes of suffering, we are prophylactic, they were palliative.— Our festivals rightly become cultural festivals and, on the whole, rare.

23 [149]

We take pleasure in small malice because it harms us so little, e.g., in sarcasm; indeed, when we feel completely protected, even great malice (such as in the venomous rant of a pamphlet) serves our enjoyment; for it does not harm us and thus approaches the effect of the comic—it surprises, frightens a little, and yet does no harm.

23 [150]

Art does not belong to nature, but solely to man.— In nature there is no sound, it is mute; no color. Nor is there any form, for this is the result of a reflection of the surface in the eye, but in itself there is no above and below, inside and outside. If one could see otherwise than by means of reflection, one would not speak of forms, but perhaps see into the interior, so that the gaze would gradually cut through a thing. Nature, from which one subtracts our subject, is something very indifferent, uninteresting, no mysterious primal ground, no revealed world riddle; we are able, through science, to go far beyond sensory perception, e.g.to grasp the tone as a trembling movement; the more we dehumanize nature, the emptier and more meaningless it becomes for us.— Art is based entirely on humanized nature, on nature interwoven and permeated with errors and illusions, from which no art can abstain; it does not grasp the essence of things because it is entirely tied to the eye and the ear. Only the concluding intellect leads to the essence. It teaches us, for example,the matter itself is an ancient ingrained prejudice, originating from the fact that the eye sees mirror surfaces and the human sense of touch is very dull: where one feels opposing points, one unconsciously constructs opposing continuous planes (which, however, only exist in our imagination), under the accustomed illusion of the mirroring eye, which is fundamentally also just a crude sense of touch.A ball of electrical currents, which reverse at certain points, would feel like something material, like a solid object: and the chemical atom is indeed such a figure, which is circumscribed by the endpoints of various movements. We are now accustomed to separating the moving and the movement; but in doing so, we are under the impression of ancient fallacies: the moving thing is invented, imagined, because our organs are not fine enough to perceive the movement everywhere and deceive us into seeing something persistent: while in reality there is no "thing," nothing persistent.

23 [151]

Since the new education demands much greater brain activity from people, humanity must strive much more energetically for health in order not to have a nervously overstimulated, even deranged offspring (for otherwise a posterity of lunatics and fanatics would be quite possible—as the overripe individuals of later Athens sometimes slipped into madness): thus through the pairing of healthy parents, proper strengthening of women, gymnastics exercises, which must be as common and desired as daily bread, prophylaxis of diseases, rational nutrition, housing, and generally through knowledge of anatomy, etc.

23 [152]

Christianity says “there are no virtues, only sins.” This slanders and poisons all human action, and also shakes trust in people. Now philosophy seconds it in the manner of La Rochefoucauld, reducing the praised human virtues to petty and ignoble motives. It is a true liberation to learn that there are in themselves neither good nor evil actions, that in the same sense as the proposition of Christianity, the opposite proposition of antiquity can also be set up “there are no sins, only virtues” i.e., actions from the standpoint of the good (only that the judgment about good is different). Everyone acts according to what is advantageous to them, no one is voluntarily evil i.e., self-harming.It is a great progress to learn that everything moral has nothing to do with the thing in itself, but is "opinion," belonging to the realm of the very changeable intellect. Of course: just as our ear has created the sense for music (which, after all, does not exist in itself), so we have, as a high result of humanity so far, the moral sense. But it is not founded on logical laws of thought and strict observation of nature, but, like the sense for the arts, on various false judgments and fallacies. Science cannot help but expose this illogical foundation of morality, just as it does with art. Perhaps it weakens this sense somewhat in the long run: but the sense for truth is itself one of the highest and most powerful efflorescences of this moral sense. Here lies the compensation.

23 [153]

Barbarizing effect of abstraction and sublimation on the occasion of Aristotle in science.

