9, 15[1-72] Herbst 1881
15 [1]
Dies ist mir bewußt geworden: in welcher seltsamen Vereinfachung der Dinge und Menschen leben wir! wie haben wir es uns leicht und bequem gemacht, und unsern Sinnen einen Freipaß für oberflächliche Beobachtung, unserm Denken für die tollsten muthwilligsten Sprünge und Fehlschlüsse gegeben! Das Bild, welches allmählich die Wissenschaft ausführt, ist nicht aus anderen Erkenntnißquellen geschöpft: dieselben Sinne, dasselbe Urtheilen und Schließen, aber gleichsam moralisch geworden, stoisch geduldig, tapfer, gerecht, unermüdlich, nicht zu beleidigen, nicht zu entzücken. Es sind gute Sinne, es ist gutes Denken, was in der Wissenschaft arbeitet. Und diese Wissenschaft deckt nun endlich auch dem guten Menschen seine Oberflächlichkeit und seine Fehlschlüsse auf, die Grundlagen seiner Werthschätzungen, auch seinen Aberglauben, daß der moralische Mensch die Menschheit so weit entwickelt habe: der unmoralische Mensch hat nicht weniger Antheil—und selbst in der Wissenschaft sind fortwährend in feinen Dosen Feindschaft Mißtrauen Rache Widerspruchssinn List Argwohn thätig und nöthig: in aller ihrer Tapferkeit, Gerechtigkeit und ist dieses böse Element. Wenn die einzelnen Forscher nicht einseitig eingenommen für ihren Einfall wären, wenn sie nicht ihre Unterhaltung haben wollten, ihre Mißachtung fürchteten—wenn sie sich nicht gegenseitig durch Neid und Argwohn in Schranken hielten, so fehlte der Wissenschaft ihr gerechter und tapferer Charakter. Aber als Ganzes erzieht sie zu gewissen Werthschätzungen—die res publica der Gelehrten erzwingt eine gewisse moralische Handlungsweise, mindestens den Ausdruck derselben: sie sublimirt das Böse zu Tugenden!
15 [2]
Ich gestehe, die Welt, wie sie sich mir nach reiflichstem Besinnen darstellt, dieses fortwachsende Phantom der Menschenköpfe, an dem wir alle in voller Blindheit arbeiten, dichten, lieben, schaffen—dies ist ein Resultat, welches eigentlich meinem männlichen Instinkt zuwider ist: daran mögen sich Frauen und Künstler gemäß ihren Instinkten und ihrer Verwandtschaft mit allem Phantomhaften ergötzen. Ich fürchte bei seinem Anblick für die männlichen Tugenden und weiß nicht recht, wobei sich noch Tapferkeit und Gerechtigkeit und harte geduldige Vernünftigkeit geltend machen soll, wenn alles so werdend, so phantastisch, so unsicher, so grundlos ist. Nun, wenigstens dies soll uns bleiben: als Männer wollen wir uns doch eben diese Wahrheit sagen, wenn sie nun einmal Wahrheit ist, und sie nicht vor uns verhehlen! Auch dem Anatomen ist der Cadaver oft zuwider—aber seine Männlichkeit zeigt sich im Beharren. Ich will erkennen.
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Dies ist zum Verzweifeln: aus der Geschichte lehrt man uns, daß alle großen Menschen höchst ungerecht waren, und daß ohne die unbedenkliche Überschätzung ihres Gedankens und Entwurfs, ohne eine tiefe innerliche ungebrochene fraglose Ungerechtigkeit sie nicht zu ihrer Größe gekommen wären—auch Jesus nicht, der wahrlich die Menschen nicht gerecht beurtheilt hat. Wie! Und nun sollte also die von uns geforderte Erziehung zur Gerechtigkeit, wie man uns entgegenhält, die Menschen abhalten groß zu werden? Ihnen den großartigen Zug und Schwung und beinahe allen Instinkt nehmen? Und man müßte vielmehr solchen, die zur Größe bestimmt seien, die Augen zuhalten und die Schlinge des Wahns um den Hals werfen und dankbar sein, wenn ihr Schicksal ihre Augen ganz blind macht?— Es sei, wie es sei: wir wollen gerecht werden und es darin so weit treiben als es uns irgend möglich ist. Vielleicht auch hat man uns getäuscht, und viele jener großen M waren nicht groß, sondern eben nur ungerecht, und andere von ihnen eben dadurch, daß auch sie ihre Gerechtigkeit so weit trieben, als ihre Einsicht, ihre Zeit, ihre Erziehung, ihre Gegner es ihnen möglich machten. Sie glaubten an ihre Gerechtigkeit vielleicht sicherer als wir an ihre Ungerechtigkeit!
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Die Menschen haben Gott geschaffen, es ist kein Zweifel: sollen wir deshalb nicht an ihn glauben? Er hat den Glauben so nöthig zum Leben: seien wir doch barmherzig!
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Die Sonne gieng hinter das Meer, und die Felsen, auf denen sie tagsüber sich ausgeruht hatte, athmen einen warmen Hauch aus.
15 [6]
Vieles muß man so genießen wie die Südamerikaner ihren Thee—sie trinken ihn, ohne ihn dabei zu sehen: denn er wird fortwährend schwärzer. Wir schmecken auch die Farben aller Nahrungsmittel—ein Gleichniß.
15 [7]
Ist es denn “die Wahrheit,” welche allmählich durch die Wissenschaft festgestellt wird? Ist es nicht vielmehr der Mensch, welcher sich feststellt—welcher eine Fülle von optischen Irrthümern und Beschränktheiten aus sich gebiert oder aus einander ableitet, bis die ganze Tafel beschrieben ist und der Mensch in seinen Beziehungen zu allen übrigen Kräften feststeht—die Wissenschaft führt den ungeheuren Prozeß nur weiter, der mit dem ersten organischen Wesen begann, sie ist eine schaffende bildende constitutive Gewalt und kein Gegensatz zur schaffenden bildenden constitutiven Gewalt, wie die Schlechtunterrichteten glauben. Wir fördern die Wissenschaft—meine Freunde! das heißt auf die Dauer unbedingt nichts anderes als: wir fördern den Menschen und machen ihn fester und unwandelbarer, so sehr auch zeitweilig der Augenschein gegen uns ist, und so gewiß wir Vielem, worin beschränktere Zeiten alle menschliche Festigkeit und Dauer begründet sahen, den Grund unter den Füßen wegziehen z. B. der üblichen Moral.
15 [8]
An einem jeden Moralsysteme wäre die Menschheit zu Grunde gegangen, wenn im Großen nach ihm gelebt worden wäre—das ist leicht einzusehen: die Menschheit besteht noch vermöge ihrer unüberwindlichen “Unmoralität.” Aber, was vielleicht weniger einleuchtet und doch nicht weniger gewiß ist: auch der Einzelne, der nach seinem Glauben vollkommen war als Vollstrecker seines moralischen Willens, ein Jesus, ein Epiktet, ein Zarathustra, ein Buddha, auch ein Solcher hat ebenso nur vermöge der tiefsten und gründlichsten “Unmoralität” gelebt und fortgelebt, so wenig ihm dieselbe ins Bewußtsein getreten ist.
15 [9]
Zuletzt thun wir nicht mehr mit der Erkenntniß als die Spinne mit Netze-weben und Jagd und Aussaugen thut: sie will leben vermöge dieser Künste und Thätigkeiten und ihre Befriedigung haben—und eben dies wollen auch wir, wenn wir Erkennenden Sonnen und Atome erhaschen festhalten und gleichsam feststellen—wir sind da auf einem Umwege zu uns hin, zu unseren Bedürfnissen, welche auf die Dauer bei jeder fehlerhaften unmenschlichen und rein willkürlichen Perspektive ungesättigt bleiben und uns Noth machen. Die Wissenschaft hat ein feines Gehör für den Nothschrei der Bedürfnisse, und oft ein prophetisches Gehör. Um die Dinge so zu sehen, daß wir dabei unsere Bedürfnisse befriedigen können, müssen wir unsere menschliche Optik bis in ihre letzten Folgen treiben. Du Mensch selber, mit deinen fünf bis sechs Fuß Länge—du selber gehörst in diese Optik hinein, du bist auf die Schwäche deiner Sinnesorgane hin von dir construirt—und wehe, wenn es anders wäre, wenn unsere Organe noch schwächer wären, und das Auge nicht einmal die Hand erreichte oder sie in einer so unbestimmten Ferne schweben sähe, daß eine Gesammtconstruktion des Menschen für den Menschen selber unmöglich wäre— Unsere Erkenntniß ist keine Erkenntniß an sich und überhaupt nicht sowohl ein Erkennen als ein Weiterschließen und Ausspinnen: es ist die großartige seit Jahrtausenden wachsende Folgerung aus lauter nothwendigen optischen Irrthümern—nothwendig, falls wir überhaupt leben wollen—Irrthümern, falls alle Gesetze der Perspektive Irrthümer an sich sein müssen. Unsere Gesetze und Gesetzmäßigkeiten sind es, die wir in die Welt hineinlegen—so sehr der Augenschein das Umgekehrte lehrt und uns selber als die Folge jener Welt, jene Gesetze als die Gesetze derselben in ihrer Wirkung auf uns zu zeigen scheint. Unser Auge wächst—und wir meinen, die Welt sei im Wachsen. Unser Auge, welches ein unbewußter Dichter und ein Logiker zugleich ist! Welches jetzt einen Spiegel darstellt, auf dem sich die Dinge nicht als Flächen, sondern als Körper zeigen—als seiend und beharrend, als uns fremd und unzugehörig, als Macht neben unserer Macht! Dieses Spiegel-Bild des Auges malt die Wissenschaft zu Ende!—und damit beschreibt sie ebenso die bisher geübte Macht des Menschen als sie dieselbe weiter übt—unsere dichterisch-logische Macht, die Perspektiven zu allen Dingen festzustellen, vermöge deren wir uns lebend erhalten.
