9, 5[1-49] Sommer 1880

5 [1]

Er hat nöthig Feindseligkeiten zu säen, damit er berühmt bleibe und es noch mehr werde. Glaubt ihm nicht, er weiß ganz genau, daß er betrügt. Er braucht den Fanatism der Freunde und Feinde, um sich zu belügen.

5 [2]

Das Festhalten tiefer furchtbarer entzückender Empfindungen, das Ausschöpfen derselben aus dem Grunde —

5 [3]

Deutsche Schauspielkunst kommt nicht in Betracht, genug daß sie den Deutschen genügt. Anders steht es in Wien, wo man nie verschmäht hat, von den Italiänern und Franzosen zu lernen: ebenso wie es die österreichischen Musiker gethan haben.

5 [4]

Da ist ein großer Künstler: aber er will größer erscheinen als er ist. Und so sagt man bei jedem fünften Augenblick seiner Kunst: er ist anmaaßend, er maaßt sich etwas an, das Höheren zukommt als er ist: er ist an ihnen ein Räuber, und in Bezug auf sich selber ist er nicht ehrlich—ihm fehlt nicht die Größe, aber die Naivetät, darum wird ihm so selten wohl: die Spannung ist zu groß.

5 [5]

Begierde! Das ist nichts Einfaches, Elementares! Vielmehr ist eine Noth (Druck Drängen usw.) zu unterscheiden und ein aus Erfahrung bekanntes Mittel, dieser Noth abzuhelfen. Es entsteht so eine Verbindung von Noth und Ziel, als ob die Noth von vornherein zu jenem Ziele hinwolle. Ein solches Wollen giebt es gar nicht. “Mich verlangt zu uriniren,” ist ebenso irrthümlich als “es giebt einen Willen zum Nachttopf.”

5 [6]

Es ist sehr schwer, ein hohes Selbstbewußtsein aufrecht zu erhalten, wenn man auf eigenen und neuen Pfaden geht. Wir können nicht wissen, was wir werth sind, das müssen wir den Anderen glauben; und wenn diese uns nicht richtig beurtheilen können, ebenso weil wir auf unbekannten Wegen gehen, so werden wir uns selber bedenklich: wir brauchen des frohen ermuthigenden Zurufs. Die Einsamen werden sonst düster und verlieren die Hälfte ihrer Tüchtigkeit, und ihre Werke mit ihnen.

5 [7]

O ich kenne euch, ihr geheimen Lügner, ich sehe euch stehen vor den zwei Wegen und euch für den entscheiden, der zu Entzückungen Hoffnungen Überschwänglichkeiten Betäubungen führt: ich sehe euch jene Miene annehmen als ob ihr euch selbst betrügen wollt, indem ihr euch vorredet, es sei der schwerere härtere Weg, es sei der demüthigere schmalere Weg, es sei der einsamere verrufenere Weg—ihr wißt es im Grunde eures Herzens besser, ihr seid nicht wahrhaftig genug, um so zu handeln wie ihr euch vorredet, aber immer noch wahrhaftig genug, um einen Biß in euch zu spüren. Die Frommen und die Enthusiasten sind gerade die Menschen der Gewissensbisse.

5 [8]

Und wenn es die Entscheidung über euer Leben gilt, wie könnt ihr euch jemand anvertrauen sei es ein Christus oder Plato oder Goethe! Aber euer Glauben muß so blind, so unbedingt, so fanatisch sein, damit ihr das Lied eures schlechten Gewissens übertönt, damit ihr euch vor euch selber Muth macht mit der Energie eurer Töne und Bewegungen. O ihr Schauspieler vor euch selber!

5 [9]

Gut, wir lassen uns durch die Musik traurig machen und seufzen wie eine Weide im Winde—dann aber plötzlich mit freudigem Lachen schütteln wir das alles von uns und rufen: das vermochte die Musik, Kummer und Thränen ohne Grund! Im Gefühl leben ohne Anlässe des Gehörs zu missen! Und nun hinein in die wirkliche Welt und unsere Seele ist freier und hat ihre Krankheit schon abgebüßt.

5 [10]

Gefühle zu erregen—das vermag auch die schlechte Musik. Aber daß sie solche bei Dir erzeugt, der du leicht die Musik als geistlos oder überspannt oder lügnerisch oder schauspielerisch empfindest—das macht ihren Werth aus.

5 [11]

Wir sind so dankbar für das Gute und so wenig verwöhnt, wir rechnen einen Musiker, der lauter schlechte Musik und hundert einzelne Takte ersten und schönsten Ranges gemacht hat, unter die großen Musiker.

