8, 28[1-60] Frühjahr-Sommer 1878

28 [1]

Herbst—Schmerz—Stoppel—Pechnelken Astern. Ganz ähnlich beim angeblichen Brand des Louvre—Cultur-Herbstgefühl. Nie ein tieferer Schmerz.

28 [2]

Perennirendes Misstrauen gegen sogenannte moralische Handlungen. Der Mensch handelt wie er sich am wohlsten fühlt.

15. Ausnahmsweise trotziges selbstverachtendes Höhenluftgefühl der Moralität.

28 [3]

14. Splügen. Symbol Hin und Her der Generationen. Mitte zwischen Nord und Süd, Sommer und Winter. Die Burg im Sonnenschein zu Mittag. Wald Abend Monument Historie geschrieben.

28 [4]

13. Ich habe keinen Menschen mit Überzeugungen kennen gelernt, der mir nicht, wegen dieser Überzeugungen, bald Ironie erregt hätte.

28 [5]

Im Jahr 1877 wusste ich von der Zukunft gar nichts zu verlangen. Selbst Gesundheit nicht—denn diese ist ein Mittel—was hätte ich mit diesem Mittel erreichen wollen?

28 [6]

Windlücke. Steine als Zeugen der Vorzeit.

Krumme Hufe Mondschein Schlittschuh. “Was ich des Tags verdient auf m Leyer, das geht des Abs w in den Wind.”

Glückliche Tage des Lebens!

28 [7]

Als Kind Gott im Glanze gesehn.— Erste philosophische Schrift über die Entstehung des Teufels (Gott denkt sich selbst, dies kann er nur durch Vorstellung seines Gegensatzes). Schwermüth Nachmittag—Gottesdienst in der Capelle zu Pforta, ferne Orgeltöne.

Als Verwandter von Pfarrern früher Einblick in geistige und seelische Beschränktheit Tüchtigkeit Hochmuth Decorum.

28 [8]

Sieben Jahre—Verlust der Kindheit empfunden. Aber mit 20 Jahren bei Bonn am Einfluss der Lippe (?) mich als Kind gefühlt.

28 [9]

Dämonion—warnende Stimme des Vaters.

28 [10]

Thurm bei Sorrent auf dem Berge Hausaffe

evviva evviva il cuor di Maria
evviva il Dio que tanto l’ama.

28 [11]

Apologie des Socrates mit innerer Bewegung gelesen und erklärt. Lust an den Memorabilien, die ich besser zu verstehen glaube als die Philologen.

28 [12]

Ich irre mich instinctiv über die Intellectualität der Menschen, über ihr objectives Interesse, das ich immer dem meinen gleich setze. Ich behandle sie darin sehr vornehm.

28 [13]

Die Haushälterin der Pfarrei Einsiedel.— Zeugniss über den frühen Ernst. Christus als Knabe unter den Schriftgelehrten.

28 [14]

Spaziergang nach Gohlis als Ritschl den Philologen in mir festgestellt hatte, frühe warme Sonne im Februar. Pfannkuchen.

28 [15]

Eine Haupteigenschaft: ein verfeinerter Heroismus (den ich übrigens auch bei Epikur anerkenne). In meinem Buche giebt es kein Wort gegen Todesfurcht. Ich habe wenig davon.

28 [16]

Mein Wesen enthüllt sich—ob es sich entwickelt?

Von Kindheit an überladen mit fremdem Character und fremdem Wissen. Ich entdecke mich selbst.

28 [17]

Mitromania.— Warten auf das Erscheinen des ersten Sonnenstrahls—ihn endlich sehen und—ihn verhöhnen und sich auslöschen.

28 [18]

Wissen Erstarrung—Handeln Epilepsie unfreiwillig.

12. Wie vom Curare-Pfeil der Erkenntniss angeschossen bin ich: alles sehend.

28 [19]

Von Reisenden: Die Einen wissen aus Wenigem Viel, die Meisten aus Vielem Wenig zu machen.

11. Gesehen (bereist) werden; sehen; erleben; einleben; herausleben—fünf Stufen; wenige kommen zur obersten.

28 [20]

10. Es ist das Geheimniss aller Erfolgreichen, ihre Fehler wie Tugenden zu behandeln. So Wagner.

28 [21]

Unsere Leiden für die Anderen nützlich machen wie Staat den Tod des Verbrechers.

28 [22]

Mithras—Hoffnung
Mithraswahnsinn!

28 [23]

Verwundet hat mich der mich erweckt.