15 [10]
Die gewöhnlichen Gedanken (und alles was man unter gesundem Menschenverstand begreift) genießen deshalb eine so hohe Achtung und werden deshalb im Grunde Jedermann zur Pflicht gemacht, weil diese Art zu denken eine große Bewährung für sich hat: mit ihr ist die Menschheit nicht zu Grunde gegangen: dies genügt, um die Menschheit zu dem Schlusse zu bringen—sie schließt so gern und so schnell!—daß der gesunde Menschenverstand die Wahrheit für sich habe. “Wahr”—das ist im Allgemeinen nur so viel als: zweckmäßig zur Erhaltung der Menschheit. Woran ich zu Grunde gehe wenn ich es glaube—wird da geschlossen—das ist für mich nicht wahr—es ist eine willkürliche ungehörige Relation meines Wesens zu anderen Dingen.
15 [11]
Es giebt auch für die Moral eine Art von Optik. Wie schwach verantwortlich fühlt sich der Mensch für seine indirekten und entfernten Wirkungen! Und wie grausam und übertreibend fällt die nächste Wirkung, die wir üben, über uns her—die Wirkung, die wir sehen, für die unser kurzes Gesicht eben noch scharf genug ist! Wie tragen wir an einer Schuld, bloß weil sie so nahe vor unserem Auge steht! Wie messen wir die Schwere verschieden nach der Entfernung!
15 [12]
Ehemals bewies man die Lehre von der Unfreiheit des Willens, indem man unbedenklich auf die Wahrsager hinwies, welche auch noch bei den skeptischen Philosophen einen guten Glauben fanden: die Kunst der Wahrsagerei aber setzt eine Welt voraus, welche nichts als Fatum ist, und folglich fand diese Welt ebenfalls einen guten Glauben. Als aber die Wahrsager in Mißkredit kamen, kam mit ihnen auch die Lehre von der Unfreiheit, des Willens in Mißkredit: gemäß einer falschen Art zu Schließen, welche üblicher ist als die rechte Art.
15 [13]
Wir Modernen, seien wir noch so religiös oder moralisch, sind tief unreligiös im Verhältniß zu den Religiösen des Mittelalters und tief unmoralisch im Verhältniß zu den Moralisten des Alterthums. Die antiken Philosophen hatten sammt und sonders einen moralischen Fanatismus und eine siegreiche Unbedenklichkeit im Glauben an ihr “Heil der Seele,” daß sie das Alterthum schließlich in üblen Ruf und in Zweifel an sich selber brachten: jener übermäßige Werth, welchen sie auf das “Heil der Seele” legten, war die nützlichste Vorbereitung des Christenthums, welches ihre Erbschaft machte, ohne dafür sich erkenntlich zu zeigen. (Die religiösen Menschen sind niemals durch Erkenntlichkeit ausgezeichnet gewesen.)
15 [14]
So wie ich vom Leben und der Welt denke: sitze ich gleichsam inmitten eines tragischen Hausraths, und wohin ich blicke, sind Anreizungen, Tragödien zu dichten—ja kaum kann ich verhindern, daß diese feierlichen und leidenschaftlichen Masken nicht selber Tragödie spielen und mich in ihr Spiel hineinlocken: ein solcher Drang ist um mich jetzt.
15 [15]
“Und was wird nach dem Ende der Moral?” Oh ihr Neugierigen! Wozu schon jetzt so fragen! Aber laufen wir einmal schnell darüber hin—schnell!—sonst würden wir fallen—denn hier ist alles Eis und Glätte.
Alle und jede Handlungsweise, welche die Moral fordert, wurde von ihr auf Grund mangelhafter Kenntniß des Menschen und vieler tiefer und schwerer Vorurtheile gefordert: hat man diesen Mangel und diese Erdichtung nachgewiesen, so hat man die moralische Verbindlichkeit für diese und jene Handlungen vernichtet—es ist kein Zweifel!—und zwar schon deshalb, weil die Moral selber vor allem Wahrheit und Redlichkeit fordert und somit sich selber die Schnur um den Hals gelegt hat, mit welcher sie erwürgt werden kann—werden muß: der Selbstmord der Moral ist ihre eigene letzte moralische Forderung!— Immerhin könnte damit die Forderung, daß dies zu thun und jenes zu lassen ist, noch nicht vernichtet sein, nur der moralische Antrieb würde fürderhin fehlen—und nur für den Fall, daß es eben keinen weiteren Antrieb für eine Handlungsweise geben sollte, als diesen, wäre die Forderung selber mit der Moral erdrosselt. Nun melden sich aber die Utilitarier und zeigen auf den Nutzen hin, als Anlaß zur gleichen Forderung—auf den Nutzen als den nöthigen Umweg zum Glücke; die Aesthetiker sodann welche im Namen des Schönen und Hohen oder des guten Geschmacks (was dasselbe ist) die Forderung wiederholen; es erscheinen die Freunde der Erkenntniß und zeigen, daß so und so zu leben die beste Vorbereitung zum Erkennen sei und daß es nicht nur von schlechtem Geschmacke zeugen würde, sondern von Widerspänstigkeit gegen die Weisheit, wenn man anders, im Widerspruch zu jenen ehemaligen Forderungen der Moral, leben wollte.— Und zuletzt strömen die Idealisten aller Grade herbei und zeigen auf das Gebilde hin, das vor ihnen herschwebt: “ach, dies Gebilde zu erreichen, zu umarmen, es wie ein Siegel auf uns eindrücken und fürderhin dies Bild sein—was würden wir nicht alles thun und lassen um dessentwillen! Was ist uns Nutzen und Geschmack und Weisheit, was sind uns Gründe und Grundlosigkeit gegen diese Begier nach unserem ideal, nach diesem meinem Ideale!”—und so stellen sie jene Forderung wieder her, jeder für sich—als Mittel seiner Begier, als Labsal seines Durstes.
15 [16]
Feinere Sinne und einen feineren Geschmack haben, an das Ausgesuchte und Allerbeste wie an die rechte und natürliche Kost gewöhnt sein, eines starken und kühnen Körpers genießen, der zum Wächter und Erhalter und noch mehr zum Werkzeug eines noch stärkeren, kühneren, wagehalsigeren, gefahrsuchenderen Geistes bestimmt ist: wer möchte nicht, daß dies Alles gerade sein Besitz, sein Zustand wäre! Aber er verberge sich nicht: mit diesem Besitz und diesen Zustand ist man das leidensfähigste Geschöpf unter der Sonne, und nur um diesen Preis kauft man die Auszeichnung, auch das glücksfähigste Geschöpf unter der Sonne zu sein! Die Fülle der Arten des Leides fällt wie ein unendlicher Schneewirbel auf einen solchen Menschen, wie ebenfalls an ihm die stärksten Blitze des Schmerzes sich entladen. Allein unter dieser Bedingung, von allen Seiten und bis ins Tiefste hinein dem Schmerze immer offen zu stehen, kann er den feinsten und höchsten Arten des Glücks offen stehen: als das empfindlichste reizbarste gesundeste wechselndste und dauerhafteste Organ der Freude und aller gröberen und feineren Entzückungen in Geist und Sinnen: wenn nämlich die Götter ihn nur ein wenig in Schutz nehmen und nicht aus ihm (wie leider gewöhnlich!) einen Blitzableiter ihres Neides und Spottes auf die Menschheit machen. An solchen Menschen war Athen ein paar Jahrhunderte lang sehr reich, zu anderen Zeiten einmal Florenz, und noch neuerlicher Paris. Und, im Angesichte solcher letzten und höchsten Erzeugnisse der bisherigen Cultur, gilt immer noch der gute Glaube der Aufklärer, daß Glück, mehr Glück die Frucht der wachsenden Aufklärung und Cultur sein werde, und Niemand setzt hinzu: auch Unglück, mehr Unglück, mehr Leidensfähigkeit, vielartigeres und größeres Leid als je!— Warum doch brachen die philosophischen Schulen Athen’s im 4. Jahrhundert gerade inmitten der höchsten bisher erreichten Aufklärung und Cultur so mächtig hervor und warum suchten sie, Jede auf ihre Weise, den damaligen Athenern eine harte zum Theil fürchterliche oder mindestens überaus beschwerliche und kümmerliche Lebensweise und als Ziel Schmerzlosigkeit und eine Art von Starrheit aufzureden? Sie hatten die leidensfähigsten Menschen um sich und gehörten zu ihnen—sie verzichteten allesammt auf das Glück im Schooß dieser höchsten Cultur, weil dieses “Glück” nicht ohne die Bremse Schmerz und deren ewige Anstachelung zu haben war! Daß, gut gerechnet, ein der Erkenntniß und dem nil admirari geweihtes Leben selbst unter den härtesten Entbehrungen und Unbequemlichkeiten erträglicher sei als das Leben der Glücklichen Reichen Gesunden Gebildeten Genießenden Bewundernden Bewunderten einer solchen “höchsten Cultur,”—mit dieser Paradoxie führte sich die Philosophie in Athen ein und fand im Ganzen doch sehr viel Gläubige und Nachsprecher! und gewiß nicht nur unter den Freunden des Paradoxen!— Man kann die Seltsamkeit dieser Thatsache nicht lange genug ansehen.
15 [17]
Im Alterthum hatte jeder höhere Mensch die Begierde nach dem Ruhme—das kam daher, daß jeder mit sich die Menschheit anzufangen glaubte und sich genügende Breite und Dauer nur so zu geben wußte, daß er sich in alle Nachwelt hinein dachte, als mitspielenden Tragöden der ewigen Bühne. Mein Stolz dagegen ist “ich habe eine Herkunft”—deshalb brauche ich den Ruhm nicht. In dem, was Zarathustra, Moses, Muhamed Jesus Plato Brutus Spinoza Mirabeau bewegte, lebe ich auch schon, und in manchen Dingen kommt in mir erst reif an’s Tageslicht, was embryonisch ein paar Jahrtausende brauchte. Wir sind die ersten Aristokraten in der Geschichte des Geistes—der historische Sinn beginnt erst jetzt.
