9, 3[1-172] Frühjahr 1880

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Vorrede

Als ich jüngst den Versuch machte, meine älteren Schriften, die ich vergessen hatte, kennen zu lernen, erschrak ich über ein gemeinsames Merkmal derselben: sie sprechen die Sprache des Fanatismus. Fast überall, wo in ihnen die Rede auf Andersdenkende kommt, macht sich jene blutige Art zu lästern und jene Begeisterung in der Bosheit bemerklich, welche die Abzeichen des Fanatismus sind,—häßliche Abzeichen, um derentwegen ich diese Schriften zu Ende zu lesen nicht ausgehalten hätte, wäre der Verfasser mir nur etwas weniger bekannt gewesen. Der Fanatismus verdirbt den Charakter, den Geschmack und zuletzt auch die Gesundheit: und wer diesen dreien zugleich wieder von Grund aus aufhelfen will, muß sich auf eine langwierige Cur gefaßt machen.

Nachdem ich so viel und dazu nicht das Erbaulichste von mir gesagt habe—wie es die Sitte der Vorrede zwar nicht anräth, aber doch erlaubt—darf ich wenigstens hoffen damit erreicht zu haben, daß meine neuesten Gedanken, welche ich im vorliegenden Buche mittheile, nicht ohne Vorsicht gelesen werden.

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1. Wir gehen leichter an unsern Stärken, als an unsern Schwächen zu Grunde; denn in Bezug auf diese leben wir vernünftig, nicht aber in Bezug auf unsere Stärken.

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2. Zur selben Zeit geht immer in uns eine Art Betrachtung der Welt ihrem Ende zu und eine andere wächst: denn unsre unklare Erziehung macht uns mit verschiedenen zu gleicher Zeit bekannt, und jede versucht, auf unserem Boden zu wachsen.

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3. Unsere Liebe zur Wahrheit zeigen wir am deutlichsten in der Behandlung der “Wahrheiten,” welche Andere dafür halten: da verräth sich, ob wir wirklich die Wahrheit oder nur uns selber lieben.

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5. Dies sind die abnehmenden Grade des Mitleidens: erstens Mitleid mit Eigenem (Kind, Erzeugniß, Besitz, Weib, Diener), zweitens mit dem von uns zum Eigenthum Begehrten, drittens mit uns Ähnlichem, viertens mit uns Bekanntem. Das Merkmal, welches das Mitleid vom Leiden unterscheidet, ist die Erbitterung, daß unserem Eigenthum oder Eigenthum-Ähnlichen Etwas zu Leide geschieht. Das Leiden des uns Feindlichen ist angenehm, als Anzeichen vom Schwinden einer Kraft der Feindseligkeit: am Fremden, uns Unähnlichen, beinahe angenehm, weil dies uns beinahe feindlich dünkt, wie das Ähnliche und Bekannte in uns eine Empfindung erweckt, die der Empfindung für das Eigenthum verwandt ist.

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8. Einem kommenden Zeitalter, welches wir das bunte nennen wollen und das viele Experimente des Lebens machen soll, wird eigenthümlich sein: erstens die Enthaltung in Bezug auf die letzten Entscheidungen (sobald man nämlich eingesehen hat, wodurch diese bisher ihre ungeheure Überschätzung erhalten haben, hören sie auf für uns bedeutend zu sen); zweitens die Voreingenommenheit gegen alle Sitten und alles nach Art der Sitte Bindende; drittens eine größere Ehrlichkeit im Sichtbar-werden-lassen sogenannter böser Eigenschaften.

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10. Es ist ein Vorurtheil daß die zweckmäßige Kost dem Menschen auch die natürliche und von vornherein angenehme sei; ursprünglich aber schmeckte wohl Vieles schlecht, und war ihm “unnatürlich,” was die Noth doch zu essen anbefahl; im Verlauf der Gewöhnung kam aber der Reiz und die Lust dazu. Und so steht es in vielen Dingen, die nichts mit der Nahrung zu thun haben: das Erste ist der Zwang dazu: die Freude daran ist nachgeboren und oft spätgeboren.

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11. Der Anmaaßende stellt sich stolz, aber gerade der Stolz ist frei von Verstellung (zum Unterschiede vom Eiteln); insofern ist Anmaaßung die Heuchelei einer Art Verstellungslosigkeit und wird in dem Falle, wo sie meisterhaft gespielt wird, mit dem Stolz verwechselt.

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12. Man trachte immerhin nach allen Freuden, aber besinne sich wohl bei jenen, welche nothwendig Unlust und Erschöpfung nach sich ziehen; dies sind je nach der Art des Menschen die betäubenden und erschütternden Genüsse der Begeisterung, des Mitleidens, der Ekstase, des Zorns, der Rache oder des Alcohols, des Opiums, der Geschlechtlichkeit usw. Zuletzt wird man als die werthvollsten Freuden weder die höchsten, noch die schwächsten, sondern die mittleren bezeichnen und erstreben: das heißt die, welche Dauer haben und keine Unlust nach sich ziehen und anderseits intensiver sind als die schwächsten. Insofern haben Plato und Aristoteles Recht, in den Freuden der Erkenntniß das Erstrebenswertheste zu sehen—vorausgesetzt daß sie damit eine persönliche Erfahrung und nicht eine allgemeine aussprechen wollen: denn für die meisten Menschen gehören die Freuden der Erkenntniß zu den schwächsten und stehen tief unter den Freuden der Mahlzeit.

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13. Bevor wir die physiologischen Zustände physiologisch verstehen lernten, meinten die Menschen mit moralischen Zuständen zu thun zu haben. Folglich hat sich das Bereich des Moralischen, außerordentlich verkleinert—und wird fortwährend noch kleiner: ganz so wie die Religion im Leben der Alten umfänglicher war als im Leben des katholischen Christen, und wie wiederum der Protestant den Umfang der Religion noch einmal verkleinert hat.

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18. Die Natur ist böse, sagt das Christenthum; sollte das Christenthum also nicht ein Ding wider die Natur sein? Sonst wäre es ja, nach seinem eigenen Urtheil, etwas Böses.

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21. In den Leidenschaften des Menschen erwacht das Thier wieder; die Menschen kennen nichts Interessanteres, als diesen Rückgang ins Reich des Unberechenbaren. Es ist als ob sie sich an der Vernunft allzusehr lanweilten.

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22. Was man besitzt, das vertritt man, helfend und fürsorgend; was man liebt, begehrt, das heißt besitzen will, vertritt man noch lebhafter, weil der Besitz noch nicht enttäuscht, noch nicht gesättigt hat. Die Empfindung der Liebe setzt die Empfindung für das Eigenthum voraus.

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25. Wir können dem Nächsten immer nur helfen, indem wir ihn in eine Gattung (Kranke, Gefangene, Bettler, Künstler, Kinder) einordnen und dergestalt erniedrigen; dem Individuum ist nicht zu helfen.

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26. In Risano (Dalmatien) wurden die gefallenen Mädchen gesteinigt; noch 1802 verhinderten die Österreicher einen solchen Akt, der Vater an der Spitze des Volkes hob eben den ersten Stein auf. In der Sahara-Stadt Biskra lebt eine Zeit lang jedes Mädchen der benachbarten Völker von der Prostitution, um sich durch sie zu bereichern; der Erwerb wird dann den Eltern überbracht und es würde als unmoralisch, ja als unverzeihlich gelten, wenn Jemand nicht auf diese Weise seine Pietät ausdrückte.

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27. Da das Mitleiden das einzelne Wehe in der Welt verdoppelt, ja verhundert- und vertausendfacht, so dürfte es wohl in den Augen solcher Götter, wie sie Kanibalen und Asketen haben, die größte Tugend heißen.

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30. Der Tadelnde grenzt sich gegen uns ab; er ist nicht für uns eingenommen und will uns nicht einnehmen: er läßt frei, während der Lobende von uns Besitz ergreifen will. Dies beachte der, welcher sich selber kennen und doch—unabhängig bleiben will.

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32. Das Bild des Nächsten, wie es uns immer vorschwebt, ist entweder das Erzeugniß einer Fülle, die nach Entladung begehrt, oder eine Leere, die nach Füllung begehrt—es ist immer ein physiologischer Zustand, für den wir kein eigentliches und bezeichnendes Wort haben.

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33. Das Neue an unserer jetzigen Stellung zur Philosophie ist eine Überzeugung, die noch kein Zeitalter hatte: daß wir die Wahrheit nicht haben. Alle früheren Menschen “hatten die Wahrheit”: selbst die Skeptiker.

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34. Wie ist es doch geschehen, daß, in der Geschichte des Christenthums, zu den Geistig-Armen, unter und aus denen es geboren wurde, endlich auch die Geistreichen, ja selbst die Reichen des Geistes überliefen? Das Christenthum als große Pöbel-Bewegung des römischen Reichs ist die Erhebung der Schlechten, Ungebildeten, Gedrückten, Kranken, Irrsinnigen, Armen, der Sklaven, der alten Weiber, der feigen Männer, im Ganzen aller derer, welche Grund zum Selbstmord gehabt hätten, aber den Muth dazu nicht hatten; sie suchten mit Inbrunst ein Mittel, ihr Leben auszuhalten und aushaltenswerth zu finden, fanden es, und boten der Welt ihre neue Art von Glück an. Ein Glück solchen Ursprungs war die größte Paradoxie des Alterthums; die damalige Bildung war zu paradoxensüdtig, um es nicht sehr anziehend zu finden. “Das Heil kommt von den Juden,”—das war ein Satz, gegen den kein geistreicher Alter seine Haltung auf die Dauer behauptete. “Versuchen wir es also mit den Juden”—so klang die innere Stimme, durch welche der Geist auf die Seite der großen Bewegung gerufen wurde.

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35. Unsere Nächsten geben im Kreislaufe unserer körperlichen und seelischen Funktionen die Gelegenheitsursachen ab, um physiologische Vorgänge, die in uns nöthig sind, zu fördern.

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37. Wenn Einer gähnt—und das ist doch etwas Unangenehmes—und der Andere mitgähnt, so haben wir ein einfaches Beispiel für das Phänomen des Mitleidens. Sollte aber wirklich dabei das principium individuationis durchbrochen sein?

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38. Jene Moralität, welche am allerstrengsten von jedermann gefordert, geehrt und heilig gesprochen wird, die Grundlage des socialen Lebens: was ist sie denn als jene Verstellung, welche die Menschen nöthig haben, um mit einander ohne Furcht leben zu können? (So daß der Einzelne sich dem Anderen als gleich giebt und sich benutzen läßt, so wie er jenen benutzt.) Der allergrößte Theil dieser Verstellung ist schon in Fleisch Blut und Muskel übergegangen, wir fühlen es nicht mehr als Verstellung, so wenig wir bei Begrüßungsworten und höflichen Mienen an Verstellung denken: was sie trotzdem sind. Die gewöhnlichsten Arten der Verstellung sind: erstens man ähnelt sich seiner Umgebung an, man versteckt sich gleichsam in ihr; zweitens man macht es einem andern Menschen, der Ansehen und Erfolg hat, nach und giebt sich als etwas Höheres als man ist. Im ersten Falle folgt man der Sitte und wird “sittlich,” im zweiten Falle folgt man der Autorität und wird “gläubig”: unter allen Umständen erregt man keine Furcht mehr—denn wir haben jetzt viele “Unsers Gleichen.”

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43. Wir lernen die Ansprüche und Meinungen der Anderen eher kennen, als unsere eigenen; jene werden durch lange Übung uns anorganisirt. Wenn wir später selbstständiger werden, beziehen wir doch all unser bewußtes Urtleilen und Handeln immer auf den anorganisirten Grundstock, vergleichend oder widerstrebend, uns dagegen empörend oder uns mit ihm versöhnend.

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45. Die Moral und die Civilisation suchen “weniger Schmerz,” aber nicht “mehr Glück.”

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46. Ein Herz voll Tapferkeit und guter Dinge braucht von Zeit zu Zeit etwas Gefahr, sonst wird ihm die Welt unausstehlich.

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48. Der dramatische Musiker muß nicht nur als Dichter, sondern auch als Musiker Schauspieler und ganz und gar Schauspieler sein. Dies trennt ihn unerbittlich ab vom eigentlichen Dichter und eigentlichen Musiker; er ist im Vergleich zu Jedem von ihnen geringerer Gattung. Aber als Schauspieler kann er sich zur Genialität und zum gleichen Range mit ihnen erheben.

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53. Der Eine giebt seinen Handlungen am Schluß einen anmaaßlichen Charakter durch eine Art Ausdeutung, der Andere handelt von vornherein anmaaßend. Der Erste, der sich gehen läßt und erst am Schluß der Handlung einen Blick auf die Anderen wirft, hat mehr Stolz, als der Andere, aber kernt das Wesen des Stolzes schlechter, als der Andere.

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56. Das, was man nicht kennt, das kann man nicht lieben, sonst liebt man etwas Anderes, nämlich ein Phantom, und dies ist das Gewöhnliche. Die Liebe ist gewiß alles Andere eher, als ein Mittel der Erkenntniß.

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67. Um über das Mitleid so zu phantasiren, wie Schopenhauer, muß man es an sich nicht aus Erfahrung kennen. Wo die Mängel eines Menschen liegen, da werden seine Ideale phantastisch.

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68. Dreimal hat Deutschland auf Frankreich eingewirkt; im dritten Jahrhundert brachte es wilde Sitten und barbarische Unwissenheit; im Zeitalter Montaigne’s brachte es ein zweites nachgeborenes Mittelalter und Religionskriege, und in diesem Jahrhundert brachte es die deutsche Philosophie, die Romantik und das Bier.

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70. Sein heller Kopf trieb ihn oft auf einsame Bahnen, wo er die Menschen los war; aber sein Herz war zu ängstlich dafür und schlug unerträglich dabei gegen seine Rippen. Gab er dem Herzen nach, so mischte er sich wieder unter die Menschen und nun befand sich sein Kopf elend.

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74. Alles, was wir für uns thun, thun wir um der Anderen willen; aber auch Alles, was wir für die Anderen thun, thun wir um der Anderen willen. Dies ist aber kein “Altruismus”!

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75. Das Nachmachen, das Äffische, ist das eigentlich und ältest Menschliche—bis zu dem Maaße, daß wir nur die Speisen essen, die Anderen gut schmecken.— Kein Thier ist so sehr Affe als der Mensch.— Vielleicht gehört auch das menschliche Mitleiden hierher, sofern es ein unwillkürliches inneres Nachmachen ist.

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77. Die schüchternsten Mädchen präsentiren sich halb nackt, wenn es die Mode gebietet, und selbst verwelkte alte Weiber wagen einem solchen Gebote nicht zu widerstehen, so geistreich und gut sie sonst auch sein mögen.

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78. Die Kraft, zu wollen, die einige Menschen und Culturen in höherem Grade, als andere, besitzen, besteht darin, daß man ungefähr die gleiche Anzahl von eingeübten inneren Mechanismen und von Werthschätzungen hat: so daß, sobald nur ein werthgeschätztes Ding in die Vorstellung tritt, sofort auch der dazu gehörige Mechanismus sein Stück abspielt. Anderen Menschen und Zeitaltern fehlt es an einer solchen Zahlencongruenz von Mechanismen und Werthschätzungen. Sie erzeugen sehr viel mehr Werthschätzungen, bei denen Nichts herauskommt, als solche, welche eine “Wirkung” haben, wie man sagt. Dabei ist immer festzuhalten, daß die Werthschätzung niemals die Ursache einer Handlung ist; vielmehr tritt durch eine alte Association der Mechanismus automatisch in Bewegung, wenn eine werthgeschätzte Vorstellung im Gehirne aufgestiegen ist: es ist ein regelmäßiges Nacheinander, nicht Ursache und Wirkung, so wenig etwa, als ein Wort die Ursache des Begriffs ist, welcher bei seinem Erklingen in uns erscheint.— Wollende Zeitalter waren bis jetzt immer gedankenarm, aber nothwendig ist dies nicht.

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79. Der Anschein des Seienden und Festen im Individuum, der Anschein willkürlicher Handlungen, der Anschein eines absoluten Charakters der Handlungen, der Anschein eines absoluten Werthes gewisser Handlungen (das heißt eines unbegrenzt höchsten Werthes),—diese vier Irrthümer haben zur Weiterentwicklung der Moral am meisten beigetragen.

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80. Weshalb der religiöse Glaube jetzt nicht mehr aufrecht stehen kann, ist oft gezeigt worden; aber noch Niemand hat gezeigt, warum auch der Glaube an die Moral unglaublich geworden ist.

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81. Die Ehe giebt verschiedenen Arten von Menschen zu verschiedenen Arten des moralischen Heroismus Anlaß: ich weiß nicht, ob darin nicht ihr höchster Werth zu suchen ist. Die Einen würden auch mit der geliebtesten Person keine Ehe eingehen, im Falle die Kirche ihren Segen vorbehielte, und Andere umgekehrt würden auf die Ehe verzichten, wenn dieselbe von einer kirchlichen Einsegnung abhängig gemacht würde; wieder Andere finden Gelegenheit zum Heroismus in dem Gedanken, daß die einmal geschlossene Ehe unlösbar sei, dagegen hatte die George Sand umgekehrt ihre strengsten und sittlichsten Empfindungen in die Forderung gedrängt, daß die Ehe nur so lange Dauer haben dürfe, als die leibliche Verengung von Seiten beider Gatten mit dem Zustande einer seelischen Begeisterung für einander verbunden ist.

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82. Der Irrthum der kirchlichen Absolution (und oft auch der staatlichen Strafen) besteht darin, daß hier ein Einmal zum Keinmal gemacht werden soll. Wenn die Erinnerung an eine Schuld nicht mehr quält, dann wirkt der durch sie eingeübte innere Mechanismus viel leichter und es giebt kein Hinderniß mehr für ein neues Abspielen des alten Liedes. Daher fromme ehebrecherische Frauen unter den Katholiken keine Seltenheit sind, welche täglich sündigen und sich täglich absolviren lassen.

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83. Man soll das unbeschreibliche Unbehagen, welches so oft produktive Menschen um sich verbreiten, als Gegenrechnung aufstellen, wenn man die Freude und Erhebung überschlägt, welche die Menschen ihren Werken danken. Ihre Unfähigkeit, sich zu beherrschen, ihr Neid, die Böswilligkeit und Unsicherheit ihres Charakters machen aus ihnen leicht ebenso Übelthäter der Menschheit, als sie sonst deren Wohlthäter sein mögen. Namentlich ist das Verhalten der Genie’s zu einander eines der dunkelsten Blätter der Geschichte . Die Genieverehrung ist oft eine unbewußte Teufelanbetung gewesen. Man sollte überrechnen, wie viele Menschen in der Umgebung eines Genie’s sich ihren Charakter und ihren Geschmack verdorben haben. Große Menschen ohne Werke thun vielleicht mehr noth, als große Werke, um die man einen solchen Preis von Menschenseelen zahlen muß. Aber einstweilen versteht man kaum, was ein großer Mensch ohne große Werke ist.

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84. Schopenhauer hatte sich seinen Ruhm zu früh festgestellt und war nicht stolz genug, sich gegen seine ausgesprochenen Grundsätze weiter zu entwickeln. Er fürchtete für seinen Ruhm und zog die verhältnißmäßige Unfruchtbarkeit der Beschämung vor, sich widersprechen zu müssen.

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87. Ob man lobt oder tadelt: man fürchtet dabei. Mit dem Tadel wollen wir uns fürchten machen, mit dem Lobe wollen wir den Andern heimlich einnehmen, ihn mit uns versöhnen oder uns auf die Seite jener Macht bringen, die wir fürchten.— Aber nur das seltenste Lob, der seltenste Tadel ist ehrlich, das heißt drückt einfach unsere Furcht vor einer Person aus, sondern zumeist drücken wir unsere Furcht vor Anderen anders aus, als wir empfinden, aus Furcht vor einer zweiten Person. Gewöhnlich ist Lob und Tadel eine durch Furcht gekreuzte Furcht.

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91. Die Moralität der Männer nimmt im Leben ab; als Kinder sind wir am moralischesten, weil ohne Furcht, von Liebe umgeben und der Anmaaßung fremd. Die Moralität der Frauen, welche in ähnlichen Verhältnissen wie die Kinder zeitlebens leben, nimmt deshalb mit den Jahren eher zu, als ab.