28 [24]

Grotta di Matrimonio, idyllisches Bild des unbewussten Lebens.

28 [25]

Tiberius: Wahnsinn des Handeln-Könnens. Gegenstück: Wahnsinn des Wissen-Könnens.

28 [26]

8. Man hat mich nicht beleidigt: trotzdem trenne ich mich von den Menschen. Keine Rache.

28 [27]

7. Verfeinerter Heroismus mit Augenschliessen über sich selbst, an mir bemerkt. Vielleicht schliessen Andre bei ihren Thätigkeiten die Augen.

28 [28]

Mutter—Natur—Vergangenheit—morden—Orestes—die Ehrfurcht vor dem grossen Verbrecher. Er ist geheiligt.

Cultus der Erinyen (als fruchtbar).

28 [29]

6. Kleine Kraft nöthig einen Kahn hinauszustossen. Byron Edinburger Kritik. Später die Verleumdung.

28 [30]

5. Seine Krankheit an den Pflug spannen.

28 [31]

4. Durch kein Leiden sich zum Glauben an den bringen lassen.

Leiden als Strafe und Prüfung (Zukunft) ablehnen.

28 [32]

Morgens im Winter in einem dampfenden Pferdestall.

28 [33]

3. In Sorrent hob ich die Moosschicht von 9 Jahren.

Von Todten träumen.

28 [34]

Das Leben als Fest auszudenken von Mitromanie aus.

28 [35]

Christus soll die Welt erlöst haben? Es muss ihm wohl missrathen sein.

28 [36]

Auf seine Fehler säen.

28 [37]

Faust-Problem überwunden, mit der Metaphysik.

28 [38]

Dem Einzelnen kühne Willkür des Lebens zu vindiciren. Jetzt erst!

28 [39]

Kunst der Erinnerung, Bezwingung der bösen bitteren Elemente. Kampf gegen Krankheit Verdruss Langeweile.

2. Mithras tödtet den Stier, an dem Schlange und Scorpion hängen.

28 [40]

Die antike Weltbetrachtung wieder gewinnen! Wirklich die Moira über allem, die Götter Repräsentanten wirklicher Mächte! Antik werden!

28 [41]

Ich brauche die Salbbüchsen und Medicinflaschen aller antiken Philosophen.

28 [42]

Kröten-Traum.

28 [43]

Neu-Alterthum.

28 [44]

Das Grosse zu lieben, auch wenn es uns demüthigt.— Warum sollte der Künstler nicht vor der Wahrheit knien, der Führer einer geistigen Bewegung sich beschämt vor der Gerechtigkeit niederwerfen und sagen “ich weiss es, Göttin, meine Sache ist nicht deine Sache, vergieb, aber ich kann nicht anders.”

28 [45]

Wirkung meiner Schriften: dagegen sehr skeptisch. Ich sah Parteien. “Ich will warten, bis Wagner eine Schrift anerkennt, die gegen ihn gerichtet ist” sagte ich.

28 [46]

Bei Ungenügen stellt sich leicht Geist-Vergiftung ein: so bei den Zielen der Bayreuther Blätter.

28 [47]

Den höchsten Formensinn, auf der einfachsten Grundform das Complicirteste folgerichtig entwickeln—finde ich bei Chopin.

28 [48]

Bei der deutschen Musik werden moralische Factoren zu hoch angerechnet —

28 [49]

Schamloses sich Hineindrängen—das kann wirklich Mitleid sein: aber ich wünsche Mitleid mit Intellect: dem Schopenh, das schon intelligent sein soll, misstraue ich völlig.

28 [50]

Naturfehler des Musikers.
Biographien

28 [51]

Das Orchester in Bayreuth zu tief, schon von der Mitte aus musste man die musikalische Richtigkeit auf Treu und Glauben hinnehmen.

28 [52]

Wagner hat den Sinn der Laien, die eine Erklärung aus einer Ursache für besser halten. So die Juden: Eine Schuld, So Ein Erlöser. So vereinfacht er das Deutsche, die Cultur. Falsch, aber kräftig.

28 [53]

Liszt, der Repräsentant aller Musiker, kein Musiker: der Fürst, nicht der Staatsmann. Hundert Musiker-Seelen zusammen, aber nicht genug eigene Person, um eignen Schatten zu haben.

Wenn man eine eigene leibhafte Persönlichkeit haben will, so muss man sich nicht sträuben, auch einen Schatten zu haben.