15 [18]
Vergessen wir nicht: der neue Trieb ist eben neu—noch schwach gebrechlich, oft kindisch, oft schädigend, ohne feinere Wahl, so daß er mitunter die geringeren Naturen befällt und sich vor den großen Naturen scheut: er wirkt oft wie eine Krankheit, ist herb, bitter—was Wunders, daß er falsch beschrieben wird, weil man den Baum aus seinen Früchten nicht zu errathen weiß und das neue Gewächs nach seiner frühsten Gestalt mit bekannten Gewächsen und deren Wirkungen vergleicht: man sagt wohl, es sei ein Giftstrauch.
15 [19]
Ist es nicht ein Grad der Entweihung, wenn der Liebende denkt “nicht eigentlich nach dieser Geliebten verlange ich, sondern nach Liebe”—ist nicht jede Verallgemeinerung des Ziels eine Entweihung? Ja schon dies ist grob und beleidigend “ich verlange nach dieser Geliebten”—sondern die Sprache der Leidenschaft will nur Weniges, nur Einmaliges, nur ein Zeichen und Symbol. Schon alles Ganze als Ziel zu nennen ist Entweihung. Das Ideal muß zu groß als Ganzes sein—du sollst nur einzelne Strahlen abpflücken dürfen.
15 [20]
Zuerst das Nöthige—und dies so schön und vollkommen als du kannst! “Liebe das, was nothwendig ist”—amor fati dies wäre meine Moral, thue ihm alles Gute an und hebe es über seine schreckliche Herkunft hinauf zu dir.
15 [21]
Die beiden größten Gegner des Augenscheins sind Copernicus und Boscovich, beides Polen und beides Geistliche—letzterer erst hat den Stoff-Aberglauben vernichtet, mit der Lehre vom mathematischen Charakter des Atoms
15 [22]
Chamfort—ein Mensch von großem Charakter und tiefem Geiste—aber weder für seinen Charakter noch für seinen Geist ist die Stunde der Wiedererkennung gekommen. Die Tugenden müssen erst immer ein Paar machen—sonst glauben ihnen die Menschen nicht. Mirabeau nannte ihn seinen besten Freund: “Chamfort ist von meinem Schlage an Kopf und Herz.”
15 [23]
Die Gebärden des plötzlichen Schreckens sind keineswegs eine Sprache des Schreckens, als ob er sich mittheilen wollte—sondern die nächsten Vorsichtsmaßregeln und deshalb sehr verschieden: ich lernte dies als ein Wagen plötzlich auf mich zu fallen drohte.
15 [24]
Wie verschieden empfindet man das Geschäft und die Arbeit seines Lebens, wenn man damit der Erste in der Familie ist oder schon der Vater und Großvater dasselbe getrieben haben! Es ist viel mehr innere Noth, ein viel plötzlicherer Stolz dabei, aber das gute Gewissen ist dafür noch nicht geschaffen, und wir empfinden etwas als “beliebig” daran.
15 [25]
Die Nesselsucht: jetzt eine Krankheit, scheint mir ursprünglich ein Vertheidigungszustand der Haut zu sein, gegen Insekten und dergleichen, aus der Zeit her, wo der Mensch noch längere und härtere Haare hatte: vielleichte konnte der Mensch diesen Zustand kleiner Hautverhärtungen willkürlich herbeiführen: jetzt ein Atavismus. Bei manchen Menschen entsteht es wenn sie gewisse Früchte z. B. Erdbeeren essen: vielleicht weil die Insekten, gegen die man ehemals so sich schützte, gerade um diese Früchte schwärmten und man das Schutzmittel anwendete, um diese Früchte genießen zu können?
15 [26]
Alle Leidenschaft trübt den Blick 1) für das Objekt 2) für den damit Behafteten. Und nun! Paradoxie! Leidenschaft der Erkenntniß, welche gerade die Erkenntniß erkennen will und ebenso den von der Leidenschaft Befallenen! Unmöglich!!! Ist, die schöne Unmöglichkeit vielleicht ihr letzter Zauber?
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Müssen nicht gerade die besten Menschen die bösesten sein? Die, bei denen das Wissen und Gewissen am feinhörigsten und kräftigsten ausgebildet ist, so daß sie alles, was sie thun, als ungerecht empfinden und sich selber als die Immer-bösen, Immer-ungerechten, als die Nothwendig-bösen? Wer sich aber so empfindet, ist es auch!
15 [28]
Wer sich im Gebirge verklettert hat, muß sich vor Allem hüten, die Gefahr seiner Lage nicht für größer zu halten als sie ist!
15 [29]
Im Norden hat man eine Furcht vor den warmen Farben—sie gelten da als gemein, als pöbelhaft. Darin gehöre ich also zum Pöbel—aber im Süden nicht mehr!
15 [30]
Das Erste, was man in einer fremden Sprache zu lernen hat, sind die Höflichkeiten des fremden Landes—das Zweite sind die Namen der Bedürfnisse. Aber erst das Zweite—im schlimmsten Falle kommt man schon mit den Höflichkeiten aus: wer läßt einen Höflichen (dem es nicht an Anstand und Geld fehlt) hungern?
15 [31]
Wenn man die Lotterien verwünscht, so vergißt man gewöhnlich, wie viel Glück und heitere Horizonte die angenehmen Hoffnungen Aller zusammen ausmachen! Und wie viel ärmer ein Volk ohne Lotterien ist—nämlich an angenehmen Empfindungen! Die Enttäuschung ist eine einmalige und wird ziemlich schnell abgeschüttelt—aber wie oft träumt man vom Gewinnste und macht Pläne! Wie mehrt es den Geschmack an Unternehmungen!
15 [32]
Nein, dazu bin ich nicht gemacht, das Gewissen der Menschen noch zu beschweren! Ich will daß sie ihres Glückes mehr Acht haben, “aller der hundert Quellen” selbst in der Wüste! wie ein deutscher Dichter sagt—und daß sie selber von ihrem Unglücke Unvermögen und Untugenden besser denken als bisher—sie nützen damit ebenfalls, und wahrscheinlich sogar liegen da ihre eigenen Lust- und Glücks- und Kraft- und Tugendbedingungen.
15 [33]
Was wir lieben, soll an sich selber keine Flecken finden so will es der Egoismus dieser feinsten Besitzlust, welche Liebe heißt.
Gesetzt, man ist der Liebhaber einer Sängerin, mit was für ängstlichen Ohren hört man da sie vor irgend welchen Zuhörern singen! Man urtheilt fein und überfein, keineswegs voreingenommen, verliebt, verklebt: vielmehr entgeht uns keiner ihrer kleinsten Fehler, kein noch so flüchtiges Ausgleiten oder Ausbleiben; wir wissen, wenn auch die Zuhörer jubeln und klatschen, daß für die Sängerin selber nicht Alles so klang und lief, wie ihr feinstes Gewissen es verlangt hat—und weil wir fühlen, daß ihr selber all ihr kleines und großes Mißlingen bewußt ist, leiden wir unbeschreiblich dabei und sind dankbar und gerührt über alles, was ihr gelungen. So geht es auch mit Meistern einer Kunst, welchen wir Freund sind; um ihretwillen sind wir an ihrem Gelingen erquickt, ja wir geben allen eigenen Geschmack auf, sobald uns ihre Art, sich selber zu schmecken, erst zum Bewußtsein gekommen ist.
15 [34]
Im Grunde ist die Moral gegen die Wissenschaft feindlich gesinnt: schon Sokrates war es, und zwar deshalb, weil sie Dinge für wichtig, nimmt, die mit gut und böse nichts zu thun haben, folglich dem “Gut und Böse” Gewicht nehmen—die Moral will, daß ihr alle Kraft des Menschen zu Gebote stehe; sie hält es für die Verschwendung eines, der nicht reich genug dazu ist, wenn man sich um Sterne und Pflanzen bekümmert.
15 [35]
Diese griechischen Philosophen der strengen Observanz hatten in sich die Wahl, böse Thiere zu werden oder strenge und freudenarme Thierbändiger: so schon Sokrates. Sie waren klug genug, um zu begreifen, daß wer ein menschliches Raubthier wird, fortwährend sich selber zuerst zerreißt. Aber nun glaubten sie, daß Jedermann so wie sie selber in Gefahr sei, dies Raubthier zu werden—dies ist der große Glaube aller großen Moralisten, ihre Macht und ihr Irrthum!— Der Glaube an die Nähe der furchtbaren Thierheit bei Jedem.— Es waren schwerlich schöne Menschen.
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Unser Auge und unsre Ästhetik sitzen auch an der Tafel, und viele feine Leckerbissen bleiben uns vorenthalten, weil das Auge sagt “dies sieht abscheulich aus,” “diese Linien sind meinem Geschmack fremd.” Bei der Auster—und selbst diese ist Vielen etwas Unmögliches—ist es die edle Arbeit der Schale, welche für die ekle schlüpfrige Masse Fürsprache einlegt und gleichsam das Auge bittet, nicht hinzusehn, wenn sie hnuntergeschluckt werden soll.— Vielleicht bleiben uns aus dem gleichen Grunde die besten Frauen vorenthalten, die wahren Leckerbissen an Güte und Kraft der Seele. Ein Paar andere Linien (oder, wie die Physiologen sagen, etwas Fett mehr oder weniger—das
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Die Vernunft in der französischen Revolution—das ist die Vernunft Chamforts und Mirabeau’s—die Unvernunft daran: das ist die Unvernunft Rousseau’s.
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Ist dies meine Aufgabe: déniaiser les savants? Sie wußten nicht, was sie thaten und dachten nicht viel daran, aber sie hatten einen albernen Hochmuth bei allem ihrem Thun, als ob in ihnen die Tugend selber zur Welt gekommen sei.