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93. Was wir erwarten, das nennen wir recht und billig; was uns verwundert, was uns wunderbar vorkommt, das loben oder tadeln wir. Die erste Empfindung der Verwunderung ist die Furcht: Lob und Tadel ist ein Produkt der Furcht. Dagegen läßt das Rechte und Billige uns zufrieden, ist für die Empfindung neutral und entspricht der Gesundheit.— Das, was jeder von sich und Anderen erwartet in jeder Lage, also das Gewöhnliche einer ganzen Cultur, ist aber für eine andere Cultur nicht das Gewöhnliche und erregt deren Verwunderung, erweckt Lob und Tadel, und wird also jedenfalls zu stark empfunden. Die Culturen verstehen das, was zur Gesundheit der anderen gehört, nicht. Das Erwartete, das Gewöhnliche, das Gesunde, das für die Empfindung Neutrale macht den größten Theil dessen aus, was eine Cultur ihre Sittlichkeit nennt.

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94. Gesetzt, man erwartet immer das Böse, die unangenehme Überraschung, so ist man immer in feindseliger Spannung, wird für Andere unerträglich und leidet selber an der Gesundheit: solche Naturen sterben aus. Im Ganzen sind nur die zufriedeneren und hoffnungsreicheren Rassen am Leben geblieben.— Wer immer Schlimmes erwartet, wird böse, nämlich feindselig argwöhnisch unruhig; dies ist die Wirkung pessimistischer Denkweisen.

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95. Die Wissenschaft, die das Loben und Tadeln aufheben will, will das Verwundern beseitigen und die Menschen so leiten, daß sie immer das Billige und Rechte erwarten; zuletzt sollen sie, selbst wenn ein Vulcan ausbricht, sich sagen: es ist billig und gerecht, er kann ja nicht anders; was ist da zu verwundern?

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96. Wo wir fühlen, daß wir etwas mit einem Überschuß von Kraft thun, da fühlen wir uns frei; wo das Thun selber ergötzt und nicht nur um des ergötzlichen Zweckes willen gethan wird, da entsteht das Gefühl der Freiheit des Wollens: wir wollen hier zwar einen Zweck, aber der Zweck beherrscht uns nicht ganz, er giebt nur eine Gelegenheit, damit unsere Kraft mit sich spiele, wir wissen, es giebt noch viele andere Gelegenheiten dazu; weil wir den Zweck etwas beliebig und gering schätzen, so fühlen wir uns nicht als seine Sklaven, das heißt, wir fühlen uns als wollend in Bezug auf diesen Zweck, aber auch als frei vor ihm.

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99. Auf Menschen, denen viel Plötzliches begegnet, sei es von außen oder von innen her, wirkt Alles, was ruhig erwartet werden kann, humanisirend; also zum Beispiel jede Gewohnheit, welche über sie und über ihre Gesellschaft herrscht: denn das Gewohnte macht keine rasche Spannung, keine schnelle Maaßregel nöthig. Plötzliches ungestümes Handeln ist ebenso halbwildenhaft wie plötzliches ungestümes Überwunden-werden von Affekten; für solche Zustände besteht das Moralische im Gewohnten, Ruhigen, Abwartenden, Überlegenden. In anderen Zeitaltern, wo dagegen gerade ein Übermaaß von diesen Eigenschaften existirt, scheinen die Leidenschaften und ungestümen Handlungen moralischer; es ist als ob den Menschen dieser Zeiten ein Blick in die Natur dabei gegönnt wäre, so daß ihnen freier, kühner, erregter zu Muthe wird, sie halten also das Plötzliche für das humanisirende Element wie jene Früheren das Gegentheil.

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101. Giebt es Menschen, welche die Affekte bewundern, die Vernünftigkeit verachten und die moralische Werthschätzung stellen? Unter den handelnden Menschen gewiß nicht; hie und da aber wird ein Künstler die Vernünftigkeit und die Moralität nicht malerisch genug finden: er will Menschen mit starken Contrasten.

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102. Die moralischen Urtheile sind Mittel, unsere Affekte auf eine intellektuelle Weise zu entladen als dies durch Gebärden und Handlungen geschieht. Das Schimpfwort ist besser, als ein Faustschlag oder ein Anspeien; die Schmeichelei (Lob) besser, als ein Streicheln oder Lecken (Kuß); der Fluch übergiebt einem Gotte oder Geiste die Rache, die das Thier selbst gegen seinen Feind ausübt. Vermöge der moralischen Urtheile wird es dem Menschen leichter zu Muthe, sein Affekt wird entladen. Schon der Gebrauch von Formen der Vernunft bringt eine gewisse Nerven- und Muskelbeschwichtigung mit sich; das moralische Urtheil entsteht in jenen Zeiten, wo die Affekte als lästig und die Gebärden als eine zu grobe Erleichterung empfunden werden.

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103. Die plötzlichen Affekte sind das, was die Menschen auf die Dauer häßlich macht. Das Christenthum hat die plötzlichen Affekte entfesselt, folglich —

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106. Das niedere katholische Volk, das gar nichts von freiwilliger Enthaltsamkeit weiß, aber sehr viel von unfreiwilliger—weshalb es die Genüsse des Lebens anbetet—, sieht im Heiligen ein Gegenstück von Handlungsweise, von dem es nichts begreift: es glaubt an den Heiligen, quia absurdus est. In unsern protestantischen Ländern, wo gerade jetzt die moralische Erziehung fast fehlt oder ganz gedankenlos vor sich geht, hat man vor dem Heiligen einen fast gleichen Respekt; man denkt an die Asketik wie an etwas Übermenschliches und vergißt dabei, daß zu jeder antiken Moral, selbst zur epikureischen, eine Asketik gehörte.

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107. Zuerst lernt man nicht Einsichten in die Dinge und Menschen, sondern Werthurtheile über die Dinge und Menschen; diese verhindern den Zugang zur wirklichen Erkenntniß. Man müßte durch eine radikale Skepsis des Werthes erst einmal alle Werthurtheile umwerfen, um freie Bahn zu haben.

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108. Die feine höfische Cultur unter Ludwig XIV hatte in vielen Stücken den Stoicismus nöthig; viele Empfindungsstürme mußte man in’s Herz verschließen, viele Müdigkeit verhehlen, vielen Schmerz mit Heiterkeit bedecken. Unsern bequemen Mitmenschen würde diese Lebensart zu streng sein.

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109. Es ist die Art der Juden, ihre Chancen im Verhältniß zu Personen auszunützen, indem sie dicht an die Grenze derselben treten und es merken lassen, daß sie sich an der Grenze wissen. Dies macht sie zudringlich; wir alle wollen ja unnahbar sein und unbegrenzt erscheinen; die Juden wirken diesem phantastischen Unfaßbar-sein-wollen bei Einzelnen und bei Nationen entgegen und werden dafür sehr gehaßt.

3 [57]

110. Erkenntnißtheorie ist die Liebhaberei jener scharfsinnigen Köpfe, die nicht genug gelernt haben und welche vermeinen, hier wenigstens könne ein Jeder von vorne anfangen, hier genüge die “Selbstbeobachtung.”

3 [58]

113. Wenn wir das Gute, das wir einem Besitze verdanken, bei allem Bemühen, es zu überschauen, nicht mehr zu überschauen vermögen, so entsteht Liebe: ein Überströmen gegen etwas Unbegrenztes; es fehlt ihr die Kenntniß des ganzen Werthes einer Sache oder Person, weil keine Wage groß genug ist zu fassen. Man bringt alles Höchste, das man kennt, zur Vergleichung heran; lieben wir, so denken wir fortwährend an alles Höchste aller Art, und weil es immer zugleich mit dem geliebten Gegenstande einfällt, so verwechseln wir es auch wohl mit ihm.

3 [59]

114. Anstatt zu wünschen, daß Andere uns so kennen wie wir sind, wünschen wir, daß sie so gut als möglich von uns denken; wir begehren also, daß die Anderen sich über uns täuschen: das heißt wir sind nicht stolz auf unsere Einzigkeit.

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115. Die Verkümmerung vieler Menschen hat darin ihren Grund, daß sie immer an ihre Existenz in den Köpfen der Anderen denken, das heißt sie nehmen ihre Wirkungen ernst und nicht das, was wirkt: sich selber. Unsere Wirkungen aber hängen von dem ab, worauf gewirkt werden muß, stehen also nicht in unserer Gewalt. Daher so viel Unruhe und Verdruß.

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116. Trübe und bittere Gedanken sind ohne physiologische Ursachen gar nicht möglich. Um der große Ankläger der Zeit oder des ganzen Lebens zu werden, muß unsere Leber dazu präparirt sein.

3 [62]

117. Unsere ersten leidenschaftlichen Entscheidungen für oder gegen, mit denen wir in der Jugend unserem Lebenskahne die Richtung geben, sind gewöhnlich die Beweise für schlechte Erziehung, unreifen Geschmack und den Mangel an Nachdenken, in dem wir bis dahin gelebt haben.

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121. Das große volle offene Auge hat der, welcher gewohnheitsmäßig viel auf einmal überschauen will, also das Kind, welches oft erstaunt ist, der Liebende, der all sein Glück mit seinem Blicke umspannen möchte, der Denker, der viele wichtige Dinge vor sich hat und sie ordnen will; Andere, welche viel an kleine Dinge denken, haben das verkleinerte scharfe Auge, sie wollen möglichst genau sehen, als ob sie den Bewegungen eines Insektes folgten, so auch der Argwöhnische. Der Schrecken blickt groß, weil in ihm Erstaunen ist, die Furcht wechselt die Richtung des scharfen Blickes sehr schnell, unruhig darüber, woher die Gefahr kommt.

3 [64]

122. Unsere Werthschätzungen bestimmen unsere Lebensweise (Aufenthalt, Beruf, Umgang usw.), und unsere Lebensweise bestimmt, wie sehr oder wie wenig wir einen Schmerz oder eine Lust fühlen, nicht nur im Feineren und Geistigsten, sondern bis auf ’s Körperlichste herab. Wer die Werthschätzungen verändert, verändert mittelbar auch die Lust- und Unlust-Arten und -Grade der Menschen.

3 [65]

123. Zu den Trostmitteln der leidenschaftlichen und ungebändigten Charaktere gehört die Tragödie; sie räth an, Ruhe und innere Freiheit nur jenseits der Welt zu erwarten—damit beseitigt sie vorübergehend die moralische Unzufriedenheit solcher Naturen mit sich, denn sie scheint zu sagen: das Unmögliche nicht zu vermögen, sollte keinen Kummer machen.

3 [66]

125. Alles, was wir jetzt unmoralisch nennen, ist irgendwann und irgendwo einmal moralisch gewesen. Was bürgt dafür, daß es seinen Namen nicht noch einmal verändert?

3 [67]

128. Es giebt eine komische Definition des Komischen: es soll, nach Vinet, die Naivetät der Sünde sein.

3 [68]

129. Die Gesellschaft muß ihrer so sicher werden, daß sie eine leidliche Summe Verbrechen ertragen kann, ohne im Ganzen dadurch gestört zu werden; ebenso muß der Staat so klug und dauerhaft begründet sein, daß viel Ungeschick und Thorheit seiner Diener ihm nicht wesentlich schädlich wird.

3 [69]

130. Die moralische Beurtheilung der Menschen und Dinge ist ein Trostmittel der Leidenden, Unterdrückten, innerlich Gequälten: eine Art Rache-nehmen.

3 [70]

131. Ein Jahrtausend lang war es den freisinnigsten Geistern nicht möglich, sich eine unreligiöse Denkungsart vorzustellen; jetzt besitzen wir dieselbe, sind aber wiederum außer Stande, uns eine außermoralische Denkungsart vorzustellen; spätere Menschen werden vielleicht auch diese haben.

3 [71]

132. Die Wissenschaft giebt fortwährend Gebote, zum Beispiel für die Gesundheit und Erziehung: sie begründet sie mit Hinweisung auf die schädlichen Folgen von deren Vernachlässigung: so begründeten auch die früheren Gesetzgeber der Moral ihre Gebote, nur daß die Folgen von deren Vernachlässigung nicht die Wirkungen aus den natürlichen Ursachen, sondern willkürliche Strafakte Gottes sein sollten. Die volksthümliche Moral kennt in Hinsicht auf die Folgen der Handlungen die natürliche Causalität nicht, sondern nur das Wunder.

3 [72]

133. Für wen nicht die landläufigen Vorurtheile anfangen paradox zu klingen, der hat noch nicht genug nachgedacht.

3 [73]

134. Es ist zu bedauern, daß Jesus Christus nicht länger gelebt hat, er wäre vielleicht der erste Renegat seiner Lehre geworden, vielleicht hätte er dann auch noch das Lachen gelernt und weniger oft geweint.

3 [74]

135. Die Trostmittel, welche sich Bettler und Sklaven ausdenken, sind Gedanken aus schlechtgenährten, müden oder überreizten Gehirnen; darnach ist das Christenthum und die socialistische Phantasterei zu beurtheilen.

3 [75]

136. Erstens: die Strafe aus der Welt zu schaffen; zweitens: die Sünde aus der Welt zu schaffen; drittens: das moralische Messen und Wägen aus der Welt zu schaffen.

3 [76]

137. Es scheint, daß viele Verbrechen aus derselben Kraft stammen, aus der die pessimistische Denkweise stammt; sie sind die Entladung dieser Kraft in Handlungen.

3 [77]

138. Wieviel Krankheit giebt es noch! Wieviel Erschöpfung durch übermäßige Anstrengung! Wieviel böse Langeweile!—und in all diesen Zuständen wird gedacht und geurtheilt, über sich selber, über die Mitmenschen, über den Werth alles Daseins. Folglich: wieviel Pessimismus muß es geben!

3 [78]

139. Wie? die Wahrheit sei einfach?—der Wahrhafte ist einfach, aber die Wahrheit ist sehr, sehr complicirt.

3 [79]

140. In den außergewöhnlichsten Zuständen meint sich der Mensch der Wahrheit näher, in den höchsten Erregungen schreibt er sich übermenschliche Fähigkeiten zu—und doch sind solche Zustände und Erregungen für die Erkenntniß einer Sache am wenigsten geeignet, wohl aber sieht er da Visionen, Gespenster, siebente Himmel und höllische Abgründe. Daher die Religion, daher die meiste Metaphysik—. Und mit diesen Ausgeburten der halben Verrücktheit hätte die Wissenschaft nöthig, sich zu versöhnen!

3 [80]

141. Wir haben die wilden Thiere vergessen: es gab Jahrtausende, da die Menschen wachend und schlafend an sie dachten.

3 [81]

143. In der Zukunft wird es geben: 1. zahllose Anstalten, in welche man sich zeitweilig begiebt, um seine Seele in Cur zu nehmen; hier wird der Zorn bekämpft, dort die Wollust usw.; 2. zahllose Mittel gegen die Langeweile; zu jeder Zeit wird man Vorleser hören können und dergleichen; 3. Feste, in welchen viele einzelne Erfindungen zum Gesammtzweck des Festes vereinigt sind, denn die, welche ein Fest feiern, müssen am Feste mit erfunden haben; 4. es werden sich Einzelne und ganze Gruppen geloben, niemals gerichtliche Hülfe in Anspruch zu nehmen.

3 [82]

145. Die Summe von Geist, welche die Menschen auf Bekämpfung der Übel verwenden, fehlt ihnen zur Erfindung der Freude; deshalb brachte es die Menschheit im Ganzen bis jetzt nicht höher, als bis zu Trostmitteln; endlich gelingt es vielleicht der Wissenschaft, die Ungeheuer zu vernichten und zu allerletzt wird sie auch noch die Trostmittel vernichten müssen, welche in der langen Zeit ihrer Existenz selber zu Ungeheuern geworden sind.

3 [83]

146. Pessimistische Vorstellungen hemmen den Ausdruck der Gebärden, empfehlen die Verstellung, namentlich die der schrecklichen Verzerrung (um Furcht zu erregen), sie heißen die erregte Seele in der Sprache nicht hörbar werden lassen, kurz sie verhäßlichen den Menschen in Gebärde und Laut.

Die Verachtung ebenso wie die Furcht machen häßlich.

3 [84]

148. Was jetzt die Bildung fordert, unsere Gemüthsbewegungen nicht auszudrücken, ist die lange Folge der Furcht: die Menschen sollen nicht sehen, was in uns vorgeht, wobei vorausgesetzt wird, daß es immer etwas Schlimmes ist oder daß wir damit unseren Feinden gute Gelegenheiten geben. Die höfische Verstellung, der Stoicismus in einem festgehaltenen artigen Gebärdenspiel geht von bösen Voraussetzungen über die Mitmenschen aus: sie sollen uns nicht kennen lernen, es wäre unser Schade.

3 [85]

149. Damit man nicht den Art erhaltenden Trieb, das Verhalten der Eltern zu ihren Jungen, irrthümlich als den Anfang einer ganz neuen Kette von Motiven ansehe, der sogenannten unegoistischen, möge man sich diese Hypothesen vorlegen: die niedrigste Form des Art erhaltenden Triebes zeigt sich darin, daß einige Fischarten bei ihren Eiern Wache halten und Feindliches abwehren. Ich vermuthe hier, wie in anderen Fällen der Thierwelt, halten die Eltern die Eier und die Jungen für eine Nahrung, welche man aufbewahren und schützen müsse; in vielen Fällen leben auch die Thiere davon. Diejenigen Gattungen, welche am stärksten für diese Art Nahrung gesorgt und gewacht haben, haben die beste Aussicht, sich fortzupflanzen, und die Gewohnheit, für die Eier und die Jungen zu sorgen, vererbt sich immer stärker, zuletzt als für sich mächtiger Trieb, bei dem das erste Motiv vergessen ist.

3 [86]

150. Das Mitgefühl nimmt zu, wenn freudige Empfindungen sein überwiegendes Resultat sind; es nimmt ab, wenn es mehr Schmerzen, als Freude davonträgt. Bei dem beständigen Anblick von Leidenden sinkt das Mitleid beständig, aber man wird um so empfindlicher gegen fremdes Leid je mehr man Mitfreude hat.— Die mitleidigsten Menschen sind solche, welche viel innere Freude haben, ihnen thut alles Widersprechende wehe; Unglücks- und Kriegsmenschen sind hart.

3 [87]

151. Wer hat denn die Welt so gefärbt, so in diese Gluthlichter getaucht? Das waren die Menschen der geistigen Convulsionen, der äußersten Schrecken und Entzücken, der tiefsten Niedergeschlagenheit: Medicinmänner, Tragiker, Heilige usw.; vor ihnen hatte man Furcht; man glaubte ihnen, weil sie es wollten, denn sie waren schrecklich.

3 [88]

152. Thiere gleicher Art schonen sich vielfach gegenseitig, nicht aus einem wunderbaren Instinkte des Mitgefühles, sondern weil sie bei einander gleiche Kraft voraussetzen und sich als unsichere Beute betrachten; sie versuchen es, von Thieren anderer Art zu leben und sich ihrer zu enthalten. Daraus bildet sich die Gewöhnung, von einander abzusehen und endlich Annäherung und dergleichen. Schon die Absicht, Weibchen oder Männchen an sich zu locken, kann die Thiere bestimmen, in Hinsicht auf ihre Art nicht schrecklich zu erscheinen, sondern harmlos. In ritterlichen Zeitaltem wird der Mann um so artiger und huldvoller gegen alle Frauen, je stolzer und furchtbarer er gegen alle Männer erscheint; nur so lockt er das Weibchen.

3 [89]

153. Jenes ausschweifende und phantastische Pathos, mit dem wir die seltsamsten Handlungen abgeschätzt haben, macht sich bezahlt mit der absurden Gleichgültigkeit und Verachtung, welche wir gegen unscheinbare und alltägliche Handlungen richten. Wir sind die Narren der Seltenheit und haben unser täglich Brod dadurch entwerthet.

3 [90]

154. Die Meisten haben allein Geist, wenn sie in kriegerischer Verfassung sind, bei Angriff, Furcht, Vertheidigung, Rache; dafür verfallen sie, sobald dieser Zustand nachläßt, in die Dumpfheit. Es gehört sehr viel Geist dazu, im Wohlbefinden noch davon übrig zu haben.

3 [91]

155. Was Dasein hat, kann nicht zum Dasein wollen; was kein Dasein hat, kann es auch nicht. Also giebt es keinen Willen zum Dasein. Es ist dies eine schlechte und widersinnige Wörterzusammenstellung. Wohl wäre zu verstehen: Wille zu einem längeren, oder höheren, oder anderen Dasein.— Wille ist die Vorstellung eines werthgeschätzten Gegenstandes verbunden mit der Erwartung, daß wir uns seiner bemächtigen werden. “Struggle for existence”?