28 [54]

Ich habe öfters das Glück gehabt, die gute Saite eines Menschen zu treffen und ganze Tage lang ihren Ton zu geniessen; andre, auf meine Empfehlung, lernten sie kennen und fanden unerträgliche eingebildete kindische Gesellen—es waren dieselben, die mich einen wahren Schatz von Seelengüte bescheidenen Muthes und Vertrauens blicken liessen.

28 [55]

“Hintersinnen” d. h. man denkt nichts anderes mehr als wie es gegangen ist und nicht hätte gehen sollen.

28 [56]

Gegen das Briefschreiben unter Freunden. Sobald man Briefe schreibt, beginnt man schon zu irren.

28 [57]

Ich habe gesagt, “man könne sehr viel über die Entstehung des Kunstwerks aus Wagner’s Schriften lernen.” Nämlich die tiefe Ungerechtigkeit, Selbstlust und Überschätzung, die Verachtung der Kritik usw.

28 [58]

Was mich gegen die Frauen gelegentlich ungeduldig macht, ist, dass sie das Gute ja Ausgezeichnete verleugnen und verunglimpfen, wenn es nicht auf den Namen getauft ist, welcher ihnen als der höchste gilt. Die daraus folgende elende Vergeudung von Geist, um das Gute schlecht und das Unbedeutende zu etwas Ungemeinem Vielbedeutendem zu machen.

28 [59]

Unter dem scheinheiligen Name des Mitleidens die niederträchtigsten Verleumdungen hinter dem Rücken aussprengen.

28 [60]

Unter Nußbaum wie unter Verwandten, ganz heimisch.

8, 28[1-60] Frühjahr-Sommer 1878

28 [1]

Autumn—pain—stubble—pitch carnations asters. Very similar with the alleged fire of the Louvre—cultural autumn feeling. Never a deeper pain.

28 [2]

Perennial distrust of so-called moral actions. Man acts as he feels most comfortable.

15. Exceptionally defiant, self-loathing high-altitude feeling of morality.

28 [3]

14. Splügen. Symbol of the coming and going of generations. Midway between north and south, summer and winter. The castle in the sunshine at noon. Forest evening monument history written.

28 [4]

13. I have never met a person with convictions who did not soon arouse irony in me because of these convictions.

28 [5]

In the year 1877, I knew nothing to demand of the future. Not even health—for it is a means—what would I have wanted to achieve with this means?

28 [6]

Wind gap. Stones as witnesses of ancient times.

Crooked hooves moonlight ice skate. “What I earn by day on my lyre, goes at night into the wind.”

Happy days of life!

28 [7]

As a child, saw God in glory.— First philosophical treatise on the origin of the devil (God conceives of himself, which he can only do by imagining his opposite). Melancholy afternoon—church service in the chapel at Pforta, distant organ tones.

As a relative of pastors, early insight into spiritual and mental narrowness, competence, arrogance, decorum.

28 [8]

Seven years—loss of childhood felt. But at the age of 20 near Bonn at the confluence of the Lippe (?) I felt like a child.

28 [9]

Dämonion—warning voice of the father.

28 [10]

Thurm near Sorrent on the mountain House Monkey

evviva evviva il cuor di Maria
evviva il Dio que tanto l’ama.

28 [11]

Apology of Socrates read and explained with inner emotion. Delight in the Memorabilia, which I believe I understand better than the philologists.

28 [12]

I instinctively err about the intellectuality of people, about their objective interest, which I always equate with my own. I treat them very nobly in this regard.

28 [13]

The housekeeper of the parish of Einsiedel.— Testimony about the early earnestness. Christ as a boy among the scribes.

28 [14]

Walk to Gohlis after Ritschl had established the philologist in me, early warm sun in February. Pancakes.

28 [15]

A main characteristic: a refined heroism (which I, by the way, also acknowledge in Epicurus). In my book there is not a word against fear of death. I have little of it.

28 [16]

My essence reveals itself—does it develop?

From childhood on, burdened with foreign character and foreign knowledge. I discover myself.

28 [17]

Mitromania.— Waiting for the first ray of sunlight to appear—finally seeing it and—mocking it and extinguishing oneself.

28 [18]

Knowledge solidification—action epilepsy involuntary.

12. As if shot by the Curare arrow of knowledge: seeing everything.

28 [19]

By travelers: Some know how to make much out of little, most know how to make little out of much.

