8, 25[1-3] Herbst 1877

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Socialismus.

Erstens: Man täuscht sich als Zuschauer über die Leiden und Entbehrungen der niederen Schichten des Volkes, weil man unwillkürlich nach dem Maasse der eigenen Empfindung misst, wie als ob man selber mit seinem höchst reizbaren und leidensfähigen Gehirn in die Lage jener versetzt werde. In Wahrheit nehmen die Leiden und Entbehrungen mit dem Wachsthume der Cultur des Individuums zu; die niederen Schichten sind die stumpfesten; ihre Lage verbessern heisst: sie leidensfähiger machen.

Zweitens: Fasst man nicht das Wohlbefinden des Einzelnen in’s Auge, sondern die Ziele der Menschheit, so fragt es sich sehr, ob in jenen geordneten Zuständen, welche der Socialismus fordert, ähnliche grosse Resultate der Menschheit sich ergeben können, wie die ungeordneten Zustände der Vergangenheit sie ergeben haben. Wahrscheinlich wächst der grosse Mensch und das grosse Werk nur in der Freiheit der Wildniss auf. Andere Ziele als grosse Menschen und grosse Werke hat die Menschheit nicht.

Drittens: Weil sehr viele harte und grobe Arbeit gethan werden muss, so müssen auch Menschen erhalten werden, welche sich derselben unterziehen, so weit nämlich Maschinen diese Arbeit nicht ersparen können. Dringt in die Arbeiterclasse das Bedürfniss und die Verfeinerung höherer Bildung, so kann sie jene Arbeit nicht mehr thun, ohne unverhältnissmässig sehr zu leiden. Ein soweit entwickelter Arbeiter strebt nach Musse und verlangt nicht Erleichterung der Arbeit, sondern Befreiung von derselben, das heisst: er will sie jemand Anderem aufbürden. Man könnte vielleicht an eine Befriedigung seiner Wünsche und an eine massenhafte Einführung barbarischer Völkerschaften aus Asien und Africa denken, so dass die civilisirte Welt fortwährend die uncivilisirte Welt sich dienstbar machte, und auf diese Weise Nicht-Cultur geradezu als Verpflichtung zum Frohndienste betrachtet würde. In der That ist in den Staaten Europa’s die Cultur des Arbeiters und des Arbeitgebers oft so nahegerückt, dass die noch längere Zumuthung aufreibender mechanischer Arbeit das Gefühl der Empörung hervorruft.

Viertens: Hat man begriffen, wie der Sinn der Billigkeit und Gerechtigkeit entstanden ist, so muss man den Socialisten widersprechen, wenn sie die Gerechtigkeit zu ihrem Princip machen. Im Naturzustande gilt der Satz nicht: “was dem Einen recht ist, ist dem Andern billig,” sondern da entscheidet die Macht. Insofern die Socialisten den völligen Umsturz der Gesellschaft wollen, appelliren sie an die Macht. Erst wenn die Vertreter der Zukunftsordnung denen der alten Ordnungen im Kampfe gegenüberstehen und beide Mächte sich gleich oder ähnlich stark finden, dann sind Verträge möglich, und auf Grund der Verträge entsteht nachher eine Gerechtigkeit.— Menschenrechte giebt es nicht.

Fünftens: Wenn ein niedriger Arbeiter zu dem reichen Fabrikanten sagt: “Sie verdienen Ihr Glück nicht,” so hat er recht, aber seine Folgerungen daraus sind falsch: Niemand verdient sein Glück, Niemand sein Unglück.

Sechstens: Nicht durch Veränderung der Institutionen wird das Glück auf der Erde vermehrt, sondern dadurch, dass man das finstere, schwächliche, grüblerische, gallichte Temperament aussterben macht. Die äussere Lage thut wenig hinzu oder hinweg. Insofern die Socialisten meistens jene übele Art von Temperament haben, verringern sie unter allen Umständen das Glück auf der Erde, selbst wenn es ihnen gelingen sollte, neue Ordnungen zu stiften.