3 [92]

156. Wenn nicht das alte jus talionis noch fortwirkte, so würde man gewiß nicht gerade den Mörder hinrichten, sondern nach dem Satze, daß die Ehre mehr werth ist, als das Leben, viel eher den Ehrenräuber, den Verleumder. Ebenso ist schmerzhafte Verstümmelung und Ähnliches ein viel schwereres Leiden als das Sterben; folglich wäre der Grausame eher hinzurichten, als der Mörder, insgleichen der gewissenlose Arzt, Hebamme usw. Endlich, insofern der Urheber vieler Tode unheilvoller ist, als der Mörder, so müßten alle Fürsten, Minister, Volksredner und Zeitungsschreiber, durch welche ein Krieg erregt und befürwortet worden ist, hingerichtet werden; ich meine natürlich die ungerechten Kriege, aber man wird mir sagen, daß es keine ungerechten Kriege giebt.

3 [93]

157. Die moralischen Vorschriften stammen aus Zeiten, in welchen man die Natur, die Völker und Menschen viel weniger kannte, als jetzt. Unwissenheit und falsche Voraussetzungen sind durch die feierliche Unantastbarkeit, in der die Moral lebt, mitheiliggesprochen.

3 [94]

158. Wenn man sagt: dies ist nützlich, jenes ist schädlich, so muß dieser Satz sich in seinen Folgen beweisen, das heißt er wird fortwährend geprüft und je nachdem verfeinert oder verworfen. Sagt man dagegen: dies ist sittlich—so glaubt man etwas gesagt zu haben, das durch seine Folgen nicht bewiesen zu werden braucht, ja nicht bewiesen werdet kann. Deshalb hält sich das Schädliche unter der Aufschrift “sittlich” so lange aufrecht.

3 [95]

159. Manche allzuängstliche Staatsmänner mögen thun, was sie wollen, es bleibt immer ein Flecken an ihnen haften: wie Manche nicht ein Ei aufschlagen können, ohne sich schmutzig zu machen.

3 [96]

160. Das Leben für die Zukunft—das ist eine Folge der Moral, bei der das ganze Leben, das heißt die Summe aller gegenwärtigen Momente, eine Thorheit und Jagd und Unannehmlichkeit wird. Das Leben für die Anderen—eine Folge der Moral, bei der die Anderen willkürlich gemaaßregelt werden und der Mensch selber allen seinen Verstandes- und Herzensschwächen um seines guten Zieles willen ohne Bedenken nachhängt.

3 [97]

161. Inwiefern hat die Moral schädlich gewirkt? Insofern sie den Körper verachtete, im Asketismus der Pflicht, des Muthes, des Fleißes, der Treue usw. Namentlich in jenem mit Religion verquickten Kanon, daß Sich-Freuden-bereiten der Gottheit unangenehm, Sich-Leiden-bereiten ihr angenehm sei. Man lehrte, zu leiden, man rieth ab, sich zu freuen,—in allen Moralen (die des Epikur ausgenommen), das heißt die Moral war bisher ein Mittel, die physiologische Grundlage des Menschen in ihrer Entwicklung zu stören—an der Schwäche der Moral lag es, daß sie diese Grundlage nicht zerstört hat; sie war ein furchtbarer Würfel im großen Würfelspiel.— Wir müssen das Gewissen verlernen, wie wir es gelernt haben.— Im Ganzen war die große erhaltende Kraft, welche gegen die Moral das Übergewicht behauptete, das, was sie das Böse nannten, das Streben des Individuums, sich ohne Rücksicht auf Lehren selbst zu behaupten, sich wohl zu fühlen, sein Vergnügen zu suchen, die näheren Bedürfnisse den entfernteren unterzuordnen, während die Moral diese nicht nur als höhere und niedere Bedürfnisse unterscheidet, sondern die letzteren verachten und oft verdammen lehrt (die sogenannten sinnlichen Freuden).

3 [98]

162. Je mehr das Gefühl der Einheit mit den Mitmenschen überhand nimmt, um so mehr werden die Menschen uniformirt, um so strenger werden sie alle Verschiedenheit als unmoralisch empfinden. So entsteht nothwendig der Sand der Menschheit: Alle sehr gleich, sehr klein, sehr rund, sehr verträglich, sehr langweilig. Das Christenthum und die Demokratie haben bis jetzt die Menschheit auf dem Wege zum Sande am weitesten gefahren. Ein kleines, schwaches, dämmerndes Wohlgefühlchen über Alle gleichmäßig verbreitet, ein verbessertes und auf die Spitze getriebenes Chinesenthum, das wäre das letzte Bild, welches die Menschheit bieten könnte? Auf der Bahn der bisherigen moralischen Empfindung unvermeidlich. Es thut eine große Überlegung noth, vielleicht muß die Menschheit einen Strich unter ihre Vergangenheit machen, vielleicht muß sie den neuen Kanon an alle Einzelnen richten: sei anders, als alle übrigen und freue dich, wenn Jeder anders ist, als der Andere; die gröbsten Unthiere sind ja unter dem Regimente der bisherigen Moral ausgetilgt worden—es war dies ihre Aufgabe; wir wollen nicht gedankenlos unter dem Regimente der Furcht vor wilden Thieren weiterleben. So lang, allzulang hieß es: Einer wie Alle, Einer für Alle.

3 [99]

163. Bei Allem, was geschieht, sagen: Gott würde es nicht zulassen, wennn es mir nicht zuträglich wäre—an dieser himmlischen Kinderei hätte die Menschheit schon mehrere Male zu Grunde gehen können. Glücklicherweise gab es immer Menschen, die nicht christlich genug waren, um sich so kindlich zu beruhigen.

3 [100]

164. Wenn das allgemeine Glück das Ziel jeder einzelnen Handlung sein sollte, so müßte der Einzelne darauf verzichten, in seinem Leben eine einzige Handlung wirklich zu thun: die Überlegung, ob sein Vorhaben wirklich dem höchsten Wohle aller gegenwärtigen und zukünftigen Menschen entsprechen werde, würde sein ganzes Leben verzehren. Das Christenthum bezeichnete den Nächsten als den Zielpunkt unserer Handlungen und überließ es Gott, zu bestimmen, wer unsere Nächsten werden sollten; wem dieser religiöse Ausweg nicht offen steht, müßte doch sagen: ich will mir in Bezug auf die Handlungen, die ich thue, doch nicht jeden beliebigen Nächsten als Objekt gefallen lassen, sondern die suchen, zu denen meine Handlungen am meisten passen, denen sie wirklich nützen können. Dazu freilich müßte man seinen Nächsten so gut wie sich kennen lernen, und das könnte wieder das ganze Leben verzehren.

3 [101]

165. Vorschriften, wie gehandelt werden soll, sind um so indiskutabler, je mehr die Einsicht der Handelnden unter der des Vorschreibenden steht. Da außer ihm niemand genau weiß, welche Folgen er von den Handlungen erwartet, so sind auch jene Folgen, welche sich thatsächlich aus den Vorschriften ergeben, indiskutabel. So stellt sich der religiöse Mensch zu Gottes Gebot, der moralische Mensch zum Sittengesetz—eine Erbschaft aus Zeiten, in denen es einen Häuptling und blind gehorchende Anhänger gab, welche in ihm ihre Vernunft sahen und ohne ihn keine hatten.

3 [102]

166. Der metaphysische Pessimist, der das Vergnügen und die Sicherheit flieht und dem Unglück und Leiden den höchsten Werth beimißt—nämlich über den Unwerth des Lebens aufzuklären—, wie dürfte er Mitleiden haben, wenn ein Anderer leidet? Er dürfte sich darüber nur freuen, wie er gleichfalls das Mitleiden zurückzuweisen hätte, wenn er in Noth wäre; andererseits würde er, wenn er den Anderen in der Freude fände, Leid über ihn empfinden und ihm die Freude zu vergällen suchen,—so sollte Schopenhauer’s praktische Moral klingen. Das Mitleiden, wie es Schopenhauer schildert, ist, von seinem Standpunkte aus, die eigentliche Perversität, die gründlichste aller möglichen Dummheiten.

3 [103]

168. Ich weiß nicht zu erklären, wie es kommt, daß die Juden von allen Nationen die sittliche Erhabenheit auf ’s Höchste gebracht haben, im Theoretischen wie im Praktischen. Nur ihnen ist ein Jesus von Nazareth gelungen; nur ihnen ein heiliger Gott, nur ihnen die Sünde an ihm. Dazu der Prophet, der Erlöser—das sind ihre Erfindungen.

3 [104]

169. Was die Römer an den Juden haßten, das war nicht die Rasse, sondern eine von ihnen beargwöhnte Art des Aberglaubens und namentlich die Energie dieses Glaubens (die Römer, wie alle Südländer, waren im Glauben lässig und skeptisch, und nahmen nur die Gebräuche streng). Dasselbe ist ihnen an den Juden anstößig was ihnen an den Christen anstößig ist: der Mangel an Götterbildern, die sogenannte Geistigkeit ihrer Religion, eine Religion, die das Licht scheut, mit einem Gott, der sich nicht sehen lassen kann, dies erweckte Argwohn, noch mehr das, was man vom Osterlamm munkelte, vom Essen des Leibes, Trinken des Blutes und dergleichen.— In summa: die Menschen der Bildung damals meinten, Juden und Christen seien heimliche Kanibalen. Dann traute man ihnen zu, verrücktes Zeug ehrlich zu glauben, das jüdische und christliche Maaß im Glauben-können war den Römern verächtlich; der Jude in Christus war es, der vor allem Glauben forderte; die Gebildeten jener Zeit, vor denen alle philosophischen Systeme einander in den Haaren lagen, fanden dieses Glauben-fordern unausstehlich. “Credat Judaeus Apella” (Horaz).

3 [105]

170. Das Christenthum hält 1. eine fundamentale Verbesserung des Menschen für möglich ohne Verbesserung ihres Wissens, ohne Verbesserung ihrer gesellschaftlichen Zustände; 2. es will Enthaltung von der Welt, aber nicht Förderung der Welt; 3. es zieht Leid und Trübsal vor, und erweckt Argwohn gegen das Wohlbefinden; 4. es zieht den Glauben dem Wissen und die Unbegreiflichkeit dem Verständniß vor und macht argwöhnisch gegen die Vernuft; 5. es beachtet Geschlecht, Stand, Volk nicht, diese Unterscheidungen sind ihm unwesentlich; wenn aber mit diesen Unterscheidungen Nothstände verbunden sind, so findet es die Aufrechterhaltung der Unterschiede wünschenswerth, um der Nothstände und ihrer Heilswirkungen halber; 6. es setzt die tiefe Verderbtheit aller Dinge und Menschen voraus und sieht den Untergang als bevorstehend an; es will diesen Untergang nicht aufhalten, es will die Welt sich möglichst verleiden.— Dächte man sich das Christenthum, in seiner ganzen Stärke aufgefaßt, als herrschend, dächte man sich, daß keine Kräfte dagegen wirken, so würde es in kurzer Zeit den Untergang des Menschengeschlechtes herbeiführen: es nimmt den Menschen die Gesundheit, die Freude, das Zutrauen, die Absichten für die Zukunft der Welt (also die Thätigkeit). Diese Consequenz geben einige Kirchenväter zu: sie sehen hier keinen Vorwurf und Einwand.

3 [106]

172. Das christliche Mitleid, ganz verschieden von dem der Inder und ihres Jüngers Schopenhauer, entsteht in Hinsicht auf die ewige Verdammniß des Anderen, auf die Ungnade Gottes, auf den Mangel an Glauben, auf die Freude am Weltlichen, auf die Fülle von teuflischem Trug, welche den Nicht-Christen, zum Beispiel den ungetauften Barbaren, ihm unbewußt, umringt: es ist ein Erbarmen über den Anschein von Glück oder über den Irrthum, mit welchem der Andere sein Unglück bejammert, Mitleid mit Unwissenheit und Irrthum also, nicht mit Schmerz—also eigentlich nicht Mit-Leid.

3 [107]

173. Fast überall auf Erden, wo eine Kirche, ein Tempel steht oder stand, hat sich einmal ein Wunder begeben, das heißt der Pilz der sakralen Baukunst schießt überall dort auf, wo religiösen Menschen ein kleiner Irrsinn begegnete. Hat man je schon an einem Orte gebaut, wo einem Menschen eine große Wahrheit zuerst aufleuchtet? wahrscheinlich nicht; aber warum auch, eine solche Wahrheit will kritisirt, nicht angebetet sein.

3 [108]

175. Der Dichter scheint fortwährend Zugänge zu einer neuen oder besseren Erkenntniß von Natur und menschlichen Dingen zu eröffnen: bevor man noch recht begriffen hat, daß was hier so aufregend winkt, ein Irrlicht ist, gaukelt schon wieder ein anderes vor den Sinnen. Die Vergleichungen, die Metaphern des Dichters sind von ihm durchaus nicht als solche gegeben, sondern als neue, bisher unerhörte Identitäten, vermöge deren ein Reich der Erkenntniß sich zu eröffnen scheint. Je weniger noch darüber fest steht, was in der Natur wirklich wahr und erwiesen ist, um so stärker ist die Wirkung des Dichters, um so größer seine Schauspielerkunst, zeitweilig den Ergründer der Natur zu repräsentiren. Die Frage, wie weit etwas, das ein Dichter sagt, wahr ist, ist eine Pedanterie. Aller Werth liegt gerade darin, daß es nur einen Augenblick wahr scheint, und dies gilt von seiner gesammten Weltbetrachtung, seiner moralischen Ordnung, seinen moralischen Sentenzen ebenso sehr wie von seinen Gleichnissen, seinen Charakteren, seinen Geschichten. Eine ernsthafte, der Wissenschaft zugehörige Meinung damit bekräftigen wollen, daß irgend ein Tragiker etwas Ähnliches gesagt hat, ist eine Albernheit: Dichter haben in Dingen der Erkenntniß immer Unrecht, weil sie als Künstler täuschen wollen und als Künstler gar nicht das Bestreben nach höchster Wahrhaftigkeit verstehen; sagen sie zufällig etwas Wahres, so ist ihre Autorität nicht geeignet, Glauben, sondern Mißtrauen zu erwecken. Es ist ein solcher Genuß, daß der erkennen wollende Trieb auch einmal mit sich spielt und von einem Zweige zum andern hüpft, mit reizenden Tönen und bunten Federchen geschmückt—und wir sollten Narren sein und da ein Orakel erwarten, wo ein Vogel singt und tirilirt!

3 [109]

176. Hier wird eine Handlung geschätzt, weil sie dem Handelnden schwer fällt, dort eine andere, weil sie ihm leicht fällt, dort eine, weil sie selten ist, dort eine, weil sie nach der Regel ist, dort eine, weil der Beurtheilende sie bei sich für unmöglich hält, dort eine, weil der Beurtheilende sie überhaupt für unmöglich hält (ein Wunder), dort eine, weil sie für nützlich gilt, dort eine, weil sie keine Rücksicht auf Nutzen zeigt, dort eine, weil der Mensch so für sein bestes Heil sorgt, dort eine, weil er nicht dabei für sich sorgt, dort, weil sie Pflicht ist, dort, weil sie Neigung ist, dort, weil sie ohne Neigung gethan wird, dort, weil sie Instinkt ist, dort, weil sie hellste Vernunft ist—und alles das heißt man gelegentlich sittlich! Man handhabt jetzt die Maaßstäbe der verschiedensten Culturen zugleich und vermag durch diese beinahe jedes Ding als sittlich oder als unsittlich abzuschätzen, wie man eben will, das heißt je nach unserm guten oder bösen Willen gegen die Mitmenschen oder gegen uns selbst; die Moral ist jetzt die große Topik des Lobens und Tadelns—, aber warum immer loben und tadeln? Könnte man sich dessen entschlagen, so hätte man auch die große Topik nicht mehr nöthig.

3 [110]

177. Der trübe Ernst, die Spannung und die Furcht sind allen Leidenschaften gemeinsam: es ist in ihnen kein Überschuß von Leben, ja es scheint, als ob nicht genug davon vorhanden sei.

3 [111]

179. Jetzt sucht man vor allem das Menschenleben zu erhalten: dies giebt unserer Cultur den Anstrich der Feigheit und der Alten-Manns-Gier nach langem Leben; ehemals, wo man das Leben viel zufälliger verlieren konnte, als jetzt, gehörte es zum Wesen der Tugend, daß man das Leben leicht wegwarf und sehr viele Dinge für höher im Preise hielt.

3 [112]

180. Das moderne Leben will so sehr wie möglich vor allen Gefahren geschützt sein: mit den Gefahren aber geht viel Munterkeit, Übermuth und Anregung verloren, unsere groben Remeduren sind Revolutionen und Kriege.

3 [113]

181. Mit dem Almosen unterhält man den Zustand, der als Motiv des Almosens wirkt, man giebt also nicht aus Mitleiden, denn dieses würde den Zustand nicht unterhalten wollen.

3 [114]

181. Der Kraftüberschuß sucht den Kampf und wird darin böse; das Bösesein ist aber hier doch nur Mittel (zum Zweck der Entladung) und deshalb harmloser, als beim Schwachen, der böse ist, um weh zu thun.

3 [115]

183. Will man behaupten, daß der Germane für das Christenthum vorgebildet und vorbestimmt gewesen sei, so darf es Einem nicht an Unverschämtheit fehlen, denn das Gegentheil ist nicht nur wahr, sondern auch handgreiflich. Woher sollte auch die Erfindung zweier ausgezeichneter Juden, des Jesus und des Saulus, der zwei jüdischesten Juden, die es vielleicht gegeben hat, gerade die Germanen mehr anheimeln, als andere Völker? (Beide meinten, das Schicksal jedes Menschen und aller Zeiten, vorher und nachher, nebst dem Schicksal der Erde, der Sonne und der Sterne, hänge von einer jüdischen Begebenheit ab: dieser Glaube ist das jüdische Non plus ultra.) Wie reimt sich die höchste moralische Subtilität, welche ein Rabbiner- und nicht ein Bärenhäuter-Verstand so geschärft hat, und welcher die Erfindung des heiligen Gottes und der Sünde an ihm zuerst gelungen ist, das Gefühl der Unfreiheit und Knechtschaft in einem grenzenlos ehrsüchtigen Völkchen, sein Ausschauen nach dem Erlöser und Vollender aller Hoffnungen, die priesterliche Hierarchie und das volksthümlichere Asketenthum, die überall fühlbare Nähe der Wüste, und nicht die des Bärenwaldes,—wie reimt sich dies alles zum faulen, aber kriegerischen und raubsüchtigen Germanen, zum sinnlich kalten Jagdliebhaber und Biertrinker, der es nicht höher als bis zu einer rechten und schlechten Indianer-Religion gebracht hat und Menschen auf Opfersteinen zu schlachten noch vor zehnhundert Jahren nicht verlernt hatte?

3 [116]

184. Nicht die Sittenverderbniß—diese beschränkte sich auf fünf bis zehn Städte des ungeheuren Reiches—, sondern die Ermüdung, welche überall eintrat, weil man am Ziele zu sein glaubte, in Betreff der Cultur und der staatlichen Formen, führte die alte Welt in die Schlinge des Christenthums; die Menschen wollen lieber untergehen, als sich am Ende wissen, das Ausleben als einziger Zweck des Lebens ist ihnen ein unerträglicher Gedanke; man war seiner selbst und der Welt müde: das Christenthum machte Alles wieder interessant, indem es alle Werthurtheile umdrehte und hinter das Ende aller Dinge ein Gericht setzte.

3 [117]

185. Das Christenthum erscheint als eine epidemische Panik; es war prophezeit worden, daß in Kürze die Erde untergehen würde. An den Gedanken dieser furchtbaren Gefahr rankten sich benachbarte Gedanken an,—Untergang warum? um unserer Sünden halber? also vielleicht ein Gericht? und wo ein Fürsprecher? usw. Zuletzt erschien es als das allgemein Rathsamste, in gewohnter antiker Weise vor die Richtstätte zu treten, das heißt in dem denkbar erbärmlichsten und mitleiderweckendsten Zustande. Dieses Bild des antiken Angeklagten halten später die Anachoreten fest,—sie wollen jeden Augenblick bereit sein und die Vorstellung des plötzlich hereinbrechenden Gerichtes ließ sie Alles ersinnen, wodurch ein Mensch bejammernswürdig erscheint; Gott solle es, wie ein römischer Prätor, nicht aushalten, ein so verkümmertes und entsetzlich leidendes Wesen als schuldig zu behandeln. Das Christenthum kennt nur den würdelosen Schuldigen.