5 [12]

Vor dem Fatum in uns stehenbleiben, wie Schopenhauer, aber deshalb nicht seine “Erkenntnisse” modeln: wir müssen mit unserem Intellekt uns über unseren Charakter in die Weite und Höhe schwingen.

5 [13]

Die Menschen hätten in sich schon die Norm, nach der sie zu handeln hätten—die ungeheure Albernheit ist bis auf heutigen Tag noch geglaubt! Das Gewissen! Es ist eine Summe von Empfindungen der Zu- und Abneigung in Bezug auf Handlungen und Meinungen, nachgeahmte Empfindungen, die wir bei Eltern und Lehrern antrafen!

5 [14]

Die Fälschung der Wahrheit zu Gunsten der Dinge, die wir lieben (z. B. auch Gott)—fluchwürdigste Unart bei erleuchteten Geistern, denen die Menschheit zu vertrauen pflegt und die so dieselbe verderben, im Wahne festhalten. Und oft war es ein so schweres Opfer für euch, sacrificium intellectus propter amorem! Ach ich selber habe es gelobt! W i B

5 [15]

Wenn die Musik uns eine Empfindung bringt, so muß die Vernunft doch sagen: es ist kein Grund zu diesen Empfindungen, wir werden getäuscht. Es ist wie beim Gähnen, wir gähnen mit, ohne Grund.

5 [16]

Kampf nicht gegen die Dummheiten, sondern gegen die Einbildungen: Beseitigung der eingebildeten Dinge aus den Köpfen: Don Quixote Cervantes

5 [17]

Das allgemeine Merkmal der Zeit: wir wissen, was nie eine Zeit wußte, es gab und giebt eine Unzahl verschiedener Werthschätzungen derselben Dinge, und vielleicht mehrt sich die Zahl, je mehr die selbständigen Menschen an Zahl zunehmen (ihnen entsprachen ehemals selbständige Cultur-Völker) Je verschiedener aber die Werthschätzungen, um so mehr können die Menschen gegen einander austauschen, der geistige und seelische Verkehr nimmt zu. Man lernt die Anderen verstehen, um zu wissen, was man ihnen anbieten, was man von ihnen verlangen kann.— Sorge zu tragen, daß keine maginären Dinge eingeschmuggelt werden, wodurch der Werth aller wahren gefälscht wird. Dies ist das allgemeine Interesse.

5 [18]

Empfindungen die sich auf unwirkliche Dinge beziehen, sind unberechtigt, ohne Recht zur Existenz: weil nur wirkliche Dinge ein Recht haben auf Empfindungen und durch Einmischung erdichteter, ihnen ihr Recht verkürzt wird.

5 [19]

Die Gefährlichkeit der Kunst besteht darin, uns an die eingebildeten Dinge zu gewöhnen, ja ihnen eine höhere Schätzung zuzusprechen: die Halbwahrheiten, die blendenden Einfälle vorzuziehen, kurz den Glanz und den Effekt der Dinge als Beweis ihrer Güte, ja ihrer Realität gelten zu lassen. “Zur Vollkommenheit gehört die Realität” dieser Denkfehler ist sehr oft gemacht worden. “Was wir stark bewundern, muß wahr sein”

5 [20]

Mich interessirt nichts mehr als wenn einer einen Umweg über ferne Völker und Sterne macht, um schließlich so etwas von sich zu erzählen.

5 [21]

Der Mensch kann die fürchterlichste Verachtung aushalten (wie die Juden), aber er muß das Gefühl der M irgendworin haben (so diese das Geld)

5 [22]

Der Werth der Kunst ist, daß wir hier einmal die verkehrte Welt gerade sein lassen, unwahres wahr, zur Erholung (das Unwahre wie wahr, das Ungegründete wie gegründet usw.)

5 [23]

Für K: Ihrer Jugend hat die Anerkennung und der Erfolg gefehlt wie das Durchmachen eines regelmäßigen Cursus von Halbjahr zu Halbjahr (?) usw. Darüber haben Sie gegen sich eine Verstreuung überhandnehmen lassen, wie als ob dieses Ich Ihnen nicht genug geboten habe. Die vornehmen jungen Leute messen hieran einen gesellschaftlichen Erfolg: dieser wird die Grundlage ihrer weiteren Unternehmungen, gleichsam das heitere Gefühl.— Sie sind vom gewöhnlichen Wege abgewichen, um auf dem rechten zu gehen: aber dabei giebt es immer Gewissensbisse—G. Sand

5 [24]

Das Christenthum gab jedem das Recht, sich unsäglich wichtig zu nehmen: er ist ein “ewiges Wesen”! ein “Genius,” eine “Persönlichkeit”

