9, 9[1-17] Winter 1880-81

9 [1]

Suche doch ja der Ausländer die Naivetät oder gar die Ursprünglichkeit nicht mehr bei den Deutschen! In Frankreich ist die Naivetät durch den Hof erstickt worden, in Deutschland durch die “Genie’s”—man hat gar zu lange mit ihr Theater gespielt und Krieg geführt. Das vermochte der verfluchte neidische Dünkel in allen jenen Genie’s, welche den Franzosen ihren Geist und ihre anmuthige Beweglichkeit und den Griechen ihre Ursprünglichkeit nicht verzeihen konnten und die “deutsche Naivetät” dagegen ins Feld führten. Aber es giebt nicht nur Gespenster, welche verschwinden, wenn man von ihnen spricht, sondern auch wirkliche Eigenschaften, bei Völkern und Einzelnen.

9 [2]

Keine Unzufriedenheit mit sich selber ertragen mögen ist oft das Zeichen einer widerlichen Weichlichkeit—aber man preist es als moralisch an! Wir müssen eines Zieles halber viele Schmerzen zu ertragen wissen, ja Schmerzen aufsuchen und freiwillig erwählen, wenn das Ziel solche Mühsal nöthig hat. Haben wir denn einen Bund mit dem Schicksal gemacht, daß unser Schiff keinen Schiffbruch leide? Unsere Reise durch keine Wüste führe?

9 [3]

Mögen die Menschen uns erhalten, Während wir für sie sorgen und denken: sonst werden es die Vögel und die Bienen thun.— Aber wir sind zu stolz, um “belohnt” werden zu können: und zu ernst beschäftigt, um Zeit und Gefälligkeit für den Ruhm zu haben.— So sangen einst die philosophischen Musen.

9 [4]

Über das Wetter, über Krankheiten und über Gut und Böse glaubt Jeder mitreden zu können. Es ist das Zeichen der intellektuellen Gemeinheit.

9 [5]

Allen moralischen Systemen, welche befehlen, wie man handeln solle, fehlte die Kenntniß, wie man handelt—aber alle meinten sie zu haben, wie jeder Mensch es meint.

9 [6]

Ist man mit einem großen Ziele nicht bloß über seine Verleumdung erhaben, sondern auch über sein Unrecht? Sein Verbrechen?— So scheint es mir. Nicht daß man es durch sein Ziel heiligte: aber man hat es groß gemacht.

9 [7]

Was könnten die Deutschen ihrem Schopenhauer verdanken? Daß er den gläsernen und glitzernden Idealismus edler allgemeiner Worte und stolzer Gefühle vernichtete, welchen namentlich Schiller und sein Kreis verbreitet haben und den man am besten aus dem Briefwechsel Wilhelm von Humbolds mit Schiller kennen lernt—jenen falschen “Classicismus,” der einen innerlichen Haß gegen die natürliche Nacktheit und schreckliche Schönheit der Dinge hatte und unwillkürlich mit edel verstellten Gebärden und edel verstellten Stimmen in Bezug auf alles (Charaktere Leidenschaften Zeiten Sitten) eine verkleidete und nur vorgebliche Nacktheit und Gräcität, eine Art Canova-Stil forderte: welches Alles—es ist eine ganze Summe edler Halbheiten—Goethe sehr aus der Nähe quälte, ohne daß er anders dagegen verfuhr als es seine Art war, mild widerstrebend, schweigend, wegsehend, auf seinem besseren und eigenen Wege sich bestärkend. Schopenhauer der Grobe hat die Teufelei der Weit wieder sichtbar werden lassen—er kam nicht ganz so weit, auch die Teufelei des Guten und die Schönheit und Güte der Teufelei zu entdecken und aufzudecken.— Jedenfalls wäre man jetzt sehr rückständig, wenn man nach Schopenhauer noch wie Schiller empfinden würde: aber freilich dem gegenwärtigen Deutschen, wie er wirklich seitdem geworden ist, damit immer noch hundertfach überlegen!

9 [8]

Wie oft wird grob und aufsehenerregend die Ehe gebrochen, bloß um den moralischen oder rechtlichen Zustand herbeizuführen, in dem eine unerträglich gewordene Ehe gelöst werden könne!

9 [9]

Über die möglichen Motive deiner Freunde und Feinde nachdenken soll für dich ebenso eine Ehrensache sein, wie über diese Personen öffentlich zu urtheilen.

9 [10]

Du weißt wohl, es ist ein Ehrensache, öffentlich über den Charakter und die Motive eines Menschen zu reden. Freund! Es ist auch eine Ehrensache, über sie bei dir nachzudenken!