3 [118]

187. Der Dichter läßt den erkennenwollenden Trieb spielen, der Musiker läßt ihn ausruhen,—sollte wirklich Beides neben einander möglich sein? Sind wir ganz der Musik hingegeben, so giebt es keine Worte in unserem Kopfe,—eine große Erleichterung; sobald wir wieder Worte hören und Schlüsse machen, das heißt sobald wir den Text verstehen, ist unsere Empfindung für die Musik oberflächlich geworden: wir verbinden sie jetzt mit Begriffen, wir vergleichen sie mit Gefühlen und üben uns im symbolischen Verstehen,—sehr unterhaltend! Aber mit dem tiefen seltsamen Zauber, der unsern Gedanken einmal Ruhe gab, mit jener farbigen Dämmerung, welche den geistigen Tag einmal auslöschte, ist es vorbei.— Sobald man freilich die Worte nicht mehr versteht, ist Alles wieder in Ordnung: und dies ist glücklicherweise die Regel; immerhin sind billigerweise schlechte Texte den besseren vorzuziehen, weil sie kein Interesse auf sich lenken und überhört sein wollen.— Die Oper will die Augen zugleich beschäftigen, und weil bei der großen Menge die Augen größer sind, als die Ohren, was viel sagen will, so richtet sich die Musik der Oper nach den Augen und begnügt sich, charakteristische Fanfaren zu blasen, sobald etwas Neues zu sehen ist,—Anfang der Barbarei.

3 [119]

189. Ein Mädchen, das ihre Jungfernschaft hingiebt, ohne daß der Mann feierlich vorher vor Zeugen geschworen hat, das ganze Leben nicht mehr von ihr zu lassen, gilt nicht nur für unklug: man nennt sie unsittlich. Sie folgte nicht der Sitte, sie war nicht nur unklug, sondern auch ungehorsam, denn sie wußte, was die Sitte gebietet. Wo die Sitte nicht so gebietet, wird das Betragen eines Mädchens in jenem Falle auch nicht als unsittlich bezeichnet, ja es giebt Gegenden, wo es sittlich genannt wird, seine Jungfernschaft vor der Ehe zu verlieren.— Also den Ungehorsam trifft der Kern des Vorwurfs, dieser ist unsittlich; ist dies genug? Ein solches Mädchen gilt als verächtlich,—aber welche Art des Ungehorsams ist es, die man verachtet? (Die Unklugheit verachtet man nicht.) Man sagt von ihr: sie konnte sich nicht beherrschen, deshalb war sie ungehorsam gegen die Sitte; man verachtet also die Blindheit der Begierde, das Thier im Mädchen. Insofern sagt man auch: sie ist unkeusch—denn damit kann ja nicht gesagt sein, daß sie das thut, was die ehelich angetraute Gattin auch thut, und welche man deshalb doch nicht unkeusch nennt.— Die Sitte fordert demnach, daß die Unlust des unbefriedigten Bedürfnisses ertragen werde, daß die Begierde warten könne. Unsittlich heißt also hier, eine Unlust trotz des Gedankens an die vorschriftengebende Macht nicht ertragen können. Es soll ein Gefühl durch einen Gedanken niedergerungen werden, genauer: durch den Gedanken der Furcht (sei dies die Furcht vor der heiligen Sitte oder vor der Strafe und Schande, welche die Sitte androht). An sich ist es nun keineswegs schimpflich, sondern natürlich und billig, daß ein Bedürfniß sofort befriedigt werde; somit liegt das eigentlich Verächtlich ein jenem Mädchen in der Schwäche ihrer Furcht. Sittlich sein heißt: in hohem Grade der Furcht zugänglich sein; Furcht ist die Macht, von welcher das Gemeinwesen erhalten wird.— Erwägt man andererseits, daß jedes ursprüngliche Gemeinwesen in anderen Stücken auf ’s Höchste gerade die Furchtlosigkeit seiner Mitglieder nöthig hat, so ergiebt sich, daß, was im Falle des Sittlichen schlechterdings gefürchtet werden soll, im höchsten Grade furchtgebietend sein muß, deshalb hat sich die Sitte überall als göttlichen Willen eingeführt und sich unter die Furchtbarkeit von Göttern und dämonischen Strafmitteln zurückgezogen: so daß unsittlich sein bedeutete das unbegrenzt Furchtbare nicht fürchten.— Von Einem, der die Götter leugnete, war man Alles gewärtig, es war dadurch der fürchterlichste Mensch, den kein Gemeinwesen ertragen konnte: weil er die Wurzeln der Furcht ausriß, auf denen das Gemeinwesen gewachsen war. Man nahm an, daß in einem solchen Menschen die Begierde schrankenlos walte: man hielt jeden Menschen ohne diese Furcht für grenzenlos böse.— Nun geht aber völlige Furchtlosigkeit auf einen Mangel an Phantasie zurück; der böse Mensch in diesem Sinne wird immer ein Mensch ohne Phantasie sein. Die Phantasie der Guten war eine Phantasie der Furcht, eine böse Phantasie,—eine andere kannte man noch nicht. Die böse Phantasie sollte die böse Begierde niederhalten, das war das alte Sittengesetz; die beständige Herrschaft der Furcht über die Begierde machte den sittlichen Menschen aus. Daraus entsteht als Anzeichen des Sittlichen die Asketik: Ertragenkönnen, Wartenkönnen, Schweigenkönnen, Hungernkönnen—das ist zum Beispiel die Moralität der Indianer.— Man leitete die verhältnißmäßige Sicherheit der Gemeinschaft von der Fähigkeit ab, sich oft und stark unangenehme Bilder vor die Seele zu stellen, vermöge deren man sich der sofortigen Befriedigung schmerzhafter Bedürfnisse enthalten konnte. Es sind die Bilder der Strafen und der Schande, und zwar vor allen die unbestimmteren, unheimlicheren Strafen von Göttern und Geistern: während bei den Strafen der weltlichen Gerechtigkeit nicht zuerst an die abschreckende Wirkung gedacht werden darf (zumeist handelt es sich bei ihnen um Bußgelder, vermöge deren ein Schaden wieder gut gemacht werden soll). Selbst die Aussicht auf die schmerzhaftesten Strafen der weltlichen Gerechtigkeit, auf Tod mit Martern und dergleichen, thut in wilderen Zeiten lange nicht die Wirkung, wie die Aussicht auf Götter- und Geister-Strafen: man fürchtete damals den Tod viel weniger, als heute, und war im Ertragen von Martern geübt und stolz; um solcher Gründe willen sein Rachegelüst, sein Raubgelüst, seine Wollust in Schranken zu halten, würde man kaum für männlich gehalten haben; anders ist es, wenn mit Wahnsinn, Furien, Ausschlag, weißen Haaren, mit plötzlichem Altwerden, mit nächtlichen Schrecken gedroht wird: die Drohung solcher Strafen wirkt. Kurz gesagt, die Furcht, auf der damals die Sittlichkeit ruhte, war die abergläubische Furcht: unsittlich sein hieß ohne abergläubische Furcht sein.— Je friedlicher der Zustand eines Gemeinwesens ist, je feiger seine Bürger werden, je weniger sie an das Ertragen von Schmerzen gewöhnt sind, um so mehr werden die weltlichen Strafen als Abschreckungsmittel schon genügen, um so schneller erweisen sich die religiösen Drohungen als überflüssig. Der Friede also verdrängt die Religion, die unbestimmten Angstmittel der Phantasie werden nicht mehr nöthig; denn die Ängstlichkeit vor den bekannten Strafen des Staates und der bürgerlichen Achtung ist schon groß genug. In hoch cultivirten Völkern dürften endlich selbst die Strafen höchst überflüssige Schreckmittel werden; schon die Furcht vor Schande, das Erzittern der Eitelkeit ist so beständig wirksam, daß daraufhin die unsittlichen Handlungen unterbleiben.— Die Verfeinerung der Sittlichkeit nimmt mit der Verfeinerung der Furchtsamkeit zu. Jetzt ist die Furcht vor unangenehmen Empfindungen anderer Menschen fast die stärkste unserer unangenehmen Empfindungen. Man möchte gar zu gerne so leben, daß man nichts mehr thue, als was Anderen angenehme Empfindungen macht und selber an nichts mehr Vergnügen habe, bei dem nicht diese Bedingung mit erfüllt wird.

3 [120]

190. Wir begreifen den allerkleinsten Theil dessen, woraus sich jede Handlung zusammensetzt, und die lange Kette von strenge in einander greifenden Nerven- und Muskelvorgängen dabei ist uns sogar ganz unbekannt. So nehmen wir denn die Handlung als einen momentanen Akt des Willens in der Art wie ein hebräischer Schriftsteller es von Gott sagt: er gebeut und es steht da, das heißt wir machen eine Zauberei daraus und fühlen uns als Zauberer frei. Unsere Unwissenheit spielt uns den angenehmen Streich, daß sie unsern Stolz aufrecht erhält. Gelingt es einmal nicht, was wir wollen, so muß es wohl an einem feindlichen Wesen liegen, welches, wiederum durch Zauberei, zwischen unsern Willen und die That ein Hemmniß legt. Das Gute wollen und das Verkehrte thun—das schiebt der Eine dem Teufel zu, der Andere der Sündhaftigkeit, ein Dritter sieht darin die Strafe für die Schuld früherer Lebenszeiten: alle fast legen es moralisch und dämonisch aus. Kurz, nachdem wir den Wilden-Glauben an die Wunder als die Regel der Natur aufgegeben haben, hat derselbe Glaube sich in Bezug auf unsere psychologischen Vorgänge festgesetzt; hier gilt noch immer das Wunder als die Regel. In Wahrheit heißt etwas wollen ein Experiment machen, um zu erfahren, was wir können; darüber kann uns allein der Erfolg oder Mißerfolg belehren.

3 [121]

191. Einige zeigen Geist, Andere verbergen und beweisen ihn.

3 [122]

192. Das allgemeine Glück oder die allgemeine Nächstenliebe sind Resultate, welche vielleicht durch fortwährendes Wachsen der Moralität erreicht werden können (vielleicht auch nicht!). Nichts von den menschlichen Errungenschaften wieder fahren lassen und immer die jeweilige Höhe der Menschheit festhalten, das ist vielleicht eine Folge der allgemeinen Moralität (eine Begleit-Erscheinung); aber das, was die Menschen zu moralischen Handlungen treibt, jetzt treibt, sind nicht jene Resultate, noch weniger diese Folgen, auch etwas anderes, als das, was ursprünglich die Anerkennung moralischer Prädikate erzeugt hat. Der Ursprung der Moralität kann nicht im Moralischen liegen. Man hat also nicht zu verwechseln: erstens Resultate der Moral, zweitens Folgen der Moral, drittens Motive moralischer Handlungen, viertens Motive der Entstehung moralischer Begriffe. Und doch soll in den bisherigen Moralen Ein Ding, das “Princip,” für so verschiedene Dienste genügen.

3 [123]

193. Wir verehren, wo wir nicht begreifen, zum Beispiel bei alten Sitten, bei Worten, die mit feierlichem Tone gesprochen werden usw. Aber wir sollten unser Urtheil zurückhalten, wo wir nicht begreifen, damit der aufgethürmten Verehrung ohne Kern nicht noch mehr auf Erden werde: sieht doch unsere geistige Welt noch sehr ägyptisch aus, Wüste und ungeheure Pyramiden darin—und in den Pyramiden, meist unzugänglich, ein erbärmlicher Leichnam.

3 [124]

195. Plato mußte es noch erleben, daß die Lehre von den Ideen von einem helleren und umfänglicheren Geiste, als er war, widerlegt wurde: und der Widerlegende war noch jüngst sein Schüler gewesen. So lange die Denker ihre Erkenntnisse als ihre Erzeugnisse betrachten, so lange noch jene lächerliche Vater-Eitelkeit in ihnen wüthet, wird die Widerlegung die Dornenkrone der Philosophen sein—wie viele haben sie schon tragen müssen!—während ein Freund der Wahrheit, das heißt ein Feind des Betrogenwerdens, das heißt ein Freund der Unabhängigkeit, bei einer Widerlegung ausrufen sollte: ich bin einer großen Gefahr entronnen, fast hätte ich mich in meiner eigenen Schlinge erdrosselt. Einem so ingrimmigen und herrschsüchtigen Menschen, wie Schopenhauer war, kann man Glück wünschen, daß er es nicht errathen hat, wie kurz der Triumph seiner Philosophie sein solle und wie bald alle Prachtstücke seiner Erfindung als Trugbilder erkannt würden.

3 [125]

196. Sobald die Schulweisheit es sich träumen läßt, giebt es ein Ding mehr zwischen Himmel und Erde; wenn aber eine Wahrheit erkannt ist, so nimmt die Zahl solcher Dinge ab, und eine Anzahl angeblicher Sterne löscht aus. Freilich nicht etwa sogleich! sondern wie man von Sternen spricht, deren Lichtstrahlen uns erst erreichen nachdem sie längst schon zerfallen sind, so strahlen die Irrthümer noch lange ihren Glanz fort, nachdem sie widerlegt sind. Denkt man an die Kürze des Menschenlebens, so reicht auch wohl ein Irrthum aus, um das Leben vieler Geschlechter ganz in Licht zu tauchen; wenn endlich sein Glanz verbleicht und stirbt, so sind sie längst dahin und haben die äußerste Bitterkeit, die es giebt, nicht erfahren: den Stern erlöschen zu sehen.

3 [126]

197. Ein Übel geschehen lassen, das man hindern kann, heißt beinahe es thun, deshalb retten wir das Kind, das spielend auf den offenen Brunnen zuläuft, nehmen den Stein aus dem Wege, der auf eine glatte Bahn gefallen ist, stellen einen Stuhl zurecht, der umzufallen droht,—Alles nicht aus Mitleid, sondern weil wir uns hüten, Schaden anzurichten. Daran haben wir uns gewöhnt; was auch die Motive für diese Gewohnheit sein mögen, jetzt handeln wir nach Gewohnheit und nicht mehr nach jenen Motiven.

3 [127]

199. Wir können manches Wort einer fremden Sprache nicht nachsprechen, ja nicht einmal richtig hören; wir können manche Dinge nicht sehen, wenn wir nicht gelernt haben, die Theile zu sehen. Auch das Sprechen, Hören und Sehen muß gelernt werden; aber bei unserer ungenauen Beobachtung des Lernvorganges glauben wir in allen drei Fällen, der gute Wille genüge und setzen bei einem jungen Menschen, dem es mißlingt, bösen Willen voraus. Wie böse hat man sich die Menschheit dadurch gemacht, daß man ihr Unvermögen in den Willen verlegte.

3 [128]

201. Europa hat einen Exceß von orientalischer Moralität in sich wuchern lassen, wie die Juden ihn ausgedacht und ausempfunden haben. Man wird nicht das glücklichste und besonnenste Volk sein, wenn man derart im Moralischen ausschweift und es in’s Göttliche, Menschen-Unmögliche hineinverlegt. Sie sind viel gefangen und unterworfen gewesen, sie haben die orientalische Verachtung kennen gelernt dafür, daß sie in ihrem Glauben hartnäckig waren; sie haben sich gegen diesen Glauben so benommen wie asiatische Völker gegen ihre Fürsten, kriechend ergeben und voller Angst, auch nicht frei vom Gelüst der Unabhängigkeit: so bekamen sie eine unruhige, begehrliche, im Heimlichen sich schadlos haltende Phantasie, die Brutstätte jener sublimen anklägerischen Moralität und jenes wilden Heroismus, der sich ebenso in der Hingebung an ihren Heerführer Gott als in der Verachtung gegen sich selbst kund giebt. Das Christenthum hat vermöge seiner jüdischen Eigenschaften den Europäern jenes jüdische Unbehagen an sich selber gegeben, die Vorstellung von der inneren Unruhe als der menschlichen Normalität: daher die Flucht der Europäer vor sich selber, daher diese unerhörte Thätigkeit; sie stecken Kopf und Hände überallhin. Zudem ist es dem Christenthum gelungen, die rein orientalischen Gegentypen, den Anachoreten und den Mönch, als, die Vertreter eines “höheren Lebens” in Europa auftreten zu lassen; dadurch hat es eine falsche Kritik über alles andere Leben ausgesprochen und das Griechische in Europa unmöglich gemacht. Die Athener fühlten sich zwar als die unruhigsten Griechen: aber wie ruhig, wie voll von sich und anderen guten Dingen erscheinen sie neben uns! Sie wußten niemanden über sich und brauchten sich selbst nicht zu verachten.

3 [129]

202. Was ist denn die Phantasie? Eine gröbere, ungereinigte Vernunft,—eine Vernunft, die bei Vergleichungen und Einordnungen große Fehler macht, unstät im Tempo ist und von den Affekten hin- und hergegängelt wird: eine wilde und malerische Art der Vernunft, die Mutter der Scheinerkenntnisse und der “plötzlichen Erleuchtungen” (wo der Glanz einer Idee mit dem Lichte der Wahrheit verwechselt wird); beide, die Vernunft und die Phantasie sind gebärend, aber letztere wird leichter befruchtet und setzt vielmehr Mißgeburten und Mondkälber in die Welt. Vernunft ist eine Phantasie, welche durch Schaden klug geworden ist, vermöge des zunehmend besseren Sehens, Hörens und Sich-erinnerns.

3 [130]

203. Das allgemeine Gebot aller Sitten und Moralen heißt: denke nach und fürchte dich, beherrsche dich, verstelle dich.

3 [131]

204. Für die bisweilen sichtbar werdende Verdüsterung der Welt giebt es folgende Veranlassung: erstens die Kreuzung der Culturen, aus welcher viel Häßlichkeit entsteht; der beständige Anblick des Häßlichen macht düster: zweitens die moralische Phantastik des Christenthums, welche den menschlichen Handlungen nur die bösen Prädikate gelassen hat und eine Verherrlichung von Leben, Menschen, Handlungen eigentlich unmöglich machen wollte; wenn man niemals verherrlichen darf, wird man düster; drittens das Barbarische und Thierhafte, das uns zeitlich noch nicht fern genug liegt; viertens die Angst vor dem Individuellen und die Beargwöhnung desselben, weil die Gesellschaft ihrer selber nicht mehr sicher ist; fünftens die Angst vor dem Natürlichen, welche an die Stelle der früheren Angst vor der Natur getreten ist; sechstens die Vergleichung des Lebens mit imaginären Seligkeiten, von denen das Christenthum und die Dichter gesprochen haben; siebentens das übertriebene Gefühl der Verantwortlichkeit, welches alle indifferenten, kleinen und harmlosen Dinge wegstreicht und in jedem Falle so gehandelt wissen will, daß man damit einem Ankläger Stand halten kann.

3 [132]

205. Hat die Moral den Menschen wirklich mehr Glück oder Unglück gegeben? Und selbst, wenn man an Stelle von Glück “mehr Schmerzlosigkeit und geringere Schmerzen” setzt, kann man noch zweifelhaft bleiben; sie ist das Erzeugniß jener Zeiten, wo, dem Andern mit That und Urtheil wehe zu thun, eine viel größere Befriedigung brachte, als ihm eben damit wohl zu thun: die Zeit, wo man an böse Gottheiten glaubte. Die Freude an dem Wehethun durch moralische Urtheile stärkte immer den Hang zu schädlichen und grausamen Handlungen und wurde so selber die Veranlassung größeren Wehes, als das moralische Urtheil zu thun vermag.

3 [133]

206. Den moralischen und den religiösen Urtheilen ist gemeinsam: erstens der Glaube, die Erkenntniß der menschlichen Natur und des menschlichen Innern zu besitzen; zweitens beide leugnen es, nur einen lokalen und relativen Werth zu haben: wo sie auch nur erscheinen, so benehmen sie sich als absolute, allzeitlich gültige Urtheile; drittens beide glauben an Zugänge zur Erkenntniß, welche verschieden von denen sind, die die Wissenschaft kennt; viertens beide imaginiren Wesen, die nicht existiren, die religiösen Urtheile Götter, die moralischen Urtheile gute und böse Menschen und dergleichen; fünftens beide hassen die Untersuchung und sprechen von Schamlosigkeit und Schlimmerem, wenn man sie nackt sehen will; sechstens sie sind einander selber gemeinsam, sie haben sich mit einander verbunden, um sich zu stützen, und trennt man sie, so doch nie vollständig: die einen leben in den anderen weiter.

