9, 17[1-39] Anfang 1882
17 [1]
In jeder Handlung ist die abgekürzte Geschichte alles Werdens. ego.
17 [2]
Ich höre wohl die Lobpreisungen der Welt, aber sie sind nicht für mich: ich höre in ihnen nur das meinem Ohre viel lieblicher tönende Lob des Charakters, dem ich nachstrebe, und das ich in jedem Wort, in jedem Faktum vernehme—im dahineilenden Flusse und im wogenden Korne.
17 [3]
Das, was ich heute thue, hat eine so tiefe Bedeutung als irgend etwas Vergangenes.
17 [4]
Ich will die ganze Geschichte in eigner Person durchleben und alle Macht und Gewalt mir zu eigen machen, mich weder vor Königen noch irgend einer Größe beugen.
17 [5]
Der schaffende Instinkt der Seele zeigt sich in dem Nutzen, den wir aus der Geschichte zu ziehn wissen: es giebt nur Biographie. Jeder Mensch muß seine ganze Aufgabe erkennen.— Dieses planlose rohe widersinnige Dort und Damals soll verschwinden und an seine Stelle das Jetzt und Hier treten.
17 [6]
Aus den Resten unserer Thierheit sich seinen kostbarsten Schmuck machen: wie der Isis nichts als die mondförmigen Hörner von ihrer Verwandlung geblieben sind.
17 [7]
Wer kann einen Baum zeichnen, ohne Baum zu werden!
17 [8]
Der Künstler hat die Macht, die in anderen Seelen schlummernde Thatkraft zu erwecken.
17 [9]
Das wahre Gedicht ist des Dichters Seele: da liegt der genügende Beweisgrund für die letzte Verzierung selbst. St. Peter ist eine lahme Copie.
17 [10]
Die Genien im Walde warten, bis der Wanderer vorüber ist.
17 [11]
Wenn das Auge durch die Natur schon an ungeheure Dimensionen gewöhnt ist, kann die Kunst keinen kleineren Maßstab anlegen, ohne sich selber zu degradiren. (Höhlen—)
17 [12]
Bei einem durch einen Fichtenwald gehauenen Weg der Dome gedenken: der Wald hat einen überwältigenden Einfluß auf den Erbauer geübt.
17 [13]
Das geistige Nomadenthum ist die Gabe der Objektivität oder die Gabe überall Augenweide zu finden. Jeder Mensch, jedes Ding ist mein Fund, mein Eigenthum: die Liebe, die ihn für Alles beseelt, glättet seine Stirn.
17 [14]
Es muß meinem Auge unmöglich sein, mit schielenden Blicken hin und dahin zu sehen: sondern immer muß ich den ganzen Kopf mit drehen—so ist es vornehm.
17 [15]
Weder der Dichter noch der Held können auf das Wort oder die Gebärde eines Kindes von oben herab sehen. Ein kindliches Wesen neben angeborener Energie. Ein Wesen, das so wenig seine Drangsaale achtet, ganz versunken, ein hoher Almosen-Empfänger, im Namen Gottes bittend.
17 [16]
Zur Verehrung verpflichtet sein ist ihm drückend, er möchte dem Schöpfer das Licht stehlen und getrennt von ihm leben.
17 [17]
Wenn ein Gott zu den Menschen kommt, so kennen sie ihn nicht.
17 [18]
Es ist viel, zu antworten, wenn ein solches Räthsel aufgegeben wird: und es ist viel, zu glauben, solch ein Räthsel gelöst zu haben. Schon bei dem Muthe der Antwort auf das Räthsel des Lebens stürzt sich die Sphinx hinab (ego).
17 [19]
Er soll ein Tempel des Ruhms sein, er soll einhergehen, in einem Gewande, das ganz und gar mit Malereien wunderbarer Begebenheiten und Erfahrungen bedeckt.
17 [20]
Deinem eignen Gedanken Glauben schenken—glauben, daß was für dich in deinem innersten Herzen wahr ist, auch für alle Menschen wahr sei: das ist Genie.