9 [11]

[ ... ] Kaum klingt es jetzt glaublich, daß etwas Entgegengesetztes auch als gut gelten will und gegolten hat—“ich” mehr und stärker sagen als die gewöhnlichen Menschen, sich selber gegen sie durchsetzen, sich stemmen gegen jeden Versuch uns zum Werkzeug und Gliede zu machen, sich unabhängig machen, auf die Gefahr hin, die Anderen sich zu unterwerfen oder zu opfern, wenn die Unabhängigkeit nicht anders zu erreichen ist, einen Nothzustand der Gesellschaft jenen billigen ungefährlichen einheitlichen Wirthschaften vorziehen, und die kostspielige verschwenderische durchaus persönliche Art zu leben als Bedingung betrachten, damit “der Mensch” höher mächtiger fruchtbarer kühner ungewöhnlicher und seltener werde—damit die Menschheit an Zahl abnehme und an Werth wachse.

9 [12]

In den Sitten überleben uns unsre Ereignisse und Gedanken: falls sie kräftig genug waren Sitten zu bilden: aber wer dürfte in die Sitten der Gegenwart wie in einen Spiegel der Gegenwart sehen: wir müssen also in den Sitten der Gegenwart die Menschen und Dinge vor hundert und mehr Jahren suchen, nicht uns und unsre Erlebnisse: an diesen werden vielleicht unsre Enkel zu tragen haben!

9 [13]

[ ... ] dann muß man auch die deutschen langweiligen Frauen mit in den Kauf nehmen: welche zugleich trägen, mit sich zufriedenen Geistes als auch lebhaft, empfindlich und nachträgerisch sind. Aber auch ihnen sagt man nach, daß sie in außerordentlichen Lagen stark wie Löwinnen sind und fein genug, um durch ein Nadelöhr zu kriechen.

9 [14]

Der Mönch, der sich entweltlicht, durch Armut Keuschheit Gehorsam, der namentlich mit der letzteren Tugend, aber im Grunde mit allen dreien auf den Willen zur Macht Verzicht leistet: er tritt nicht sowohl aus der “Welt” als vielmehr aus einer bestimmten Cultur heraus, welche im Gefühl der Macht ihr Glück hat. Er tritt in eine ältere Stufe der Cultur zurück, welche mit geistigen Berauschungen und Hoffnungen den Entbehrenden Ohnmächtigen Vereinsamten Unbeweibten Kinderlosen schadlos zu halten suchte.

9 [15]

[ ... ] die vollkommene Erkenntniß würde uns muthmaaßlich kalt und leuchtend wie ein Gestirn um die Dinge kreisen lassen—eine kurze Weile noch! Und dann wäre unser Ende da, als das Ende erkenntnißdurstiger Wesen, welche am Ziehen von immer feineren Fäden von Interessen ein Spinnen-Dasein und Spinnen-Glück genießen—und die zuletzt vielleicht freiwillig, den dünnsten und zartesten Faden selber abschneiden, weil aus ihm kein noch feinerer sich ziehen lassen will. —

9 [16]

Das Genie wird verkannt und verkennt sich Selber, und dies ist sein Glück! Wehe, wenn es sich selber erkennt! Wenn es in die Selbstbewunderung, den lächerlichsten und gefährlichsten aller Zustände verfällt! Es ist ja am reichsten und fruchtbarsten Menschen nichts mehr, wenn er sich bewundert, er ist damit tiefer hinabgestiegen, geringer geworden als er war—damals, wo er sich noch an sich selber freuen konnte! Wo er noch an sich selber litt! Da hatte er noch die Stellung zu sich wie zu einem Gleichen! Da gab es noch Tadel und Mahnung und Scham! Schaut er aber zu sich hinauf, so ist er sein Diener und Anbeter geworden und darf nichts mehr thun als gehorchen, das heißt: sich selber nachmachen! Zuletzt schlägt er sich mit seinen eigenen Kränzen todt; oder er bleibt vor sich selber als Statue übrig, das heißt als Stein und Versteinerung!

9 [17]

“Es giebt so viele Morgenröthen, die noch nicht geleuchtet haben.”
Rigveda.
 

9, 9[1-17] Winter 1880-81

9 [1]

But let the foreigner no longer seek naivety or even originality among the Germans! In France, naivety was stifled by the court, in Germany by the “geniuses”—one has played far too long with it in theater and war. This was the doing of the cursed envious conceit in all those geniuses who could not forgive the French their wit and graceful agility, nor the Greeks their originality, and instead championed “German naivety.” But there are not only ghosts that disappear when one speaks of them, but also real qualities, in peoples and individuals.

9 [2]

Not wanting to endure any dissatisfaction with oneself is often a sign of a repulsive softness—but it is praised as moral! We must know how to endure many pains for the sake of a goal, yes, even seek out and voluntarily choose pains if the goal requires such hardship. Have we then made a pact with fate that our ship shall suffer no shipwreck? That our journey shall lead through no desert?