Siebentens: Nur innerhalb des Herkommens, der festen Sitte, der Beschränkung giebt es Wohlbehagen auf der Welt; die Socialisten sind mit allen Mächten verbündet, welche das Herkommen, die Sitte, die Beschränkung zerstören; neue constitutive Fähigkeiten sind bei ihnen noch nicht sichtbar geworden.

Achtens:: Das Beste, was der Socialismus mit sich bringt, ist die Erregung, die er den weitesten Kreisen mittheilt: er unterhält die Menschen und bringt in die niedersten Schichten eine Art von praktisch-philosophischem Gespräch. Insofern ist er eine Kraftquelle des Geistes.

25 [2]

Vorrede.

Wenn es schon dem Autor begegnet, dass er, vor sein eigenes Buch hingestellt, demselben mit Befremdung in’s Gesicht sieht und ihm die Frage über die Lippen läuft: bin ich’s? bin ich’s nicht?—um wie viel mehr müssen die Leser seiner früheren Schriften eine solche Empfindung haben, zumal wenn sie den Autor derselben nicht persönlich kennen und er ihnen nur als Geist und Charakter jener Schriften vor der Seele steht. Diesen Lesern, den mir allezeit gegenwärtigen, treuen, unerschrockenen Anspornern und Vertheidigern meines höhern Selbst—bin ich demnach eine Erklärung schuldig, nicht darüber was das Buch ist, sondern was es für sie, für mich bedeutet: die selbe Erklärung, welche ich mir gebe, wenn ich, wie gesagt, mitunter dem eigenen Kinde mit Verwunderung in die Augen sehe und es bald ein wenig unheimlich, bald allzu harmlos finde.

Jeder von uns, den ausgeprägteren Menschen dieses Zeitalters, trägt jene innere freigeisterische Erregtheit mit sich herum, welche in einem, allen früheren Zeiten unzugänglichen Grade uns gegen den leisesten Druck irgend einer Autorität empfindlich und widerspänstig macht. Es ist ein Zufall, dass Keiner von uns bis jetzt ganz und gar zum Typus des Freigeistes der Gegenwart geworden ist, während wir den Ansatz zu ihm und den gleichsam vorgezeichneten Abriss seines Wesens wie mit Augen an uns Allen wahrnehmen. Während nun der Verfasser dieses Buches seit geraumer Zeit jenen grossen typischen Menschen nachspürte, welche aus diesem Zeitalter heraus und über dasselbe hinauswachsen, um einmal die Stützen einer zukünftigen Cultur zu sein, entgieng ihm jener Mangel eines wesentlichen Typus nicht; er suchte sich dadurch zu helfen, dass er das Bild des Freigeistes der Gegenwart nach jenen inneren Fingerzeigen zu sehen und allmählich zu malen versuchte. Indem er auf die Stunden sorgsam Acht gab, in welchen jener Geist aus ihm redete, indem er das Gesetz der Stunden, den inneren Zusammenhang jener Geisterreden fand, wurde ihm aus einem Geiste eine Person, aus einer Person beinahe eine Gestalt. Zuletzt gewann er es nicht mehr über sich, dieselbe, als den Typus des Freigeistes der Gegenwart, öffentlich nur zu malen; das Verwegenere gefiel ihm, den Geist reden zu lassen, ja ihm ein Buch unterzuschieben. Möge der Hörer dieser Reden mit Vertrauen seine Nähe fühlen, möge er empfinden, wie jene fast nervöse freigeisterische Erregbarkeit, jener Widerwille gegen die letzten Reste von Zwang und anbefohlener Mässigung an eine gefestete, milde und fast frohsinnige Seele angeknüpft ist, bei der Niemand nöthig hat, gegen Tücken und plötzliche Ausbrüche auf der Hut zu sein! Namentlich fehlt diesem freien Gesellen der knurrende Ton und die Verbissenheit, die Eigenschaften alter Hunde und Menschen, welche lange an der Kette gelegen haben; der moderne Freigeist ist nicht wie seine Vorfahren aus dem Kampfe geboren, vielmehr aus dem Frieden der Auflösung, in welche er alle geistigen Mächte der alten gebundenen Welt eingegangen sieht. Nachdem dieser grösste Umschwung in der Geschichte eingetreten ist, kann seine Seele ohne Neid und fast bedürfnisslos sein, er erstrebt für sich nicht Vieles, nicht viel mehr; ihm genügt als der wünschenswertheste Zustand jenes freie furchtlose Schweben über Menschen, Sitten, Gesetzen und den herkömmlichen Schätzungen der Dinge. Die Freude an diesem Zustande theilt er gerne mit; wer mehr von ihm will, den weist er, ein wenig Spott auf der Lippe, mit wohlwollendem Kopfschütteln, hin zu seinem Bruder, dem freien Menschen der That: mit dessen “Freiheit” es freilich eine eigene Bewandtniss hat, über welche manche Geschichte zu erzählen wäre. —