5 [25]

Unsere Aufgabe ist, die richtige Empfindung d. h. die welche wahren Dingen und richtigen Urtheilen entspricht zu pflanzen. Nicht die natürlichen wiederherstellen: denn sie haben nie existirt. Man lasse sich durch das Wort “natürlich” oder “wirklich” nicht täuschen! Das bedeutet “volksthümlich” “uralt” “allgemein”—mit der Wahrheit hat es nichts zu thun. Nur auf der Grundlage richtiger Empfindungen können die Menschen sich auf die Dauer und auf alle Entfernungen hin verstehen. Dazu bedarf es neuer Werthschätzungen. Zunächst eine Kritik und Beseitigung der Alten. Das zu Verlernende ist jetzt die nächste Masse die Arbeit giebt.

5 [26]

Die Werthschätzungen auf unrichtiger Grundlage führen einen Vernichtungskrieg gegen einander, aber vielleicht arbeiten alle zusammen doch daran, gewisse Grundimaginationen zu stärken. Deshalb darf man sie sich nicht selber überlassen, sondern muß sie angreifen. NB— Die Aktion, in welche sie den Menschen ziehen, hilft dazu, falsche Maaßstäbe immer wieder zu erzeugen—es wird der Teufel an die Wand gemalt und zuletzt wird man von den gleichen Empfindungen beherrscht, wie die, welche man bekämpft. Also: man soll nicht viel gegen sie kämpfen!

5 [27]

Schopenhauer’s Lehre enthält als Kern im Innern den Satz: wir werden durch unsere Begierden gelenkt: nicht durch unsere nützlichen und vernünftigen Interessen, geschweige durch unsere Tugend und Weisheit. Die Welt ist die Begierde.

5 [28]

Das Martyrium beweist für die Wahrhaftigkeit und den Hochmuth.

5 [29]

Das Gefühl des Glückes hat die zwei Formen: das Gefühl der Macht und das Gefühl der Ergebung: letzteres ist da wie Müdigkeit und Abspannung.

5 [30]

Das Chaos unrichtiger Empfindungen, die Anarchie zeitweilig sind Übergangsstufen: für gewisse Gruppen herbeizuführen.

5 [31]

Richtige Empfindungen werden noch höchst verschieden sein: und gemeinsam ist, daß sie keine imaginären Faktoren in sich enthalten, d.h. das was gewogen wird, ist wirklich verschieden sind die Wagen, nicht das Gewogene.

5 [32]

In vielen Dingen wird man lange nicht empfinden dürfen, weil hier noch nichts Gewisses gesagt ist. Todte Punkte sich hier zu schaffen nothwendig!

5 [33]

Um von den Sünden zu erlösen, empfahl man früher den Glauben an Jesus Christus. Jetzt aber sage ich: das Mittel ist: glaubt nicht an die Sünde! Diese Kur ist radikaler. Die frühere wollte einen Wahn durch einen andern erträglich machen.

5 [34]

Nur ist es nicht so leicht, nicht zu glauben—denn wir selber haben einmal daran geglaubt und alle Welt glaubt oder scheint doch daran zu glauben. Wir müssen nicht nur umlernen, sondern unsere Schätzungen umgewöhnen—es bedarf der Übung.

5 [35]

“Nehmt meine Kunst an: denn dann habt ihr Deutschen eine Kunst, die sich neben der der anderen Nationen sehen lassen kann, “die deutsche Kunst,”—zunächst zwar nur “eine d K aber nun soll bewiesen werden, wie gerade diese Kunst dem Wesen der Deutschen entspricht, aus ihm gewachsen ist, Stoffe Gedanken Musik usw.”— Dies ist Wagner’s Art für seinen Ruhm zu sorgen: er will, eine Nation solle für ihn eintreten und ihn in sich und ihren “Ruhm” aufnehmen. Dies Spiel ist noch nie so offen gespielt worden—Grund, warum es bis jetzt nicht gelungen ist. Später, wenn Wagner todt und seine Schriften vergessen sind, ist so etwas möglich. Inzwischen bemächtigen sich die Musiker aller Völker seiner Musik und in Kürze wird es nicht mehr wie deutsche sondern wie “Musik” klingen.— Es die Musik der großen Oper.

5 [36]

Wagner bewirbt sich darum, der deutsche Künstler zu heißen, aber ach, weder die große Oper, noch sein Charakter, sind spezifisch deutsch: weshalb er bis jetzt dem Volke nicht lieb wurde, sondern einer Klasse von Vornehmen und Überbildeten—dem Kreise, dem im vorigen Jahrhundert etwa Rousseau zusagte.