3 [134]

207. Höflich (hübsch), gentile, edel, vornehm, noble, généreux, courtoisie, gentleman—dies bezeichnet die Eigenschaften, welche man an der obersten Kaste wahrnahm und nachahmte; somit stammt ein guter Theil der Moralität wahrscheinlich aus den Instinkten dieser Klasse, als aus dem persönlichen Stolz und der Lust am Gehorsam gegen einen Chef, der Auszeichnung verleiht; sie verachten nach unten hin, sie achten nach oben hin und bei ihres Gleichen, sie verlangen selber aber von aller Welt (Ober-, Mittel- und Unterwelt) Achtung, sie gebärden sich als die bessere Hälfte der Menschheit. Dagegen bedeutete im Deutschen der schlichte Mann ehemals den schlechten Mann: so weit gieng das Mißtrauen gegen den, welcher nicht die künstlicheren Gebärden und Ausdrücke der guten Gesellschaft besaß.

3 [135]

208. Das Christenthum (und nicht nur die katholische Kirche) fährt fort, sich zu stellen, als ob es alles forderte, aber es ist sehr zufrieden, sehr dankbar, wenn es nur etwas erhält. In dieser Genügsamkeit ist jetzt auch der beste Christ, nach christlichem Maaße gemessen, schlimmer als ein Heide; er will weder für seinen Glauben leben, noch mit seinem Glauben sterben; er ist zufrieden, wenn man ihnen beiden ein Almosen giebt.

3 [136]

209. Stark empfinden, eine starke Empfindung lange anhalten lassen können und auf Einer Saite viele Melodien spielen—das macht die großen Pathetiker unter den großen Schriftstellern, zu denen auch Schopenhauer gehört: sie unterscheiden sich von den Philosophen, ob sich schon Schopenhauer zu diesen rechnete: sie wollen nämlich nicht um jeden Preis erkennen, sonder um jeden Preis ihr Lied singen.

3 [137]

210. Das Christenthum ist aus dem Judenthum hervorgegangen und aus nichts Anderem, aber es ist in die römische Welt hineingewachsen und hat Früchte hervorgetrieben, welche sowohl jüdisch als römisch sind. Dieses gekreuzte Christenthum hat im Katholicismus eine Form gefunden, bei der das römische Element zum Übergewicht gekommen ist: und im Protestantismus eine andere, bei der das jüdische Element vorherrscht; dies liegt nicht daran, daß die Germanen, die Träger der protestantischen Gesinnung, den Juden verwandter sind, sondern daß sie den Römern ferner stehen, als die katlolische Bevölkerung Süd-Europas.

3 [138]

211. Die moralischen Vorstellungen sind Genußmittel und Würzen, um derentwillen wir die nöthigen Handlungen leichter thun; ohne sie wären uns diese Handlungen widerlich oder langweilig.

3 [139]

212. Nicht an den Anderen denken, alles strengstens um seiner selber willen thun ist auch eine hohe Moralität. Der Mensch, hat so viel für sich zu thun, daß er immer fahrlässig ist, wenn er etwas für Andere thut. Weil so viel für Andere gethan wird, deshalb sieht die Welt so unvollkommen aus.

3 [140]

213. Ist nicht unsere Denkfreigeisterei als ein übertriebenes einseitiges Handeln aufzufassen, dem das Gegengewicht abhanden gekommen ist? Wird nicht auch der Künstler häufig durch sein künstlerisches Schaffen aus seinem Centrum geworfen? Sind nicht Sich-verhehlen, Sich-vergessen, Sich-verleugnen die Gefahren des fruchtbaren Einsamen?

3 [141]

214. Es ist selten, daß Einer, der berühmt geworden ist, nicht eben dadurch feige und närrisch geworden ist; die Anhänger als Masse hängen sich immer an seine Schwächen und Übertriebenheiten und haben leichtes Spiel, ihn zu überreden, daß hier seine Tugend, seine Bestimmung zu sehen sei. Ist jemals ein großer Mann von seinen Zeitgenossen darin erkannt worden, worin er groß ist? ist jemals ein berühmter Mann der Feind seiner Anhänger gewesen?— Schopenhauer war zum Narren seines Ruhmes geworden, bevor er ihn hatte.

3 [142]

218. Die größte Masse des Bösen wird aus Schwäche und Krankheit gethan, um sich das Gefühl der Überlegenheit zu schaffen (durch Wehethun), zum Ersatz des physischen Kraftgefühles. Schwäche und Krankheit aber haben ihre Wurzeln zumeist in der Unkenntniß.

3 [143]

219. Wenn uns die Freude der Anderen wehe thut, zum Beispiel wenn wir uns in tiefer Trauer befinden, so verhindern wir diese Freude, wir verbieten dann zum Beispiel den Kindern das Lachen. Sind wir dagegen froh, so ist uns der Schmerz der Anderen peinlich. Was ist denn Sympathie?

3 [144]

220. Die Gleichheit läßt das Glück der Einzelnen abnehmen, aber bahnt den Weg zur Schmerzlosigkeit Aller. Am Ende ihres Zieles stünde freilich neben der Schmerzlosigkeit auch die Glückslosigkeit.

3 [145]

221. Die Lüge und die Verstellung, welche innerhalb der Gemeinde groß gezüchtet werden, zur Herstellung der Gleichheit, ergeben zuletzt einen freien Überschuß, der sich in der Erzeugung von Dichtern und Schauspielern entladet. Man denke, welche Lust eine Gemeinde an der Aufschneiderei, Schimpferei, Taschenspielerei und ähnlichen Urkünsten hat.

3 [146]

226. Die Vaterlandsliebe nimmt ab, wenn das Vaterland aufhört, unglücklich zu sein.

3 [147]

227. Die Fanatiker haben zwar keine moralischen, wohl aber intellektuelle Gewissensbisse; sie nehmen an allen Andersdenkenden dafür Rache, daß sie selbst im Grunde und heimlich und unter ingrimmigem Schmerzgefühl—anders denken.

3 [148]

228. Die Natur benutzt das Gehirn, um dem Unterleibe eine Funktion zu erleichtern und umgekehrt.

3 [149]

229. Es giebt keine unmittelbare instinktive Furcht vor dem Tode; man flieht vor dem Schmerz, der an der Pforte des Todes steht, vor dem Unbekannten, zu dem der Tod führt und das er selber ist; man will sich noch oft freuen, deshalb will man leben, deshalb erträgt man auch das Leiden. Auch der Selbsterhaltungstrieb ist ein Stück Mytlologie.

3 [150]

230. Hier sind Menschen, welche alle Welt mit Musik trunken machen möchten und vermeinen, dann käme die Cultur; bisher aber kam auf die Trunkenheit immerdar etwas Anderes, als die Cultur.

3 [151]

232. Das Glück liegt in der Zunahme der Originalität, weshalb andere Zeiten als die unsere reichlicher davon gehabt haben mögen.— Die Wissenschaft ist das Mittel, die Nothwendigkeit der Erziehung zur Originalität zu beweisen.— Wenn das Herkommen und das cos fan tutti die Moralität ausmachen, so ist diese der Hemmschuh des Glücks.— Die Lehre, daß die Moralität das rechte Mittel zur Schmerzlosigkeit des Lebens sei, ist gewiß das Produkt sehr schmerzlicher Zeiten.— Wenn die Originalität tyrannisiren will, so legt sie die Hand an ihr eigenes Lebensprincip.— Freude an fremder Originalität haben, ohne der Affe derselben zu werden, wird vielleicht einmal das Zeichen einer neuen Cultur sein.

3 [152]

233. Keine Mythologie hat schädlichere Folgen gehabt, als die, welche von der Knechtschaft der Seele unter dem Körper spricht.

3 [153]

237. Die Moralität wirkt malerisch, wenn sie lange durch Unmoralität aufgestaut war.

3 [154]

238. Der Intellekt der jetzigen Menschen reichte wohl aus, um aus einem Chaos ein geordnetes Sonnensystem herzustellen, aber es fehlt ihm vielleicht die dazu nöthige Zeit und vor allem das Chaos; sicherlich wäre die Welt unendlich weiter, wenn der menschliche Intellekt an Stelle des Zufalls hätte schalten und walten dürfen, auch hätte er Milliarden von Jahren gespart.

3 [155]

240. Wer sich jetzt auf die Sitte beruft, als den Grund seiner Handlungsweise, sagt beinahe: ich bin abergläubisch, oder: ich bin tolerant,—aber ehemals hieß es: ich bin klug und gut.

3 [156]

241. Das Ziel der christlichen Moralität ist nicht das irdische Glück, sondern die irdische Unseligkeit. Das Ziel des praktischen Christen, der in der Welt steht, ist nicht der Welterfolg, sondern das Nicht-mehr-handeln-müssen oder sogar der Mißerfolg. Jene Unseligkeit und diese Mißerfolge sind die Mittel und Stufen zur Entweltlichung. Giebt es noch Christenthum? Es scheint, es ist schon am Ziele seiner Entweltlichung, nämlich zur Welt hinaus. Aber es hat, bevor es schied, an die Wand seine Schrift gemalt, und diese ist noch nicht verschwunden: die Welt ist verächtlich, die Welt ist böse, die Welt ist das Verderben.

3 [157]

242. Es vollzieht sich eine Reduktion des Gefühls von Moral: alle Faktoren dieses Gefühls, welche aus Einbildungen stammen, aus Verehrungen, wo nichts zu verehren war, aus Anhäufung der Achtung, weil die Kritik gegen das Geachtete fehlte, aus der nachbarlichen Dämmerung der Religion—alles dies wird allmählich subtrahirt werden und das Resultat wird sein, daß die Verbindlichkeit der Moral für die Thörichten abnimmt. Daraus ergiebt sich die Aufgabe, mit allen Kräften danach zu streben, daß die Thörichten abnehmen.

3 [158]

243. Gewiß ist unsere gegenwärtige Bildung etwas Erbärmliches, eine faulriechende Schüssel, in der lauter geschmacklose Brocken durch einander schwimmen, Brocken von Christenthum, von Wissen, von der Kunst, an denen sich nicht einmal Hunde satt essen könnten. Aber die Mittel gegen diese Bildung etwas aufzustellen, sind kaum weniger erbärmlich, nämlich christlicher Fanatismus oder wissenschaftlicher Fanatismus oder künstlerischer Fanatismus von Leuten, die kaum auf ihren Beinen stehen können, es ist, als ob man einen Mangel durch ein Laster curiren wolle. In Wahrheit erscheint aber die gegenwärtige Bildung erbärmlich, weil eine große Aufgabe vor ihr am Horizont aufgestiegen ist, nämlich die Revision aller Werthschätzungen; dazu bedarf es aber, noch bevor die sämmtlichen Dinge auf die Wage gelegt werden, der Wage selber—ich meine jene höchste Billigkeit der höchsten Intelligenz, welche im Fanatismus ihren Todfeind und in der jetzigen “allseitigen Bildung” ihren Affen und Vortänzer hat.

3 [159]

245. Wenn wir überall, wo der Christ sich seinen Gott wirkend denkt, den Zufall an die Stelle Gottes setzen, so bekommt man einen Überblick, wie sehr der Christ in der Summe seines Handelns die Welt entgeistet und dem Zufall wieder preisgiebt (zum Beispiel wenn er in Krankheiten den Arzt ablehnt). Die Religionen haben das Reich des Zufalls verlängert, das heißt dem Geiste seine Zeit und Kraft beschränkt.— So lange wir moralisch handeln, lassen wir den Zufall, daß wir in diesem Lande geboren sind und diese Menschen um uns haben, zum Gesetz über uns werden und entziehen uns dem Geiste, welcher nur das individuelle Beste sucht.

3 [160]

246. Wir Fliegen von einem Tage wollen nicht allzugefährlich und ängstlich mit unsern Gedanken thun; man kann ja mit ihnen nicht mehr die Seele eines Andern in ewige Gefahr bringen,—was das Mittelalter glaubte. Das Princip der Gedanken- und Preßfreiheit ruht auf dem Unglauben an die Unsterblichkeit.

3 [161]

247. Welches auch immer die Stufe der Gesittung, die Lage der Gesellschaft, der Grad der Erkenntniß sei: für das Individuum ist immer dabei eine Art glücklichen Lebens möglich,—das wollen ihm die Religion und die Moral aus der Nähe zeigen und anempfehlen. Ob das Gefühl des Glücks und die Unvermischtheit desselben mit Leid wirklich wächst mit Zunahme der Erkenntniß, Verbesserung der gesellschaftlichen Lage, Erleichterung des Lebens, ist zu bezweifeln, denn es gehen bei diesem Wachsthum immer Kräfte verloren oder werden schwach, denen man ehemals das Glücksgefühl vornehmlich dankte: die Sicherheit und die Verlängerung des Lebens, worauf sich unsere moderne Welt als ihre Errungenschaften so viel zu Gute thut, sind vielleicht durch Abnahme des Glücksgefühls als durch Zunahme erkauft worden. Die Cultur um des Glücks der Einzelnen willen fördern—das wäre dem nach eine sehr zweifelhafte und vielleicht thörichte Sache!—aber sind wir einmal irgendwie im Glück, so können wir gar nicht anders als die Cultur fördern! Das neue hohe Vertrauen auf uns, die Befriedigung an unserer Kraft, das Aufhören der Furcht vor Anderen, das Verlangen nach ihrer Nähe, der Ringkampf mit ihnen im Guten, der Überschuß an Vermögen, Werkzeugen, Kindern, Dienern, dessen wir bewußt werden,—in summa: jede Art von Glücksgefühl treibt uns in die Bahnen der höheren Cultur und in ihnen vorwärts. Noth dagegen bildet uns zurück, macht uns defensiv, argwöhnisch, in der Sitte abergläubisch und überstreng. Die Cultur ist eine allmähliche Folge vom Glück zahlloser Einzelner, nicht die Absicht dieser Einzelnen!— Je individueller der Einzelne wird, um so produktiver für die Cultur wird sein Glück sein, selbst wenn dessen Zeitdauer kürzer und dessen Intensität geringer und gebrochener sein sollte, als das Glück auf niedrigeren Culturstufen. Wenn man die Förderung der Cultur dem Glücklichen versagen wollte, um das Glück im Allgemeinen auf einem hohen Grade zu erhalten, so wäre das so thöricht als dem Seidenwurme das Spinnen zu verbieten um des Glücks der Seidenwürmer willen. Was hat man denn vom Glück jeder Art, wenn nicht eben aus ihm etwas zum Besten der Cultur thun zu müssen?— Glück ist gar nicht zu erhalten weder hoch, noch niedrig, wenn man seine nothwendigen Äußerungen unterbinden wollte. Also: die Cultur ist die Äußerung des Glücks.

3 [162]

248. Die Entstehung des kategorischen Imperativs ist nichts Erhebliches. Gewiß wollen die Meisten einen unbedingten Befehl, ein unbedingtes Gebot lieber als etwas Bedingtes: das Unbedingte erlaubt ihnen, den Intellekt aus dem Spiele zu lassen und ist ihrer Faulheit gemäßer; häufig entspricht es auch einem gewissen Hange zur Hartnäckigkeit und gefällt den Personen, welche sich ihres Charakters rühmen. Überhaupt gehört es in den Bereich des blinden militärischen Gehorsams, zu welchem die Menschen durch ihre Fürsten gezüchtet worden sind: sie glauben, daß es mehr Ordnung und Sicherheit giebt, wenn der Eine absolut herrscht, der Andere absolut gehorcht. So will man auch, daß der moralische Imperativ kategorisch sei, weil man meint, daß er so der Moralität am nützlichsten sei. Man will den kategorischen Imperativ: das heißt, es soll ein absoluter Herr durch den Willen Vieler geschaffen werden, welche sich vor sich und vor einander fürchten: er soll eine moralische Diktatur ausüben. Hätte man jene Furcht nicht, so hätte man keinen solchen Herrn nöthig.

3 [163]

249. Die Werke des deutschen Genie’s halten sich nicht, wenn sie in’s Ausland kommen: sie müssen wie die italiänischen Weine an Ort und Stelle getrunken werden.

3 [164]

250. Es ist die europäische Art des moralischen Idealismus, sich die moralischen Vorstellungen so hoch und so fein auszudichten, daß, wenn der Mensch von ihnen aus auf sein Handeln zurückblickt, er sich gedemüthigt fühlt. Diese Art Idealismus verträgt sich vorzüglich mit einem gewinnsüchtigen, rücksichtslosen, ehrgeizigen Leben, die Minute der Demuth ist Abschlagszahlung für ein Leben, welches mit jenem Idealismus nichts zu thun hat.

3 [165]

251. Was haben die Philosophen vom Glücke derer phantasirt, welche die Welt überwunden haben! Welche Wunder hat sich Schopenhauer über jenen Zustand eingeredet, wo der Mensch nicht mehr von seiner Geschlechtlichkeit incommodirt wird.

3 [166]

253. Geistesgegenwart: das heißt die Fähigkeit sich seine Worte und Handlungen durch die Umstände diktiren lassen,—ist also eine Fähigkeit zu lügen und zu heucheln.

3 [167]

254. Wenn die Lüge zu unserm Charakter stimmt, lügen wir am besten.

3 [168]

257. Es gab Götter, die das Unglück wollten, andere, die vor Unglück schützten, noch andere, die im Unglück trösteten.

3 [169]

259. Wo die Moralität am größten ist, da geht der Intellekt zu Grunde. Die Voraussetzung, daß der Nachbar uns betrügt, wo er kann, hält unsern Kopf in Spannung, und dies kann wie in italiänischen Städten mit Schelmerei geschehen, ohne daß wir dem Nachbar gram sind.

3 [170]

260. Die Ehrlichkeit verlangt, daß man anstatt der unbestimmten moralischen Worte von edlem Klange, wie sie üblich sind, nur die erkennbaren und in der Mischung überwiegenden Elemente bei Namen nenne, trotz dem Fehler der Unvollständigkeit und trotz dem, daß diese überwiegenden Elemente bisher einen bösen Klang hatten; aber wenigstens wird so ein falscher Heiligenschein zerstört. Man soll ein Ding a potiori nennen, und nicht a nihilo.

3 [171]

261. Wie soll man handeln? So, daß der Einzelne möglichst erhalten bleibt? Oder so, daß die Rasse möglichst erhalten bleibt? Oder so, daß durch unsere Rasse eine andere Rasse möglichst erhalten bleibt? Oder so, daß möglichst viel Leben erhalten bleibt? Oder so, daß die höchsten Gattungen des Lebens erhalten bleiben?

3 [172]

262. Die vollkommene Moralität ist die der Gerechtigkeit, welche jedem Ding das Seine giebt und nichts von Lohn, Strafe, Lob und Tadel weiß. In jeder ganzen Erkenntniß vollzieht sich diese vollkommene Moralität, jede Übung der Erkenntniß ist eine Übung dieser Moralität, und wenn sich selbst die Erkenntniß mit der gefährlichsten Kritik der moralischen Handlungen abgiebt, so ist sie dennoch ferne davon, dieselbe zu untergraben. Im Augenblick, da eine Erkenntniß zu Stande kommt, ist der Erkennende moralisch absolut vollkommen, an einer mangelhaften Erkenntniß sind gewöhnlich moralische Fehler mitbetheiligt, wie Ungeduld, Ungerechtigkeit, Neid, Hochmuth.— Aber verbergen wir es uns nicht: es giebt keine anderen als mangelhafte Erkenntnisse!

9, 3[1-172] Frühjahr 1880

3 [1]

Preface

When I recently attempted to acquaint myself with my older writings, which I had forgotten, I was shocked by a common characteristic of them: they speak the language of fanaticism. Almost everywhere in them where mention is made of those who think differently, that bloody manner of reviling and that enthusiasm for malice become noticeable, which are the hallmarks of fanaticism—ugly hallmarks, on account of which I would not have been able to bear reading these writings to the end, had the author been only somewhat less familiar to me.

Fanaticism corrupts character, taste, and ultimately health as well: and anyone who wishes to restore all three from the ground up must prepare for a lengthy cure.

Having said so much about myself—and not the most edifying things at that—as the custom of the preface does not recommend, but still permits, I may at least hope to have achieved this: that my latest thoughts, which I share in the present book, will be read not without caution.

3 [2]

1. We perish more easily by our strengths than by our weaknesses; for in regard to the latter we live reasonably, but not in regard to our strengths.

3 [3]

2. At the same time, a certain way of contemplating the world always comes to an end within us, and another grows: for our unclear education makes us acquainted with various ones at the same time, and each tries to grow on our soil.

3 [4]

3. Our love for truth is shown most clearly in our treatment of the “truths” that others consider as such: this reveals whether we truly love the truth or only ourselves.