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Der Geschmack ist stärker als alle Moral; ich kann nicht neben einem Menschen leben, der fortwährend ausspuckt, oder seine Suppe ißt—lieber wollte ich mit einem Diebe oder Meineidigen zusammen wohnen. Ehemals wurden die Neuerer des Gedankens so peinlich empfunden, als eine Sache wider den Anstand.
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Meine Gedanken betreffen zu hohe und ferne Dinge, sie könnten nur wirken, wenn der stärkste persönliche Druck hinzukäme. Vielleicht wird der Glaube an meine Autorität erst durch Jahrhunderte so stark, um die Menschen zu vermögen, ohne Beschämung, das Buch dieser Autorität so streng und ernst zu interpretiren, wie einen alten Classiker (z. B. Aristoteles).— Der Glaube an den Menschen muß wachsen, damit sein Werk nur den nöthigen Grad von entgegenkommender Intelligenz findet: der Glaube also und das Vorurtheil. Deshalb bestand man ehemals so auf “Inspiration”: jetzt
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Das Meer nimmt ab, der Mensch das feste Land nimmt immer zu—aber weil er nur sieht, daß sich Alles verändert, so glaubt und fühlt er umgekehrt und meint, seine Unfestigkeit sei im Wachsen und er werde schließlich dem Meere nicht mehr Widerstand leisten können.— Die Langsamkeit der Vorgänge in der Geschichte des Menschen ist nicht dem menschlichen Zeitgefühl angemessen—und die Feinheit und Kleinheit alles Wachsens spottet der menschlichen Sehkraft. Deshalb wird sie immer nur ein Glaubensartikel sein: diese wirkliche Menschengeschichte! und deshalb hat sie so schweren Kampf gegen alle anderen Glaubensartikel, sie kann sich gleichfalls nicht ad oculos demonstriren.— Ja, wider alle unsere “Wahrheiten” spricht der Augenschein und wird dabei leicht zum Advokaten alles Scheins und selbst der Lüge.
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Ich dachte mir das mir fürchterlichste Leben aus: das eines Höflings Anwalts Zolleinnehmers Registrators Kassenbeamten Königs Krämers Hausdieners und aller jener, deren Überschuß an Leistung im Warten besteht—Warten, bis Jemand kommt und spricht—während es nicht möglich ist sich inzwischen besser zu beschäftigen (“es geht wider die Pflicht”) Nun bemerke ich, daß die allermeisten überhaupt beschäftigten Menschen in den großen Städten gerade so beschäftigt sind und sich darauf hin ausbilden—daß also dieses pflichtmäßige Warten ihnen sehr erträglich scheinen muß.
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Aus der Ferne und im Auslande sieht man die Dinge der Heimat nicht gerade schwarz oder weiß, aber gewiß nicht so bunt als sie wirklich sind: man vereinfacht die Farben. Als Beispiel einer großen Vereinfachung der Farben gebe ich dies Urtheil: “die Deutschen zerfallen jetzt in Juden und Misojuden: letztere möchten gar zu gerne wirkliche Deutsche sein.”
15 [44]
Ist es nicht zum Lachen, daß man noch an ein heiliges unverbrüchliches Gesetz glaubt “du sollst nicht lügen” “du sollst nicht tödten”—in einem Dasein, dessen Charakter die beständige Lüge, das beständige Tödten ist! Welche Blindheit gegen das wirkliche Wesen dieses Daseins muß es hervorgebracht haben, daß man mit jenen Gesetzen allein leben zu können glaubte! Wie viel Blindheit über uns selber! Welches Mißdeuten aller unserer Absichten und Ausführungen! Wie viel pathetische Lüge, wie viel Todtschlag der Ehrlichen—d. h. Vernichtung derer, die böse zu sein und sich zu scheinen wagten—ist dadurch wieder in die Welt gekommen! Die Moralität ist selber nur durch Unmoralität so lange in Kredit geblieben.
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Der Luxus ist die Form eines fortwährenden Triumphes—über alle die Armen Zurückgebliebenen Ohnmächtigen Kranken Begehrlichen. Nicht daß man viel von den Dingen des Luxus selber genießt—was hat der Triumphator von den Gold-Rädern und den angeketteten Sklaven seines Wagens!—aber man genießt es, daß der Wagen über Unzählige weg geht und sie drückt oder zerdrückt.
15 [46]
Die Menschheit wäre ausgestorben, wenn der Geschlechtstrieb nicht einen so blinden unvorsichtigen eilfertigen gedankenlosen Charakter hätte. An sich ist ja seine Befriedigung durchaus nicht mit der Fortpflanzung der Gattung verbunden. Wie unsäglich selten ist der coitus die Absicht der Fortpflanzung!— Und ebenso steht es mit der Lust am Kampf und der Rivalität: nur ein Paar Grade Erkältung der Triebe mehr und das Leben steht still! Es ist an eine hohe Temperatur und an eine Siedehitze der Un-Vernunft gebunden.
15 [47]
Man hat gut reden von aller Art Immoralität! Aber sie aushalten können! Z. B. würde ich ein gebrochenes Wort oder gar einen Mord nicht aushalten: langes oder kürzeres Siechthum und Untergang wäre mein Loos! ganz abgesehen vom Bekanntwerden der Unthat und von der Bestrafung derselben.
15 [48]
Sähest du feiner, so würdest du alles bewegt sehen: wie das brennende Papier sich krümmt, so vergeht alles fortwährend und krümmt sich dabei.
15 [49]
Gott war bisher verantwortlich für jedes Lebendige, das entstand—man konnte nicht errathen, was er mit ihm vorhatte; und gerade dann, wenn dem Lebendigen das Zeichen des Leidens und der Gebrechlichkeit eingeprägt war, vermuthete man, daß es schneller als andere Wesen von der Lust am “Leben” und an der “Welt” geheilt werden solle, und dergestalt mit einem Merkmal der Gnade und der Hoffnung gezeichnet sei. Sobald man aber nicht mehr an Gott und an die Bestimmung des Menschen für ein Jenseits glaubt, wird der Mensch verantwortlich für alles Lebendige, das leidend entsteht und das zur Unlust am Leben vorherbestimmt ist. “Du sollst nicht tödten”—gehört in eine Ordnung der Dinge, wo ein Gott über Leben und Tod bestimmt.
15 [50]
Freunde, sagte Z das ist eine neue Lehre und herbe Medizin, sie wird euch nicht schmecken. Macht es also, wie es kluge Kranke machen—trinkt sie in einem langen Zuge hinunter und schnell etwas Süßes und Würziges hinterdrein, das euren Gaumen wieder rein spüle und euer Gedächtniß betrüge. Die Wirkung wird trotzdem nicht ausbleiben: denn ihr habt nunmehr “den Teufel im Leibe”—wie euch die Priester sagen werden, welche mir nicht hold sind.
15 [51]
Habt ihr kein Mitleiden mit der Vergangenheit? Seht ihr nicht, wie sie preisgegeben ist und von der Gnade dem Geiste der Billigkeit jedes Geschlechtes wie ein armes Weibchen abhängt? Könnte nicht jeden Augenblick irgend ein großer Unhold kommen, der uns zwänge, sie ganz zu verkennen, der unsre Ohren taub gegen sie machte oder gar uns eine Peitsche in die Hand gäbe, sie zu mißhandeln? Hat sie nicht dasselbe Loos wie die Musik, die beste Musik, die wir haben? Ein neuer böser Orpheus, den jede Stunde gebären könnte, wäre vielleicht im Stande, uns durch seine Töne zu überreden, wir hätten noch gar keine Musik gehabt und das Beste sei, allem, was bisher so hieß, aus dem Wege zu laufen.
15 [52]
“Du kommst zu früh!”—“du kommst zu spät”—das ist das Geschrei, um alle die, welche für immer kommen, sagte Z.
15 [53]
“Gut von den Menschen denken—das begreift sich bei dir! sie verstellen sich in deiner Gegenwart und werden vielleicht sogar besser—genug du lernst sie so kennen, als ob sie Spiegel wären, in denen du selber wiederstrahlst.” Auf Reisen! ego.
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Du fühlst, daß du Abschied nehmen wirst, bald vielleicht—und die Abendröthe dieses Gefühls leuchtet in dein Glück hinein. Achte auf dieses Zeugniß: es bedeutet, daß du das Leben, und dich selber liebst und zwar das Leben, so wie es bisher dich getroffen und dich gestaltet hat—und daß du nach Verewigung desselben trachtest. non alia sed haec vita sempiterna!
Wisse aber auch!—daß die Vergänglichkeit ihr kurzes Lied immer wieder singt und daß man im Hören der ersten Strophe vor Sehnsucht fast stirbt, beim Gedanken, es möchte für immer vorbei sein.
15 [55]
Ich glaube, man verkennt den Stoicismus. Das Wesentliche dieser Gemüthsart—das ist er, schon bevor die Philosophie ihn sich erobert hat—ist das Verhalten gegen den Schmerz und die Unlust-Vorstellungen: eine gewisse Schwere Druckkraft und Trägheit wird auf das äußerste gesteigert, um den Schmerz wenig zu empfinden: Starrheit und Kälte sind der Kunstgriff, Anaesthetika also. Hauptabsicht der stoischen Erziehung, die leichte Erregbarkeit zu vernichten, die Zahl der Gegenstände, die überhaupt bewegen dürfen, immer mehr einschränken, Glauben an die Verächtlichkeit und den geringen Werth der meisten Dinge, welche erregen, Haß und Feindschaft gegen die Erregung, die Passion selber als ob sie eine Krankheit oder etwas Unwürdiges sei: Augenmerk auf alle häßlichen und peinlichen Offenbarungen der Leidenschaft—in summa: Versteinerung als Gegenmittel gegen das Leiden, und alle hohen Namen des Göttlichen der Tugend fürderhin der Statue beilegen. Was ist es, eine Statue im Winter umarmen, wenn man gegen Kälte stumpf geworden ist?—was ist es, wenn die Statue die Statue umarmt! Erreicht der Stoiker die Beschaffenheit, welche er haben will—meistens bringt er sie mit und wählt deshalb diese Philosophie!—so hat er die Druckkraft einer Binde, welche Unempfindlichkeit hervorbringt.— Diese Denkweise ist mir sehr zuwider: sie unterschätzt den Werth des Schmerzes (er ist so nützlich und förderlich als die Lust), den Werth der Erregung und Leidenschaft, er ist endlich gezwungen, zu sagen: alles wie es kommt, ist mir recht, ich will nichts anders—er beseitigt keinen Nothstand mehr, weil er die Empfindung für Nothstände getödtet hat. Dies drückt er religiös aus, als volle Übereinstimmung mit allen Handlungen der Gottheit (z. B. bei Epictet).