5 [37]

Das Christenthum hat in Frankreich seine vollkommensten Typen erlangt: die Quietisten (Franz von Sales): sie stehen höher als Paulus. Fénelon ein vollkommener Christ auf einer antiken Grundlage. Pascal

5 [38]

Man soll die Befriedigung des Triebes nicht zu einer Praxis machen, bei der die Rasse leidet d. h. gar keine Auswahl mehr stattfindet, sondern alles sich paart und Kinder zeugt. Das Aussterben vieler Arten von Menschen ist ebenso wünschenswerth als irgend eine Fortpflanzung.— Und man sollte sich durch diese enge Verbindung mit einer Frau seine ganze Entwicklung durchkreuzen und stören lassen—um jenes Triebes willen!! Wenn man nicht einmal so enge Freundschaften nützlich (im höchsten Sinne) fände! Die “Ergänzung” des M durch das Weib zum vollen Menschen ist Unsinn: daraus läßt sich also auch nichts ableiten.— Vielmehr: nur heirathen 1) zum Zwecke höherer Entwicklung 2) um Früchte eines solchen Menschenthums zu hinterlassen.— Für alle übrigen genügt Concubinat, mit Verhinderung der Empfängniß.— Wir müssen dieser plumpen Leichtfertigkeit ein Ende machen. Diese Gänse sollen nicht heirathen! Die Ehen sollen viel seltener werden! Geht durch die großen Städte und fragt euch, ob dies Volk sich fortpflanzen soll! Mögen sie zu ihren Huren gehen!— Die Prostitution nicht sentimental! Es soll nicht das Opfer sein, das den Damen oder dem jüdischen Geldbeutel gebracht wird—sondern der Verbesserung der Rasse. Und überdies soll man diese Opferung nicht falsch beurtheilen: die Huren sind ehrlich und thun, was ihnen lieb ist und ruiniren nicht den Mann durch das “Band der Ehe”—diese Erdrosselung!

5 [39]

Die italiänischen Maler haben die “heilige Geschichte” so schön zurückübersetzt, alle rührenden Scenen der Familie entdeckt, alle jene Augenblicke, wo ein bedeutender Mensch einen Augenblick für mehrere unvergeßlich macht: bei jedem ihrer Bilder kann man Thränen vergießen. Nur wo die heilige Misere beginnt, da empfindet man nicht mehr mit—das Wissen um die Folgen derselben hält das Gegengewicht.

5 [40]

werthvoller, nach den so selten ausgerundeten Menschen zu sehnen, die nicht Monstra mit Höckern und Anmaaßungen sind.

5 [41]

Nur nicht unberufen seine Meinungen aufdringen! Man sage sie und schicke ein klares Gelächter hinterdrein, es hat noch kein Genie gegeben, dessen Meinungen nicht entbehrlich gewesen wären.

5 [42]

Über die Genies müssen wir umlernen. Ich wüßte nicht, warum fruchtbare Menschen sich nicht still und anspruchslos benehmen sollten (Moltke) oder vielmehr—es ist gegen alle Fruchtbarkeit, seine Person so in das Getümmel der Meinungen zu werfen und selber voller Begehrungen zu sein, die uns unruhig, ungeduldig machen und die Weihe der Schwangerschaft nehmen. Ich höre immer noch jedem Takte an, was für Gebrechen der Musiker hat: sein Mehr-bedeuten-wollen, sein Abweisen der Regel, sein Unterstreichen dessen, was er besser macht als Andere, alle Kleinlichkeiten sind fortwährend mit produktiv, wenn erst der Genie-Unsinn in ihm wüthet. Dagegen M wie Moltke.

5 [43]

versprechen können: und wenn der Eintritt einer Erscheinung nur so sicher ist, wie dieser, so thut es nichts, ob wir sagen “ich will” “ich werde thun” statt “es geschieht,” “es wird gethan.” Ehemals versprachen die Medizinmänner ebenso Naturereignisse mit dem “ich will daß die Sonne scheine, daß es regne” und einstmals wird man einsehen, daß das Wollen in Bezug auf uns selbst ebenso ein Vorurtheil ist.— So beruht die Pflicht auf einem Vorurtheil? Auf einem unberechtigten Stolze?

5 [44]

Sind Vorstellungen wirklich Motive unserer Handlungen? Sind sie nicht vielleicht nur Formen, unter denen wir unsere Handlungen verstehen, ein Nebenher, welches der Intellekt bei solchen Handlungen, die überhaupt von uns bemerkt werden, erzeugt? Die meisten Handlungen werden nicht bemerkt und gehen ohne intellektuelle Reizung vorüber. Ich meine selber: die intellektuelle Handlung, der eigentliche Gehirnprozeß eines Gedankens sei etwas wesentlich Verschiedenes von dem, was uns als Gedanke bemerkbar wird: unsere Vorstellungen, von denen wir wissen, sind der kleinste und schlechteste Theil derer, die wir haben. Die Motive unserer Handlungen liegen im Dunkel und was wir als Motive glauben, würde nicht ausreichen, einen Finger zu bewegen.