11. To be seen (traveled); to see; to experience; to settle in; to live out—five stages; few reach the highest.

28 [20]

10. It is the secret of all successful people to treat their mistakes like virtues. So Wagner.

28 [21]

Make our sufferings useful for others like the state makes the death of the criminal.

28 [22]

Mithras—Hope
Mithras madness!

28 [23]

Wounded has me the one who awakened me.

28 [24]

Grotta di Matrimonio, idyllic image of unconscious life.

28 [25]

Tiberius: Madness of being able to act. Counterpart: Madness of being able to know.

28 [26]

8. I was not insulted: nevertheless, I separate myself from people. No revenge.

28 [27]

7. Refined heroism with Augenschliessen over oneself, noticed in me. Perhaps others close their eyes during their activities.

28 [28]

Mother—Nature—Past—murder—Orestes—the reverence for the great criminal. He is sanctified.

Cult of the Furies (as fruitful).

28 [29]

6. Little force needed to push a boat out. Byron Edinburgh Review. Later the slander.

28 [30]

5. Harness his illness to the plow.

28 [31]

4. Not to be brought to faith by any suffering.

Suffering as punishment and trial (future) to reject.

28 [32]

Morning in winter in a steaming horse stable.

28 [33]

3. In Sorrent I lifted the moss layer from 9 years.

Dreaming of the dead.

28 [34]

Imagining life as a celebration from Mitromanie.

28 [35]

Christ is supposed to have redeemed the world? It must have gone wrong for him.

28 [36]

To sow his mistakes.

28 [37]

Faust problem overcome, with metaphysics.

28 [38]

To vindicate the individual's bold arbitrariness of life. Only now!

28 [39]

Art of remembrance, conquest of the evil, bitter elements. Struggle against illness, displeasure, boredom.

2. Mithras kills the bull, from which a snake and scorpion hang.

28 [40]

Regain the ancient worldview! Truly the Moira above all, the Gods representatives of real powers! Become ancient!

28 [41]

I need the ointment jars and medicine bottles of all ancient philosophers.

28 [42]

Toad-Dream.

28 [43]

New-Antiquity.

28 [44]

To love the great, even if it humbles us.— Why should the artist not kneel before the truth, the leader of an intellectual movement bow in shame before justice and say “I know it, Goddess, my cause is not your cause, forgive, but I cannot do otherwise.”

28 [45]

Effect of my writings: very skeptical about that. I saw parties. “I will wait until Wagner acknowledges a writing that is against him,” I said.

28 [46]

In case of insufficiency, spirit-poisoning easily sets in: as with the goals of the Bayreuth Blätter.

28 [47]

The highest sense of form, developing the most complicated on the simplest basic form consequently—I find in Chopin.

28 [48]

In German music, moral factors are given too much weight —

28 [49]

Shameless pushing in—this can truly be pity: but I wish for pity with intellect: the Schopenh, which is supposed to be intelligent, I distrust completely.

28 [50]

Natural flaws of the musician.
Biographies

28 [51]

The orchestra in Bayreuth was too low, already from the middle one had to accept the musical correctness on faith.

28 [52]

Wagner appeals to the common people who believe that an explanation from one cause is better. Like the Jews: One guilt, one savior. He simplifies the German, the culture. Wrong, but powerful.

28 [53]

Liszt, the representative of all musicians, not a musician: the prince, not the statesman. A hundred musician-souls combined, but not enough of his own person to cast his own shadow.

If one wants to have a tangible personality of one's own, one must not resist having a shadow as well.

28 [54]

I have often had the fortune to strike the good string of a person and enjoy its tone for entire days; others, upon my recommendation, got to know them and found unbearable, conceited, childish fellows—it was the same ones who let me glimpse a true treasure of goodness of soul, modest courage, and trust.

28 [55]

“Hindsight” means one thinks of nothing else but how it went and how it should not have gone.

28 [56]

Against writing letters among friends. As soon as one writes letters, one already begins to err.

28 [57]

I said, “one can learn a great deal about the creation of the artwork from Wagner’s writings.” Namely the deep injustice, self-indulgence, and overestimation, the contempt for criticism, etc.

28 [58]

What occasionally makes me impatient with women is that they deny and disparage the good, even the excellent, if it is not baptized with the name that they consider the highest. The resulting miserable waste of spirit, to make the good bad and the insignificant into something extraordinary and highly significant.

28 [59]

Under the hypocritical name of compassion, to spread the most vile slanders behind one's back.

28 [60]

Under the walnut tree as among relatives, quite at home.

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