17 [21]
In jedem Werke des Genies erkennen wir unsere eignen verstoßenen Gedanken wieder: sie kommen zurück zu uns mit einer gewissen entfremdenden Majestät.
17 [22]
Es giebt eine Zeit in der Entwicklung jedes Menschen, wo er zur Überzeugung gelangt, daß Neid nur Unwissenheit, Nachahmung Meuchelmord ist: daß obgleich das weite All voll des Guten ist, ihm auch kein Samenkörnchen zukommen kann, als durch seine Mühe, die er auf das Stück Land verwendet.
17 [23]
Wir drücken uns meist nur halb aus und schämen uns des göttlichen Gedankens, der durch uns repräsentirt wird.— Man muß sein ganzes Herz der Arbeit hingegeben haben: im bloßen Versuch verläßt uns unser Genie; keine Muse, keine Hoffnung steht uns bei.
17 [24]
Den uneinigen, mißtrauischen Geist, die hohe Kunstfertigkeit, auszurechnen, was der Festigkeit und den Mitteln zu unserem Vorhaben entgegen stehen könnte: den haben die Kinder nicht; sieht man in ein Kinderangesicht, so wird man verlegen. Sie kehren sich an nichts, alles richtet sich nach ihnen; ihnen machen die Folgen oder die Interessen Anderer niemals Kummer: sie geben ein eigenmächtiges unverfälschtes Verdikt. Sie suchen nicht dir zu gefallen: du mußt ihnen den Hof machen.
17 [25]
Immer wieder von Neuem aus demselben unbestechlichen, unerschrockenen Standpunkte der Unschuld aus seine Wahrnehmungen machen—das ist furchterregend: die Macht solcher unsterblichen Jugend wird gefühlt.
17 [26]
Kein Gesetz kann mir geheiligt sein als das meiner Natur. Einzig recht ist das, was mir naturgemäß ist, und allein unrecht, was gegen meine Natur ist.
17 [27]
Daß ich allein an das denke, was mir als mein Rechtes erscheint, aber nicht an das, was die Leute dazu denken—bezeichnet den Unterschied zwischen Erhabenheit und Niedrigkeit. Dies ist um so härter, weil du solche, die deine Pflicht besser zu kennen glauben als du selbst, überall finden wirst.
Groß ist der, der mitten im Gewühl der Welt mit vollkommener Klarheit die Freiheit, die uns die Einsamkeit gewährt, festhält.
17 [28]
Wenn die Armen und die Unwissenden mit erregt werden, wenn die unverständige thierische Masse knurrt und das Gesicht verzerrt—da bedarf es großer Seele, um dies auf göttliche Weise und als Kleinigkeit bei Seite zu schieben. NB.
17 [29]
Der Mensch kann seiner Natur nicht Gewalt anthun: der Charakter, vorwärts, rückwärts, kreuzweise gelesen, sagt mir dasselbe. Was sind die höchsten Gebirge gemessen an der gesammten Erdkugel!
17 [30]
Charakterstärke tritt von selber ein: die vergangenen Tage voll Tugend übertragen ihr geistiges Wohlsein auf dich. Durch das Bewußtsein einer großen Reihe von Siegen kommt das majestätische Wesen des Helden.
17 [31]
Ehre ist deswegen etwas so Achtungswerthes, weil es nichts von heute ist: es ist immer eine alte Tugend.
17 [32]
Der rechte Mann ist der Mittelpunkt der Dinge: er nimmt von der ganzen Schöpfung Besitz, er erinnert an keinen Anderen, alle Umstände werden von ihm in Schatten gestellt, er bedarf unendlichen Raum, Zahlen und Zeit, um seine Gedanken auszuführen:—die Nachwelt folgt wie eine Prozession seinen Schritten.
17 [33]
Die Handlungen der Könige haben die Welt unterrichtet: sie handeln aus einem weiten Gesichtspunkt: sie lehren durch kolossale Symbolik, welche Achtung ein Mensch dem Menschen schuldet. Es gab immer freudige Anhänglichkeit an den, der sich nach selbstgeschaffenen Gesetzen bewegte, sich seine Werthtafel von Menschen und Dingen machte und die vorhandene umstieß und das Gesetz in seiner Person darstellte.