5 [45]

Die Sprache trägt große Vorurtheile in sich und unterhält sie z. B. daß, was mit Einem Wort bezeichnet wird, auch Ein Vorgang sei: Wollen, Begehren, Trieb—complicirte Dinge! Der Schmerz bei allen Dreien (in Folge eines Druckes Nothstand wird in den Prozeß “wohin?” verlegt: damit hat er gar nichts zu thun, es ist ein gewohnter Irrthum aus Association. “Ich habe solches Bedürfniß nach dir” Nein! Ich habe eine Noth, und ich meine, du kannst sie stillen (ein Glauben ist eingeschoben) “ich liebe dich” nein! es ist in mir ein verliebter Zustand und ich meine, du werdest ihn lindern. Diese Objektaccusative! ein Glauben ist bei all diesen Empfindungsworten enthalten z.B. wollen hassen usw. Ein Schmerz und eine Meinung in Betreff seiner Linderung—das ist die Thatsache. Ebenso wo von Zwecken geredet wird.— Eine heftige Liebe ist die fanatische hartnäckige Meinung, daß nur die und die Person meine Noth lindern kann, es ist Glaube der selig und unselig macht, mitunter selbst im Besitze noch stark genug gegen jede Enttäuschung d. h. Wahrheit.

5 [46]

Man muß also die Nothstände der Menschheit studiren, aber ihre Meinungen, wie dieselben zu lösen sind, noch mit hineinrechnen: —

Wenn man die Meinung über die Mittel der Linderung verändert, so verändert man die Bedürfnisse den “Willen” das “Begehren” der Menschheit. Also: Veränderung der Werthschätzung ist Veränderung des Willens.— Sollte es sich ergeben, daß die Menschheit am meisten an der Unerfüllbarkeit ihres Willens leidet, so ist zu untersuchen, ob der essentielle Schmerz, mit anderen Mitteln gelindert, vielleicht gar nicht zu einem unerfüllbaren Willen es kommen läßt: daß also die Ideale der Menschheit erfüllbar sind und eine andere Werthschätzung über alles Unerfüllbare aufkommen muß.

5 [47]

Wenn einer immer von seinen eigenen Handlungen überrascht wird (wie die wild Leidenschaftlichen) also er keine Vorausberechnung über sich machen kann, dann zweifelt er an seiner Freiheit, und oft redet man da von dämonischen Einflüssen. Also die Regelmäßigkeit, mit der gewisse Vorstellungen und Handlungen in uns folgen, bringt uns auf den Glauben, hier frei zu sein: berechnen zu können, vorherzuwissen! d. h. man leitet aus der Allwissenheit Gottes die Allmacht ab—ein gewöhnlicher Denkfehler. Das Gefühl der Macht im Intellekt welches sich beim Vorherwissen einstellt, verknüpft sich unlogisch mit dem, was vorhergewußt wird: als Propheten bilden wir uns ein, Wunderthäter zu sein. Die Thatsache ist: “in dem und dem Falle pflegen wir das zu thun.” Der Schein ist “es ist der und der Fall: ich will jetzt dies thun.” Wollen ist ein Vorurtheil. Es geschieht etwas immer und durch uns, und ich weiß vorher, was daraus wird und schätze es hoch, daß dies geschieht. Es begiebt sich trotz alledem ohne unsere Freiheit und häufig wider unser oberflächliches Wissen: wir sagen dann erstaunt “ich kann nicht, was ich will.” Wir sehen unserm Wesen nur zu, auch unserm intellektuellen Wesen: alles Bewußtsein streift nur die Oberflächen.

5 [48]

“Du suchst nach schlechtem Gewissen?” Du findest es bei den Leuten der feigen Sentimentalität, welche die Wahrheit verläugnen um der Liebe willen.

5 [49]

Das Häufigste, was geschieht, ist das Sich-selbst-Belügen. Das intellekt Gewissen ist schwach, und das andere G stärker. Reinigung und Kräftigung, nicht Vernichtung von beiden thut noth.

9, 5[1-49] Sommer 1880

5 [1]

He needs to sow hostilities so that he remains famous and becomes even more so. Do not believe him, he knows full well that he is deceiving. He needs the fanaticism of friends and enemies to deceive himself.