3 [5]

5. These are the decreasing degrees of compassion: first compassion for one's own (child, creation, possession, wife, servant), second for that which we desire as property, third for that which is similar to us, fourth for that which is known to us. The characteristic that distinguishes compassion from suffering is the bitterness that something is happening to our property or to that which is similar to our property. The suffering of that which is hostile to us is pleasant, as a sign of the waning of a force of hostility: in the stranger, the dissimilar, it is almost pleasant, because this seems to us almost hostile, just as the similar and the known awaken in us a feeling related to the feeling for property.

3 [6]

8. To a coming age, which we want to call the colorful and which is to make many experiments of life, will be peculiar: firstly the abstention with regard to the final decisions (as soon as one has realized by what means these have hitherto received their enormous overestimation, they cease to be significant for us); secondly the prejudice against all customs and everything binding in the manner of custom; thirdly a greater honesty in allowing so-called evil qualities to become visible.

3 [7]

10. It is a prejudice that the purposeful diet is also the natural and inherently pleasant one for humans; originally, however, many things probably tasted bad and were "unnatural" to him, which necessity nevertheless commanded him to eat; in the course of habituation, however, the stimulus and pleasure came to it. And so it is with many things that have nothing to do with food: the first is the compulsion to do it; the joy in it is born later and often late-born.

3 [8]

11. The presumptuous person presents himself proudly, but it is precisely pride that is free from affectation (unlike vanity); in this sense, presumption is the hypocrisy of a kind of unaffectedness and, in cases where it is masterfully performed, is confused with pride.

3 [9]

12. One should certainly strive for all joys, but be well aware of those which necessarily bring displeasure and exhaustion in their wake; depending on the nature of the person, these are the stupefying and shattering pleasures of enthusiasm, compassion, ecstasy, anger, revenge, or alcohol, opium, sexuality, etc.

Lastly, one will designate and strive for the most valuable joys as neither the highest nor the weakest, but the middle ones: that is, those which endure and do not bring displeasure in their wake, and on the other hand are more intense than the weakest. In this respect, Plato and Aristotle are right to see the joys of knowledge as the most desirable—provided they intend to express a personal experience and not a general one: for most people, the joys of knowledge belong to the weakest and stand far below the joys of a meal.

3 [10]

13. Before we learned to understand physiological states physiologically, people thought they were dealing with moral states. Consequently, the realm of the moral has shrunk extraordinarily—and continues to shrink: just as religion in the life of the ancients was more extensive than in the life of the Catholic Christian, and as the Protestant has once again reduced the scope of religion.

3 [11]

18. Nature is evil, says Christianity; should Christianity therefore not be a thing against nature? Otherwise, it would, according to its own judgment, be something evil.

3 [12]

21. In the passions of man, the animal awakens again; people know nothing more interesting than this regression into the realm of the unpredictable. It is as if they had grown all too weary of reason.

3 [13]

22. What one possesses, one defends, helping and caring; what one loves, desires, that is, wants to possess, one defends even more vividly, because possession has not yet disappointed, not yet satisfied. The feeling of love presupposes the feeling for property.

3 [14]

25. We can only help our neighbor by classifying him into a category (the sick, prisoners, beggars, artists, children) and thus degrade him; the individual cannot be helped.

3 [15]

26. In Risano (Dalmatia), the fallen girls were stoned; as late as 1802, the Austrians prevented such an act, the father at the head of the people had just picked up the first stone. In the Sahara city of Biskra, every girl from the neighboring peoples lives for a time from prostitution in order to enrich herself through it; the earnings are then brought to the parents, and it would be considered immoral, indeed unforgivable, if someone did not express their piety in this way.

3 [16]

27. Since compassion doubles, indeed multiplies a hundred- and thousandfold, the individual woe in the world, it might well be called the greatest virtue in the eyes of such gods as those of cannibals and ascetics.

3 [17]

30. The one who criticizes distances himself from us; he is not taken with us and does not want to take us in: he lets go, while the one who praises wants to take possession of us. Let this be noted by the one who wants to know himself and yet—remain independent.

3 [18]

32. The image of the neighbor, as it always hovers before us, is either the product of a fullness that longs for discharge, or an emptiness that longs for filling—it is always a physiological state for which we have no proper and descriptive word.

3 [19]

33. What is new about our current position on philosophy is a conviction that no age has ever had: that we do not possess the truth. All previous people “had the truth”: even the skeptics.

3 [20]

34. How did it happen that, in the history of Christianity, not only the spiritually poor, among and from whom it was born, but finally also the spiritually rich, even the rich in spirit, defected to it? Christianity as a great rabble movement of the Roman Empire is the uprising of the bad, the uneducated, the oppressed, the sick, the insane, the poor, the slaves, the old women, the cowardly men, in short all those who had reason to commit suicide but lacked the courage to do so; they eagerly sought a means to endure their lives and to find them endurable, found it, and offered the world their new kind of happiness.A happiness of such origin was the greatest paradox of antiquity; the education of that time was too fond of paradoxes not to find it very attractive. “Salvation comes from the Jews,”—this was a statement against which no clever ancient could maintain his composure in the long run. “Let us try it with the Jews”—thus sounded the inner voice through which the Spirit was called to the side of the great movement.

3 [21]

35. Our neighbors provide the occasional causes in the cycle of our physical and mental functions to promote physiological processes that are necessary in us.

3 [22]

37. When one yawns—and that is indeed something unpleasant—and the other yawns along, we have a simple example of the phenomenon of compassion. But is the principium individuationis really broken in the process?

3 [23]

38. That morality which is most strictly demanded, honored, and sanctified by everyone, the foundation of social life: what is it but that pretense which people need in order to live with one another without fear? (So that the individual presents himself as equal to the other and allows himself to be used, just as he uses the other.) The greatest part of this pretense has already passed into flesh, blood, and muscle; we no longer feel it as pretense, just as little as we think of pretense in greetings and polite expressions: which they nevertheless are.The most common types of dissimulation are: firstly one adapts to one's surroundings, as it were hiding within them; secondly one imitates another person who has prestige and success, presenting oneself as something higher than one is. In the first case, one follows custom and becomes "moral"; in the second case, one follows authority and becomes "faithful": in any case, one no longer arouses fear—for we now have many "our equals."

3 [24]

43. We come to know the claims and opinions of others sooner than our own; those become organized within us through long practice. When we later become more independent, we still always relate all our conscious judging and acting to that organized foundation, comparing or resisting, rebelling against it or reconciling with it.

3 [25]

45. Morality and civilization seek “less pain,” but not “more happiness.”

3 [26]

46. A heart full of courage and good things needs danger from time to time, otherwise the world becomes unbearable.

3 [27]

48. The dramatic musician must not only be a poet but also a musician, actor, and entirely an actor. This separates him inexorably from the true poet and true musician; he is of a lesser kind compared to each of them. But as an actor, he can rise to genius and the same rank as them.

3 [28]

53. One gives his actions an arrogant character at the end through a kind of interpretation, the other acts arrogantly from the outset. The first, who lets himself go and only at the end of the action casts a glance at the others, has more pride than the other, but grasps the essence of pride worse than the other.

3 [29]

56. That which one does not know, one cannot love, otherwise one loves something else, namely a phantom, and this is the ordinary. Love is certainly everything else rather than a means of knowledge.

3 [30]

67. To fantasize about compassion as Schopenhauer did, one need not know it from experience. Where a person's deficiencies lie, their ideals become fantastical.

3 [31]

68. Three times Germany has influenced France; in the third century it brought wild customs and barbaric ignorance; in the age of Montaigne it brought a second-born Middle Ages and religious wars, and in this century it brought German philosophy, Romanticism, and beer.

3 [32]

70. His bright mind often drove him onto lonely paths, where he was rid of people; but his heart was too anxious for that and beat unbearably against his ribs. If he followed his heart, he would mix with people again, and then his mind felt miserable.

3 [33]

74. Everything we do for ourselves, we do for the sake of others; but also everything we do for others, we do for the sake of others. However, this is not “altruism”!

3 [34]

75. Imitation, the apish, is the truly and most ancient human trait—so much so that we only eat the foods that others find tasty.— No animal is as much of an ape as man.— Perhaps human compassion also belongs here, insofar as it is an involuntary inner imitation.

3 [35]

77. The shyest girls present themselves half-naked when fashion demands it, and even withered old women dare not resist such a command, no matter how witty and good they may otherwise be.

3 [36]

78. The power to will, which some people and cultures possess to a higher degree than others, consists in having approximately the same number of practiced inner mechanisms and valuations: so that, as soon as a valued thing enters the imagination, the corresponding mechanism immediately plays its part. Other people and eras lack such a numerical congruence of mechanisms and valuations. They produce far more valuations that yield nothing than those that have an “effect,” as one says.

It must always be noted that the valuation is never the cause of an action; rather, through an old association, the mechanism automatically sets in motion when a valued idea arises in the brain: it is a regular sequence, not cause and effect, no more than a word is the cause of the concept that appears in us when we hear it.— Ages of will have so far always been poor in thought, but this is not necessarily the case.

3 [37]

79. The appearance of the being and the firm in the individual, the appearance of arbitrary actions, the appearance of an absolute character of the actions, the appearance of an absolute value of certain actions (that is, an unlimited highest value),—these four errors have contributed the most to the further development of morality.

3 [38]

80. Why religious faith can no longer be upheld has often been shown; but no one has yet shown why belief in morality has also become incredible.

3 [39]

81. Marriage gives different kinds of people occasion for different kinds of moral heroism: I do not know whether its highest value is not to be sought therein. Some would not enter into marriage with the most beloved person if the church withheld its blessing, and others, conversely, would renounce marriage if it were made dependent on a church blessing; still others find occasion for heroism in the thought that a marriage once concluded is indissoluble, whereas George Sand, conversely, had pressed her strictest and most moral feelings into the demand that marriage should only last as long as the physical narrowing on the part of both spouses is connected with a state of spiritual enthusiasm for one another.

3 [40]

82. The error of ecclesiastical absolution (and often also of state punishments) lies in the fact that here a once is to be made into a never. When the memory of a guilt no longer torments, then the inner mechanism practiced through it works much more easily and there is no longer any obstacle to a new playing of the old song. Hence pious adulterous women among Catholics are no rarity, who sin daily and have themselves absolved daily.

3 [41]

83. One should set the indescribable unease, which so often productive people spread around them, as a counterbalance when one estimates the joy and elevation which people owe to their works. Their inability to control themselves, their envy, the malice and uncertainty of their character easily make them just as much evildoers of humanity as they may otherwise be its benefactors.Namely, the behavior of geniuses towards one another is one of the darkest chapters in history. The veneration of genius has often been an unconscious worship of the devil. One should calculate how many people in the vicinity of a genius have corrupted their character and their taste. Great people without works perhaps do more harm than great works, for which one must pay such a price in human souls. But for now, one barely understands what a great person without great works is.

3 [42]

84. Schopenhauer had established his fame too early and was not proud enough to continue developing against his stated principles. He feared for his fame and preferred the relative barrenness of embarrassment to having to contradict himself.

3 [43]

87. Whether one praises or criticizes: one fears in doing so. With criticism, we want to make ourselves feared; with praise, we want to secretly win over the other, reconcile them with us, or align ourselves with the power we fear.— But only the rarest praise, the rarest criticism is honest, that is, simply expresses our fear of a person; rather, most of the time, we express our fear of others differently than we feel it, out of fear of a second person. Usually, praise and criticism are fear crossed with fear.

3 [44]

91. The morality of men decreases in life; as children we are the most moral, because without fear, surrounded by love and free from presumption. The morality of women, who live in similar circumstances to children throughout their lives, therefore increases rather than decreases with the years.

3 [45]

93. What we expect, we call right and fair; what surprises us, what seems wonderful to us, we praise or blame. The first sensation of wonder is fear: praise and blame is a product of fear. On the other hand, what is right and fair leaves us satisfied, is neutral to the senses, and corresponds to health.— What each person expects of themselves and others in every situation, thus the ordinary of an entire culture, is not the ordinary for another culture and arouses their wonder, evokes praise and blame, and is therefore certainly felt too strongly. Cultures do not understand what belongs to the health of others. The expected, the ordinary, the healthy, the neutral to the senses makes up the greatest part of what a culture calls its morality.

3 [46]

94. Suppose one always expects evil, the unpleasant surprise, then one is always in hostile tension, becomes unbearable for others, and suffers in health oneself: such natures die out. On the whole, only the more contented and hopeful races have survived.— Whoever always expects the worst becomes evil, namely hostile, suspicious, restless; this is the effect of pessimistic ways of thinking.

3 [47]

95. The science that wants to abolish praise and blame wants to eliminate wonder and guide people so that they always expect what is reasonable and right; ultimately, they should say to themselves, even if a volcano erupts: it is reasonable and just, it cannot do otherwise; what is there to wonder about?

3 [48]

96. Where we feel that we do something with a surplus of strength, there we feel free; where the doing itself delights and is not done solely for the sake of a delightful purpose, there arises the feeling of freedom of the will: here we do indeed will a purpose, but the purpose does not entirely rule us, it only provides an opportunity for our strength to play with itself, we know there are still many other opportunities for this; because we estimate the purpose as somewhat arbitrary and insignificant, we do not feel like its slaves, that is, we feel ourselves as willing in relation to this purpose, but also as free before it.

3 [49]

99. On people who encounter much that is sudden, whether from without or within, everything that can be calmly anticipated has a humanizing effect; for example, any habit that rules over them and their society: for the habitual does not require rapid tension, nor swift measures. Sudden, impetuous action is as half-savage as sudden, impetuous being overcome by affects; for such states, the moral consists in the habitual, the calm, the patient, the deliberative.

In other ages, where on the contrary an excess of these qualities exists, the passions and impetuous actions seem more moral; it is as if the people of these times were granted a glimpse into nature, so that they become freer, bolder, more excited in spirit, and thus they consider the sudden as the humanizing element, just as the earlier ones did the opposite.

3 [50]

101. Are there people who admire the affects, despise reason, and reject moral evaluation? Certainly not among acting people; but now and then an artist may find reason and morality not picturesque enough: he wants people with strong contrasts.

3 [51]

102. Moral judgments are means of discharging our affects in an intellectual way as this happens through gestures and actions. The insult is better than a fist blow or spitting; flattery (praise) is better than stroking or licking (kiss); the curse transfers revenge to a god or spirit, which the animal itself exercises against its enemy. Through moral judgments, it becomes easier for humans, their affect is discharged. Already the use of forms of reason brings a certain calming of nerves and muscles; the moral judgment arises in those times when affects are felt as burdensome and gestures as too coarse a relief.

3 [52]

103. Sudden affects are what make people ugly in the long run. Christianity has unleashed sudden affects, consequently —

3 [53]

106. The lower Catholic people, who know nothing of voluntary abstinence but a great deal of involuntary—hence they worship the pleasures of life—, see in the saint a counterpart of conduct of which they understand nothing: they believe in the saint, quia absurdus est. In our Protestant countries, where moral education is almost entirely lacking or proceeds quite thoughtlessly, there is almost the same respect for the saint; one thinks of asceticism as something superhuman and forgets that every ancient morality, even the Epicurean, included an asceticism.

3 [54]

107. First, one does not learn insights into things and people, but value judgments about things and people; these prevent access to real knowledge. One would first have to overthrow all value judgments through a radical skepticism of value in order to have a free path.

3 [55]

108. The refined courtly culture under Louis XIV required Stoicism in many respects; many emotional storms had to be locked in the heart, much fatigue concealed, and much pain covered with cheerfulness. This way of life would be too strict for our comfortable contemporaries.

3 [56]

109. It is the nature of the Jews to exploit their opportunities in relation to individuals by stepping right up to their boundaries and making it known that they are aware of these boundaries. This makes them intrusive; we all want to be unapproachable and appear unlimited; the Jews counteract this fantastical desire to be unfathomable in individuals and nations, and are greatly hated for it.

3 [57]

110. Epistemology is the hobby of those sharp minds who have not learned enough and who believe that here at least everyone can start from the beginning, here “self-observation” is sufficient.

3 [58]

113. When we can no longer comprehend the good that we owe to a possession, despite all our efforts to survey it, then love arises: an overflowing towards something unlimited; it lacks the knowledge of the entire worth of a thing or person, because no scale is large enough to grasp it. We bring forth all the highest things we know for comparison; when we love, we constantly think of all the highest things of every kind, and because they always occur simultaneously with the beloved object, we sometimes confuse them with it.

3 [59]

114. Instead of wishing that others know us as we are, we wish that they think as well of us as possible; we desire, therefore, that others deceive themselves about us: that is, we are not proud of our uniqueness.

3 [60]

115. The stunting of many people has its root in the fact that they always think of their existence in the minds of others, that is, they take their effects seriously and not that which effects: themselves. Our effects, however, depend on that upon which effect must be had, thus they are not within our power. Hence so much unrest and vexation.

3 [61]

116. Gloomy and bitter thoughts are not possible without physiological causes. To become the great accuser of the time or of life as a whole, our liver must be prepared for it.

3 [62]

117. Our first passionate decisions for or against, with which we give our life's boat its direction in youth, are usually proofs of poor upbringing, immature taste, and the lack of reflection in which we have lived until then.

3 [63]

121. The large, fully open eye belongs to the one who habitually wants to survey much at once, thus the child, who is often amazed, the lover, who wishes to encompass all his happiness with his gaze, the thinker, who has many important things before him and wants to arrange them; others, who think much about small things, have the diminished sharp eye, they want to see as precisely as possible, as if following the movements of an insect, so too the suspicious. Terror gazes widely, because in it there is astonishment, fear changes the direction of the sharp glance very quickly, restlessly about where the danger comes from.

3 [64]

122. Our valuations determine our way of life (residence, occupation, social interactions, etc.), and our way of life determines how much or how little we feel pain or pleasure, not only in the finer and most spiritual aspects, but down to the most physical. Whoever changes the valuations also indirectly changes the types and degrees of pleasure and displeasure in humans.

3 [65]

123. Among the consolations of passionate and unbridled characters is tragedy; it advises to expect peace and inner freedom only beyond this world—thereby temporarily eliminating the moral dissatisfaction of such natures with themselves, for it seems to say: not being able to achieve the impossible should cause no grief.

3 [66]

125. Everything we now call immoral was once moral somewhere and at some time. What guarantees that it will not change its name again?

3 [67]

128. There is a comical definition of the comical: according to Vinet, it is supposed to be the naivety of sin.

3 [68]

129. Society must become so secure of itself that it can endure a tolerable amount of crime without being disturbed as a whole; likewise, the state must be so wisely and durably founded that much ineptitude and folly on the part of its servants does not harm it essentially.

3 [69]

130. The moral judgment of people and things is a consolation for the suffering, the oppressed, the inwardly tormented: a kind of taking revenge.

3 [70]

131. For a millennium, even the most free-spirited minds were unable to imagine an irreligious way of thinking; now we possess it, but are again unable to imagine an extra-moral way of thinking; later people may also have this.

3 [71]

132. Science continually issues commands, for example regarding health and education: it justifies them by pointing to the harmful consequences of neglecting them: the earlier legislators of morality also justified their commands in this way, except that the consequences of neglecting them were not to be the effects of natural causes, but arbitrary acts of punishment by God. Popular morality does not recognize natural causality with respect to the consequences of actions, but only the miracle.

3 [72]

133. For whom the common prejudices do not begin to sound paradoxical, has not yet thought enough.

3 [73]

134. It is regrettable that Jesus Christ did not live longer; he might have become the first renegade of his own teaching, perhaps he would have also learned to laugh and wept less often.

3 [74]

135. The consoling means that beggars and slaves invent are thoughts from malnourished, tired, or overstimulated brains; Christianity and socialist fantasies are to be judged accordingly.

3 [75]

136. Firstly: to eliminate punishment from the world; secondly: to eliminate sin from the world; thirdly: to eliminate moral measuring and weighing from the world.

3 [76]

137. It seems that many crimes stem from the same force from which the pessimistic way of thinking stems; they are the discharge of this force in actions.

3 [77]

138. How much illness there still is! How much exhaustion from excessive exertion! How much wicked boredom!—and in all these states, thought and judgment occur, about oneself, about fellow human beings, about the value of all existence. Consequently: how much pessimism there must be!