17 [34]
Die Geschichte ist eine Ungereimtheit und Injurie, wenn sie mehr sein will als eine erheiternde Erzählung und Parabel meines Seins und Werdens.— Mit rückgewandtem Auge bejammert er die Vergangenheit oder steht auf den Spitzen der Zehen, etwas von der Zukunft zu erspähen. Aber er sollte mit der Natur in der Gegenwart leben, erhaben über die Zeit.
17 [35]
Tugend ist innere Stärke: ein Mensch, der zur schöpferischen Urkraft durchdringt, überwältigt nach dem Gesetz der Natur alle Städte Völker Könige, die Reichen und die Dichter.
17 [36]
Was wir lieben, das ist unser: aber durch das Verlangen darnach berauben wir uns desselben.
17 [37]
Die Macht, die die Menschen besitzen, mir Verdruß zu machen gebe ich ihnen selber. Laß dich nicht so tief hinab, behaupte deine Würde; laß dich nicht einen Augenblick auf ihre Zustände auf ihr Geschrei ein: laß das Licht deines inwendigen Gesetzes in die Verwirrung dringen.
17 [38]
Es verlangt ein gottähnliches Wesen von dem, der sich von den gewöhnlichen Motiven der Humanität los gemacht hat. Hochherzigkeit Willenstreue und ein klarer Verstand: das müssen seine Eigenschaften sein, wenn er sich selber Lehre Gesellschaft und Gesetz sein will: so daß ein einfacher Vorsatz bei ihm ebenso viel ist wie bei Anderen die eiserne Nothwendigkeit. p. 57.
17 [39]
Unser Haushalt ist bettelarm; unsre Kunst, unsre Beschäftigungen, unsre Heirathen—wir haben sie nicht gewählt, sondern die Gesellschaft hat für uns gewählt. Den stürmischen Kampf mit dem Schicksal, wo unsre innere Kraft geboren wird, den scheuen wir.
9, 17[1-39] Anfang 1882
17 [1]
In every action is the abbreviated history of all becoming. ego.
17 [2]
I hear the praises of the world, but they are not for me: in them I hear only the praise of the character I strive for, which sounds much sweeter to my ear, and which I perceive in every word, in every fact—in the rushing stream and the swaying grain.
17 [3]
What I do today has as deep a meaning as anything in the past.
17 [4]
I want to experience the entire story in my own person and take all power and might for myself, bowing neither before kings nor any greatness.
17 [5]
The creative instinct of the soul reveals itself in the use we know how to draw from history: there is only biography. Every person must recognize their entire task.— This unplanned, raw, nonsensical there and then shall disappear and be replaced by the now and here.
17 [6]
To make its most precious adornment from the remnants of our animality: just as nothing but the crescent-shaped horns remained of Isis's transformation.
17 [7]
Who can draw a tree without becoming a tree!
17 [8]
The artist has the power to awaken the Thatkraft slumbering in other souls.
17 [9]
The true poem is the poet's soul: there lies the sufficient proof for the final ornamentation itself. St. Peter is a lame copy.
17 [10]
The genies in the forest wait until the wanderer has passed by.
17 [11]
When the eye has already become accustomed to immense dimensions through nature, art cannot adopt a smaller scale without degrading itself. (Caves—)
17 [12]
Along a path carved through a spruce forest, the cathedrals commemorate: the forest exerted an overwhelming influence on the builder.
17 [13]
Intellectual nomadism is the gift of objectivity or the gift of finding beauty everywhere. Every person, every thing is my discovery, my property: the love that animates him for everything smooths his brow.
17 [14]
It must be impossible for my eye to look here and there with squinting glances: rather, I must always turn my whole head—this is noble.
17 [15]
Neither the poet nor the hero can look down upon the word or gesture of a child from above. A childlike being alongside innate energy. A being that pays so little heed to its urges, completely absorbed, a high alms-receiver, begging in the name of God.
17 [16]
Being obliged to worship is oppressive to him; he wants to steal the light from the Creator and live apart from Him.