5 [2]

The holding fast of deep, terrible, delightful sensations, the exhausting of them from the depths —

5 [3]

German acting art is not to be considered, it is enough that it suffices for the Germans. It is different in Vienna, where one has never disdained to learn from the Italians and French: just as the Austrian musicians have done.

5 [4]

There is a great artist: but he wants to appear greater than he is. And so one says at every fifth moment of his art: he is presumptuous, he presumes something that belongs to higher beings than he is: he is a robber to them, and in relation to himself he is not honest—he does not lack greatness, but naivety, which is why he so rarely feels well: the tension is too great.

5 [5]

Desire! That is nothing simple, elementary! Rather, a need (pressure, urgency, etc.) must be distinguished and a means known from experience to relieve this need. Thus arises a connection between need and goal, as if the need from the outset wanted to reach that goal. Such a wanting does not exist at all. “I feel the urge to urinate” is just as erroneous as “there is a will to reach the chamber pot.”

5 [6]

It is very difficult to maintain a high self-confidence when one treads on one's own and new paths. We cannot know what we are worth, we must believe that to others; and if they cannot judge us correctly because we are on unknown paths, then we become doubtful of ourselves: we need the cheerful, encouraging call. Otherwise, the lonely become gloomy and lose half their competence, and their works with them.

5 [7]

Oh, I know you, you secret liars, I see you standing before the two paths and choosing the one that leads to raptures, hopes, excesses, intoxications: I see you assume that expression as if you wanted to deceive yourselves by pretending it is the harder, harsher path, the more humble, narrower path, the lonelier, more infamous path—you know better in the depths of your hearts, you are not honest enough to act as you pretend, but still honest enough to feel a sting within you. The pious and the enthusiasts are precisely the people of guilty consciences.

5 [8]

And when it comes to the decision about your life, how can you entrust yourselves to someone, be it a Christ or Plato or Goethe! But your faith must be so blind, so unconditional, so fanatical, that you drown out the song of your bad conscience, that you give yourselves courage with the energy of your tones and movements. O you actors before yourselves!

5 [9]

Well, we let the music make us sad and sigh like a willow in the wind—then suddenly, with joyful laughter, we shake it all off and exclaim: that is what music can do, sorrow and tears without reason! To live in feeling without missing the senses' occasions! And now, back into the real world, and our soul is freer and has already atoned for its illness.

5 [10]

To arouse feelings—even bad music can do that. But that it produces such feelings in you, who so easily perceive music as mindless or overwrought or deceitful or theatrical—that is what gives it its value.

5 [11]

We are so grateful for the good and so little spoiled, we count a musician who has made nothing but bad music and a hundred individual bars of the first and finest rank among the great musicians.

5 [12]

Stand before the Fatum within us, as Schopenhauer did, but not for that reason model his "insights": we must with our intellect soar above our character into the wide and high.

5 [13]

People would have within themselves the norm by which they should act—this enormous absurdity is still believed to this day! Conscience! It is a sum of feelings of inclination and aversion in relation to actions and opinions, imitated feelings that we encountered in parents and teachers!

5 [14]

The falsification of truth in favor of the things we love (e.g., also God)—most accursed vice among enlightened minds, whom humanity is wont to trust and who thus corrupt it by clinging to delusion. And often it was such a heavy sacrifice for you, sacrificium intellectus propter amorem! Ah, I myself have praised it! W i B

5 [15]

When music brings us a feeling, reason must say: there is no reason for these feelings, we are deceived. It is like with yawning, we yawn along, without reason.

5 [16]

Fight not against the stupidities, but against the delusions: Elimination of the imagined things from the heads: Don Quixote Cervantes

5 [17]

The general characteristic of time: we know what no time ever knew, there was and is an innumerable variety of valuations of the same things, and perhaps the number increases the more independent people increase in number (formerly independent cultural peoples corresponded to them). The more varied the valuations, however, the more people can exchange with one another, spiritual and mental intercourse increases. One learns to understand the others in order to know what one can offer them, what one can demand of them.— To take care that no imaginary things are smuggled in, whereby the value of all true things is falsified. This is the general interest.

5 [18]

Feelings that relate to unreal things are unjustified, without a right to exist: because only real things have a right to feelings, and by the interference of fabricated ones, their right is diminished.

5 [19]

The danger of art lies in accustoming us to imaginary things, even attributing greater value to them: preferring half-truths, the dazzling ideas, in short, allowing the brilliance and effect of things to serve as proof of their goodness, even their reality. “Reality is part of perfection” – this fallacy has been made very often. “What we greatly admire must be true.”