3 [78]

139. What? the truth is simple?—the truthful is simple, but the truth is very, very complicated.

3 [79]

140. In the most extraordinary states, man believes himself closer to the truth; in the highest excitements, he ascribes superhuman abilities to himself—and yet such states and excitements are least suited for the knowledge of a thing, though he does see visions, ghosts, seventh heavens, and hellish abysses there. Hence religion, hence most metaphysics—. And with these offspring of half-madness, science would need to reconcile itself!

3 [80]

141. We have forgotten the wild animals: there were millennia when people thought of them while awake and asleep.

3 [81]

143. In the future, there will be: 1. countless institutions where one temporarily goes to take care of one's soul; here anger will be fought, there lust, etc.; 2. countless remedies against boredom; at any time, one will be able to listen to readers and the like; 3. festivals in which many individual inventions are united for the overall purpose of the festival, for those who celebrate a festival must have co-invented the festival; 4. individuals and entire groups will pledge never to seek judicial assistance.

3 [82]

145. The sum of spirit that people spend on combating evils is lacking for the invention of joy; therefore, humanity as a whole has not yet risen higher than to consolation; finally, perhaps science will succeed in destroying the monsters and, last of all, it will also have to destroy the consolation that, over the long time of its existence, has itself become monsters.

3 [83]

146. Pessimistic ideas inhibit the expression of gestures, recommend dissimulation, especially that of terrible distortion (to inspire fear), they forbid the excited soul from becoming audible in speech, in short they make people ugly in gesture and sound.

Contempt as well as fear make one ugly.

3 [84]

148. What education now demands, that we do not express our emotional movements, is the long consequence of fear: people should not see what is going on within us, assuming that it is always something bad or that we thereby give our enemies good opportunities. The courtly dissimulation, the Stoicism in a fixed polite gestural play, proceeds from evil assumptions about our fellow human beings: they should not get to know us, it would be to our detriment.

3 [85]

149. So that one does not mistakenly regard the species-preserving drive, the behavior of parents towards their young, as the beginning of a completely new chain of motives, the so-called unselfish ones, one should consider these hypotheses: the lowest form of the species-preserving drive is shown in the fact that some fish species keep watch over their eggs and ward off enemies. I suspect here, as in other cases in the animal world, that the parents consider the eggs and the young as food that must be stored and protected; in many cases, the animals also live on it. Those species that have taken the greatest care and watched over this kind of food have the best chance of reproducing, and the habit of caring for the eggs and the young is inherited more and more strongly, finally as a powerful drive in itself, in which the first motive is forgotten.

3 [86]

150. Compassion increases when joyful feelings are its predominant result; it decreases when it carries away more pain than joy. With the constant sight of the suffering, pity constantly sinks, but one becomes all the more sensitive to the suffering of others the more one has sympathetic joy.— The most compassionate people are those who have much inner joy; everything contradictory pains them; people of misfortune and war are hard.

3 [87]

151. Who then has colored the world thus, dipped it in these glowing lights? It was the people of spiritual convulsions, of utmost terror and ecstasy, of deepest despondency: medicine men, tragedians, saints, etc.; they were feared; one believed them because they willed it, for they were terrible.

3 [88]

152. Animals of the same kind often spare each other, not out of some wondrous instinct of compassion, but because they assume equal strength in one another and regard themselves as uncertain prey; they attempt to live off animals of other kinds and to abstain from them. From this develops the habit of overlooking one another and eventually approach and the like. Even the intention to lure females or males to oneself can determine the animals to appear not terrifying in relation to their kind, but harmless. In chivalrous ages, the man becomes all the more courteous and gracious toward all women, the prouder and more fearsome he appears toward all men; only thus does he lure the female.

3 [89]

153. That extravagant and fantastical pathos with which we have assessed the strangest actions is repaid with the absurd indifference and contempt that we direct toward inconspicuous and everyday actions. We are the fools of rarity and have thereby devalued our daily bread.

3 [90]

154. Most people have spirit only when they are in a warlike state, during attack, fear, defense, revenge; but as soon as this state subsides, they fall into dullness. It takes a great deal of spirit to still have some left in a state of well-being.

3 [91]

155. What has being cannot will to have being; what has no being cannot will it either. Therefore, there is no will to being. This is a poor and nonsensical combination of words. It would be understandable to say: will to a longer, or higher, or different being.— Will is the idea of a valued object combined with the expectation that we will take possession of it. “Struggle for existence”?

3 [92]

156. If the old jus talionis did not still have an effect, one would certainly not execute the murderer, but rather, according to the principle that honor is worth more than life, the defamer, the slanderer. Likewise, painful mutilation and the like is a much greater suffering than death; consequently, the cruel person would be executed before the murderer, as well as the unscrupulous doctor, midwife, etc. Finally, insofar as the instigator of many deaths is more disastrous than the murderer, all princes, ministers, public speakers, and newspaper writers who have incited and advocated a war should be executed; I mean, of course, the unjust wars, but one will tell me that there are no unjust wars.

3 [93]

157. The moral precepts originate from times when nature, peoples, and human beings were much less known than they are now. Ignorance and false assumptions are, through the solemn inviolability in which morality lives, also sanctified.

3 [94]

158. When one says: this is useful, that is harmful, then this statement must prove itself in its consequences, that is, it is continually tested and refined or discarded accordingly. If, on the other hand, one says: this is moral—then one believes one has said something that does not need to be proven by its consequences, indeed cannot be proven by them. That is why the harmful persists under the label “moral” for so long.

3 [95]

159. Some overly anxious statesmen may do what they will, there will always be a stain clinging to them: just as some cannot crack an egg without getting dirty.

3 [96]

160. Life for the future—that is a consequence of morality, in which all of life, that is, the sum of all present moments, becomes a folly, a chase, and a discomfort. Life for others—a consequence of morality, in which others are arbitrarily regulated, and the person himself, for the sake of his good goal, unhesitatingly indulges all the weaknesses of his mind and heart.

3 [97]

161. To what extent has morality had a harmful effect? Insofar as it despised the body, in the asceticism of duty, courage, diligence, loyalty, etc. Especially in that canon intertwined with religion, that taking pleasure in oneself is unpleasant to the deity, while causing oneself suffering is pleasing to it. People were taught to suffer, they were advised against taking joy—in all moralities (except that of Epicurus), that is, morality has hitherto been a means of disturbing the physiological foundation of man in its development—it was the weakness of morality that prevented it from destroying this foundation; it was a terrible die in the great game of dice.— We must unlearn conscience as we have learned it.— On the whole, the great preserving force that maintained the upper hand against morality was what it called evil, the striving of the individual to assert itself without regard for doctrinesto claim for oneself to feel well, to seek one's pleasure, to subordinate nearer needs to more distant ones, while morality not only distinguishes these as higher and lower needs but teaches to despise and often condemn the latter (the so-called sensual pleasures).

3 [98]

162. The more the feeling of unity with fellow human beings prevails, the more people become uniformed, the more strictly they will perceive all difference as immoral. Thus, the sand of humanity necessarily arises: all very alike, very small, very round, very compatible, very boring. Christianity and democracy have so far driven humanity the farthest on the path to sand. A small, weak, twilight-like sense of well-being spread evenly over all, an improved and perfected Chinadom—that would be the final image humanity could offer?

Inevitable on the path of previous moral sentiment. It requires great deliberation, perhaps humanity must draw a line under its past, perhaps it must direct the new canon to all individuals: be different from all the others and rejoice when everyone is different from the other; the coarsest beasts have indeed been eradicated under the regime of previous morality—this was its task; we do not want to continue living thoughtlessly under the regime of fear of wild beasts. For too long, far too long, it was said: One like All, One for All.

3 [99]

163. In everything that happens, to say: God would not allow it if it were not beneficial to me—with this heavenly childishness, humanity could have perished several times already. Fortunately, there have always been people who were not Christian enough to comfort themselves so childishly.

3 [100]

164. If general happiness were to be the goal of every single action, then the individual would have to renounce performing even a single action in their life: the consideration of whether their undertaking truly corresponds to the highest good of all present and future people would consume their entire life.Christianity designated the neighbor as the goal of our actions and left it to God to determine who our neighbors should be; for those to whom this religious solution is not available, they would have to say: I do not want to accept just any neighbor as the object of my actions, but rather seek those to whom my actions are best suited, those whom they can truly benefit can. To do this, however, one would have to get to know one's neighbor almost as well as oneself, and that could consume one's entire life.

3 [101]

165. Rules on how to act are all the more indisputable the more the insight of those acting falls short of that of the rule-maker. Since no one but him knows exactly which consequences he expects from the actions, those consequences that actually arise from the rules are also indisputable. Thus, the religious person relates to God's commandment, the moral person to the moral law—an inheritance from times when there was a chief and blindly obedient followers who saw their reason in him and had none without him.

3 [102]

166. The metaphysical pessimist, who flees pleasure and security and ascribes the highest value to misfortune and suffering—namely, to enlighten about the worthlessness of life—how could he have compassion when another suffers? He would only rejoice in it, just as he would likewise have to reject compassion if he himself were in distress; on the other hand, if he found the other in joy, he would feel sorrow for him and seek to spoil his joy—this is how Schopenhauer’s practical morality should sound. Compassion, as Schopenhauer describes it, is, from his standpoint, the true perversity, the most thorough of all possible stupidities.

3 [103]

168. I cannot explain how it is that the Jews have brought moral exaltation to the highest degree among all nations, both in theory and in practice. Only they have produced a Jesus of Nazareth; only they a holy God, only they the sin against him. In addition, the prophet, the redeemer—these are their inventions.

3 [104]

169. What the Romans hated about the Jews was not the race, but a kind of superstition they suspected and especially the energy of this faith (the Romans, like all southerners, were lax and skeptical in their beliefs and only strictly observed the customs). The same thing was offensive to them about the Jews as was offensive about the Christians: the lack of images of gods, the so-called spirituality of their religion, a religion that shuns the light, with a god who cannot be seen, this aroused suspicion, even more so the rumors about the Paschal lamb, about eating the body, drinking the blood, and the like.— In summa: the educated people of the time believed that Jews and Christians were secret cannibals.

Then they were credited with honestly believing crazy stuff; the Jewish and Christian measure of being able to believe was contemptible to the Romans; it was the Jew in Christ who above all demanded faith; the educated of that time, before whom all philosophical systems were at each other's throats, found this demand for faith unbearable. “Credat Judaeus Apella” (Horace).

3 [105]

170. Christianity holds 1. a fundamental improvement of mankind possible without improvement of their knowledge, without improvement of their social conditions; 2. it demands abstinence from the world, but not promotion of the world; 3. it prefers suffering and sorrow, and arouses suspicion against well-being; 4. it prefers faith to knowledge and incomprehensibility to understanding and makes suspicious of reason; 5. it does not consider sex, rank, people, these distinctions are unessential to it; but if hardships are connected with these distinctions, it finds the maintenance of the differences desirable for the sake of the hardships and their salvific effects; 6.it presupposes the deep corruption of all things and people and sees ruin as imminent; it does not want to prevent this ruin, it wants to make the world as repulsive as possible.— If one were to imagine Christianity, grasped in all its strength, as dominant, if one were to imagine that no forces act against it, it would bring about the ruin of the human race in a short time: it takes from people their health, their joy, their confidence, their intentions for the future of the world (thus their activity). Some Church Fathers admit this consequence: they see no reproach or objection here.

3 [106]

172. Christian compassion, quite different from that of the Indians and their disciple Schopenhauer, arises in view of the eternal damnation of the other, the displeasure of God, the lack of faith, the joy in worldly things, the abundance of diabolical deception that surrounds the non-Christian, for example the unbaptized barbarian, unconsciously: it is pity for the semblance of happiness or for the error with which the other laments his misfortune, compassion for ignorance and error, therefore, not for pain—thus actually not co-suffering.

3 [107]

173. Almost everywhere on earth where a church or temple stands or once stood, a miracle once occurred, that is, the mushroom of sacred architecture sprouts wherever religious people encountered a small madness. Has anyone ever built in a place where a great truth first dawned on a person? Probably not; but why should they, such a truth wants to be criticized, not worshipped.

3 [108]

175. The poet seems to continually open up avenues to new or better knowledge of nature and human affairs: before one has even properly grasped that what beckons so excitingly here is a will-o'-the-wisp, another already dances before the senses. The poet's comparisons, his metaphors, are by no means presented as such, but as new, hitherto unheard-of identities, by virtue of which a realm of knowledge seems to open up. The less that is yet established as to what is truly proven in nature, the stronger the poet's effect, the greater his art of acting, temporarily representing the explorer of nature. The question of how far something a poet says is true is pedantry.

All value lies precisely in the fact that it only seems true for a moment, and this applies to his entire worldview, his moral order, his moral maxims just as much as to his parables, his characters, his stories. To want to confirm a serious, scientific opinion by the fact that some tragedian said something similar is an absurdity: poets are always wrong in matters of knowledge because theywant to deceive as artists and as artists do not even understand the striving for the highest truthfulness; if they happen to say something true, their authority is not suited to inspire belief, but rather mistrust. It is such a pleasure that the drive to recognize also plays with itself once and hops from one branch to another, adorned with charming tones and colorful feathers—and we should be fools and expect an oracle where a bird sings and warbles!

3 [109]

176. Here an action is valued because it is difficult for the agent, there another because it is easy for him, there one because it is rare, there one because it follows the rule, there one because the judge considers it impossible for himself, there one because the judge considers it impossible in general (a miracle), there one because it is considered useful, there one because it shows no regard for utility, there one because the person thus provides for his own best welfare, there one because he does not provide for himself in doing so, there one because it is duty, there one because it is inclination, there one because it is done without inclination, there one because it is instinct, there one because it is the brightest reason—and all this is occasionally called moral!One now handles the standards of the most diverse cultures simultaneously and is able through these to assess almost every thing as moral or as immoral, as one wishes, that is, according to our good or bad will towards our fellow men or towards ourselves; morality is now the great topic of praise and blame—but why always praise and blame? If one could dispense with that, one would no longer need the great topic either.

3 [110]

177. The gloomy seriousness, the tension, and the fear are common to all passions: there is in them no surplus of life, indeed it seems as if not enough of it were present.

3 [111]

179. Now one seeks above all to preserve human life: this gives our culture the appearance of cowardice and the old man's greed for a long life; formerly, when life could be lost much more accidentally than now, it belonged to the essence of virtue that one threw away life lightly and held many things in higher esteem.

3 [112]

180. Modern life wants to be protected as much as possible from all dangers: but with the dangers, much cheerfulness, recklessness, and stimulation are lost; our coarse remedies are revolutions and wars.

3 [113]

181. With alms, one maintains the condition that serves as the motive for giving alms; thus, one does not give out of pity, for pity would not wish to perpetuate the condition.

3 [114]

181. The surplus of strength seeks struggle and becomes evil in it; but here, being evil is only a means (for the purpose of discharge) and therefore more harmless than in the weak, who are evil in order to cause pain.

3 [115]

183. If one wants to claim that the German was predisposed and predestined for Christianity, then one must not lack shamelessness, for the opposite is not only true but also palpable. Why should the invention of two outstanding Jews, Jesus and Saulus, the two most Jewish Jews that there perhaps have been, appeal more to the Germans than to other peoples?

(Both believed that the fate of every human being and all times, before and after, along with the fate of the Earth, the Sun, and the stars, depended on a Jewish event: this belief is the Jewish *non plus ultra*.) How does the highest moral subtlety, which a rabbinical and not a bear-skin intellect has so sharpened, and which first succeeded in the invention of the holy God and sin against Him, the feeling of unfreedom and servitude in an infinitely ambitious little people, their longing for the redeemer and fulfiller of all hopes, the priestly hierarchy and the more popular asceticism, the everywhere palpable proximity of the desert, and not that of the bear forest—how does all this rhyme with the lazy but warlike and rapacious German, the sensually cold hunting enthusiast and beer drinker, who does not rise higher than to abrought the right and bad Indian religion and had not yet unlearned to slaughter people on sacrificial stones a thousand years ago?

3 [116]

184. Not the corruption of morals—this was limited to five or ten cities of the immense empire—but the fatigue that set in everywhere because one believed to have reached the goal, in regard to culture and state forms, led the ancient world into the noose of Christianity; people would rather perish than know in the end that living out life is the only purpose of existence, an unbearable thought to them; one was tired of oneself and the world: Christianity made everything interesting again by overturning all value judgments and placing a judgment beyond the end of all things.

3 [117]

185. Christianity appears as an epidemic panic; it had been prophesied that the earth would soon perish. Neighboring thoughts attached themselves to the idea of this terrible danger—why perish? because of our sins? so perhaps a judgment? and where an intercessor? etc. Finally, it seemed the most universally advisable thing to step before the place of execution in the usual ancient manner, that is, in the most wretched and pitiable state imaginable.

This image of the ancient accused is later upheld by the anchorites—they wish to be ready at every moment, and the idea of the suddenly impending judgment led them to devise everything by which a person appears pitiable; God should, like a Roman praetor, not endure treating such a stunted and terribly suffering being as guilty. Christianity knows only the undignified guilty.

3 [118]

187. The poet lets the desire to recognize play, the musician lets it rest—could both really be possible side by side? If we are completely given over to music, there are no words in our head—what a great relief; as soon as we hear words again and draw conclusions, that is, as soon as we understand the text, our feeling for the music has become superficial: we now associate it with concepts, we compare it with emotions, and practice symbolic understanding—very entertaining!But with the deep, strange magic that once gave our thoughts rest, with that colored twilight that once extinguished the intellectual day, it is over.— As soon as one no longer understands the words, everything is in order again: and this is fortunately the rule; nevertheless, bad texts are reasonably to be preferred to better ones, because they do not draw attention to themselves and wish to be overlooked.— The opera wants to occupy the eyes at the same time, and since with the great mass the eyes are larger than the ears, which says a lot, the music of the opera adapts to the eyes and is content to blow characteristic fanfares as soon as something new is to be seen,—beginning of barbarism.

3 [119]

189. A girl who gives up her virginity without the man having solemnly sworn before witnesses never to leave her for the rest of his life is considered not only unwise: she is called immoral. She did not follow custom, she was not only unwise but also disobedient, for she knew what custom demands. Where custom does not demand this, a girl's behavior in such a case is not called immoral either; indeed, there are regions where it is considered moral to lose one's virginity before marriage.—So the core of the reproach is disobedience, which is immoral; is this sufficient? Such a girl is considered contemptible,—but what kind of disobedience is it that is despised?(One does not despise imprudence.) One says of her: she could not control herself, therefore she was disobedient to custom; one thus despises the blindness of desire, the animal in the girl. In this sense, one also says: she is unchaste—for this cannot mean that she does what the lawfully wedded wife also does, and whom one does not therefore call unchaste. Custom thus demands that the displeasure of unfulfilled desire be endured, that desire wait. Immoral here means being unable to endure a displeasure despite the thought of the commanding power. A feeling is to be subdued by a thought, more precisely: by the thought of fear (whether this be fear of sacred custom or of the punishment and shame which custom threatens).An sich is it now by no means disgraceful, but natural and fair, that a need be satisfied immediately; thus, the real contempt lies in that girl's weakness of her fear. To be moral means: to be highly susceptible to fear; fear is the power by which the community is preserved.— If one considers, on the other hand, that every original community in other respects absolutely requires the fearlessness of its members to the highest degree, it follows that what must be feared without question in the case of morality must be extremely fear-inspiring; therefore, custom has everywhere established itself as divine will and withdrawn under the terror of gods and demonic means of punishment: so that being immoral meant not fearing the boundlessly fearful.—To someone who denied the gods, one expected everything; he was thereby the most terrible man, whom no community could endure: because he tore out the roots of fear on which the community had grown. It was assumed that in such a man desire reigned without bounds: one considered every man without this fear to be limitlessly evil.—Now, however, complete fearlessness stems from a lack of imagination; the evil man in this sense will always be a man without imagination. The imagination of the good was an imagination of fear, an evil imagination—one did not yet know any other. The evil imagination was supposed to suppress evil desire; that was the ancient moral law. The constant rule of fear over desire made the moral man.From this arises as a sign of the moral the asceticism: being able to endure, being able to wait, being able to remain silent, being able to fast—this is, for example, the morality of the Indians.—One derived the relative security of the community from the ability to frequently and intensely present unpleasant images to the soul, by means of which one could refrain from the immediate satisfaction of painful needs. These are the images of punishments and shame, and above all the more indefinite, uncannier punishments from gods and spirits: whereas with the punishments of worldly justice, one must not first think of the deterrent effect (mostly they are fines, by means of which a damage is to be made good again).Even the prospect of the most painful punishments of worldly justice, of death with torture and the like, does not have the same effect in wilder times as the prospect of punishments from gods and spirits: at that time, people feared death much less than today and were practiced and proud in enduring torture; for such reasons, to restrain one's lust for revenge, one's lust for plunder, one's lust would hardly have been considered manly; it is different when madness, furies, eruptions, white hair, sudden aging, nightly terrors are threatened: the threat of such punishments works.In short, the fear on which morality then rested was superstitious fear: to be immoral meant to be without superstitious fear.— The more peaceful the condition of a community is, the more cowardly its citizens become, the less accustomed they are to enduring pain, the more will secular punishments suffice as deterrents, and the more quickly will religious threats prove superfluous. Peace, therefore, displaces religion; the vague means of fear from the imagination are no longer necessary, for anxiety about the known punishments of the state and civil disesteem is already great enough.In highly cultivated peoples, punishments will ultimately become highly superfluous deterrents; already the fear of shame, the trembling of vanity, is so constantly effective that immoral actions are thereby omitted.— The refinement of morality increases with the refinement of timidity. Now, the fear of unpleasant sensations in other people is almost the strongest of our unpleasant sensations. One would very much like to live in such a way that one does nothing more than what gives others pleasant sensations and takes pleasure in nothing unless this condition is also fulfilled.