15 [56]
ich berühre kaum noch die äußersten Spitzen der Wellen—das Dasein, in dem ich schwimmen sollte, ist wie außer mir und ich fühle mit einem Schauder der Wonne seine spielende Haut: bin ich zum fliegenden Fisch geworden? —
15 [57]
Als ich eben aufblickte, glaubte ich, schnell wie ein Blitz, neben meinem Tische einen bleichen Menschen, tief gebückt zu sehen: im nächsten Moment, wo das Auge schärfer dies Objekt fassen wollte, sehe ich ein paar Schritte weiter von dem Tische eine Katze: deren Farben hatte meine Phantasie benutzt und ebenfalls eine andere Perspektive vorausgesetzt. In einem lebhaften Gespräch sehe ich das Gesicht der Person oftmals mit der äußersten Deutlichkeit und voll des feinsten Muskelspiels und Augen-Ausdrucks, je nach den Gedanken, die sie äußert oder die ich bei ihr hervorzurufen glaube: mein wirkliches Sehvermögen kann diese Feinheiten nicht sehen und muß also eine Erdichtung sein. Wahrscheinlich macht die Person ein ganz anderes Gesicht oder gar keines. —
15 [58]
Mir ist nie einen Augenblick der Gedanke gekommen, daß etwas von mir Geschriebenes nach ein paar Jahren einfach todt sei und somit einen Erfolg in der Bälde haben müsse, wenn es einen Erfolg haben wolle. Ohne je den Gedanken der gloria gehabt zu haben, ist mir nie der Zweifel aufgestiegen, daß diese Schriften länger leben als ich. Dachte ich je an Leser, so immer nur an verstreute, über Jahrhunderte hin ausgesäete Einzelne: und mir geht es nicht so wie dem Sänger, dem erst ein volles Haus die Stimme geschmeidig, das Auge ausdrucksvoll, die Hand gesprächig macht.
15 [59]
Was die Praxis betrifft: so betrachte ich die einzelnen moralischen Schulen als Stätten des Experiments, wo eine Anzahl von Kunstgriffen der Lebensklugheit gründlich geübt und zu Ende gedacht wurden: die Resultate aller dieser Schulen und aller ihrer Erfahrungen gehören uns, wir nehmen einen stoischen Kunstgriff deshalb nicht weniger gern an, weil wir schon epikureische uns zu eigen gemacht haben. Jene Einseitigkeit der Schulen war sehr nützlich, ja sie war für die Feststellung dieser Experimente unentbehrlich. Der Stoicism z. B. zeigte, daß der Mensch sich willkürlich eine härtere Haut und gleichsam eine Art Nesselsucht zu geben vermöge: von ihm lernte ich mitten in der Noth und im Sturm sagen: “was liegt daran?” “was liegt an mir?” Vom Epikureism nahm ich die Bereitwilligkeit zum Genießen und das Auge dafür, wo alles uns die Natur den Tisch gedeckt hat.
15 [60]
Dazu sehe ich schlecht und meine Phantasie ist (im Traum und im Wachen) an Manches gewöhnt und hält manches für möglich, was Anderen nicht immer bereit sein würde.— Ich fliege im Traum, ich weiß, daß es mein Vorrecht ist, ich erinnere mich darin nicht eines Zustandes, wo ich nicht zu fliegen vermöchte. Jede Art von Bogen und Winkeln mit einem leichten Impuls auszuführen, eine fliegende Mathematik—das ist ein so eignes Glück, daß es gewiß bei mir die Grundempfindung des Glücks auf die Dauer durchtränkt hat. Wenn es mir ganz wohl zu Muthe werden will, bin ich immer in einem solchen freien Schweben, nach Oben nach Unten willkürlich, ohne Spannung das Eine und ohne Herablassung und Erniedrigung das Andere. “Aufschwung”—so wie Viele dies beschreiben ist mir zu muskelhaft und gewaltsam.— Ich verstehe die Korybanten und selbst das dionysische Wesen am besten als Versuche von ungeflügelten Thieren, sich Flügel einzubilden und sich über die Erde zu heben. Lärm gewaltsamster Bewegung wie en ungeheures Flügelschlagen—es wirkt zuletzt fast als ob sie in der Höhe wären.
15 [61]
Überall, wo ein Hof gemacht wird, halte ich es nicht: wozu bunt wie ein Flamingo stundenlang im flachen Wasser stehen! Alle Höflinge betrachten das Sitzen als ein Glück des “Lebens nach dem Tode.”
15 [62]
Mit Einem Klange mitleidig spöttisch und verführerisch zu sein—verstehen nur die Frauen.
15 [63]
Im kleinen und erbärmlichen Leben klingen trotzdem die Akkorde des großen Lebens vergangener Menschen hindurch: jede Werthschätzung hat in großen Bewegungen einzelner Seelen ihre Herkunft.
15 [64]
Und wie ein Liebhaber spricht: ihre Kälte macht meine Erinnerungen erstarren: habe ich jemals dies Herz an mir glühen und klopfen gefühlt?—so
15 [65]
Vielleicht muß man jetzt bei den Kaufleuten die Eigenschaften suchen, die ehedem die Menschen groß machten—ungestümen Ehrsinn Unternehmungsgeist usw. auch den Corporationsgeist.
15 [66]
Jüdisch ist im Ganzen die Moralität Europas—eine tiefe Fremdheit trennt uns immer noch von den Griechen. Aber die Juden haben ebenso sehr als sie den Menschen verachteten und als böse und verächtlich zugleich empfanden, ihren Gott reiner und ferner als irgend ein Volk gestaltet: sie nährten ihn mit all dem Guten und Hohen, was in der Brust des Menschen wächst—und diese seltsamste aller Aufopferungen hat allmählich eine Kluft zwischen Gott und Mensch entstehen lassen, die furchtbar empfunden wurde. Nur bei Juden war es möglich, ja nothwendig, daß sich endlich ein Wesen in diese Kluft hineinwarf—und wieder mußte es “der Gott” sein, der dies that, dem man allein etwas Hohes zutraute: jener Mensch selber, welcher sich als Mittler fühlte, mußte sich erst als Gott fühlen, um diese Mittler-Aufgabe sich zu stellen. Wo die Kluft weniger groß war, da konnte auch wohl ein Mensch ohne völlig übermenschlich zu sein, sondern als Heros dazwischen treten und das Wohlgefühl verbreiten, welches vielleicht das höchste der älteren Menschheit war: Einklang und Übergang von Gott zu Mensch zu sehen.
15 [67]
Warum überkommt mich fast in regelmäßigen Zeiträumen ein solches Verlangen nach Gil Blas und wiederum nach den Novellen Mérimées? Hat mich nicht Carmen mehr bezaubert als irgend eine Oper, in der mir diese geliebte Welt (die ich im Grunde nur auf halbe Jahre verlasse) wiederklingt?
15 [68]
Hinter jeder Tragödie steckt etwas Witziges und Widersinniges, eine Lust am Paradoxon, z. B. das Schlußwort der letzten tragischen Oper: “ja ich habe sie getödtet, meine Carmen, meine angebetete Carmen!” Diese Art von Pfeffer fehlt dem Epos ganz—es ist unschuldiger und wendet sich an kindlichere und plumpere Geister, denen alles Saure Bittre und Scharfe noch widersteht. Tragödie ist ein Vorzeichen, daß ein Volk witzig werden will,—daß der esprit seinen Einzug halten möchte.
15 [69]
“Nützen, nützlich”: dabei denkt jetzt jeder an Klugheit Vorsicht Kälte Mäßigung usw., kurz an Seelenzustände, die dem Affekt entgegengesetzt sind. Trotzdem muß es ungeheure Zeiten gegeben haben, wo der Mensch das ihm Nützliche nur unter der Anregung der Affekte that und wo ihm die Klugheit und Vernunftkälte noch überhaupt fehlte. Damals redete das höchste utile noch die Sprache der Leidenschaft, der Verrücktheit, des Schreckens: ohne eine so gewaltige Beredsamkeit war es nicht möglich, den Menschen zu etwas “Nützlichem”—d. h. zu einem Umweg des “Angenehmen” d. h. zu einem zeitweiligen Vorziehen des Unangenehmen—zu bestimmen. Die Moral war damals noch nicht die Eingebung der Klugheit—man mußte gleichsam die Vernunft und gewöhnliche Art zu wollen für eine Zeit verlernen, um in diesem Sinne etwas Moralisches zu thun.
15 [70]
Ich will meine Heraldik und ein Wissen um den ganzen adeligen Stammbaum meines Geistes haben—erst die Historie giebt ihn. Ohne dieselbe sind wir Alle Eintagsfliegen und Pöbel: unsere Erinnerung geht bis zum Großvater—bei ihm hört die Zeit auf.
15 [71]
“Wer mit 40 Jahren nicht Misanthrop ist, der hat die Menschen nie geliebt,” pflegte Chamfort zu sagen.
15 [72]
Balzac: pour moraliser en littérature, le procédé a toujours été de montrer la plaie. —
9, 15[1-72] Herbst 1881
15 [1]
This has become clear to me: in what strange simplification of things and people we live! how we have made it easy and convenient for ourselves, and given our senses a free pass for superficial observation, our thinking for the wildest most willful leaps and false conclusions! The image that science gradually produces is not drawn from other sources of knowledge: the same senses, the same judgment and reasoning, but as if morally transformed, stoically patient, brave, just, tireless, not to be offended, not to be enchanted. They are good senses, it is good thinking, that works in science.