5 [20]

Nothing interests me more than when someone takes a detour through distant peoples and stars, only to finally tell something about themselves.

5 [21]

The human can endure the most terrible contempt (like the Jews), but he must have the feeling of M in something (as this is money)

5 [22]

The value of art is that here we can let the upside-down world be right for once, make the untrue true, for relaxation (the untrue as if true, the unfounded as if founded, etc.)

5 [23]

For K: Your youth lacked recognition and success, like going through a regular course from semester to semester (?) etc. Over this, you have allowed a scattering to take hold against yourself, as if this self had not offered you enough. The noble young people measure social success by this: it becomes the foundation of their further endeavors, so to speak, the cheerful feeling.— You have strayed from the ordinary path to walk the right one: but in doing so, there are always pangs of conscience—G. Sand

5 [24]

Christianity gave everyone the right to consider themselves unspeakably important: he is an “eternal being”! a “genius,” a “personality”

5 [25]

Our task is to plant the correct sensation, i.e., the one that corresponds to true things and correct judgments. Not to restore the natural ones: for they have never existed. Let no one be deceived by the word “natural” or “real”! That means “popular,” “ancient,” “universal”—it has nothing to do with truth. Only on the basis of correct sensations can people understand each other in the long run and across all distances. This requires new valuations. First, a critique and elimination of the old ones. What needs to be unlearned is now the next mass that gives work.

5 [26]

The valuations on an incorrect basis wage a war of annihilation against each other, but perhaps they all work together to strengthen certain fundamental imaginations. Therefore, one must not leave them to themselves but must attack them. NB— The action into which they draw people helps to repeatedly produce false standards—it paints the devil on the wall, and in the end, one is dominated by the same feelings as those one is fighting. Therefore: one should not fight much against them!

5 [27]

Schopenhauer’s doctrine contains at its core the proposition: we are guided by our desires: not by our useful and rational interests, let alone by our virtue and wisdom. The world is desire.

5 [28]

The martyrdom proves the truthfulness and the arrogance.

5 [29]

The feeling of happiness has two forms: the feeling of power and the feeling of surrender: the latter is there like fatigue and exhaustion.

5 [30]

The chaos of incorrect sensations, the anarchy temporarily are transitional stages: to bring about for certain groups.

5 [31]

Correct sensations will still be highly varied: and what they have in common is that they contain no imaginary factors, i.e., what is weighed is actually different, the scales are different, not what is weighed.

5 [32]

In many things, one will not be allowed to feel for a long time, because here nothing certain has been said yet. Dead points must be created here!

5 [33]

To redeem from sins, faith in Jesus Christ was once recommended. But now I say: the remedy is: do not believe in sin! This cure is more radical. The former wanted to make one delusion bearable through another.

5 [34]

It's just not so easy not to believe—for we ourselves once believed in it, and the whole world believes or at least seems to believe. We must not only relearn but also reaccustom our valuations—it requires practice.

5 [35]

“Accept my art: for then you Germans will have an art that can stand beside that of other nations, “the German art,”—initially only “one d K but now it must be proven how this very art corresponds to the essence of the Germans, has grown from it, materials thoughts music etc.”— This is Wagner’s way of ensuring his fame: he wants a nation to stand up for him and absorb him into itself and its “glory.” This game has never been played so openly—reason why it has not succeeded until now. Later, when Wagner is dead and his writings are forgotten, such a thing is possible. Meanwhile, musicians of all nations are taking possession of his music, and soon it will no longer sound like German but like “music.”— It is the music of the grand opera.

5 [36]

Wagner applies to be called the German artist, but alas, neither grand opera nor his character is specifically German: which is why he has not yet become dear to the people, but rather to a class of nobles and over-educated— the circle to which, in the previous century, Rousseau appealed.

5 [37]

Christianity has attained its most perfect types in France: the Quietists (Francis de Sales): they stand higher than Paul. Fénelon, a perfect Christian on an ancient foundation. Pascal

5 [38]

One should not make the satisfaction of the drive into a practice where the race suffers, i.e., no selection takes place at all, but everything mates and begets children. The extinction of many types of humans is just as desirable as any propagation.— And one should let this close bond with a woman disrupt and interfere with one's entire development—for the sake of that drive!! If one does not even find such close friendships useful (in the highest sense)! The “completion” of M by the woman into a full human being is nonsense: nothing can therefore be derived from it.— Rather: only marry 1) for the purpose of higher development 2) to leave behind fruits of such humanity.— For all others, concubinage suffices, with prevention of conception.— We must put an end to this clumsy recklessness.