3 [120]

190. We comprehend the very smallest part of that from which every action is composed, and the long chain of strictly interlocking nerve and muscle processes involved is even completely unknown to us. Thus, we perceive the action as a momentary act of will in the manner a Hebrew writer describes God: He commands and it stands there, that is, we make magic out of it and feel ourselves as magicians free. Our ignorance plays the pleasant trick on us of upholding our pride. If it ever fails to happen what we want, it must surely be due to a hostile being that, again through magic, places an obstacle between our will and the deed.

Wanting the good and doing the wrong—one attributes it to the devil, another to sinfulness, a third sees it as punishment for the guilt of earlier lifetimes: almost all interpret it morally and demonically. In short, after we abandoned the savage belief in miracles as the rule of nature, the same belief has taken root regarding our psychological processes; here, the miracle is still considered the rule. In truth, wanting something means conducting an experiment to discover what we can do; only success or failure can teach us about that.

3 [121]

191. Some show spirit, others hide and prove it.

3 [122]

192. General happiness or universal benevolence are results that perhaps can be achieved through the continuous growth of morality (perhaps not!). Not letting go of any human achievements and always maintaining the current level of humanity is perhaps a consequence of general morality (a concomitant phenomenon); but what drives people to moral actions, now drives them, are not those results, even less these consequences, but something else than what originally produced the recognition of moral predicates.

The origin of morality cannot lie in the moral. One must therefore not confuse: firstly results of morality, secondly consequences of morality, thirdly motives of moral actions, fourthly motives for the emergence of moral concepts. And yet, in previous moral systems, one thing, the "Principle," is supposed to suffice for such different services.

3 [123]

193. We venerate where we do not comprehend, for example in ancient customs, in words spoken with a solemn tone, etc. But we should withhold our judgment where we do not comprehend, so that the accumulated veneration without a core does not become even more on earth: for our spiritual world still looks very Egyptian, with desert and enormous pyramids therein—and in the pyramids, mostly inaccessible, a wretched corpse.

3 [124]

195. Plato had to experience that the doctrine of ideas was refuted by a brighter and more comprehensive mind than his own: and the refuter had only recently been his student. As long as thinkers regard their insights as their own creations, as long as that ridiculous paternal vanity rages within them, refutation will be the crown of thorns of philosophers—how many have already had to wear it!—while a friend of truth, theis called an enemy of being deceived, that is, a friend of independence, should exclaim upon a refutation: I have escaped a great danger, I almost strangled myself in my own snare. One can wish luck to a man as grim and domineering as Schopenhauer was, that he did not guess how short the triumph of his philosophy would be and how soon all the showpieces of his invention would be recognized as illusions.

3 [125]

196. As soon as school wisdom allows itself to dream, there is one more thing between heaven and earth; but when a truth is recognized, the number of such things decreases, and a number of supposed stars go out. Of course not immediately! but just as we speak of stars whose light rays only reach us after they have long since disintegrated, so errors continue to radiate their brilliance long after they have been refuted. Considering the brevity of human life, even a single error may suffice to bathe the lives of many generations entirely in light; when at last its glow fades and dies, they are long gone and have not experienced the utmost bitterness there is: to see the star extinguish.

3 [126]

197. To allow an evil to happen that one can prevent is almost the same as doing it oneself; therefore, we save the child who is running playfully toward the open well, remove the stone from the path that has fallen onto a smooth surface, straighten a chair that is about to tip over—all not out of pity, but because we take care not to cause harm. We have become accustomed to this; whatever the motives for this habit may be, now we act out of habit and no longer according to those motives.

3 [127]

199. We cannot pronounce some words of a foreign language, indeed cannot even hear them correctly; we cannot see some things if we have not learned to see the parts. Speaking, hearing, and seeing must also be learned; but with our imprecise observation of the learning process, we believe in all three cases that goodwill suffices and assume ill will in a young person who fails. How wicked humanity has been made by attributing its inability to the will.

3 [128]

201. Europe has allowed an excess of Oriental morality to grow within itself, as the Jews conceived and experienced it. One will not be the happiest and most composed people if one indulges so excessively in morality and elevates it into the divine, the humanly impossible. They have been much imprisoned and subjugated; they have come to know the Oriental contempt for their stubbornness in faith; they have behaved toward this faith as Asian peoples do toward their princes—crawling in submission, full of fear, yet not free from the lust for independence: thus they developed a restless, covetous imagination that sought compensation in secrecy, the breeding ground of that sublime accusatory morality and that wild heroism which expressed itself equally in devotion to their warlord God and in contempt for themselves.

itself makes known. Christianity, by virtue of its Jewish characteristics, has given Europeans that Jewish unease with themselves, the idea of inner restlessness as the human norm: hence the Europeans' flight from themselves, hence this unprecedented activity; they stick their heads and hands everywhere. Moreover, Christianity has succeeded in presenting the purely oriental countertypes, the anchorite and the monk, as the representatives of a "higher life" in Europe; thereby it has pronounced a false critique of all other life and made the Greek impossible in Europe. The Athenians certainly felt themselves to be the most restless Greeks: but how calm, how full of themselves and other good things they appear beside us! They knew no one above them and did not need to despise themselves.

3 [129]

202. What is imagination, then? A coarser, unrefined reason—a reason that makes great errors in comparisons and classifications, is unstable in tempo, and is tugged back and forth by the affects: a wild and picturesque kind of reason, the mother of illusory knowledge and “sudden enlightenments” (where the brilliance of an idea is confused with the light of truth); both, reason and imagination, are fertile, but the latter is more easily impregnated and brings forth more miscarriages and monstrosities. Reason is an imagination that has become wise through harm, by virtue of increasingly better seeing, hearing, and remembering.

3 [130]

203. The general command of all customs and morals is: think and fear, control yourself, disguise yourself.

3 [131]

204. For the occasional darkening of the world that becomes visible, there are the following causes: firstly the crossing of cultures, from which much ugliness arises; the constant sight of ugliness makes one gloomy: secondly the moral fantasy of Christianity, which has left only evil predicates to human actions and actually wanted to make a glorification of life, people, actions impossible; if one is never allowed to glorify, one becomes gloomy; thirdly the barbaric and animalistic, which is not yet temporally distant enough from us; fourthly the fear of the individual and the suspicion of it, because society is no longer secure in itself; fifthly the fear of the natural, which has taken the place of the earlier fear of nature; sixthly the comparison of theLives with imaginary bliss, of which Christianity and the poets have spoken; seventhly the exaggerated feeling of responsibility, which erases all indifferent, small, and harmless things and in every case wants to act in such a way that one can withstand an accuser.

3 [132]

205. Has morality really given humans more happiness or unhappiness? And even if one replaces happiness with “more painlessness and lesser pains,” one may still remain doubtful; it is the product of those times when causing harm to others through action and judgment brought much greater satisfaction than doing good to them: the time when people believed in evil deities. The joy in causing harm through moral judgments always strengthened the inclination toward harmful and cruel actions and thus itself became the cause of greater suffering than the moral judgment is capable of inflicting.

3 [133]

206. Moral and religious judgments have in common: first, the belief that they possess knowledge of human nature and the human interior; second, both deny having only a local and relative value: wherever they appear, they behave as absolute, eternally valid judgments; third, both believe in paths to knowledge that differ from those known to science; fourth, both imagine beings that do not exist—religious judgments gods, moral judgments good and evil people and the like; fifth, both hate investigation and speak of shamelessness and worse when one wants to see them naked; sixth, they are common to each other, they have joined together to support one another, and if one separates them, yet never

complete: the ones live on in the others.

3 [134]

207. Polite (nice), genteel, noble, distinguished, noble, généreux, courtesy, gentleman—these denote the qualities that were perceived in the upper caste and imitated; thus, a good part of morality probably stems from the instincts of this class, such as personal pride and the pleasure of obeying a chief who bestows distinction; they despise those below, they respect those above and their equals, but they demand respect from the entire world (upper, middle, and lower classes), they comport themselves as the better half of humanity. In contrast, in German, the simple man once meant the bad man: so far went the distrust of those who did not possess the more artificial gestures and expressions of good society.

3 [135]

208. Christianity (and not just the Catholic Church) continues to present itself as if it demanded everything, but it is very content, very grateful, if it receives only something. In this contentment, even the best Christian, measured by Christian standards, is now worse than a heathen; he wants neither to live for his faith nor to die with his faith; he is satisfied if both are given an alms.

3 [136]

209. To feel strongly, to be able to sustain a strong sensation for a long time, and to play many melodies on one string—that is what makes the great pathos-driven writers among the great authors, to whom Schopenhauer also belongs: they differ from the philosophers, even though Schopenhauer counted himself among them: for they do not wish to recognize at any cost, but rather to sing their song at any cost.

3 [137]

210. Christianity emerged from Judaism hervorgegangen and from nothing else, but it grew into the Roman world and bore fruits that are both Jewish and Roman. This crossed Christianity found a form in Catholicism where the Roman element gained the upper hand: and in Protestantism another, where the Jewish element predominates; this is not because the Germans, the bearers of the Protestant mindset, are more closely related to the Jews, but because they are farther from the Romans than the Catholic population of Southern Europe.

3 [138]

211. Moral ideas are means of enjoyment and spices, by virtue of which we perform the necessary actions more easily; without them these actions would be repulsive or boring to us.

3 [139]

212. Not to think of the Other, to do everything strictly for one's own sake is also a high morality. Man has so much to do for himself that he is always negligent when he does something for Others. Because so much is done for Others, that is why the world looks so imperfect.

3 [140]

213. Is not our free-thinking to be understood as an exaggerated one-sided action to which the counterweight has been lost? Is not the artist also often thrown out of his center by his artistic creation? Are not self-concealment, self-forgetting, self-denial the dangers of the fruitful solitary?

3 [141]

214. It is rare that someone who has become famous has not thereby become cowardly and foolish; the followers as a mass always attach themselves to his weaknesses and excesses and have an easy time persuading him that his virtue, his destiny, is to be seen here. Has a great man ever been recognized by his contemporaries in what makes him great? Has a famous man ever been the enemy of his followers?— Schopenhauer had become the fool of his fame before he even had it.

3 [142]

218. The greatest mass of evil is done out of weakness and sickness, to create the feeling of superiority (by causing pain), as a substitute for the physical sense of power. Weakness and sickness, however, have their roots mostly in ignorance.

3 [143]

219. When the joy of others hurts us, for example when we are in deep mourning, we prevent this joy, we then forbid the children to laugh, for example. On the other hand, when we are happy, the pain of others is unpleasant to us. What is sympathy?

3 [144]

220. Equality reduces the happiness of individuals, but paves the way for the painlessness of all. At the end of its goal, however, alongside painlessness would also stand joylessness.

3 [145]

221. The lies and the pretense, which are greatly cultivated within the community to establish equality, ultimately produce a free surplus that discharges itself in the creation of poets and actors. Consider what pleasure a community takes in boasting, insulting, sleight of hand, and similar arts.

3 [146]

226. Patriotism decreases when the fatherland ceases to be unhappy.

3 [147]

227. The fanatics may have no moral, but they do have intellectual, scruples; they take revenge on all those who think differently for the fact that they themselves, in the depths of their being and in secret and with a feeling of bitter pain—think differently.

3 [148]

228. Nature uses the brain to facilitate a function for the abdomen and vice versa.

3 [149]

229. There is no immediate instinctive fear of death; one flees from the pain that stands at the gate of death, from the unknown to which death leads and which it itself is; one still wants to rejoice often, therefore one wants to live, therefore one also endures suffering. The instinct of self-preservation is also a piece of mythology.

3 [150]

230. Here are people who want to make the whole world drunk with music and believe that culture would then come; but so far, something other than culture has always come from the drunkenness.

3 [151]

232. Happiness lies in the increase of originality, which is why other times may have had more of it than ours.— Science is the means to prove the necessity of education for originality.— If tradition and the cos fan tutti constitute morality, then it is the fetter of happiness.— The doctrine that morality is the right means to a painless life is certainly the product of very painful times.— When originality wants to tyrannize, it lays hands on its own life principle.— Taking joy in others' originality without becoming its ape will perhaps one day be the sign of a new culture.

3 [152]

233. No mythology has had more harmful consequences than that which speaks of the enslavement of the soul by the body.

3 [153]

237. Morality has a picturesque effect when it has been long pent up by immorality.

3 [154]

238. The intellect of present-day humans would probably suffice to create an ordered solar system from chaos, but it may lack the necessary time and, above all, the chaos; certainly, the world would be infinitely further along if human intellect had been allowed to govern instead of chance, and it would have saved billions of years.

3 [155]

240. Whoever now appeals to custom as the ground of their conduct is almost saying: I am superstitious, or: I am tolerant,—but formerly it was: I am wise and good.

3 [156]

241. The goal of Christian morality is not earthly happiness, but earthly wretchedness. The goal of the practical Christian, who stands in the world, is not worldly success, but the no-longer-having-to-act or even failure. That wretchedness and these failures are the means and steps toward unworldliness. Is there still Christianity? It seems it has already reached the goal of its unworldliness, namely, out of the world. But before it departed, it painted its writing on the wall, and this has not yet disappeared: the world is contemptible, the world is evil, the world is ruin.

3 [157]

242. There is a reduction of the feeling of morality: all factors of this feeling, which stem from illusions, from reverences where there was nothing to revere, from the accumulation of respect because criticism of what was respected was lacking, from the neighboring twilight of religion—all this will gradually be subtracted and the result will be that the obligation of morality for the foolish decreases. From this arises the task to strive with all one's might to ensure that the foolish decrease.

3 [158]

243. Certainly, our present education is something wretched, a foul-smelling bowl in which nothing but tasteless morsels swim together—morsels of Christianity, of knowledge, of art, which not even dogs could eat their fill of. But the means proposed to counter this education are scarcely less wretched, namely Christian fanaticism or scientific fanaticism or artistic fanaticism by people who can barely stand on their own feet—it is as if one wanted to cure a deficiency with a vice.

In truth, however, the present education appears miserable because a great task has risen before it on the horizon, namely the revision of all value judgments; but for this, even before all things are placed on the scale, the scale itself is needed—I mean that highest equity of the highest intelligence, which in fanaticism has its mortal enemy and in the current “all-round education” has its ape and dancing master.

3 [159]

245. If we replace God with chance wherever the Christian imagines God acting, we get an overview of how much the Christian, in the sum of his actions, disenchants the world and abandons it to chance again (for example, when he rejects the doctor in illnesses). The religions have extended the realm of chance, that is, restricted the time and power of the spirit.— As long as we act morally, we allow the chance that we were born in this country and have these people around us to become law over us and withdraw from the spirit, which only seeks the individual best.

3 [160]

246. We who fly from one day to the next do not want to be too dangerous and anxious with our thoughts; after all, one can no longer bring the soul of another into eternal danger with them—what the Middle Ages believed. The principle of freedom of thought and press rests on the disbelief in immortality.

3 [161]

247. Whatever the level of civilization, the state of society, the degree of knowledge may be: for the individual, a kind of happy life is always possible,—this is what religion and morality want to show and recommend to him from close by. Whether the feeling of happiness and its unmixedness with suffering actually increases with the increase of knowledge, improvement of the social situation, easing of life, is to be doubted, for in this growth, forces are always lost or become weak, to which one formerly owed the feeling of happiness primarily: the security and prolongation of life, which our modern world prides itself on as its achievements, may have been purchased through decrease of the feeling of happiness rather than through increase.

To promote culture for the sake of the happiness of individuals—that would, according to this, be a very doubtful and perhaps foolish matter!—but once we are somehow happy, we cannot help but promote culture! The new high confidence in ourselves, the satisfaction in our strength, the cessation of fear of others, the desire for their proximity, the wrestling match with them in goodness, the surplus of means, tools, children, servants of which we become aware—in sum: every kind of feeling of happiness drives us into the paths of higher culture and forward along them. Need, on the other hand, forms us backward, makes us defensive, suspicious, in custom superstitious and overly strict.Culture is a gradual sequence of the happiness of countless individuals, not the intention of these individuals!— The more individual the individual becomes, the more productive for culture their happiness will be, even if its duration is shorter and its intensity weaker and more fragmented than the happiness at lower cultural stages. If one were to deny the promotion of culture to the happy in order to maintain happiness in general at a high level, that would be as foolish as forbidding the silkworm to spin for the sake of the happiness of silkworms. What do we have from happiness of any kind, if not precisely the necessity to do something for the benefit of culture?— Happiness is simply not to be preserved, neither high nor low, if one were to suppress its necessary expressions. Therefore: culture is the expression of happiness.

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248. The origin of the categorical imperative is nothing significant. Certainly, most people prefer an unconditional command, an unconditional mandate over something conditional: the unconditional allows them to leave the intellect out of play and is more suited to their laziness; often it also corresponds to a certain inclination toward stubbornness and pleases those who boast of their character. In general, it belongs to the realm of blind military obedience, to which people have been trained by their princes: they believe that there is more order and security when one rules absolutely and the other obeys absolutely.

Thus, one also wants the moral imperative to be categorical, because one believes that it is most useful to morality in this way. One wants the categorical imperative: that is, an absolute master is to be created through the will of many, who fear themselves and each other: he is to exercise a moral dictatorship. If one did not have that fear, one would not need such a master.

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249. The works of the German genius do not keep when they go abroad: they must be consumed on the spot like Italian wines.

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250. It is the European way of moral idealism to refine and elevate moral conceptions to such a height and delicacy that, when a person looks back on their actions from this perspective, they feel humbled. This kind of idealism is perfectly compatible with a life of greed, ruthlessness, and ambition; the moment of humility is an installment payment for a life that has nothing to do with that idealism.

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251. What have the philosophers fantasized about the happiness of those who have overcome the world! What wonders has Schopenhauer imagined about that state where man is no longer inconvenienced by his sexuality.

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253. Presence of mind: that is the ability to let one's words and actions be dictated by circumstances,—is therefore an ability to lie and to dissemble.

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254. When the lie suits our character, we lie best.

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257. There were gods who wanted misfortune, others who protected from misfortune, and still others who consoled in misfortune.

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259. Where morality is greatest, the intellect perishes. The assumption that the neighbor will cheat us whenever he can keeps our minds alert, and this can happen, as in Italian cities, with roguishness, without our bearing a grudge against the neighbor.

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260. Honesty demands that instead of the indefinite moral words of noble sound, as they are customary, one should only name the recognizable and predominant elements in the mixture, despite the flaw of incompleteness and despite the fact that these predominant elements have hitherto had a bad reputation; but at least this way a false halo is destroyed. One should call a thing a potiori, and not a nihilo.

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261. How should one act? In such a way that the individual is preserved as much as possible? Or in such a way that the race is preserved as much as possible? Or in such a way that through our race another race is preserved as much as possible? Or in such a way that as much life as possible is preserved? Or in such a way that the highest species of life are preserved?

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262. Perfect morality is that of justice, which gives to each thing its own and knows nothing of reward, punishment, praise, or blame. In every complete cognition, this perfect morality is realized; every exercise of cognition is an exercise of this morality. And even when cognition itself engages in the most dangerous criticism of moral actions, it is still far from undermining them. At the moment a cognition comes into being, the one who cognizes is morally absolutely perfect; in an imperfect cognition, moral errors such as impatience, injustice, envy, and arrogance are usually involved.—But let us not deceive ourselves: there are no cognitions other than imperfect ones!

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