Nachdem solchermaassen der Autor—fast hätte ich gesagt: der Dichter—den Prolog zu Gunsten seines Stückes und Helden gesprochen, mag Dieser selbst auftreten und sein monologisches Spiel beginnen. Ob Trauerspiel? Ob Komödie, ob Tragikomödie? Vielleicht fehlt das Wort, welches hier zur Bezeichnung völlig ausreichte: so möge ein Vers uns zu Hülfe kommen und den Zuhörer vorbereiten:

Spiel der Gedanken, es führt
eine der Grazien dich:
O wie weidest den Sinn du mir! —
Weh! Was seh’ ich? Es fällt
Larve und Schleier der Führerin,
und voran dem Reigen
schreitet die grause Nothwendigkeit.

25 [3]

I Philosophie der Cultur.
II Zur Geschichte der moralischen Empfindungen.
III Das religiöse Leben.
IV Aus der Seele der Künstler und Schriftsteller.
V Von den ersten und letzten Dingen.
VI Der Mensch im Verkehr.
VII Weib und Kind.
VIII Ein Blick auf den Staat.
IX Der Mensch mit sich allein.
 

8, 25[1-3] Herbst 1877

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Socialism.

First: As a spectator, one deceives oneself about the sufferings and privations of the lower classes of the people, because one unconsciously measures by the standard of one's own feelings, as if one were placed in their situation with one's own highly sensitive and suffering brain. In truth, sufferings and privations increase with the growth of the culture of the individual; the lower classes are the most dull; improving their situation means: making them more capable of suffering.

Second: If one does not consider the well-being of the individual, but the goals of humanity, the question arises whether in those ordered conditions which socialism demands, similar great results for humanity can be achieved as the disordered conditions of the past have achieved.

Probably, the great man and the great work only grow in the freedom of the wilderness. Mankind has no other goals than great men and great works.

Thirdly: Because a great deal of hard and coarse work must be done, people must also be maintained who undertake it, insofar as machines cannot spare this work. If the need and refinement of higher education penetrate the working class, it can no longer do that work without suffering disproportionately. A worker developed to this extent strives for leisure and does not demand relief from work, but liberation from it, that is: he wants to impose it on someone else.One might perhaps think of satisfying his desires and of a mass introduction of barbaric peoples from Asia and Africa, so that the civilized world would continually make the uncivilized world subservient to it, and in this way non-culture would be regarded as an obligation to forced labor. In fact, in the states of Europe, the culture of the worker and the employer has often come so close that the continued imposition of exhausting mechanical labor arouses a feeling of indignation.

Fourthly: Once one has understood how the sense of fairness and justice arose, one must contradict the Socialists when they make justice their principle. In the state of nature, the rule does not apply: “what is right for one is fair for the other,” but rather power decides.Insofar as the Socialists want the complete overthrow of society, they appeal to power. Only when the representatives of the future order stand opposed to those of the old orders in struggle and both powers find themselves equally or similarly strong, then contracts are possible, and on the basis of these contracts arises afterward a justice.— Human rights do not exist.

Fifthly: When a lowly worker says to the rich factory owner: “You do not deserve your fortune,” he is right, but his conclusions drawn from this are false: No one deserves their fortune, no one their misfortune.