And this science now finally reveals to the good person their superficiality and their fallacies, the foundations of their valuations, even their superstition that the moral person has advanced humanity so far: the immoral person has no less a share—and even in science, hostility, mistrust, revenge, contrariness, cunning, and suspicion are continually active and necessary in subtle doses: in all their courage, justice, and this evil element.If the individual researchers were not one-sidedly biased in favor of their idea, if they did not want *their* entertainment, feared their disdain—if they did not mutually restrain each other through envy and suspicion, then *science would lack its just and brave character*. But as a whole, it educates towards certain *valuations*—the res publica of scholars enforces a certain moral conduct, at least the expression of it: *it sublimates evil into virtues*!15 [2]
I confess, the world, as it presents itself to me after the most careful reflection, this ever-growing phantom of human heads, on which we all work, compose, love, create in full blindness—this is a result which actually runs counter to my masculine instinct: women and artists may delight in it according to their instincts and their kinship with all that is phantom-like.I fear for the masculine virtues at the sight of him and do not quite know where courage and justice and hard, patient reasonableness are still to assert themselves, when everything is becoming so fantastical, so uncertain, so groundless. Well, at least this shall remain with us: as men, we must tell ourselves this truth, if it is indeed truth, and not conceal it from ourselves! Even the anatomist often finds the cadaver repulsive—but his manliness shows itself in perseverance. I want to recognize.
15 [3]
This is enough to drive one to despair: from history we learn that all great people were highly unjust, and that without the unscrupulous overestimation of their thought and design, without a deep inner unbroken unquestioning injustice, they would not have attained their greatness—Jesus too, who certainly did not judge people justly. What! And now should the education to justice demanded of us, as we are told, prevent people from becoming great? Take away from them the grand trait and momentum and almost all instinct?And should one rather blind the eyes of those destined for greatness and throw the noose of delusion around their necks, and be grateful if their fate makes their eyes completely blind?— Be that as it may: we want to be just and take it as far as it is at all possible for us. Perhaps we have also been deceived, and many of those great M were not great, but simply unjust, and others of them precisely because they too drove their justice as far as their insight, their time, their upbringing, their opponents made possible for them. They believed in their justice perhaps more surely than we believe in their injustice!
15 [4]
People have created God, there is no doubt: should we not therefore believe in him? He needs faith so much to live: let us be merciful!
15 [5]
The sun went down behind the sea, and the rocks, on which it had rested during the day, breathed out a warm breath.
15 [6]
Much must be enjoyed as the South Americans enjoy their tea—they drink it without seeing it: for it keeps getting darker. We also taste the colors of all foods—a parable.
15 [7]
Is it then "the truth" that is gradually established by science? Is it not rather man who establishes himself—who generates or derives from himself a multitude of optical errors and limitations until the entire table is filled and man stands fixed in his relations to all other forces—the science only continues the immense process that began with the first organic being, it is a creative, formative, constitutive power and not the opposite of the creative, formative, constitutive power, as the poorly educated believe.
We promote science—my friends! that means, in the long run, nothing other than: we promote humanity and make it stronger and more unchanging, even though temporarily appearances may be against us, and even though we certainly undermine the foundation of many things in which more limited times saw all human strength and permanence, for example, conventional morality.15 [8]
Humanity would have perished by any moral system if it had been lived by on a large scale—that is easy to see: humanity persists by virtue of its insurmountable “immorality.” But what perhaps is less obvious and yet no less certain: even the individual who was perfect in his faith as the executor of his moral will, a Jesus, an Epictetus, a Zarathustra, a Buddha, even such a one has lived and continued to live only by virtue of the deepest and most thorough “immorality,” however little it entered his consciousness.
15 [9]
Finally, we do no more with knowledge than the spider does with web-weaving and hunting and sucking dry: it wants to live by means of these arts and activities and have its satisfaction—and this is exactly what we also want when we, as those who know, catch and hold fast to suns and atoms and, as it were, fix them—we are thereby on a detour to ourselves, to our needs, which in the long run remain unsatisfied with every erroneous, inhuman, and purely arbitrary perspective and cause us distress. Science has a fine ear for the cry of distress of needs, and often a prophetic ear. To see things in such a way that we can satisfy our needs thereby, we must drive our human optics to its ultimate consequences.
You yourself, with your five to six feet in length—you yourself belong in this optics, you are constructed by yourself based on the weakness of your sensory organs—and woe if it were otherwise, if our organs were even weaker, and the eye did not even reach the hand or saw it floating in such an indeterminate distance that a total construction of man by man himself would be impossible— Our knowledge is not knowledge in itself and not so much a recognition as a further conclusion and spinning out: it is the magnificent, growing for millennia, conclusion from all necessary optical errors—necessary, if we are to live at all—errors, if all laws of perspective must be errors in themselves.Our laws and regularities are what we project into the world—though appearances teach the opposite and make us seem the consequence of that world, those laws as the laws of the same in their effect on us. Our eye grows—and we believe the world is growing. Our eye, which is an unconscious poet and a logician at once! Which now presents a mirror on which things appear not as surfaces but as bodies—as being and enduring, as alien and unrelated to us, as power beside our power! This mirror-image of the eye, science completes!—and thereby describes the power hitherto exercised by man as it continues to exercise it—our poetic-logical power to establish perspectives on all things, by means of which we preserve ourselves alive.15 [10]
Ordinary thoughts (and everything that is understood by common sense) enjoy such high esteem and are fundamentally made a duty for everyone because this way of thinking has proven itself greatly: humanity has not perished with it: this is enough to lead humanity to the conclusion—it concludes so gladly and so quickly!—that common sense has the truth on its side. “True”—this generally means nothing more than: useful for the preservation of humanity. What causes me to perish if I believe it—it is concluded—is for me not true—it is an arbitrary, improper relation of my being to other things.
15 [11]
There is also a kind of optics for morality. How little responsible does man feel for his indirect and distant effects! And how cruelly and exaggeratedly the immediate effect we exert falls upon us—the effect we see, for which our short-sighted eye is still sharp enough! How we bear a guilt, merely because it stands so close before our eyes! How differently we measure the weight according to distance!
15 [12]
Formerly, the doctrine of the unfreedom of the will was proven by unhesitatingly pointing to the soothsayers, who still found good faith even among skeptical philosophers: the art of soothsaying, however, presupposes a world that is nothing but fate, and consequently this world also found good faith. But when the soothsayers fell into discredit, the doctrine of the unfreedom of the will also fell into discredit with them: according to a false way of reasoning, which is more common than the correct way.
15 [13]
We moderns, no matter how religious or moral we may be, are profoundly irreligious in comparison to the religious people of the Middle Ages and profoundly immoral in comparison to the moralists of antiquity. The ancient philosophers, without exception, had a moral fanaticism and a triumphant recklessness in their belief in their “salvation of the soul,” to the point that they ultimately brought antiquity into disrepute and cast doubt upon itself: that excessive value they placed on the “salvation of the soul” was the most useful preparation for Christianity, which inherited their legacy without showing any gratitude for it. (Religious people have never been distinguished by gratitude.)
15 [14]
As I think about life and the world: I sit, as it were, in the midst of a tragic household, and wherever I look, there are temptations to compose tragedies—indeed, I can hardly prevent these solemn and passionate masks from playing tragedy themselves and luring me into their game: such a drive is around me now.
15 [15]
“And what comes after the end of morality?” Oh you curious ones! Why ask already now! But let us run quickly over it—quickly!—otherwise we would fall—for here everything is ice and slipperiness.
Every single action that morality demands was demanded by it on the basis of inadequate knowledge of man and many deep and heavy prejudices: once this deficiency and this fiction have been demonstrated, the moral obligation for these and those actions has been destroyed—there is no doubt!—and indeed for the very reason that morality itself above all demands truth and honesty and thus has tied the noose around its own neck with which it can be—must be—strangled: the suicide of morality is its own final moral demand!— Nevertheless, the demand that this be doneand that to leave it is not yet destroyed, only the moral impulse would henceforth be lacking—and only in the case that there should be no further impulse for a course of action other than this would the demand itself be strangled along with morality. Now the Utilitarians step forward and point to utility as the reason for the same demand—utility as the necessary detour to happiness; then the Aesthetes, who in the name of the Beautiful and the Sublime or of good taste (which is the same thing) repeat the demand; the friends of knowledge appear and show that living in such and such a way is the best preparation for cognition and that it would not only testify to bad taste but to defiance of wisdom if one were to live differently, in contradiction to those former demands of morality. And finally, there streamIdealists of all degrees come forth and point to the structure that hovers before them: "ah, to attain this structure, to embrace it, to impress it upon us like a seal and henceforth be this image—what would we not do and leave undone for its sake! What are use and taste and wisdom to us, what are reasons and groundlessness compared to this longing for our ideal, for this my ideal!"—and thus they restore that demand again, each for himself—as a means of his desire, as solace for his thirst.
15 [16]
To have finer senses and a finer taste, to be accustomed to the select and the very best as to the right and natural fare, to enjoy a strong and bold body destined to be the guardian and preserver and even more the instrument of an even stronger, bolder, more daring, danger-seeking spirit: who would not want all this to be their possession, their state! But let them not deceive themselves: with this possession and this state, one is the most capable of suffering creature under the sun, and only at this price does one purchase the distinction of also being the most capable of happiness creature under the sun! The abundance of kinds of suffering falls like an infinite snowstorm upon such a person, just as the strongest bolts of pain discharge upon them.