23 [154]

If one thinks of the higher utility, of ecumenical purposes in the word morality, then there is more morality contained in trade than in life according to that Kantian exhortation “do what you want to be done to you” or in Christian conduct according to the guideline of the word: “love your neighbor for God’s sake.” Kant’s proposition yields a petty-bourgeois private respectability of custom and stands in contrast to ecumenical purposes: of whose existence he does not even have a concept.

How little love that is not demanded actually means, especially love of this indirect kind, such as Christian love of neighbor, has been proven by the history of Christianity: which, in contrast to the consequences of the Buddhaistic, rice-eating morality, is consistently violent and bloody. And what does it mean at all: “I love my fellow man for God’s sake!” Is it more than if someone says “I love all police officers for the sake of justice” or what a little girl said: “I love Schopenhauer because Grandfather likes him: he knew him”?

23 [155]

Through certain views of things, the pathos of feeling has come into the world, not through the things themselves: for example, everything that Faust gives in the first scene as the cause of his suffering is erroneous, namely, it has become so heavy with meaning only on the basis of metaphysical fabrications: if he could see this, the pathos of his mood would be absent.

23 [156]

(From the Preface)

After learning year by year how difficult it is to find the truth, I have become distrustful of the belief that one has found the truth: it is a main obstacle to truth. If only all those who thought so highly of their conviction had dedicated half their strength to examining with what right they clung to this or that conviction, by what path they had come to it: how peaceful the history of mankind would look! How much more of the known there would be!

All the cruel scenes, the persecution of heretics would have been spared us for two reasons: first, because the inquisitors would have inquired primarily into themselves and moved beyond the presumption of defending absolute truth; second, because the heretics themselves would have granted no further attention to such poorly founded propositions as those of all religious orthodox believers and heretics, after thoroughly examining them.

Now I have before me a topic that may be the most important to humanity—for what has not arisen through education, grown strong, become good or bad?—moreover, it can only be treated on a large scale after unbelief has become the prevailing sentiment.I would now like to specifically warn the fiery, conviction-thirsty young men not to immediately regard my teachings as a guideline for life, but rather as theses to be carefully considered, with whose practical introduction humanity may wait as long as it has not sufficiently protected itself against doubts and reasons. Besides, wisdom has not fallen from heaven upon me, for I am no “genius,” I have no intuitive insights through a hole in the veil of appearance. Schopenhauer may serve as the warning example: in all points for which he considered himself a “genius,” he was wrong.

23 [157]

Life becomes light and pleasant through a ruthless liberation of the mind, which tentatively shakes all the notions that weigh down life and make it so unbearable: so that, in order to have the joy of this relief, one prefers the simplest life, which enables us to have this joy.

23 [158]

Paul Winkler 1685 “man is wise as long as he seeks the truth; but when he wants to have found it, he becomes a fool.”

23 [159]

To readers of my earlier writings, I wish to explicitly declare that I have abandoned the metaphysical-artistic views which essentially dominate them: they are pleasant, but untenable. Those who are permitted to speak publicly at an early age are usually compelled to soon contradict themselves publicly.

23 [160]

To the end.

I want to become wise by the age of 60 and recognize this as a goal for many. A great deal of science is to be acquired in sequence and fused within oneself. It is the fortune of our age that one can still grow up in a religion for a time and, in music, have a completely authentic access to art; this will not be so well bestowed upon later times. With the help of these personal experiences, one can first understand immense stretches of humanity: what is important because all our culture rests on these stretches. One must understand religion and art—otherwise one cannot become wise. But one must be able to see beyond them; if one remains within them, one does not understand them.

Likewise, metaphysics is a stage one must have stood upon. Likewise, history and the relative. One must follow the course of humanity as an individual in great strides and go beyond the previous goal.

Whoever wants to become wise has an individual goal in which all experiences—happiness, unhappiness, injustice, etc.—are absorbed as means and aids. Moreover, human life then takes on the right shape, for the old person achieves the goal of their entire nature most easily. Life also unfolds interestingly; the theme is very grand and not to be exhausted too soon.— Knowledge itself has no further goal.