Sixthly: Happiness on earth is not increased by changing institutions, but by ensuring that the dark, weak, brooding, bilious temperament dies out.The external situation does little to add or detract. Insofar as the Socialists mostly have that bad kind of temperament, they reduce happiness on earth under all circumstances, even if they should succeed in establishing new orders.

Seventh: Only within tradition, fixed custom, and restraint is there well-being in the world; the Socialists are allied with all the forces that destroy tradition, custom, and restraint; no new constitutive abilities have yet become visible in them.

Eighth: The best thing that Socialism brings with it is the excitement it imparts to the widest circles: it entertains people and introduces a kind of practical-philosophical conversation into the lowest strata. In this respect, it is a source of strength for the spirit.

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Preface.

If it already happens to the author that, placed before his own book, he looks at it with bewilderment and the question runs over his lips: is it me? is it not me?—how much more must the readers of his earlier writings have such a feeling, especially if they do not know the author personally and he stands before their souls only as the spirit and character of those writings. To these readers, who are always present to me, the faithful, fearless encouragers and defenders of my higher self—I therefore owe an explanation, not about what the book is, but what it means for them, for me: the same explanation that I give myself when, as I said, I sometimes look at my own child with wonder and find it now a little uncanny, now all too innocent.

Each of us, the more pronounced individuals of this age, carries within us that inner freethinking agitation which, to a degree inaccessible to all previous times, makes us sensitive and rebellious against the slightest pressure of any authority. It is a coincidence that none of us has yet fully become the archetype of the freethinker of the present, while we perceive the beginnings of it and the as if predetermined outline of its essence in all of us, as if with our own eyes.

While the author of this book has been tracking those great typical individuals for some time, who grow out of and beyond this age to one day become the pillars of a future culture, he did not overlook the lack of an essential type; he sought to remedy this by attempting to see and gradually paint the image of the free spirit of the present according to those inner indications. By carefully observing the hours in which that spirit spoke through him, by discovering the law of those hours, the inner connection of those spiritual utterances, one spirit became a person to him, and from a person almost a figure. In the end, he could no longer bring himself to merely paint this figure publicly as the type of the free spirit of the present; the bolder approach appealed to him—to let the spirit speak, indeed, to attribute a book to it.May the listener of these speeches feel his proximity with confidence, may he sense how that almost nervous free-spirited excitability, that aversion to the last remnants of compulsion and prescribed moderation, is linked to a steadfast, gentle, and almost cheerful soul, with whom no one needs to be on guard against tricks and sudden outbursts! Above all, this free fellow lacks the growling tone and the bitterness, the traits of old dogs and people who have long lain on the chain; the modern free spirit is not born from struggle like his ancestors, but rather from the peace of dissolution, into which he sees all the spiritual powers of the old bound world having entered.After this greatest upheaval in history has occurred, his soul can be without envy and almost without needs; he does not strive for much, not for much more; the most desirable state for him is that free, fearless hovering above people, customs, laws, and the conventional valuations of things. He gladly shares the joy of this state; whoever wants more from him, he points, with a slight smirk on his lips and a benevolent shake of the head, to his brother, the free man of action: with whose "freedom" there is indeed a peculiar circumstance, about which many a story could be told. —

After the author—almost I would have said: the poet—has thus spoken the prologue in favor of his play and hero, the latter himself may appear and begin his monological performance. Is it a tragedy? A comedy, a tragicomedy? Perhaps the word is missing that would fully suffice here for designation: so let a verse come to our aid and prepare the listener:

Play of thoughts, it leads you
one of the Graces:
O how you delight my mind! —
Woe! What do I see? It falls
mask and veil of the guide,
and ahead of the dance
strides the grim Necessity.

25 [3]

I Philosophy of Culture.
II On the History of Moral Sentiments.
III The Religious Life.
IV From the Soul of Artists and Writers.
V Of the First and Last Things.
VI Man in Traffic.
VII Woman and Child.
VIII A Look at the State.
IX Man Alone with Himself.
 
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