Only under this condition, always open to pain from all sides and to the very depths, can he be open to the finest and highest kinds of happiness: as the most sensitive, most excitable, healthiest, most changeable, and most enduring organ of joy and all coarser and finer raptures in spirit and senses: if only the gods take him somewhat under their protection and do not make him (as unfortunately usual!) a lightning rod for their envy and mockery of humanity. Athens was very rich in such people for a few centuries, Florence once at other times, and more recently Paris.And, in the face of such ultimate and highest products of previous culture, the good faith of the Enlightenment still holds that happiness, more happiness, will be the fruit of growing enlightenment and culture, and no one adds: also unhappiness, more unhappiness, greater capacity for suffering, more varied and greater suffering than ever!— Why, then, did the philosophical schools of Athens in the 4th century emerge so powerfully precisely amid the highest enlightenment and culture yet achieved, and why did each, in its own way, urge the Athenians of the time to adopt a harsh, in part terrifying, or at least extremely burdensome and wretched way of life, with the goal of painlessness and a kind of rigidity?They had the most suffering people around them and belonged to them—all of them renounced happiness in the lap of this highest culture, because this "happiness" could not be had without the brake of pain and its eternal stimulation! That, well calculated, a life devoted to knowledge and nil admirari, even under the harshest privations and inconveniences, is more bearable than the life of the happy, rich, healthy, educated, enjoying, admiring, and admired of such a "highest culture"—with this paradox, philosophy introduced itself in Athens and, on the whole, found many believers and followers! And certainly not only among the friends of the paradox!—One cannot look at the strangeness of this fact long enough.15 [17]
In antiquity, every higher human being had the desire for fame—this came from the fact that each believed they began humanity with themselves and knew how to give themselves sufficient breadth and duration only by thinking themselves into all posterity, as a participating tragedian on the eternal stage. My pride, on the other hand, is “I have an origin”—therefore, I do not need fame. In what moved Zarathustra, Moses, Muhammad, Jesus, Plato, Brutus, Spinoza, Mirabeau, I also already live, and in some things, what took a few millennia to develop embryonically first ripens and comes to light in me. We are the first aristocrats in the history of the spirit—the historical sense begins only now.
15 [18]
Let us not forget: the new drive is indeed new—still weak, frail, often childish, often harmful, without finer discernment, so that it sometimes afflicts lesser natures and shies away from greater ones: it often acts like a disease, is harsh, bitter—what wonder that it is described falsely, because one cannot guess the tree from its fruits and compares the new growth with its earliest form to known plants and their effects: one may well say it is a poisonous shrub.
15 [19]
Is it not a degree of desecration when the lover thinks “not actually for this beloved do I long, but for love”—is not every generalization of the goal a desecration? Yes, even this is coarse and offensive: “I long for this beloved”—but the language of passion wants only a few things, only the unique, only a sign and symbol. To name the whole as the goal is already desecration. The ideal must be too great as a whole—you should only be allowed to pluck individual rays.
15 [20]
First the necessary—and this as beautifully and perfectly as you can! “Love what is necessary”—amor fati this would be my morality, do all good to it and lift it above its terrible origin up to you.
15 [21]
The two greatest opponents of the evidence of the senses are Copernicus and Boscovich, both Poles and both clergymen—the latter only has destroyed the superstition of matter, with the doctrine of the mathematical character of the atom
15 [22]
Chamfort—a man of great character and profound intellect—but neither his character nor his intellect has found its hour of recognition. Virtues must always come in pairs—otherwise, people do not believe in them. Mirabeau called him his best friend: “Chamfort is of my kind in mind and heart.”
15 [23]
The gestures of sudden fright are by no means a language of fright, as if it wanted to communicate itself—but the nearest precautionary measures and therefore very different: I learned this when a carriage suddenly threatened to fall upon me.
15 [24]
How differently one experiences the business and work of one's life when one is the first in the family to do it or when one's father and grandfather have already done the same! There is much more inner necessity, a much more sudden pride in it, but the good conscience is not yet created for it, and we feel something as "arbitrary" about it.
15 [25]
The urticaria: now a disease, seems to me originally to have been a defensive state of the skin against insects and the like, from the time when humans still had longer and coarser hair: perhaps humans could voluntarily induce this state of small skin hardenings: now an atavism. In some people, it occurs when they eat certain fruits, e.g., strawberries: perhaps because the insects against which one once protected oneself in this way swarmed around these very fruits, and one applied the protective measure in order to be able to enjoy these fruits?
15 [26]
All passion clouds the view 1) of the object 2) of the one afflicted by it. And now! Paradox! Passion for knowledge, which wants to recognize knowledge itself and equally the one seized by passion! Impossible!!! Is this beautiful impossibility perhaps its final magic?
15 [27]
Must not the best people be the most evil? Those in whom knowledge and conscience are most finely tuned and strongest, so that they perceive everything they do as unjust and themselves as the always-evil, always-unjust, as the necessarily evil? But whoever feels this way is it!
15 [28]
Anyone who has climbed too high in the mountains must above all avoid considering the danger of their situation to be greater than it actually is!
15 [29]
In the north, there is a fear of warm colors—they are considered there as vulgar, as plebeian. So I belong to the plebs—but not in the south!
15 [30]
The first thing one must learn in a foreign language is the courtesies of the foreign country—the second is the names of one's needs. But only the second—at worst, one can get by with courtesies alone: who would let a polite person (who lacks neither manners nor money) go hungry?
15 [31]
When one curses the lotteries, one usually forgets how much luck and cheerful horizons the pleasant hopes of All together make up! And how much poorer a people without lotteries is—namely in pleasant sensations! The disappointment is a one-time thing and is shaken off fairly quickly—but how often one dreams of winning and makes plans! How it increases the taste for enterprises!
15 [32]
No, I am not made to burden people's consciences even more! I want them to pay more heed to their happiness, “all the hundred springs” even in the desert! as a German poet says—and that they themselves think better of their misfortune, incapacity, and vices than before—they benefit from it as well, and probably even their own conditions of pleasure, happiness, strength, and virtue lie there.
15 [33]
What we love should find no flaws in itself—that is what the egoism of this most refined possessive desire, which is called love, demands.
Suppose one is the lover of a singer—with what anxious ears one listens to her singing before any audience! One judges finely and over-finely, by no means biased, in love, blinded: rather, not the smallest of her errors escapes us, not the slightest slip or failure; we know, even if the audience cheers and applauds, that for the
The singer herself did not have everything sound and proceed as her finest conscience demanded—and because we feel that she herself is aware of all her small and great failures, we suffer indescribably and are grateful and moved by everything she has accomplished. The same goes for masters of an art to whom we are friends; for their sake, we are refreshed by their success, yes, we abandon all our own taste as soon as their way of savoring themselves has come to our awareness.15 [34]
In essence, morality is hostile to science: Socrates already was, and for the reason that it considers things important that have nothing to do with good and evil, consequently taking weight away from "good and evil"—morality wants all of man's strength to be at its disposal; it considers it a waste for one who is not rich enough for it to concern oneself with stars and plants.
15 [35]
These Greek philosophers of strict observance had within them the choice to become evil beasts or strict and joyless beast tamers: as already Socrates. They were clever enough to understand that whoever becomes a human beast of prey first tears himself apart. But now they believed that everyone, like themselves, was in danger of becoming this beast of prey—this is the great belief of all great moralists, their power and their error!— The belief in the proximity of the terrible beastliness in everyone.— They were hardly beautiful people.
15 [36]
Our eye and our aesthetics also sit at the table, and many fine delicacies are denied to us because the eye says, “this looks revolting,” “these lines are foreign to my taste.” With the oyster—and even this is something impossible for many—it is the noble work of the shell that pleads for the repulsive slippery mass and, as it were, asks the eye not to look when it is to be swallowed.—Perhaps the best women are denied to us for the same reason, the true delicacies of goodness and strength of soul. A different pair of lines (or, as physiologists say, a little more or less fat—that
15 [37]
Reason in the French Revolution—this is the reason of Chamfort and Mirabeau—the unreason in it: this is the unreason of Rousseau.
15 [38]
Is this my task: to déniaiser the scholars? They did not know what they were doing and did not think much about it, but they had a foolish pride in all their actions, as if virtue itself had come into the world through them.
15 [39]
The taste is stronger than all morality; I cannot live next to a person who constantly spits, or eats his soup—rather I would live with a thief or perjurer. Formerly, the innovators of thought were felt as painfully as something against decency.
15 [40]
My thoughts concern things too high and distant; they could only have an effect if the strongest personal pressure were added. Perhaps faith in my authority will only become strong enough through centuries to move people to interpret the book of this authority as strictly and seriously as an old classic (e.g., Aristotle), without shame.— The faith in man must grow so that his work finds only the necessary degree of receptive intelligence: faith, then, and prejudice. That is why one formerly insisted so much on “inspiration”: now
15 [41]
The sea is receding, man the solid land is always increasing—but because he only sees that everything is changing, he believes and feels the opposite and thinks that his instability is growing and that he will finally no longer be able to resist the sea.— The slowness of the processes in human history is not suited to human perception of time—and the subtlety and smallness of all growth mocks human vision. Therefore, it will always only be an article of faith: this real human history! And therefore it has such a hard struggle against all other articles of faith, it likewise cannot be demonstrated ad oculos.— Yes, against all our “truths” the evidence of the eyes speaks and thereby easily becomes the advocate of all illusion and even of lies.
15 [42]
I imagined the most terrible life for myself: that of a courtier, lawyer, tax collector, registrar, cashier, king, merchant, house servant, and all those whose surplus of performance consists in waiting—waiting until someone comes and speaks—while it is not possible to occupy oneself better in the meantime (“it goes against duty”). Now I notice that the vast majority of employed people in big cities are occupied precisely in this way and train themselves accordingly—that this dutiful waiting must therefore seem very bearable to them.
15 [43]
From afar and abroad, one does not see the things of home in black and white, but certainly not as colorful as they really are: one simplifies the colors. As an example of a great simplification of colors, I give this judgment: “the Germans now divide into Jews and anti-Jews: the latter would very much like to be real Germans.”