23 [161]

The moral purity of people has been promoted more by some false notions than truth could ever achieve. That a God wills the good, that the body must be conquered to free the soul, that responsibility for all actions and thoughts exists—this has elevated and refined humanity. But already the very concept of the “Good”!

23 [162]

In the pre-literary age, higher intelligence must have presented itself quite differently than in the literary age: the individual, connected to earlier sages by no written tradition and reminded of the conditionality of knowledge, could almost consider himself superhuman. The sage loses more and more dignity.

23 [163]

When words exist, people believe there must be something corresponding to them, e.g., soul, God, will, fate, etc.

23 [164]

The so-called metaphysical need is a counter-instance against the truth of any metaphysics. The will commands.

23 [165]

The advantage that the pure human brings to his fellow humans lies in the example he sets: thereby he snatches them from their wild demon, if only for moments.— Much depends on the moments.

23 [166]

The nobler motives are the complicated ones; all simple motives stand rather low. It is as with simple and complicated organisms. The length and difficulty of the entire path casts the semblance of the great and lofty upon the one who walks it.

23 [167]

If people had not built houses for gods, architecture would still be in its cradle. The tasks that humans set for themselves based on false assumptions (e.g., the soul separable from the body) have given rise to the highest cultural forms. "Truths" are unable to provide such motives.

23 [168]

If one wants to gain experience in art, one should create some works of art, for there is no other path to aesthetic judgment. Most artists themselves are useful only insofar as they acquire, preserve, and exaggerate the consciousness of the great masters: thus serving, as it were, as heat-conducting media. One can write a few novellas, a novel, a tragedy—without suffering shipwreck in one's main occupations; nor should one by any means print such things. In general, one should learn to be productive in manifold ways: that is the chief artistry in becoming wise in many things.

23 [169]

It is a stage of culture to appreciate the great and the extreme, the great person, the strongest productivity, the warmest heart. But to comprehend the world, one must reach the higher stage where the small and inconspicuous is more important in its effects, e.g., the bound spirits, etc.

23 [170]

The most favorable time for a people to assume leadership in scientific matters is when enough strength, tenacity, and rigidity are inherited by the individual to enable them a victorious, joyful isolation from public opinions: this time has now returned in England, which is unmistakably leading all nations in philosophy, natural science, history, in the field of discoveries, and the dissemination of culture. The scientific greats negotiate with one another there like kings, who, though they all consider themselves relatives, presuppose recognition of their independence.

In Germany, on the other hand, people believe everything can be achieved through education, methods, and schools: as a sign that there is a lack of characters and groundbreaking natures who have always forged their own path. They cultivate those useful workers who work together, as if in rhythm, and whose workload was already prescribed in those times when Germany, by virtue of its original spirits, held the intellectual leadership of Europe: around the turn of the last century.

23 [171]

The flaws of style sometimes give it its charm.— Alexander von Humboldt’s style. The thoughts have something uncertain, insofar as it is not about the communication of facts. In addition, everything is elevated and covered with brilliance through selected beautiful words: the long periods stretch it out. Thus, this style as a whole creates a mood, a thirst, one squints because one would so gladly like to see something clear, everything floats in enticing transfiguration in the distance: like one of those wavy air mirages, which seem to the weary and thirsty to be a sea, an oasis, a forest (lead before the senses).

23 [172]

A new presentation of the art doctrine must proceed from the assumption that humans take pleasure in all emotional excitations in themselves, precisely as emotions, even the most painful ones: they seek intoxication. Art arouses them playfully to pain, tears, anger, desire, but without the practical dire consequences: yet there are also people who accept even those consequences, just to have the emotion (the cruel).

23 [173]

Schopenhauer unfortunately smuggled the worst mysticism into the concept of “intuitive knowledge,” as if one could, by means of it, have an immediate glimpse into the essence of the world, as it were through a hole in the veil of appearance, and as if there were privileged individuals who, without the toil and rigor of science, could, by virtue of a wondrous seer’s eye, communicate something final and decisive about the world. Such individuals do not exist: and the miracle will henceforth find no believers in the realm of knowledge.