17 [17]
When a god comes to the people, they do not recognize him.
17 [18]
It is much to answer when such a riddle is posed: and it is much to believe that one has solved such a riddle. Already with the courage of answering the riddle of life, the Sphinx plunges down (ego).
17 [19]
It shall be a temple of fame, it shall walk forth, in a garment entirely covered with paintings of wondrous events and experiences.
17 [20]
To believe in your own thought—that what is true for you in your innermost heart is also true for all people: that is genius.
17 [21]
In every work of genius we recognize our own discarded thoughts: they return to us with a certain alienating majesty.
17 [22]
There comes a time in the development of every person when he arrives at the conviction that envy is only ignorance, imitation is assassination: that although the vast universe is full of good, not a single seed can come to him except through his labor, which he applies to the piece of land.
17 [23]
We usually express ourselves only halfway and are ashamed of the divine thought that is represented through us.— One must have devoted one's whole heart to the work: in mere attempt, our genius abandons us; no muse, no hope stands by us.
17 [24]
The discordant, distrustful spirit, the high skill of calculating what might stand in the way of our resolve and means: children do not have that; if you look into a child's face, you become embarrassed. They pay no heed to anything, everything revolves around them; the consequences or the interests of others never cause them distress: they deliver an independent, unadulterated verdict. They do not seek to please you: you must court them.
17 [25]
Again and again anew from the same incorruptible, fearless standpoint of innocence to make one's perceptions—that is terrifying: the power of such immortal youth is felt.
17 [26]
No law can be sacred to me but that of my nature. Only what is natural to me is right, and only what is against my nature is wrong.
17 [27]
That I think only of what seems right to me, but not of what people think about it—marks the difference between sublimity and baseness. This is all the harder because you will find everywhere those who believe they know your duty better than you yourself.
Great is he who, in the midst of the world's tumult, holds fast with perfect clarity to the freedom that solitude grants us.
17 [28]
When the poor and the ignorant are stirred up, when the incomprehensible animal mass growls and distorts its face—then it requires a great soul to push this aside in a divine manner and as a trifle. NB.
17 [29]
The human being cannot do violence to his nature: the character, read forwards, backwards, crosswise, tells me the same thing. What are the highest mountains measured against the entire globe!
17 [30]
Character strength comes naturally: the past days full of virtue transfer their spiritual well-being to you. Through the awareness of a great series of victories comes the majestic being of the hero.
17 [31]
Honor is something so worthy of respect because it is not of today: it is always an old virtue.
17 [32]
The right man is the center of things: he takes possession of all creation, he remembers no other, all circumstances are overshadowed by him, he requires infinite space, numbers, and time to execute his thoughts:—posterity follows like a procession in his footsteps.
17 [33]
The actions of kings have instructed the world: they act from a broad perspective: they teach through colossal symbolism what respect one human owes another. There has always been joyful devotion to the one who moved according to self-created laws, made his own scale of values for people and things, and overthrew the existing one, embodying the law in his person.
17 [34]
The story is an absurdity and an injury if it wants to be more than an amusing tale and parable of my being and becoming.— With backward-turned eye, he laments the past or stands on tiptoe to spy something of the future. But he should live with nature in the present, sublime above time.
17 [35]
Virtue is inner strength: a person who penetrates to the creative primal force overcomes, by the law of nature, all cities, peoples, kings, the rich, and the poets.
17 [36]
What we love is ours: but by desiring it we deprive ourselves of it.
17 [37]
The power that people have to cause me distress, I give them myself. Do not let yourself be brought so low, assert your dignity; do not for a moment engage with their conditions, their clamor: let the light of your inner law penetrate the confusion.
17 [38]
It demands a godlike being of the one who has freed himself from the ordinary motives of humanity. Magnanimity, strength of will, and a clear mind: these must be his qualities if he is to be his own teacher, society, and law: so that a simple resolve in him is as much as in others the iron necessity. p. 57.
17 [39]
Our household is destitute; our art, our occupations, our marriages—we have not chosen them, but society has chosen for us. The stormy struggle with fate, where our inner strength is born, we avoid.