15 [44]
Is it not laughable that one still believes in a sacred, inviolable law "thou shalt not lie" "thou shalt not kill"—in an existence whose character is constant lying, constant killing! What blindness to the true nature of this existence must have produced the belief that one could live by those laws alone! How much blindness about ourselves! What misinterpretation of all our intentions and actions! How much pathetic lying, how much slaughter of the honest—i.e., destruction of those who dared to be and appear evil—has thereby come into the world again! Morality itself has only remained in credit through immorality.
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Luxury is the form of a continuous triumph—over all the poor, the left-behind, the powerless, the sick, the desirous. Not that one enjoys much of the things of luxury themselves—what does the triumphant one have of the gold wheels and the chained slaves of his chariot!—but one enjoys that the chariot rolls over countless others and presses or crushes them.
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Humanity would have died out if the sexual drive did not have such a blind, reckless, hasty, thoughtless character. In itself, its satisfaction is by no means connected with the propagation of the species. How unspeakably rare is coitus with the intention of procreation!— And the same applies to the pleasure of struggle and rivalry: only a few degrees more of cooling of the drives and life stands still! It is bound to a high temperature and a boiling heat of un-reason.
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One can talk well about all kinds of immorality! But to endure it! For example, I could not endure a broken word or even a murder: long or shorter illness and ruin would be my fate! quite apart from the discovery of the deed and its punishment.
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If you looked more closely, you would see everything moving: how the burning paper curls, so everything continually passes away and curls in the process.
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God has so far been responsible for every living thing that came into being—one could not guess what he intended with it; and precisely when the living thing bore the mark of suffering and frailty, one suspected that it was to be cured more quickly than other beings of the lust for “life” and for the “world,” and thus marked with a sign of grace and hope. But as soon as one no longer believes in God and in man’s destiny for an afterlife, man becomes responsible for all living things that come into being in suffering and are predestined for displeasure in life. “You shall not kill” belongs to an order of things where a God determines over life and death.
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Friends, said Z, this is a new teaching and bitter medicine, it will not please you. Do therefore as wise patients do—drink it down in one long draught and quickly something sweet and spicy after it, which will cleanse your palate again and deceive your memory. The effect will not fail to come: for you now have “the devil in your body”—as the priests will tell you, who are not favorable to me.
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Do you have no pity for the past? Do you not see how it is abandoned and depends on the mercy of the spirit of fairness of every generation like a poor woman? Could not at any moment some great villain come who forces us to completely disown it, who makes our ears deaf to it or even puts a whip in our hand to mistreat it? Does it not share the same fate as music, the best music we have? A new evil Orpheus, whom any hour could bring forth, might perhaps be able to persuade us through his tones that we have never had any music at all and that the best thing is to avoid everything that has hitherto been called by that name.
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“You come too early!”—“you come too late”—that is the cry about all those who come forever, said Z.
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“Thinking well of people—that comes naturally to you! They disguise themselves in your presence and may even become better—enough, you get to know them as if they were mirrors in which you yourself are reflected.” On travels! ego.
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You feel that you will say farewell, perhaps soon—and the evening glow of this feeling shines into your happiness. Heed this testimony: it means that you love life, and yourself, and indeed life as it has touched and shaped you so far—and that you strive for its eternalization. non alia sed haec vita sempiterna!
But know also!—that transience sings its short song again and again, and that upon hearing the first verse, one nearly dies of longing at the thought that it might be over forever.
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I believe that Stoicism is misunderstood. The essential nature of this disposition—it exists even before philosophy claimed it—is the attitude toward pain and unpleasant sensations: a certain heavy pressure and inertia is increased to the utmost to feel pain as little as possible: rigidity and coldness are the trick, anesthetics, then.The main purpose of Stoic education is to destroy easy excitability, to increasingly restrict the number of objects that may move one at all, to instill belief in the contemptibility and low value of most things that excite, hatred and enmity toward excitation, the passion itself as if it were a disease or something unworthy: attention to all the ugly and painful manifestations of passion—in short: petrification as a countermeasure against suffering, and henceforth to bestow all the lofty names of the divine virtue upon the statue. What is it to embrace a statue in winter when one has grown numb to the cold?—what is it when the statue embraces the statue!If the Stoic attains the condition he desires—usually he brings it with him and therefore chooses this philosophy!—he has the compressive force of a bandage, which produces insensitivity.— This way of thinking is very repugnant to me: it underestimates the value of pain (it is as useful and beneficial as pleasure), the value of excitement and passion, he is finally forced to say: everything as it comes is right for me, I want nothing else—he removes no distress anymore, because he has killed the sensation for distress. He expresses this religiously, as complete agreement with all actions of the deity (e.g., in Epictetus).
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I barely touch the outermost tips of the waves anymore—the existence in which I should be swimming is as if outside me and I feel with a shudder of delight its playing skin: have I become a flying fish? —
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When I just looked up, I thought I saw, quick as lightning, a pale person, deeply bent over, next to my table: in the next moment, when the eye wanted to grasp this object more sharply, I see a cat a few steps further from the table: my imagination had used its colors and also assumed a different perspective. In a lively conversation, I often see the person's face with the utmost clarity and full of the finest muscle play and eye expression, depending on the thoughts they express or that I believe I evoke in them: my actual vision cannot see these details and must therefore be a fabrication. The person probably makes a completely different face or none at all. —
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It has never occurred to me for a moment that something I have written could simply be dead after a few years and thus must have success soon if it is to have success at all. Without ever having had the thought of gloria, I have never doubted that these writings will outlive me. If I ever thought of readers, it was always only of scattered individuals, sown over centuries: and I am not like the singer who only gains a supple voice, expressive eyes, and eloquent hands when faced with a full house.
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As far as practice is concerned: I regard the individual moral schools as sites of experimentation, where a number of artful strategies of life wisdom were thoroughly practiced and thought through to the end: the results of all these schools and all their experiences belong to us, we accept a Stoic strategy no less gladly because we have already made Epicurean ones our own. That one-sidedness of the schools was very useful, indeed it was indispensable for the establishment of these experiments. Stoicism, for example, showed that man is capable of giving himself a harder skin and, as it were, a kind of nettle rash at will: from it I learned to say in the midst of distress and storm: “what does it matter?” “what does it matter to me?” From Epicureanism I took the readiness to enjoy and the eye for where nature has set the table for us.
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For this, I see poorly and my imagination is (in dreams and while awake) accustomed to many things and considers many things possible that others might not always be ready to accept.— I fly in my dreams, I know that it is my privilege, I do not recall a state in which I could not fly. Executing every kind of arc and angle with a light impulse, a flying mathematics—that is such a unique happiness that it has certainly permeated my fundamental sense of happiness over time.
When I feel completely at ease, I am always in such a free floating state, arbitrarily upward or downward, without tension in one direction and without condescension and humiliation in the other. “Uplift”—as many describe this—is too muscular and violent for me. I understand the Corybantes and even the Dionysian nature best as attempts by unwinged animals to imagine wings for themselves and to rise above the earth. The noise of the most violent movement, like an enormous flapping of wings—it ultimately almost seems as if they were in the heights.15 [61]
Everywhere, where a court is made, I do not hold it: why stand colorful like a flamingo for hours in shallow water! All courtiers consider sitting as a happiness of “life after death.”
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To be compassionate, mocking, and seductive with a single sound—only women understand this.
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In the small and wretched life, the chords of the great life of past people still resonate: every valuation has its origin in the great movements of individual souls.
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And as a lover speaks: their coldness makes my memories freeze: have I ever felt this heart glow and beat at me?—so
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Perhaps one must now look to the merchants for the qualities that once made people great—unbridled sense of honor, entrepreneurial spirit, etc., as well as the corporate spirit.
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Jewish is, on the whole, the morality of Europe—a deep alienation still separates us from the Greeks. But the Jews, even as they despised mankind and felt them to be evil and contemptible at once, shaped their God purer and more distant than any other people: they nourished him with all the good and lofty that grows in the human breast—and this strangest of all sacrifices gradually created a chasm between God and man that was felt to be terrible.
Only among Jews was it possible, indeed necessary, that finally a being in this abyss should throw itself—and again it had to be “the God” who did this, to whom alone something lofty was attributed: that man himself, who felt himself as a mediator, had to first feel himself as God in order to take on this mediating task. Where the abyss was less great, there a man could also, without being entirely superhuman, but as a hero, step in between and spread the sense of well-being, which was perhaps the highest of the older humanity: to see harmony and transition from God to man.15 [67]
Why does a longing for Gil Blas and again for Mérimée's novellas come over me almost at regular intervals? Hasn't Carmen enchanted me more than any opera in which this beloved world (which I essentially only leave for half a year) resounds again?
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Behind every tragedy there is something funny and absurd, a delight in paradox, e.g., the closing line of the last tragic opera: “yes I have killed her, my Carmen, my adored Carmen!” This kind of spice is entirely lacking in the epic—it is more innocent and appeals to more childlike and clumsier spirits, who still resist everything sour, bitter, and sharp. Tragedy is a sign that a people wants to become witty—that the esprit wishes to make its entrance.
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“Useful, utility”: now everyone thinks of prudence, caution, coldness, moderation, etc., in short, of mental states opposed to affect. Nevertheless, there must have been immense periods when man did what was useful to him only under the stimulus of the affects, and when prudence and rational coldness were still entirely lacking. At that time, the highest utile still spoke the language of passion, madness, terror: without such a powerful eloquence, it was not possible to determine man to do something “useful”—i.e., to a detour of the “pleasant,” i.e., to a temporary preference for the unpleasant. Morality was then not yet the inspiration of prudence—one had to, as it were, unlearn reason and the ordinary way of willing for a time in order to do something moral in this sense.
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I want my heraldry and a knowledge of the entire noble lineage of my spirit—only history gives it. Without it, we are all mayflies and rabble: our memory goes back to the grandfather—with him, time ends.
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“Whoever is not a misanthrope at 40 has never loved people,” Chamfort used to say.
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Balzac: to moralize in literature, the method has always been to show the wound. —