These geese should not marry! Marriages should become much rarer! Walk through the big cities and ask yourselves whether this people should reproduce! Let them go to their whores!— Prostitution not sentimental! It should not be the sacrifice offered to the ladies or the Jewish purse—rather, the improvement of the race. And besides, one should not misjudge this sacrifice: the whores are honest and do what they like and do not ruin the man through the “bond of marriage”—this strangulation!

5 [39]

The Italian painters have translated the “holy history” back so beautifully, discovered all the touching scenes of the family, all those moments when a significant person makes a moment unforgettable for several: with each of their pictures, one can shed tears. Only where the holy misery begins, one no longer feels with—the knowledge of its consequences holds the counterbalance.

5 [40]

valuable, to long for those so rarely rounded people who are not monsters with humps and presumptions.

5 [41]

Just don't impose your opinions unasked! Let them be said and send a clear laugh after them, there has never been a genius whose opinions were indispensable.

5 [42]

We must relearn about geniuses. I wouldn't know why fruitful people shouldn't behave quietly and modestly (Moltke) or rather—it is against all fruitfulness to throw one's person into the tumult of opinions and to be full of desires that make us restless, impatient, and take away the consecration of pregnancy. I still hear in every beat what ailments the musician has: his wanting-to-mean-more, his rejecting the rule, his underlining what he does better than others, all pettinesses are continually with productive, once the genius-nonsense rages in him. Against that M like Moltke.

5 [43]

can promise: and if the occurrence of a phenomenon is only as certain as this, then it does not matter whether we say “I will” “I will do” instead of “it happens,” “it will be done.” Formerly, medicine men promised natural events with the “I will that the sun shall shine, that it shall rain,” and someday it will be understood that willing in relation to ourselves is likewise a prejudice.— So does duty rest on a prejudice? On an unjustified pride?

5 [44]

Are ideas really the motives of our actions? Are they not perhaps only forms under which we understand our actions, a by-product which the intellect produces in such actions that are noticed by us at all? Most actions are not noticed and pass by without intellectual stimulation. I myself believe: the intellectual action, the actual brain process of a thought is something essentially different from what becomes noticeable to us as a thought: our ideas, of which we are aware, are the smallest and worst part of those we have. The motives of our actions lie in the dark and what we believe to be motives would not suffice to move a finger.

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The language carries great prejudices within itself and sustains them, e.g., that what is designated with one word is also one process: willing, desiring, drive—complicated things! The pain in all three (as a result of a pressure, distress is shifted into the process “where to?”: it has nothing to do with it, it is a habitual error from association. “I have such a need for you” No! I have a distress, and I believe you can alleviate it (a belief is inserted) “I love you” no!there is in me a state of being in love and I believe you will alleviate it. These object accusatives! a belief is contained in all these words of feeling, e.g., to want, to hate, etc. A pain and an opinion regarding its alleviation—that is the fact. Likewise where purposes are spoken of.— A passionate love is the fanatical, stubborn opinion that only this or that person can alleviate my distress; it is a belief that makes one blessed and wretched, sometimes even in possession still strong enough against every disappointment, i.e., truth.

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One must therefore study the distresses of humanity, but also factor in their opinions on how to resolve them: —

If one changes the opinion about the means of relief, one changes the needs, the “will,” the “desire” of humanity. Thus: a change in valuation is a change in the will.— If it turns out that humanity suffers most from the unfulfillability of its will, then it must be examined whether the essential pain, alleviated by other means, might not even lead to an unfulfillable will: that the ideals of humanity are thus fulfillable and a different valuation of all that is unfulfillable must emerge.

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If someone is always surprised by their own actions (like the wildly passionate) so that they cannot make any pre-calculation about themselves, then they doubt their freedom, and often one speaks there of demonic influences. So the regularity with which certain ideas and actions follow in us leads us to believe that we are free here: to be able to calculate, to foreknow! i.e., one derives omnipotence from the omniscience of God—a common fallacy. The feeling of power in the intellect that arises with foreknowledge is illogically linked to what is foreknown: as prophets, we imagine ourselves to be miracle-workers.

The fact is: “in such and such a case we are accustomed to doing this.” The appearance is “it is such and such a case: I want to do this now.” Willing is a prejudice. Something always happens through us, and I know beforehand what will come of it and value highly that this happens. It occurs despite everything without our freedom and often against our superficial knowledge: we then say in astonishment “I cannot do what I want.” We only look on at our nature, even our intellectual nature: all consciousness merely skims the surfaces.

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“You are looking for a bad conscience?” You will find it among the people of cowardly sentimentality, who deny the truth for the sake of love.

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The most common thing that happens is self-deception. The intellectual conscience is weak, and the other G is stronger. Purification and strengthening, not destruction of both, is necessary.

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