23 [174]

The hatched silkworm drags the empty pupa behind it for a while; Parable.

23 [175]

Inclination and aversion unreasonable.— When inclination or aversion have first sunk their teeth in, it is hard to get away, as when a tortoise has bitten into a stick. Love, hatred, and the tortoise are stupid.

23 [176]

In the unselfish drive, the inclination towards a person is the decisive factor (if it is not the pleasure in compassion and equally not the defense against the displeasure that we feel at the sight of suffering). But does the inclination make such a process moral? Is every interest in something outside of us that is occasional moral?— Even all objective interest (in art and science) belongs to the realm of the unselfish—but also of the moral?

23 [177]

Not to interpret philosophy religiously.— To grasp a philosophy with religious needs means to completely misunderstand it. One seeks a new faith, a new authority—but whoever wants faith and authority has it more comfortable and secure with the traditional religions.

23 [178]

It was evening, the scent of fir trees poured out, one could see through to grey mountains, above the snow shimmered. A blue, calmed sky had spread over it.— We never see something like this as it is in itself, but always lay a delicate membrane of the soul over it—this is what we then see. Inherited sensations, our own moods are awakened by these natural things. We see something of ourselves—in this sense, this world is also our representation. Forest, mountains, yes, that is not just a concept, it is our experience and history, a piece of us.

23 [179]

Superstition.— People in great excitement are the most superstitious. The restoration of religions lies in periods of great upheaval and uncertainty. Where everything gives way, one reaches for the ropework of illusions from beyond.

23 [180]

The Dying Child.— One gives a child who must die everything it wants, sugar bread—what does it do when it ruins its stomach?— And are we not all in the position of such a child? —

23 [181]

A procession on Corpus Christi, children and old men made me cry. Why?— In the evening, piano playing from the madhouse.

23 [182]

Shouldn't many who are ambitious fundamentally seek only the emotion associated with ambitious pursuits? One can suppress or stifle such feelings or let them grow large; the latter is what the emotion-needy do. Many even seek to annoy themselves—so far does that need for emotion go.

23 [183]

From fear is usually explained the consideration for foreign opinions; a good part of amiability (the desire not to displease) belongs here. Thus, the goodness of people, with the help of inheritance, is nurtured by fear.

23 [184]

Benefits of the z St.— The lagging standpoints (political, social, or entire types among artists, metaphysicians) are just as necessary as the progressive movements: they generate the necessary friction and are sources of power for the new endeavors.

23 [185]

Faith moves mountains.— An interesting superstition is that faith can move mountains, that a certain high degree of belief reshapes things according to this faith, that error becomes truth if only not a grain of doubt is present: i.e., the strength of faith compensates for the deficiencies of knowledge; the world becomes as we imagine it.

23 [186]

Love and hate are not original forces.— Behind hatred lies fear, behind love lies need. Behind fear and need lies experience (judgment and memory). The intellect seems to be older than sensation.

23 [187]

Expansion of experience.— There are cases where dreams truly enrich the scope of our experience: who would know, without dreams, how it feels to be floating?

23 [188]

Longing for Death.— Just as the seasick person gazes from the ship at the first dawn toward the shore, so one often longs for death—one knows that one cannot change the course and direction of one's ship.

23 [189]

Sadness and Sensuality.— Why is man in a state of sorrow more inclined to abandon himself blindly to sensual pleasures? Is it the numbing effect in them that he desires? Or a need for emotion at any price?— Sancho Panza says “when man gives himself over too much to sadness, he becomes a beast.”

23 [190]

When Richard Wagner performs Beethoven, it goes without saying that Wagner’s soul will resonate through Beethoven and that tempo, dynamics, interpretation of individual phrases, and dramatization of the whole will be Wagnerian and not Beethovenian. Those who wish to take offense may do so; but Beethoven himself would have said, “It is I and you, but it sounds good together; that is how it should always be.” On the other hand, when the minor masters perform Beethoven, Beethoven will take on something of the soul of the minor masters—for the fragrance of the soul immediately clings to the music and cannot be blown away. I fear Beethoven would have taken no pleasure in it and said, “This is I and not-I, to hell with it!”