9 [3]

May people preserve us, while we care and think for them: otherwise the birds and the bees will do it.— But we are too proud to be “rewarded”: and too seriously occupied to have time and courtesy for fame.— Thus once sang the philosophical Muses.

9 [4]

Everyone believes they can have an opinion on the weather, on illnesses, and on good and evil. It is the mark of intellectual vulgarity.

9 [5]

All moral systems that command how one should act lacked the knowledge of how one acts—but all believed they possessed it, as every person believes they do.

9 [6]

Is one not only above slander with a great goal, but also above injustice? His crime?— So it seems to me. Not that one sanctifies it through one's goal: but one has made it great.

9 [7]

What could the Germans owe to their Schopenhauer? That he destroyed the glassy and glittering idealism of noble general words and proud feelings, which especially Schiller and his circle had spread and which one can best learn from the correspondence between Wilhelm von Humboldt and Schiller—that false “Classicism,” which had an inward hatred for the natural nakedness and terrible beauty of things and unconsciously demanded, with nobly feigned gestures and nobly feigned voices, a disguised and merely pretended nakedness and Greekness in relation to everything (characters, passions, times, customs), a kind of Canova style: all of which—a whole sum of noble half-truths—tormented Goethe very closely, without his reacting to it in any other way than was his manner, mildly resisting, silently, looking away, on his better andeigenen Wege sich bestärkend. Schopenhauer the Rough has made the devilry of the world visible again—he did not go quite so far as to discover and expose the devilry of the Good and the beauty and goodness of devilry.— In any case, one would now be very backward if one were to feel like Schiller after Schopenhauer: but certainly the present German, as he has actually become since then, is still a hundredfold superior to that!

9 [8]

How often is marriage broken crudely and sensationally, just to bring about the moral or legal state in which an unbearable marriage can be dissolved!

9 [9]

Reflecting on the possible motives of your friends and enemies should be as much a matter of honor for you as publicly judging these individuals.

9 [10]

You surely know that it is a matter of honor to speak publicly about a person's character and motives. Friend! It is also a matter of honor to reflect on them within yourself!

9 [11]

[ ... ] It hardly sounds credible now that something opposite also wants to be considered good and has been—“I” saying more and stronger than ordinary people, asserting oneself against them, resisting every attempt to make us a tool and member, becoming independent, at the risk of subjugating or sacrificing others if independence cannot be achieved otherwise, preferring a state of emergency in society to those cheap, harmless, uniform economies, and considering the expensive, wasteful, thoroughly personal way of living as a condition so that “man” may become higher, more powerful, more fruitful, bolder, more unusual, and rarer—so that humanity may decrease in number and grow in value.

9 [12]

In customs, our events and thoughts survive us: if they were strong enough to form customs: but who would dare to look into the customs of the present as into a mirror of the present: we must therefore seek in the customs of the present the people and things of a hundred and more years ago, not ourselves and our experiences: it is perhaps these that our grandchildren will have to bear!

9 [13]

[ ... ] then one must also accept the boring German women: who are at the same time sluggish, self-satisfied in spirit as well as lively, sensitive, and vindictive. But it is also said of them that in extraordinary situations they are as strong as lionesses and refined enough to crawl through the eye of a needle.

9 [14]

The monk, who renounces the world through poverty, chastity, and obedience—who, particularly with the latter virtue, but fundamentally with all three, renounces the will to power—does not so much step out of the “world” as out of a specific culture that finds its happiness in the feeling of power. He steps back into an older stage of culture that sought to compensate the deprived, the powerless, the lonely, the unwed, and the childless with spiritual intoxications and hopes.

9 [15]

[ ... ] perfect knowledge would presumably let us circle around things cold and luminous like a star—for a short while longer! And then our end would come, as the end of knowledge-thirsty beings who enjoy a spider’s existence and spider’s happiness in drawing ever finer threads of interest—and who perhaps, in the end, voluntarily cut the thinnest and most delicate thread themselves, because no even finer one can be drawn from it. —

9 [16]

The genius is misunderstood and misunderstands itself, and this is its fortune! Woe, if it recognizes itself! If it falls into self-admiration, the most ridiculous and dangerous of all states! For the richest and most fruitful of men is nothing more when he admires himself, he has thereby descended lower, become lesser than he was—back then, when he could still rejoice in himself! When he still suffered from himself! Back then, he still had the stance toward himself as toward an equal! Back then, there was still reproach and admonition and shame! But if he looks up to himself, he has become his servant and worshipper and may do nothing more than obey, that is: imitate himself! In the end, he beats himself to death with his own wreaths; or he remains before himself as a statue, that is, as stone and petrification!

9 [17]

“There are so many dawns that have not yet shone.”
Rigveda.
 
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