23 [191]

The philologist is the one who can read and write, the poet the one who, according to the clear derivation of words and in accordance with history, had to “dictate” because he cannot read and write. Many important things can be derived from this contrast between the reading-scribal scholar and the poet.

23 [192]

Not only in the behavior of the state, which punishes to deter, but in the behavior of every individual who praises or criticizes, the principle “the end justifies the means” is followed: for criticism also only makes sense as a means to deter and to act as a motive in the future; praise seeks to encourage, to urge imitation: insofar as both are done as if they concerned a past action, the lie, the pretense in all praising and criticizing cannot be avoided; they are precisely the means that are sanctified by the higher purpose. Granted, if all, both the critics and the criticized, are convinced of the doctrine of complete irresponsibility and blamelessness, then criticism no longer has an effect, unless the habit, especially that of vanity and ambition, remains stronger than all convictions instilled by teachings.

23 [193]

Ah, if the mediocre had any idea how surely their achievements are perceived as mediocre by the oligarchs of the mind—who live in every age! Not even the greatest success with the masses would console them.

23 [194]

Motto:

Dance of thoughts, one of the Graces leads you:
o how you delight my mind! —
Alas! What do I see! The mask and veil of the leader fall
and ahead of the dance
strides the grim Necessity.

Rosenlauibad
June 1877
August 1877 

23 [195]

And if the author of this book asks himself for whose benefit he wishes to have made his notes, he is immodest enough to name directly that thinker who, as the author of that work on the origin of moral sensations, has acquired a right of possession over the adjacent areas of his scientific district and who has prefixed to his investigations that decisive thought which also dominates this book. This sentence, hardened and sharpened under the hammer blow of historical knowledge, may one day serve as the axe which is laid to the root of the “metaphysical need of mankind”: and in this respect it would belong to the most consequential sentences of human knowledge.

23 [196]

Travel Book
to read on the go
.

Preface,

People who work a great deal within a specific profession retain their general views on the matters of the world almost unchanged: these become ever harder, ever more tyrannical in their minds. Therefore, those times when a person is compelled to leave their work are so important, for only then may new concepts and sensations force their way in once more, and their strength is not already consumed by the daily demands of duty and habit. We modern people must all travel much for the sake of our mental health: and the more one works, the more one will travel. Thus, those who work on changing general views must turn to the traveler.

From this particular consideration, however, a certain form of communication arises: for the winged and restless nature of travel resists those long-spun systems of thought, which only reveal themselves to the most patient attention and demand weeks of silence, the most secluded solitude. They must be books that one does not read through, but frequently opens: today one lingers on one sentence, tomorrow on another, and thinks once again from the depths of the heart: for and against, in and out, as the spirit drives one, so that each time it becomes bright and well in the head.

Gradually, from such stimulated—genuine, because not forced—reflection, a certain general shift in views emerges: and with it that general feeling of intellectual rejuvenation, as if the bow were strung with a new string and drawn more tightly than ever. One has traveled with benefit.

If, after such preliminary remarks and in the face of this book, one essential question still remains, then I am not the one who can answer it. The preface is the author's right; the postscript, however—the reader's.

Friedrich Nietzsche

Rosenlaui-Bad, on the 26th of July
Summer solstice 1877
(Midsummer solstice?)

23 [197]

New Year's Evethe sound phantom of my ear
itself escapes
Cold—the stars sparkle
O you
Mocking specter of the universe
— old and new time—before New Year.
2the fountain in the moonlight
beautifully bored maliciously
wants to pour coldly
3Morning on the ship.Where to? we dare not death
4The Blind Man by the Road. The Soul Gives No Glow
5Ecce homunculus—Glockenspiel
6Alpa Alpa
7Campo Santo
8Mountain Crystal
 
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